Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Detlev Brunner

"... eine große Herzlichkeit"?

Helmut Schmidt und Erich Honecker im Dezember 1981

Motive


Auch im Dezember 1981 war die zeitgenössisch sogenannte politische "Großwetterlage" nicht eben günstig. Die sowjetische Armee war noch immer in Afghanistan stationiert, in Polen hatte sich die Lage keineswegs entspannt und in der Rüstungsfrage waren beide deutsche Staaten weiterhin in den Konflikt um die Rüstungspolitik involviert. Allerdings waren sowohl seitens der Sowjetunion als auch vom Ministerrat der NATO positive Signale im Hinblick auf ein deutsch-deutsches Treffen ausgesandt worden. Leonid Breschnew, der vom 22. bis zum 25. November 1981 zu einem Arbeitsbesuch in der Bundesrepublik weilte, hatte es gegenüber Schmidt "begrüßt, daß es zu einem Treffen kommen sollte". Helmut Schmidt informierte Erich Honecker noch am Tage der Abreise des sowjetischen Generalsekretärs telefonisch über diese Äußerung wie überhaupt über die Gespräche mit der sowjetischen Delegation.[7] Auch die NATO, so Schmidt schon zu Beginn der Gespräche mit Honecker am Abend des 11. Dezember, habe das Treffen zwischen Honecker und Schmidt für gut befunden.[8] Die Erklärungen aus den zwei Bündnissystemen verweisen auf die Eingebundenheit beider deutscher Staaten, aber zugleich auch auf ihre Rolle in dieser Phase der beginnenden Genfer Abrüstungsverhandlungen ab Ende November 1981. Die Londoner "Times" sah Schmidt nach den Bonner Gesprächen mit Breschnew in einer künftig führenden Rolle in den Ost-West-Beziehungen. Er werde als "unsichtbarer dritter Mann bei den Rüstungsgesprächen in Genf" dabei sein.[9] Eine derartige Rolle wurde Honecker zwar nicht zugeschrieben, aber dessen Motivation, die Rolle der DDR in der Friedens- und Rüstungsfrage zu unterstreichen, war unübersehbar. Sowohl in den Telefonaten mit Schmidt im Vorfeld des Dezember-Treffens als auch bei den Gesprächen selbst hob Honecker die Bedeutung der beiden deutschen Staaten diesbezüglich mehrmals hervor. Er unterstrich in einem Telefongespräch mit Schmidt am 30. Oktober 1981, dass ein reger Dialog zwischen ihnen beiden einen Weg darstelle "zur Wiederherstellung einer normalen internationalen Lage und zur Rückkehr zu einer sachlichen Zusammenarbeit." Die "Normalisierung der Beziehungen" der beiden deutschen Staaten wirke sich im Positiven wie im Negativen auf die internationale Lage aus. Schmidt ergänzte, "die Leute erwarten von uns beiden, daß wir uns normalisieren", dies, so fuhr Honecker fort, liege im Interesse der beiden deutschen Staaten und im Interesse des Friedens.[10]

Wieder ins Gespräch zu kommen und dabei vor allem die Rolle Deutschlands, hier wie da, in der internationalen Rüstungs- und Friedenspolitik zu betonen, waren Motive beider Seiten für die Wiederaufnahme des Dialogs. Schmidt hatte in einem Vorgespräch mit Honeckers Emissär Vogel am 9. Dezember 1981 betont, es gehe ihm um "die Überwindung der Phase der Stagnation und des Rückschritts, um Verbesserungen für die Menschen" sowie darum, "einen Beitrag zur Sicherung des Friedens im Interesse aller europäischen Völker zu leisten".[11] Nach eigenen Angaben wollte Schmidt mit seinem Besuch auch den Stellenwert der DDR für das gesamteuropäische Gespräch über Sicherheit und Zusammenarbeit unterstreichen, "wenngleich ihre Politik in wesentlichen Punkten nach wie vor zu mißbilligen" gewesen sei. Honeckers Selbstbewusstsein sollte so gestärkt und die "Minderwertigkeitskomplexe der DDR-Führung" abgebaut werden. Schmidt hoffte, damit zu einer "wachsenden Souveränität und Großzügigkeit der DDR-Führung im Umgang mit den von ihr regierten Bürgern beizutragen." Den Bürgern der DDR wollte Schmidt zeigen, dass sich die Bundesregierung für ihre Interessen "unter Inkaufnahme manchen Risikos" einsetzte.[12]

Sicherlich handelte Schmidt nicht so selbstlos, wie dies in den hier zitierten Passagen anklingen mag. Nach Einschätzung des SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Herbert Wehner, brauchte Schmidt das Treffen mit Honecker, ähnlich wie den Besuch Breschnews, "als Alibi für die besondere Rolle der beiden deutschen Staaten für die europäische Friedenspolitik und die Beziehungen der Supermächte".[13] Angesichts der erneuten Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen hatte der Bundeskanzler, so das Resümee Manfred Görtemakers, eine Politik der Schadensbegrenzung betrieben, "um wenigstens die Substanz der neuen Ost- und Deutschlandpolitik zu retten."[14] Auch wenn der Einfluss der beiden deutschen Staaten und insbesondere des westdeutschen Kanzlers nicht ausreichte, um die Abrüstungsverhandlungen zu Beginn der 1980er-Jahre zu einem positiven Ergebnis im Sinne des NATO-Doppelbeschlusses zu führen – die Bedeutung eines deutsch-deutschen Gipfels 1981 lag zumindest für das innerdeutsche Verhältnis selbst auf der Hand.


Fußnoten

7.
Vgl. Telefonat Schmidt-Honecker am 25.11.1981, in: Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 633ff, zit. 634.
8.
Vgl. Vier-Augen-Gespräch H. Schmidt – Honecker am 11. Dezember, in: Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 652.
9.
Zit.: Archiv der Gegenwart (AdG), Deutschland 1949 bis 1999, Bd. 8, St. Augustin 2000, S. 7556.
10.
Telefonat Schmidt-Honecker am 30.10.1981, in: Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 627.
11.
Gespräch H. Schmidt mit Wolfgang Vogel, 9.12.1981, Bonn, in: Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 640.
12.
Vgl. Helmut Schmidt, Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II, Berlin 1990, S. 64 u. 67.
13.
Zit. nach einer in den SED-Akten überlieferten Aufzeichnung über ein Gespräch Wehner-Vogel, das direkt nach dem Schmidt-Vogel-Gespräch am 9.12.1981 geführt wurde, in: Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 649ff, zit. 650.
14.
Manfred Görtemaker, Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999, S. 592.

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