Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Detlev Brunner

"... eine große Herzlichkeit"?

Helmut Schmidt und Erich Honecker im Dezember 1981

Deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten


Angesichts der Güstrower "Staatssicherheits-Show" ("Der Spiegel") bot der Besuch im Dom einen Moment der Kontemplation. Dem mecklenburgischen Landesbischof Heinrich Rathke war daran gelegen, das Verbindende zwischen den Deutschen beiderseits der Grenze herauszustellen. Das fing mit der Sprache an. An Schmidt gewandt, äußerte der Bischof: "Herr Bundeskanzler, ein Mecklenburger würde einen Hamburger am liebsten auf Platt begrüßen." Der Kanzler entgegnete: "Denn man tau", darauf Rathke: "Kamt mal rin und fäult juch woll!" Schmidt lächelte, Honecker sah verständnislos drein und Rathke übersetzte. Die Spannung, so die Erinnerung des Landesbischofs, war gelöst.[37] In seiner Begrüßungsrede hob der Bischof das hervor, was "wir gemeinsam haben". Der prächtige Dom, die Backsteingotik und Barlach, dessen Plastik "Der Schwebende" über dem Taufbecken des Doms hing, seien Zeugen gemeinsamer Geschichte und Kultur.[38] Schmidt ergänzte, Barlach könne "auch unsere gemeinsame Zukunft sein".[39] Beide Staatschefs, so Rathke weiter, trügen große Verantwortung "für uns alle". Die Menschen erhofften, dass aus den Gesprächen zwischen Honecker und Schmidt "mehr Verständigung erwächst, auch mehr Kommunikation von einer gemeinsamen Geschichte her."[40]

Teilnehmer hatten den Eindruck, Rathkes Appell an die gemeinsame Verantwortung sei "beiden Politikern, auch Honecker nahegegangen".[41] Als Rathke und Schmidt im August 1982 in des Kanzlers Ferienhaus am Brahmsee zusammentrafen, waren sich beide einig darüber, dass Honecker "nationale Identität im Heimatgefühl und einer Hinwendung zur gemeinsamen deutschen Vergangenheit und Geschichte suche".[42] Ein weiterer Gesprächspartner, der 1983 mit Honecker zusammentraf, schätzte Honecker ähnlich ein. In Honeckers Denken, so der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, spiele "das nationale Element durchaus eine Rolle."[43] Dies waren Wahrnehmungen von Personen, denen am nationalen Zusammenhalt trotz der Teilung gelegen war. Schmidt selbst empfand die norddeutsche Landschaft in der DDR als Teil seiner Heimat und die dort lebenden Menschen als "meine Brüder".[44] Ihn erfreute die Fahrt von Berlin-Schönefeld zum Tagungsort, durch jene Moränenlandschaft der Mark Brandenburg, er erinnerte sich an eine Wanderung mit seiner Frau Loki im Jahre 1944 und notierte "mit Befriedigung [...], daß ich mich während der ganzen Zeit ohne Karte orientieren konnte."

Von Honecker sind vergleichbare Gefühlsregungen anlässlich des Treffens mit Schmidt oder im Rückblick darauf nicht überliefert. Allerdings registrierte Klaus Bölling "starke Gefühle", mit denen Erich Honecker in die Gespräche mit Helmut Schmidt gegangen sei. Am Ende des die Gespräche eröffnenden Essens in Schloss Hubertusstock habe sich Honecker, vom Protokoll abweichend, noch einmal erhoben, dem westdeutschen Gast Respekt und Hochachtung gezollt und über die Perspektiven nachbarschaftlicher Beziehungen "so bewegt" geäußert, dass "seine eigenen Leute sichtlich irritiert waren." Es habe so etwas wie eine "sehr deutsche Grundstimmung" über der Runde gelegen, eine Einschätzung, die jedoch ein weiterer Teilnehmer auf Seiten der DDR-Delegation, Karl Seidel, in seinen Erinnerungen nicht teilt.[45]

Doch der Heimatbezug, das Gesamtdeutsche spielte in der Sicht auf Honecker stets ein Rolle. Honeckers saarländische Heimat war so auch Thema in einem Vier-Augengespräch zwischen dem Generalsekretär und dem Bundeskanzler am Nachmittag des 12. Dezember 1981. Es ging um Wirtschaftsfragen und dabei unter anderem um die Zukunft des Steinkohlebergbaus in der Bundesrepublik. Unweigerlich streiften beide die Situation des saarländischen Bergbaus und der dortigen Stahlindustrie. Die heimatliche Note führte Schmidt ein, als er von einer Begegnung mit einem saarländischen Hauer namens Honecker vor drei Jahren erzählte. Honecker klärte Schmidt auf, dass der Name vor allem in der Gegend seiner Geburtsstadt Neunkirchen vorkomme. Man sprach über die Landesgeschichte und Honecker bedeutete, dass er zu Neunkirchen "laufende Verbindungen unterhalte".[46] Offenkundig war, dass das Saarland Honecker nach wie vor am Herzen lag. Dies ging soweit, dass Honecker im Zusammenhang mit der Einladung Schmidts zum Gegenbesuch in die Bundesrepublik Bedenken äußerte, auch das Saarland zu besuchen. Oskar Lafontaine, seinerzeit Oberbürgermeister von Saarbrücken, sorge sich, so des Generalsekretärs Einwand, "daß ein Besuch Honeckers in Saarbrücken bei den nächsten Wahlen zugunsten der CDU ausschlagen könnte."[47] Schmidt betonte, dies sei überhaupt kein Grund, das Saarland nicht zu besuchen. Tatsächlich dauerte es noch sechs Jahre, bis Honecker seine Heimat wiedersah – die Wahlen hatte die saarländische SPD 1985 mit absoluter Mehrheit gewonnen.

Helmut Schmidts Besuch in der DDR endete am 13. Dezember 1981 am Bahnhof in Güstrow. Selbst für diese Abschiedsszenerie hatte die Staatssicherheit ein Drehbuch entworfen. "Im Bahnhof nur klatschen, nicht rufen 'Auf Wiedersehen!'" – so die Anweisung, festgehalten in einem Gedächtnisprotokoll aus dem Zentralen Operativstab zum Ablaufplan am 13. Dezember 1981.[48]
Erich Honecker reicht Bundeskanzler Helmut Schmidt zum Abschied in Güstrow ein Hustenbonbon, 13. Dezember 1981. Neben Schmidt der Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, Egon Franke.Erich Honecker reicht Bundeskanzler Helmut Schmidt zum Abschied in Güstrow ein Hustenbonbon, 13. Dezember 1981. Neben Schmidt der Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, Egon Franke. (© AP)
Das Hustenbonbon, das Erich Honecker Helmut Schmidt vom Bahnsteig ins Zugabteil reichte – jene vielfach illustrierte Szene zum Schmidt-Besuch in der DDR 1981 –, war im Ablaufplan der Stasi nicht vorgesehen. Es spricht für die mitunter im Westen übersteigerte Wahrnehmung solcher Gesten, die in der Entgegennahme des Bonbons durch Schmidt nahezu eine Kumpanei mit dem Kommunismus erkennen wollte.

Die Präsentation Güstrows stellte eines unter Beweis: Die Unfähigkeit der DDR-Führung zu einer offeneren Politik im Innern und nach außen. Die Staatssicherheit, die ihre Aktion mit dem bemerkenswerten Titel "Dialog" als Erfolg resümierte[49], bewirkte für das Bild der DDR das Gegenteil. Statt Souveränität und Gelassenheit offenbarte die Führung der DDR eine Ängstlichkeit, der sie mit Repression gegen die eigene Bevölkerung begegnete. Im Kontrast dazu stand die vehemente Realitätsverweigerung Honeckers gegenüber dem Eindruck, den die Güstrower Stasi-Inszenierung im Westen hinterlassen hatte. Einige Wochen nach dem Besuch monierte er gegenüber dem Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, Klaus Bölling, dass die westlichen Medien "ein so verzerrtes Bild von dem schönen Empfang in Güstrow" gegeben hätten, und fügte hinzu: "Da war doch eine große Herzlichkeit für Ihren Bundeskanzler."[50]

Der sichtbar gewordene Widerspruch zwischen Realität und Inszenierung veranlasste Klaus Bölling am 17. Dezember 1981, in einem Brief an Helmut Schmidt von einem "aufrüttelnden Signal" für die Bürger der DDR zu sprechen: "Das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist durch Ihre Reise gestärkt worden."[51] Dies mochte unter dem Einfluss der Zeitverhältnisse eine gehörige Portion Voluntarismus enthalten – gleichwohl: So belastet das Schmidt-Honecker-Treffen 1981 durch die Polenereignisse war und so deprimierend der abschließende Güstrow-Besuch wirkte, dieser zweite deutsch-deutsche Gipfel markierte dennoch Fortschritte im Prozess der deutsch-deutschen Beziehungen. Im Unterschied zur steifen Verhandlungsatmosphäre in Erfurt und Kassel war das Verhältnis zwischen Schmidt und Honecker aufgelockerter. Es gab bei aller grundsätzlichen Verschiedenheit der Positionen eine stärkere Verständigungsbereitschaft. 1969/70 hatte eine Entwicklung der schwierigen Annäherung zwischen beiden deutschen Staaten eingesetzt, deren Fortführung niemand zu stoppen gewillt war, sofern er nicht mutwillig auf ein Ende der Entspannung und eine Konfrontation mit unberechenbaren Folgen setzen wollte. Nicht von ungefähr stand die ab 1. Oktober 1982 von Helmut Kohl geführte Koalitionsregierung aus Christlicher Union und Freien Demokraten in diesem Punkt in deutlicher Kontinuität zu den sozialdemokratisch geführten Vorgängerregierungen.

Fußnoten

37.
Heinrich Rathke, Dom. Begegnung im Güstrower Dom am 13. Dezember 1981, in: Angelika Schmiegelow Powell (Hg.), Güstrow im 20. Jahrhundert, Bremen 2001, S. 115; die Erinnerung hat Rathke am 16.2.1999 notiert.
38.
Detlev Brunner, "'Nicht rufen Auf Wiedersehen!' Adventliche Stunden in Güstrow – wie Erich Honecker und die Stasi Bundeskanzler Helmut Schmidt im Dezember 1981 die DDR vorführten", in: Die Zeit, 49/2006, S. 114.
39.
Helmut Schmidt, Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II, Berlin 1990, S. 76.
40.
Zit.: Klaus Bölling, Die fernen Nachbarn. Erfahrungen in der DDR, Hamburg 1983, S. 165; siehe auch Hans Otto Bräutigam, Ständige Vertretung. Meine Jahre in Ost-Berlin, Hamburg 2009, S. 247f.
41.
Hans Otto Bräutigam, Ständige Vertretung. Meine Jahre in Ost-Berlin, Hamburg 2009, S. 248; siehe auch Helmut Schmidt, Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II, Berlin 1990, S. 76. – Das Folgende ebd., S. 64.
42.
Zit.: Heinrich Potthoff, Im Schatten der Mauer. Deutschlandpolitik 1961 bis 1990, Berlin 1999, S. 200, basierend auf einem Vermerk im Privatarchiv Helmut Schmidt.
43.
Franz Josef Strauß, Die Erinnerungen, Berlin 1989, S. 489.
44.
Helmut Schmidt, Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II, Berlin 1990, S. 79.
45.
Klaus Bölling, Die fernen Nachbarn. Erfahrungen in der DDR, Hamburg 1983, S. 130; Klaus Seidel, Berlin-Bonner Balance, Berlin 2002, S. 265f.
46.
Vgl. Vieraugen-Gespräch H. Schmidt-Honecker am 12. Dezember 1981, in: Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 679–694, hier 687.
47.
Heinrich Potthoff, Bonn und Ost-Berlin 1969–1982. Dialog auf höchster Ebene und vertrauliche Kanäle, Bonn 1997, S. 690.
48.
Gedächtnisprotokoll: Ablaufplan Güstrow am 13.12.1981, BStU, MfS ZOS 2441, Bl. 11.
49.
Vgl. u.a. Zentraler Operativstab, Zu einigen Erfahrungen und Erkenntnissen in Auswertung der Aktion "Dialog", Berlin, 22.1.1982, BStU, MfS ZOS, 2442, Bl. 229ff.
50.
Klaus Bölling, Die fernen Nachbarn. Erfahrungen in der DDR, Hamburg 1983, S. 162 u. 164.
51.
Helmut Schmidt, Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II, Berlin 1990, S. 80.

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