Beleuchteter Reichstag

18.6.2021 | Von:
Hetty Berg
Sharon Adler

Hetty Berg: „Wir wollen als Ort der Begegnung und des Austauschs vielfältigen Perspektiven einen Raum geben.“

Mehr als 30 Jahre lang war die Niederländerin Hetty Berg am Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam in unterschiedlichen Funktionen tätig. Seit dem 1. April 2020 leitet die Kuratorin und Kulturhistorikerin das Jüdische Museum Berlin. Im Interview mit Sharon Adler spricht sie über jüdisch-deutsche Geschichte, Gegenwart und Zukunft, über kuratorische Pläne und Verantwortung, über Chancen, durch Wissensvermittlung Vorurteilen gegenüber Juden und Jüdinnen entgegenzuwirken, und die Herausforderungen, mit der Geschichte Berlins zu leben und zu arbeiten.

Hetty Berg im Jüdischen Museum Berlin vor der „Hall of Fame“, in der an bedeutende jüdische Persönlichkeiten erinnert wird.Hetty Berg im Jüdischen Museum Berlin vor der „Hall of Fame“, in der an bedeutende jüdische Persönlichkeiten erinnert wird. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)

Sharon Adler: Am 23. August 2020 wurde die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin eröffnet. Aufgrund der Corona-Pandemie war es aber seit dem 2. November 2020 geschlossen. Seit dem 20. Mai 2021 ist das Museum endlich wieder geöffnet. Was empfindest du anlässlich der Neueröffnung?
Direktorin Hetty Berg und Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin am 23. August 2020.Direktorin Hetty Berg und Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin am 23. August 2020. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2020)


Hetty Berg: Als ich heute Morgen mit dem Fahrrad von der anderen Straßenseite die geöffnete Tür sah, war das ein sehr gutes Gefühl.

Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland – die neue Dauerausstellung[1] im Jüdischen Museum Berlin

Sharon Adler: Dein Tweet zur Eröffnung lautete: „Das jüdische Leben in Berlin ist im Wandel – eine neue Generation mit unterschiedlichen Hintergründen und einer Menge Ideen tritt hervor. Als Ort der Begegnung und des Austauschs soll das JMB diesen vielfältigen Perspektiven Raum geben.“[2] Wie kann es gelingen, die Diversität jüdischen Lebens dieser Stadt abzubilden, was sind deine Gedanken dazu, was ist geplant?

Hetty Berg: Ich denke, dass wir in der neuen Dauerausstellung einen guten Schritt in diese Richtung gemacht haben. Es gibt jetzt einen großen Bereich, der von der Zeit nach 1945 erzählt, in dem man etwas über jüdisches Leben von heute erfährt. Besonders in den Themenräumen: Dort begegnet man Juden und Jüdinnen, die in Deutschland leben, und die sich aus unterschiedlichen Perspektiven zu verschiedenen Themen äußern. In der Video-Installation „The Way We Walk“ zum Beispiel geht es um die Halacha,[3] und wie man sich zu den jüdischen Gesetzen verhält. Es gibt ein ganzes Spektrum von Meinungen und von Lebensarten, wie man die Halacha lebt – oder nicht. Zu dieser Frage kommen etwa Rabbinerinnen und Rabbiner zu Wort, darunter Delphine Horvilleur, die zwar nicht in Deutschland lebt, aber eine wichtige Stimme ist, eine russischsprachige Jüdin, ein israelischer Philosoph und viele andere.

Andere Beispiele sind die vielen Home-Videos[4] aus der Nachkriegszeit, von den Nachfahren der Menschen aus den DP-Camps,[5] die jetzt die Jüdische Gemeinde in Berlin ausmachen. Wir zeigen aber auch, dass es Juden und Jüdinnen zum Beispiel aus dem Iran gibt und natürlich viele Israelis. Und auch die „Jewrej“,[6] die ihre sehr eigene Perspektive haben – speziell wegen der ganz anderen Situation der russischsprachigen Juden und Jüdinnen, die während des Holocausts in einem Land der Anti-Hitler-Alliierten waren, wo die Sieger lebten, und nicht die Täter aus Deutschland, die den Krieg verloren hatten.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, alle diese verschiedenen und vielfältigen Perspektiven und den Perspektivwechsel auf Geschichte zu zeigen. Das wird auch deutlich im Schlusschor der Video-Installation „Mesubin“,[7] wo 50 Juden und Jüdinnen – auch Kinder – davon erzählen, wie es ist, im heutigen Deutschland jüdisch zu sein. Das ist buchstäblich vielstimmig, wenn alle am Ende zusammen das „Ma nischtana“[8] singen. In der neuen Dauerausstellung, aber auch in unseren Wechselausstellungen und in unserem Veranstaltungsprogramm, geben wir diesen vielfältigen Perspektiven einen Raum. Und in unserem Jubiläumsprogramm, mit dem wir in diesem Sommer 20 Jahre Jüdisches Museum Berlin feiern, werden wir zu Veranstaltungen wie „Jüdisch in Echtzeit“ und „Von säkular bis orthodox“ viele verschiedene Menschen auf das Podium bitten, die ihre Ideen und Gedanken mit unseren Besucherinnen und Besuchern teilen.

Sharon Adler: Was findest du persönlich an Berlin spannend und warum, denkst du, kommen so viele jüdische Künstler*innen aus aller Welt nach Berlin?

Hetty Berg: In Berlin gibt es eine spannende Mischung: all diese verschiedenen Menschen mit verschiedenen jüdischen Hintergründen, die aus verschiedenen Ländern kommen. Und dass damit jüdisches Leben und jüdische Initiativen in teilweise ganz unerwarteten Kulissen stattfinden. Außerdem gibt es hier verschiedene Jüdische Gemeinden, die sehr aktiv und engagiert sind, und dann gibt es noch diejenigen, die nicht in Gemeinden organisiert sind.

Interessant finde ich auch, dass man hier wirklich darüber nachdenkt und diskutiert, was es heutzutage bedeutet, in Deutschland oder in Europa Jude zu sein. Das ist etwas, was ich in Amsterdam so nicht erfahren habe. Vielleicht auch, weil so viele Israelis und russischsprachige Jüdinnen und Juden der zweiten und dritten Generation[9] in Berlin leben. Darunter sind ja auch viele Künstlerinnen und Künstler. Berlin ist eine sehr attraktive und eine vergleichsweise billige Stadt, was für viele natürlich ein Anreiz ist, hierher zu kommen.

Sharon Adler: Viele jüdische Menschen machen im öffentlichen Diskurs oder persönlichen Austausch häufig die Erfahrung, dass jüdisches Leben ausschließlich mit der Shoah gleichgesetzt wird. Das Jüdische Museum will mit der neuen Dauerausstellung einen Schwerpunkt[10] auf die Geschichte nach 1945 legen und den Blick besonders auch auf die aktuelle jüdisch-deutsche Geschichte richten. Spielt dabei auch der Gedanke eine Rolle, ein „neues jüdisches Selbstbewusstsein“ sichtbar zu machen?

Hetty Berg: Die meisten Besucherinnen und Besucher wissen nur wenig vom jüdischen Leben in der Vergangenheit und der Gegenwart in Deutschland. Sie haben nur vom Holocaust gehört und gelesen und von den ermordeten Jüdinnen und Juden. Deswegen richten wir heute den Blick auch auf die Zeit nach der Shoah. Wir finden es wichtig, die Lebendigkeit und den Reichtum des kulturellen jüdischen Lebens heute und in der Vergangenheit zu zeigen, und damit die Shoah in einen zeitlichen Rahmen setzen zu können. Wir zeigen immer jüdische Perspektiven, weil es nicht nur eine jüdische Perspektive gibt.

Sharon Adler: Du bist seit dem 1. April 2020 Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, das im Jahr 2001 eröffnet wurde. Zuvor warst du mehr als 30 Jahre lang am Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam,[11] das bereits in den 1930er-Jahren gegründet wurde, in unterschiedlichen Funktionen tätig. Welche Unterschiede bestehen zwischen den beiden Häusern, welche Gemeinsamkeiten?

Hetty Berg: Einer der großen Unterschiede für mich ist, dass das Jüdische Historische Museum in Amsterdam schon eine lange Geschichte hat, während wir in Berlin 2021 erst unser zwanzigjähriges Jubiläum feiern.
Hetty Berg vor dem Übergang zum Ausstellungsbereich "Auch Juden werden Deutsche" im Jüdischen Museum Berlin.Hetty Berg vor dem Übergang zum Ausstellungsbereich "Auch Juden werden Deutsche" im Jüdischen Museum Berlin. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)
In den Niederlanden sind es fast neunzig Jahre. Ein anderer Unterschied liegt in der Initiative für die Gründung der beiden Museen. In Amsterdam ging sie in den frühen 1930er-Jahren von einer Gruppe von Jüdinnen und Juden aus, die von der Wissenschaft des Judentums inspiriert waren. Aus diesem Gedanken heraus entstanden das Jüdische Museum in Amsterdam und auch andere europäische jüdische Museen. Es war eine Initiative, die aus der jüdischen Gemeinschaft und nicht von der Jüdischen Gemeinde ausging.

In Berlin war die Gründung des Jüdischen Museums eine erinnerungspolitische Geste des Bundes. Dahinter stand die Idee der Bewahrung der deutsch-jüdischen Geschichte nach der Auslöschung durch die Shoah. Das war die Kernaufgabe. Dieser Grundgedanke, dass die jüdische Kultur verloren gehen würde, war in den 1930er-Jahren auch bei den Gründern in Amsterdam vorhanden. Durch die weitgehende Integration der Jüdinnen und Juden in die niederländische Gesellschaft – sehr viele waren Sozialisten und hatten nichts mehr mit dem Judentum zu tun – gab es das Bedürfnis, etwas festzuhalten, was sonst verloren gehen würde. Ich glaube, diese Idee steht oft im Raum, wenn man ein Museum gründet. In Deutschland, im Berlin um die Jahrtausendwende, hat man dieses Museum gegründet – mit der Aufgabe, zu sammeln, zu bewahren und zu vermitteln. Die neue Entwicklung im Jüdischen Museum Berlin ist, dass es nicht mehr nur um die Geschichte geht, sondern auch um die Gegenwart, um das jüdische Leben heute.

Der andere große Unterschied ist, dass das Museum in Amsterdam in den Räumen des alten aschkenasischen Synagogenkomplexes angesiedelt ist. Der besteht aus vier Synagogen, und das Museum befindet sich in diesen vier Synagogen. An diesen Orten hat das jüdische Leben wirklich stattgefunden. Im Museum in Amsterdam gibt es Tonaufnahmen vom Chor und dem Chasan,[12] und die Besucherinnen und Besucher der großen Synagoge hören heute denselben Kantor und denselben Chor wie die Besucherinnen und Besucher in den 1930er-Jahren. Wir hatten also die historische Nähe, mit der wir arbeiten konnten. Hier in Berlin haben wir dieses außerordentliche Gebäude von Daniel Libeskind: ein neues Gebäude, das speziell für dieses Museum gebaut worden ist. Eine sehr besondere Architektur, in die auf eine ganz andere Weise die jüdisch-deutsche Geschichte eingewoben ist, welche dadurch auch symbolisiert wird.

Eine Gemeinsamkeit von Amsterdam und Berlin ist das großartige Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die es eine Herzensangelegenheit ist, für das Jüdische Museum Berlin zu arbeiten. Das ist sehr kostbar, das kann man nicht mit Gold aufwiegen.

Sharon Adler: Das Jüdische Historische Museum in Amsterdam besitzt das Gesamtwerk von Charlotte Salomon. In den Jahren 2004 bis 2007 bot eine Wanderausstellung, die zuletzt auch im Jüdischen Museum Berlin Station machte, eine Werkschau.[13] Anlässlich des 100. Jahrestags des Geburtstags der Künstlerin im Jahr 2017 zeigte das Jüdische Historische Museum in Amsterdam das Gesamtwerk von Charlotte Salomon in der Ausstellung „Life? Or Theatre?“. Was bewunderst du an der Künstlerin und ihren Arbeiten? Was verbindet dich persönlich mit Charlotte Salomon?

Hetty Berg: Das Werk von Charlotte Salomon ist ein sehr wichtiger Teil der Sammlung des Jüdisch-historischen Museums in Amsterdam, und wir waren in all den Jahren immer mit ihrem Werk beschäftigt. Es gab immer wieder Ausstellungen. Diese Arbeit, die aus etwa eintausend Gouachen[14] besteht und die Charlotte Salomon „Leben oder Theater?“ genannt hat, ist wirklich etwas Besonderes. Wenn man in Amsterdam in diesem Museum arbeitet, lebt man auch wirklich mit Charlotte Salomon. Ihre Stiefmutter, die Sängerin Paula Lindberg aus Berlin, habe ich persönlich gekannt, denn sie war Mitglied in der Liberalen Synagoge in Amsterdam. Es gab also über das Werk hinaus über Paulinka Bimbam, wie Charlotte Salomon sie in ihrem Werk genannt hat, einen persönlichen Bezug.

Sharon Adler: Heute lebst und arbeitest du in der Stadt, in der Charlotte Salomon gelebt und studiert hat und von wo aus sie vor den Nazis geflüchtet ist. Was bedeutet das für dich persönlich, wofür steht Berlin, das jüdische Berlin, für dich?

Hetty Berg: Ich war einmal in der Universität der Künste, und das Bewusstsein, dass sie dort studiert hat, war etwas ganz Besonderes für mich. Die Frage, wofür Berlin für mich steht, ist für mich mit sehr viel Ambivalenz verbunden. Das erste Mal habe ich 2016/2017 einige Monate hier gewohnt, als mein Mann als Fellow am Wissenschaftskolleg war. Die Geschichte ist in dieser Stadt überall präsent. Nicht nur die Shoah, sondern das 20. Jahrhundert insgesamt. Im Grunewald, wo das Wissenschaftskolleg ist, musste ich auf dem Weg in die S-Bahn jedes Mal unter dem „Gleis 17“[15] hindurch gehen. Ich war mir dessen sehr bewusst, und das hat mich damals sehr belastet. Aber wenn man dann einige Zeit da ist, und sich dem stellen muss, ist das auch eine Art von Verarbeitung. Als ich jetzt nach Berlin gekommen bin, hatte ich diesen schwierigen Prozess ja schon etwas durchlaufen. Glaube ich. Und gleichzeitig ist Berlin natürlich eine tolle Stadt, in der so viel stattfindet und so viel Schönes zu erfahren und zu erleben ist.

Antisemitismus

Sharon Adler: Hat das Jüdische Museum Berlin – hat ein Jüdisches Museum generell – besonders in Zeiten eines wieder erstarkenden Antisemitismus eine besondere Verantwortung? Wie siehst du die Chancen, durch Wissensvermittlung Antisemitismus entgegenzuwirken?

Hetty Berg: Ich würde nur ungerne sagen, dass es das erste Ziel des Jüdischen Museums Berlin ist, Antisemitismus zu bekämpfen. Ich denke, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ich hoffe aber natürlich, dass wir über Wissensvermittlung Vorurteilen gegenüber Juden entgegenwirken und sie abbauen. Weil es so viel Ignoranz gibt, und die meisten Menschen so wenig über Jüdinnen und Juden wissen, gibt es so viele falsche Bilder über sie: Klischeebilder, Stereotype. Wir hoffen, mit allem, was wir anbieten, diese Bilder zu nuancieren und ihnen etwas entgegenzusetzen.

In der neuen Dauerausstellung haben wir den „Debattenraum Antisemitismus“, den wir auch für unser Bildungsprogramm nutzen, das Schülerinnen und Schüler mit Fallbeispielen dazu anregen soll, diese selber einzuordnen: Wie fängt Antisemitismus an? Was macht ihn aus? Wie kann man sich darüber austauschen? Durch diese Fragestellungen wollen wir die Menschen zu einer aktiven Haltung auffordern. In diesem Sinne ist natürlich alles, was wir als Museum machen – die Ausstellungen, Veranstaltungen, Kindermuseum, Archiv, Bibliothek – Vermittlung.

Ich bin ein optimistischer Mensch und möchte sehr gern daran glauben, dass Wissen eine Waffe gegen Antisemitismus ist. Aber wir wissen, dass Antisemitismus in Deutschland nach dem Krieg immer vorhanden war und es immer noch ist. In allen Schichten der Bevölkerung. Es hat immer wieder Angriffe gegeben, nicht nur in den letzten Jahren. Diese Kontinuität des Antisemitismus ist natürlich auch für eine Optimistin nicht zu leugnen.

Der DAGESH-Kunstpreis

Sharon Adler: Du gehörst zur Jury des DAGESH-Kunstpreises,[16] der am 20. Mai 2021 im Rahmen des Festivals „TRANSITIONS. Jüdische Gegenwartskünste“ im JMB zum zweiten Mal verliehen wurde.[17] Auf welche neuen Sichtweisen dürfen wir gespannt sein?
Seit dem 1. April 2020 leitet die Kuratorin und Kulturhistorikerin Hetty Berg das Jüdische Museum Berlin.Seit dem 1. April 2020 leitet die Kuratorin und Kulturhistorikerin Hetty Berg das Jüdische Museum Berlin. (© Sharon Adler/Pixelmeer 2021)


Hetty Berg: Das Jüdische Museum Berlin hat in Kooperation mit Dagesh. Jüdische Kunst im Kontext. Ein Programm der Leo Baeck Foundation Ende 2020 zum zweiten Mal Künstlerinnen und Künstler aufgerufen, künstlerische Konzepte einzureichen und sich für den Dagesh-Kunstpreis zu bewerben. Wir freuen uns sehr darüber, denn so gelingt es uns, das gemeinsame Interesse an der Förderung junger Kunst aus jüdischer Perspektive zu bündeln. Auf die Ausschreibung haben wir etwa 60 Einsendungen erhalten. Im ersten Jahr, 2018, waren es nur zwanzig. Es war für die Jury nicht leicht, einen Vorschlag auszuwählen. Das Thema der Ausschreibung war „Wehrhafte Kunst“. Die Teilnehmenden waren aufgefordert, sich mit der aktuellen Rolle von Kunst in der deutschen Gesellschaft zu beschäftigen, in der Grundrechte immer wieder in Frage gestellt werden und antisemitische sowie rassistische Übergriffe zur traurigen Realität des deutschen Alltags gehören.

Ich finde es sehr schön, durch diesen Preis so viele Projekte zu sehen. Dadurch sieht man auch, dass es eine große Gemeinschaft von Juden und Jüdinnen gibt, die künstlerisch arbeiten, und denen wir durch dieses Projekt ein Podium geben können.

Sharon Adler: Die Preisträgerin des DAGESH-Kunstpreises, Talya Feldman, untersucht in ihrer multimedialen Arbeit „The Violence We Have Witnessed Carries a Weight on Our Hearts“ die Kontinuitäten rechten Terrors in Deutschland von 1979 bis heute. Warum war es dir wichtig, gerade dieses Werk zu zeigen?

Hetty Berg: Das Werk wurde von der Jury gemeinsam ausgewählt. Es thematisiert all diese Angriffe. Talya Feldman war bei dem Anschlag in Halle an Yom Kippur am 9. Oktober 2019 dabei. In ihrer Arbeit greift sie die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden auf und setzt sich mit der Geschichte der rechtsextremen Gewalt von über 40 Jahren auseinander. Und mit der anhaltenden Resonanz darauf.

In ihrer Installation „The Violence We Have Witnessed Carries a Weight on Our Hearts“ hört man die Stimmen, die Sprachbotschaften von Opfern und Familienangehörigen und Initiativen. Damit schafft Talya Feldman ein lebendiges Archiv, ein „living archive“, das die Nachgeschichte der Ereignisse und die Vielstimmigkeit der Betroffenen erfahrbar macht. Auf Displays von Smartphones werden diese Sprachbotschaften auf Deutsch, Türkisch, Englisch, Spanisch, Hebräisch und Französisch visualisiert und synchronisiert. Es ist wirklich sehr ergreifend und bewegend.

Außerdem macht die Installation am Beispiel von 18 Gewalttaten sichtbar, in was für einer erschreckenden Regelmäßigkeit Übergriffe rechter Gewalt in Deutschland stattgefunden haben. Durch das Zusammenführen von aktuellen und vergangenen Ereignissen werden hier erschütternde Kontinuitätslinien sichtbar.

Ihr Projekt zeigt, wie Menschen mit ganz unterschiedlichen ethnischen, religiösen und politischen Identitäten und Hintergründen kooperieren und sich untereinander solidarisch zeigen. Dieses Miteinander anstelle eines Gegeneinanders ist besonders heute von großer Bedeutung und eine wichtige Botschaft des Kunstwerks.

Sharon Adler: Teil der JMB-Dauerausstellung ist die „Hall of Fame“, in der an bedeutende jüdische Persönlichkeiten erinnert wird: Neben Spinoza und Heine auch an die Sozialreformerin Alice Salomon,[18] die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die Philosophin Hannah Arendt oder die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim.[19] Wie wichtig ist es dir, das Wirken von jüdischen Frauen sichtbar zu machen?

Hetty Berg: Es ist uns am JMB sehr wichtig, das Wirken von Frauen in der Geschichte zu zeigen und vor dem Vergessen zu bewahren. Das ist allerdings wie in allen kulturhistorischen Museen eine große Herausforderung, weil es mehr Werke von Männern in den Sammlungen gibt. Wir haben uns wirklich große Mühe gegeben, in der neuen Dauerausstellung auch die weiblichen Perspektiven abzubilden. Nicht nur in der „Hall of Fame“, sondern auch in den Epochenräumen, die ganzen 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland hindurch.

Aus der Epoche des Mittelalters zeigen wir zum Beispiel die Frau eines Rabbiners, die an der Jeschiwa ihres Mannes mitarbeitete.[20] In der frühen Neuzeit, wo es um die sogenannten Schutzjuden und die sogenannten Hofjuden geht, stellen wir Madame Karoline Kaulla vor,[21] eine Unternehmerin, die wie die bekannteren „Hofjuden“ wie Jud Süß eine wichtige Rolle gespielt hat. Sie ist auch auf unserer interaktiven Webseite "Jewish Places"[22] eine zentrale Figur. Ein besonderes Anliegen ist es uns darüber hinaus, das Leben armer Menschen in der Geschichte zu zeigen, weil sie ebenfalls wenig Zeugnisse hinterlassen haben. Das ist schwierig, aber unverzichtbar für ein umfassendes Geschichtsverständnis. Glücklicherweise ist das in der neuen Dauerausstellung gelungen.

ANOHA[23] – Die Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin

Sharon Adler: Am 27. Juni 2021 eröffnet die Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin. Was erwartet die kleinen Besucherinnen und Besucher? In welcher Weise wurde bei der Konzeption das Prinzip der jüdischen Tradition von Tikkun Olam[24] bedacht?

Hetty Berg: Die Kinderwelt ANOHA ist ein Haus für eine Geschichte. Und die Geschichte ist die der Arche Noah. Dazu greifen wir verschiedene Themen auf. Im Zentrum steht die Frage, wie wir miteinander leben wollen und was wir tun wollen, damit wir dies auch noch lange können. Dafür gibt es drei Vermittlungssäulen: Nachdenken über Gott und die Welt, Natur und Artenschutz, und als drittes die Prävention von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung. Das sind die didaktischen Gedanken dahinter. Wenn die Kinder durch dieses schöne Museum gehen, können sie die Geschichte von der Flut und dem Zusammenleben auf der Arche erleben und selbst durchspielen.

Im ANOHA gibt es 150 Tiere aus Alltagsgegenständen und recycelten Materialien. Es geht aber auch um Diskriminierung. Denn nicht nur die schönen Tiere, die gut riechen, sondern auch die unvertrauten und nicht so gefälligen – wie Stinktiere oder Nacktmulle – müssen mit an Bord! Es geht also um das Zusammenleben und das Nachdenken über die Zukunft, wenn das Wasser wieder zurückgegangen ist. Wie bauen wir eine bessere Welt? Welche Regeln brauchen wir, um eine Zukunft zu schaffen, die wir uns wünschen? Die Fragen denken wir uns gemeinsam aus. Da kommt das Konzept von Tikkun Olam hinein, weil man durch das eigene Handeln die Welt verbessern kann. Wir hoffen natürlich sehr, dass wir durch die neue Kinderwelt das Museum in der Gesellschaft mehr verankern und dass auch Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft in das Kindermuseum kommen. Und dass ANOHA etwas für das Zusammenleben in Berlin und Deutschland bedeuten kann und für die Förderung von Teilhabe. Der Eintritt ist frei!

Familie und Zweite Generation

Sharon Adler:Welche Erinnerungen hast du an deine (jüdische) Kindheit, wie hast du als Angehörige der Zweiten Generation das Gemeindeleben in den Niederlanden erlebt?

Hetty Berg: Ich bin in Den Haag geboren, aber zwischen Utrecht und Arnheim aufgewachsen. In Arnheim gab es eine Jüdische Gemeinde, und ich bin ein paar Mal mit meiner Mutter und meiner Schwester zu Purim und Chanukka dort gewesen. In Arnheim gab es auch eine koschere Fleischerei, in der meine Mutter immer Rinderrauchwürste bestellt hat. Der jüdische Kalender war bei uns zuhause nicht vorhanden, aber wir haben kein Schweinefleisch gegessen und hatten jedes Jahr eine große Dose mit Mazzot[25] zuhause, die wir aber zu Ostern gegessen haben, nicht zu Pessach.

Ich bin säkular aufgewachsen und erzogen worden. Das Judentum war nicht positiv anwesend. Alles, was mit jüdischer Religion und Judentum zu tun hatte, war eine Bedrohung, denn der Schmerz und die Erfahrungen während des Krieges sind damit hochgekommen. Aber weil ich mehr darüber wissen wollte, habe ich nach einer eigenen Weise gesucht, mein Jüdischsein zu leben und ihm Ausdruck zu geben. Ich bin Mitglied der Liberal-Jüdischen Gemeinde in Amsterdam geworden. Und das hat dann wieder den schönen Bezug zu Berlin.

Sharon Adler: Die Liberal-Jüdische Gemeinde in Amsterdam[26] wurde in den 1930er-Jahren von Berliner Juden und Jüdinnen gegründet, die aus Deutschland vor den Nazis geflohen sind. Weißt du, woher deine Familie stammt und wie sie überlebt hat?

Hetty Berg: Nicht wirklich, weil man so wenig wusste und darüber nicht gesprochen wurde. Nachdem meine Großmutter gestorben war, bekam ich viele Familienfotos, wusste aber nicht, wer die Menschen auf den Fotos waren. Als Kind war ich immer neugierig, ich habe bei meiner Großmutter in alle Schränke geguckt und auch diese Fotos gefunden. Wenn ich sie damals gefragt habe, wer die Menschen auf den Fotos sind, hat sie nur gesagt: „Ach, Kind, man muss nicht nach hinten in das Elend gucken, sondern man muss vorausgucken.“

Viele Jahre später habe ich durch das Studieren der Fotos versucht, herauszufinden, wer diese Menschen waren. Geholfen hat mir jemand in Israel, der Genealogie betreibt. Er hat für mich den Familienstammbaum recherchiert und dadurch konnte man erkennen, dass meine Familie schon Ende des 18. Jahrhunderts in den Niederlanden lebte. Es gab auch Familienmitglieder, die mit Deutschen verheiratet waren, da sie alle im Osten der Niederlande, an der Grenze zu Deutschland, lebten. Mein Urgroßvater war Viehhändler, mein Großvater bis zum Krieg ebenfalls. Das war im Osten des Landes ein typisch jüdischer Beruf. Auch wenn man nicht über die Shoah gesprochen hat, war sie immer anwesend.

Sharon Adler: Erinnerst du dich an die Shoah-Überlebende und Sängerin Lin Jaldati,[27] die aus den Niederlanden in die DDR ging und dort zu einer der berühmtesten Jiddisch-Interpretinnen wurde?

Hetty Berg: Leider habe ich Lin Jaldati nicht persönlich kennengelernt, aber ich habe einmal einen Auftritt mit ihr und Eberhard Rebling gesehen. Sie hatten das jiddische Kabarett, das LiLaLo, in der Amsterdamer De-Clercq-Straße, aber dort bin ich niemals gewesen, denn als ich von London wieder nach Amsterdam kam, war es schon geschlossen. Das ist wirklich schade, denn ich habe mich später mit Jiddisch beschäftigt. Aber ihre Tochter Jalda Rebling habe ich später beim Jewish Music Festival gehört.

Ich kann eine schöne Geschichte erzählen, die auch einen Bezug zu Berlin hat: Als ich an der Tanzakademie in Amsterdam war, hatte ich einen kleinen Job, um Geld zu verdienen. Ein- oder zweimal die Woche habe ich einige Jahre lang einer alten Dame Gesellschaft geleistet, bin für sie einkaufen gegangen und solche Dinge. Sie ist Ende der Dreißigerjahre mit ihrer Mutter und ihrer Schwester, die in Kontakt zur Weißen Rose stand, aus Berlin in die Niederlande geflüchtet. Daher waren sie sich der Gefahr viel stärker bewusst. Sie haben in Amsterdam im Versteck überlebt und Widerstand geleistet. Nach dem Krieg ist die Dame als Kommunistin in die DDR gegangen, um das Land aufzubauen, aber sie kam später zurück in die Niederlande. Wir hatten eine sehr gute Beziehung zueinander, und als ich schon nicht mehr für sie gearbeitet habe, haben wir sie mit den Kindern besucht. Sie war eine Art Extra-Großmutter. Sie hat mir viel über Berlin, die Geschichte und die DDR erzählt, und es freut mich, wie die Enden wieder zusammenlaufen.

Sharon Adler: Im JMB präsentiert eine Fotowand Schwarz-Weiß-Fotos von Rabbinerinnen wie Regina Jonas, Elisa Klapheck und Delphine Horvilleur. Die Themen-Räume „Tora“[28] oder „Gebot und Gebet“ beschäftigen sich mit der Bedeutung der hebräischen Schrift und religiöser Praxis heute. Sind Rituale und Traditionen Teil deines Lebens?
Fotos von den ersten Rabbinerinnen im Jüdischen Museum Berlin„Die ersten Rabbinerinnen“ im Jüdischen Museum Berlin (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)


Hetty Berg: Ich feiere Schabbat und die Feiertage, aber eher wegen der Tradition. Für mich ist die Kultur des Judentums das Wichtigste. Meine jüdische Identität kommt auch in meiner Arbeit zum Ausdruck und wird dadurch genährt: Ich möchte die jüdische Kultur bewahren und die Vielfalt und den Reichtum der jüdischen Kultur vermitteln. Seit ich angefangen habe, in der Museumswelt zu arbeiten, ist das eine wichtige Motivation für mich.

Sharon Adler: Du engagierst dich als Mitglied im Kuratorium der Stiftung House of One,[29] dessen Grundsteinlegung am 27. Mai 2021 war. Was ist dir in dem Kontext besonders wichtig?

Hetty Berg: Ich denke, die letzten Wochen haben wieder ganz klar gezeigt, wie immer wieder sehr schnell etwas hochkochen kann und warum es so wichtig ist, den jüdisch-christlich-islamischen Dialog zu fördern. Dialog ist unerlässlich für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Nicht, um zeigen, wie viel wir gemeinsam haben. Wir sind nicht alle gleich. Gerade weil wir uns voneinander unterscheiden, müssen wir miteinander sprechen. Um zu erfahren, was andere Menschen denken. Außerdem gibt es viele verschiedene Haltungen und Perspektiven innerhalb der einzelnen Gruppen. Es gibt nicht die Muslime, die Juden, die Christen. Im Gegenteil, da gibt es sehr viel Diversität. Der Austausch im House of One ist eine gute Initiative und fördert hoffentlich das Zusammenleben.

Sharon Adler: Bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung[30] hast du auf die wechselvolle, aber auch fruchtbare gemeinsame jüdisch-deutsche Geschichte hingewiesen, die 2021 ihr 1700-jähriges Jubiläum begeht. Um dies plastisch darzustellen, hast du das Judentum mit einem Baum verglichen. Was symbolisiert der Baum in diesem Bild für dich?

Hetty Berg: In der Tora steht der Baum als Sinnbild für das Volk Israel. Ich finde, der Baum, der „Etz Chaim“,[31] und die Stäbe aus Holz, die an die Tora[32] gewickelt werden, sind ein schönes Bild.
Das Foto zeigt den Wunschbaum im Eingangsbereich zur neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin.Der Wunschbaum im Eingangsbereich zur neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2020)
Von „Etz Chaim“ wird auch immer im Gebet in der Synagoge gesprochen. Dieser Baum des Lebens und der Bezug auf den Text sprechen mich an. Ich glaube, es gibt nur im jüdischen Kalender ein Neujahrsfest für Bäume. Neben vielen anderen Dingen in der neuen Dauerausstellung finde ich besonders schön, dass man den Wunschbaum und gleich danach die Tora mit dem „Etz Chaim“ angeordnet hat. Für mich ist das ein Bild für das Leben. Der Baum des jüdischen Lebens bekommt jeden Tag neue Äste, dem neue Blätter wachsen. Das symbolisiert für mich dieser Baum am Eingang zur neuen Dauerausstellung, der sehr tiefe Wurzeln hat. Die reichen ganz tief und lang zurück, 1700 Jahre.

Sharon Adler: Als Teil der neuen Dauerausstellung gibt es einen Wunschbaum, auf den jede/r kann regelmäßig einen Wunsch hängen kann. Was ist dein Wunsch in diesen Tagen?

Hetty Berg: Mehr Verständnis und mehr Respekt für die verschiedenen Gruppen von Menschen, die zusammenleben!

Hier geht es zur Vita von Hetty Berg >>

Zitierweise: "Hetty Berg: „Wir wollen als Ort der Begegnung und des Austauschs vielfältigen Perspektiven einen Raum geben.“", Interview mit Hetty Berg, in: Deutschland Archiv, 18.6.2021, Link: www.bpb.de/335119

Fußnoten

1.
www.jmberlin.de/dauerausstellung, zuletzt aufgerufen am 6.6.2021.
2.
www.twitter.com/jmberlin, zuletzt aufgerufen am 6.6.2021.
3.
Halacha: Hebräisch für „Weg“, „Gehen“, „Wandeln“, das Religionsgesetz, welches das gesetzliche System des Judentums, die Ge- und Verbote der mündlichen und schriftlichen Überlieferung, vor allem in Mischna und Talmud, umfasst. Siehe www.bpb.de/7705, zuletzt aufgerufen am 27.5.2021.
4.
Als weiterer Schwerpunkt ist der Aufbau eines Bestands von privaten Amateurfilmen und -videos als audiovisuelles Erbe sowohl für Ausstellungen als auch für die kulturhistorische Forschung geplant, um Einblicke in jüdisches Alltagsleben, in regionale und familiäre religiöse Traditionen der vergangenen Jahrzehnte zu ermöglichen, www.jmberlin.de/sammlungsgebiet-zeitgeschichte, zuletzt aufgerufen am 3.6.2021.
5.
Angelika Königseder/Juliane Wetzel, „Frauen in Lagern für jüdische Displaced Persons“, in: Deutschland Archiv, 30.11.2020, www.bpb.de/322025, zuletzt aufgerufen am 30.5.2021.
6.
In der Sowjetunion wurde die Nationalität „Jewrej“ vom Vater auf die Kinder vererbt – anders als nach dem jüdischen Religionsgesetz, wonach die mütterliche Linie für die Weitergabe des Judentums zuständig ist. www.jmberlin.de/thema-kontingentfluechtlinge, zuletzt aufgerufen am 30.5.2021.
7.
Videoinstallation Mesubin (Die Versammelten), ein Schlusschor, der die Vielstimmigkeit jüdischer Gegenwart in Deutschland zum Ausdruck bringt. Kreiert wurde die Videoinstallation von der Filmemacherin Yael Reuveny und dem Videokünstler Clemens Walter.
8.
„Ma nischtanah haleila haze mikol haleilot?“ - „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?“. Traditionell stellt das jüngste Kind am Seder-Abend (Seder, Hebräisch: „Ordnung“), mit dem das Pessach-Fest beginnt, bei einem zeremoniellen Abendessen im Kreis der Familie vier Fragen. Angelehnt an diese Tradition stellt die Regisseurin Yael Reuveny Jüdinnen*Juden vier Fragen zu ihrem Judentum und ihrem Leben in Deutschland. Pessach erinnert an den Auszug aus Ägypten, www.jmberlin.de/yael-reuveny-vier-fragen, zuletzt aufgerufen am 30.5.2021.
9.
Alina Gromova, „En-Gendering jüdische Migration: Narrative jüdischer Frauen mit sowjetischer Erfahrung in Deutschland nach 1990“, in: Deutschland Archiv, 5.02.2021, www.bpb.de/326606, zuletzt aufgerufen am 30.5.2021.
10.
Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland. Die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin, Eröffnung: 23. August 2020, Pressemitteilung vom 18.8.2020: Ein Schwerpunkt liegt auf der Geschichte nach 1945: Diese reicht vom Umgang mit der Zäsur des Holocaust über den Neubeginn jüdischen Lebens in der Bundesrepublik und der DDR bis hin zur Migrationsgesellschaft im heutigen Deutschland, www.jmberlin.de/presseinformation-vom-18-august-2020, zuletzt aufgerufen am 2.6.2021.
11.
Das Jüdische Kulturviertel besteht aus dem Jüdischen Historischen Museum (JHM), dem JHM-Kindermuseum, der Portugiesischen Synagoge, der Hollandsche Schouwburg und dem Nationalen Holocaust Museum. https://jck.nl/en zuletzt aufgerufen am 14.5.2021.
12.
Chasan ist das hebräische Wort für Kantor bzw. Kantorin.
13.
Charlotte Salomon: Leben? oder Theater?, Jüdisches Museum Berlin (jmberlin.de), zuletzt aufgerufen am 11.6.2021, siehe auch: „Life? Or Theatre?“ https://jck.nl/nl/tentoonstelling/charlotte-salomon und https://jck.nl/en/node/3102, zuletzt aufgerufen am 2.6.2021; https://jck.nl/en/pers/exhibition-sheds-new-light-work-charlotte-salomon, zuletzt aufgerufen am 2.6.2021.
14.
Für ihren dreiteiligen Bilderzyklus Leben? oder Theater? Ein Singspiel wählte Charlotte Salomon 800 ihrer 1.325 Gouachen aus und nummerierte sie. Die Bilder erinnern an gezeichnete Film-Drehbücher oder Comics. An vielen Stellen notierte Salomon zudem die Titel der Musikstücke, die sie sich als Begleitmelodie zur jeweiligen Szene vorstellte. https://www.jmberlin.de/ausstellung-charlotte-salomon, zuletzt aufgerufen am 13.6.2021.
15.
Gleis 17, Denkmal am S-Bahnhof Berlin-Grunewald. Von diesem Bahnhof aus fuhren von Herbst 1941 bis vermutlich Frühjahr 1942 Deportationszüge mit Berliner Juden und Jüdinnen in die Ghettos und Konzentrationslager. Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte Osttransport den Bahnhof Grunewald in Richtung Litzmannstadt, heute Lodz. In dem Zug waren mehr als 1.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer. Ab 1942 fuhren Deportationszüge auch vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Moabit. Ziele waren Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager unter anderem in Minsk, Riga, Warschau, Theresienstadt, Sobibor und Auschwitz. Das Denkmal „Gleis 17“ wurde von der Deutschen Bahn 1998 als Mahnmal zur Erinnerung an die Rolle der Deutschen Reichsbahn im „Dritten Reich“ errichtet. Die Initiative dazu ging von der Schriftstellerin und Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron aus, www.memorialmuseums.org/deu/denkmaeler/view/338/Mahnmal-Gleis-17-%E2%80%93--Berlin-Grunewald und https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/gedenktafeln/artikel.125592.php, zuletzt aufgerufen am 20.5.2021.
16.
Am 20.5.2021 vergab das Jüdische Museum Berlin und DAGESH – Jüdische Kunst im Kontext zum 2. Mal den mit 7000 Euro dotierten DAGESH-Kunstpreis. Junge Künstler*innen oder Künstler*innengruppen konnten sich mit Werken bewerben, die sich mit jüdischen Gegenwartspositionen und -erfahrungen sowie mit Fragen zur Gestaltung eines gesellschaftlichen Wandels auseinandersetzen. Das Thema des Wettbewerbes 2021 war „Wehrhafte Kunst“, www.jmberlin.de/ausschreibung-dagesh-kunstpreis-2021 und https://dagesh.de/aktuelles/digitale-preisverleihung-dagesh-kunstpreis-2021-wird-am-20-mai-an-talya-feldman-verliehen/, zuletzt aufgerufen am 16.5.2021.
17.
Am 20.5.2021 wurde die Künstlerin Talya Feldman im Rahmen des Festivals „TRANSITIONS. Jüdische Gegenwartskünste“ für ihre Installation The Violence We Have Witnessed Carries a Weight on Our Hearts in einer digitalen Preisverleihung mit dem DAGESH-Kunstpreis ausgezeichnet. Ihr ausgezeichnetes Kunstwerk ist vom 22.5. bis 31.7.2021 im JMB ausgestellt. In ihrem Grußwort würdigte Hetty Berg die Künstlerin: www.youtube.com/watch?v=4Ht1svqWhqc, zuletzt aufgerufen am 27.5.2021.
18.
Alice Salomon (1872-1948) war eine jüdisch-deutsche liberale Sozialreformerin. Sie war Teil der deutschen Frauenbewegung und eine Wegbereiterin der Sozialen Arbeit als Wissenschaft.
19.
Bertha Pappenheim (1859–1936) war eine der Mitgründerinnen des 1904 gegründeten Jüdischen Frauenbunds (JFB), einem Zusammenschluss jüdisch-bürgerlicher Frauen, www.bpb.de/315661, zuletzt aufgerufen am 20.5.2021.
20.
Jeschiwa ist eine „Talmudhochschule“ und bezeichnet eine Schule für männliche Erwachsene, die der traditionellen religiösen Bildung dient, www.bpb.de/izpb/7705/glossar, zuletzt aufgerufen am 2.6.2021.
21.
Der Eintrag zu Karoline Kaulla auf der Website Jewish Places: www.jewish-places.de/de/DE-MUS-975919Z/person/e60915be-39fa-45b9-837f-126beb1a8fcc, zuletzt aufgerufen am 6.6.2021
22.
Die partizipative Lernplattform für die interaktive Webseite „Jewish Places" des Jüdischen Museums Berlin ermöglicht es Schulen, selbstständig jüdische Orte zu entdecken und jüdische Regionalgeschichte kennenzulernen. „Jewish Places" wurde 2020 mit dem Deutschen Preis für Kulturelle Bildung „Kulturlichter" ausgezeichnet, www.jmberlin.de/jewish-places, zuletzt aufgerufen am 6.6.2021.
23.
In der ehemaligen Blumengroßmarkthalle vis-à-vis dem Hauptgebäude entstand auf 2.700 Quadratmetern ein Ort zum Entdecken, Erforschen und Spielen für Kinder von drei bis zehn Jahren, www.jmberlin.de/kinder, zuletzt aufgerufen am 26.5.2021.
24.
Tikkun Olam: Hebräisch für Vervollkommnung der Welt.
25.
Mazzot heißen die ungesäuerten Brote, die während des Pessach-Festes gegessen werden.
26.
Die Liberale Jüdische Gemeinde Amsterdam wurde am 31. Oktober 1931 gegründet. In den Anfangsjahren setzte sich die Gemeinde hauptsächlich aus eingewanderten deutschen Juden zusammen. Liberale Jüdische Gemeinde Amsterdam, Zuidelijke Wandelweg 41, 1079 RK Amsterdam, www.ljgamsterdam.nl/en/history-0, zuletzt aufgerufen am 14.5.2021.
27.
Die niederländische Sängerin und Tänzerin Lin Jaldati wurde als Rebekka Brilleslijpers in Amsterdam geboren, sie überlebte Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen, zog 1952 in die DDR und wurde dort die bekannteste Interpretin jiddischer Lieder, www.joodsamsterdam.nl/lin-jaldati/ und https://theaterencyclopedie.nl/wiki/Lin_Jaldati. Eine ihrer Töchter ist Jalda Rebling: Jalda Rebling: Ich bin einfach gerne jüdisch, Interview mit Jalda Rebling, in: Deutschland Archiv, 25.5.2021, www.bpb.de/333642, zuletzt aufgerufen am 14.5.2021.
28.
Tora (Hebr. für Lehre) bezeichnet die fünf Bücher Mose, die der erste und wichtigste Hauptteil des Tanach, die Hebräische Bibel, sind.
29.
Stiftung House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin. Seit 2011 planen Jüdinnen/Juden, Christinnen/Christen und Muslimas/Muslime in Berlin gemeinsam ein Haus, unter dessen Dach sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee befinden. Am 27. Mai 2021 wurde der Grundstein für das Mehrreligionengebäude House of One gelegt. https://house-of-one.org/de, zuletzt aufgerufen am 16.5.2021.
30.
Im Rahmen der Pressekonferenz zur Eröffnung am 23.8.2020. https://www.jmberlin.de/dauerausstellung, zuletzt aufgerufen am 16.5.2021.
31.
Etz Chaim, hebräisch für Lebensbaum.
32.
Die Tora besteht aus den fünf Büchern Mose und ist Teil der hebräischen Bibel.Der Begriff Tora bedeutet „Lehre, Gesetz“. Die Tora ist in hebräischen Buchstaben auf handgefertigtem Pergament aus der Haut koscherer („reiner“) Tiere geschrieben. Die Torarolle ist auf zwei Holzstäbe aufgewickelt. Die Stäbe werden als „Baum des Lebens" (hebr. „Etz Chaim“) bezeichnet, www.zentralratderjuden.de/judentum/riten-und-gebraeuche/die-tora-die-heilige-schrift-der-juden/, zuletzt aufgerufen am 3.6.2021.

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