Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Tom Thieme

Mehr als ein Weltliterat

Die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker

Literatur und Schriftsteller in der DDR


Mit der Gründung der DDR begann in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone eine offene Instrumentalisierung der Literatur durch die Politik der SED. Literaten und Künstler waren zwar im "Leseland" hoch angesehen, jedoch bei den meisten Kulturfunktionären nur dann, wenn sie ihre Arbeit in den Dienst des Sozialismus stellten. So erklärte Otto Grotewohl 1951 in einer Rede mit dem bezeichnenden Titel "Die Kunst im Kampf für Deutschlands Zukunft": "Literatur und bildende Künste sind der Politik untergeordnet. [...] Die Idee in der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen. Denn nur auf der Ebene der Politik können die Bedürfnisse der Werktätigen richtig erkannt und erfüllt werden."[4] Die neue Phase der "Aufbauliteratur" sollte nicht nur frei sein von Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg, sondern vor allem die Errungenschaften und die Entwicklung des Sozialismus darstellen. Viele Literaten folgten, teilweise aus politischer Naivität, teilweise aus Angst vor Repressalien, einige aber auch aus innerer Überzeugung den Ansprüchen der Staatsführung. Der "Bitterfelder Weg" (benannt nach einer Konferenz im dortigen Kulturpalast im Mai 1959) bezeichnete die Idee Walter Ulbrichts, Arbeiter und Schriftsteller in den Fabriken zusammenzuführen und diese selbst zum Schreiben zu inspirieren. Zudem versprach sich die SED-Spitze davon eine Umerziehung der Schriftsteller als Teil des Produktionsprozesses. Die Ergebnisse waren indes kontraproduktiv. Neben einer Unmenge von literarisch wertlosen, dafür stark ideologisch aufgeladenen Produktions- und Werktätigenromanen entstand ein zunehmend kritisches Gedankengut bei zahlreichen DDR-Autoren.

Denn viele Literaten und Intellektuelle ließen sich nicht auf die ideologische Linie der Partei bringen. Sie bewahrten sich ihre Kritikfähigkeit – gegenüber der SED-Propaganda und trotz der kulturellen Isolation im Ostblock. Da es nach den Vorstellungen der Ost-Berliner Führung keinerlei Kritik an der Richtigkeit des Sozialismus geben konnte, reagierte sie mit Unverständnis auf Publikationen, die nicht im DDR-Kontext verfasst waren. Offen kritische bzw. systemfeindliche Autoren wurden zu Haftstrafen verurteilt oder nach Westdeutschland abgeschoben, vorsichtigere Kritiker mit Zensur und Veröffentlichungsverboten bestraft. Als Zäsur in die DDR-Kulturgeschichte ging das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 mit seinem kulturpolitischen Kahlschlag ein.[5] Immer wieder forderten namhafte Schriftsteller wie Stefan Heym und Christa Wolf im Rahmen von Schriftstellerbegegnungen und internationalen Symposien die Abkehr vom sozialistischen Dogmatismus in der Literatur. Die SED reagierte darauf mit einschneidenden Maßnahmen. Zahlreichen Autoren wurde die Veröffentlichung ihrer Romane untersagt, unter anderem auch Heyms Roman über den Arbeiteraufstand 1953 "Der Tag X" – 1974 erstmalig im Westen mit dem Titel "5 Tage im Juni" veröffentlicht. Literatur galt als zulässig, solange die Darstellung der Realität in keinerlei Widerspruch zu den ideologischen Vorgaben des Realsozialismus stand. Die Folge war, dass in den Jahren nach dem "Kahlschlag-Plenum" kaum ein auch nur ansatzweise kritisches Buch ohne staatliche Zensur erschien.


Fußnoten

4.
Zit.: Günther Rüther, Die deutsche Literatur – ein Bindeglied der geteilten Nation, in: Ders. (Hg.), Kulturbetrieb und Literatur in der DDR, 2. Aufl., Köln 1988, S. 7–35, hier 12.
5.
Siehe im Einzelnen Günter Agde (Hg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED, 2. Aufl., Berlin 2000, u. Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001, S. 229–239.

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