Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Christian Halbrock

Basisarbeit mit der kirchlichen Jugend und Ausbesserungen am Kirchendach

Die Ost-West-Treffen der evangelischen Kirche in der DDR

"Exzellente Kontakte"


Die Ost-West-Treffen verwiesen ergänzend zu den materiellen Lieferungen zunächst darauf, was der eigentliche Ausgangspunkt, der Sinn und das Anliegen der kirchlichen Ost-West-Partnerschaften waren – die Verbindungen zwischen den Menschen über die innerdeutsche Grenze hinweg aufrechtzuerhalten und das Bewusstsein für die Lebenssituation der bedrängten Gemeinden in der DDR zu schärfen. Für die West-Gemeinden waren die Unterstützung und der Besuch im Osten nicht nur eine Art Landpartie in einer dem bundesdeutschen Bürger immer fremder werdenden Welt. Sie waren vor allem ein Bekenntnis und ein Akt der gelebten Solidarisierung. Für die Ost-Gemeinden bedeutete dies vor allem eine Bestärkung im DDR-Alltag, in dem Christen sich nicht selten diskriminiert fühlten. Verbunden war dies mit der Botschaft, dass es außerhalb ihrer von der SED diktierten Wirklichkeit noch eine andere Art von Normalität gab, in der Kirche und der christliche Glauben akzeptiert und geachtet wurden.

Zudem stellten die Ost-West-Treffen mit dem dazugehörigen Besuch der Gäste aus dem Westen im Osten innerkirchlich eine Art ausgleichende Gerechtigkeit her, soweit wie dies möglich war. Das Privileg, in den Westen reisen zu dürfen, zählte in der DDR zu den vom SED-Staat bewirtschafteten und gezielt eingesetzten Ressourcen, die immer auch einem politischen Zweck zu dienen hatten. Die SED setzte dieses Mittel, das Reiseprivileg, gezielt ein, um ihr loyal erscheinende Theologen und Kirchenvertreter zu begünstigen, oder verband hiermit zumindest die Hoffnung auf ein entsprechendes Wohlverhalten. Den somit Privilegierten erwuchs dadurch – zusätzlich zu den Reiseeindrücken und Erfahrungen – ein unschätzbarer ideeller Vorteil, der sich auch auf ihre Chancenwahrnahme im innerkirchlichen Bereich auszuwirken vermochte. Gesprächskontakte, die durch Besuche erneuert werden konnten, innerkirchliche Einsichten, die sich nicht aus der Ferne gewinnen ließen und die Teilhabe an den neuesten theologischen Diskursen im Westen erbrachten einen Vorteil, der schwer aufzuwiegen war.

Pfarrer Horst Kasner, Mitwirkender im DDR-unkritischen bis SED-freundlichen Weißenseer Arbeitskreis und wohl auch aufgrund seiner dortigen Kontakte zu Albrecht Schönherr Leiter des Pastoralkollegs in Templin, mag als ein solches Beispiel angeführt werden. Horst Kasner, so schrieb Werner Krätschell in seinem jüngst erschienenen Nachruf, bereicherte Dank seiner "exzellenten Kontakte 'in den Westen' jedes Konventstreffen mit Informationen."[24] Die Ost-West-Treffen ihrerseits verbreiterten innerkirchlich die Zugangsbasis zu jener Ressource und sicherten, dass nicht nur eine bestimmte kleine Gruppe von Kirchenvertretern über einen Zugang zu den Westkirchen verfügte.

Hervorzuheben sind die Breite und die hohe Zahl der kirchlichen Ost-West-Kontakte, die es nahe legen, fast von einer Bewegung zu sprechen: von einer Bewegung des inneren Aufbegehrens und des Drangs, aus der Belanglosigkeit des DDR-Alltags für einige Stunden auszubrechen. Denn nicht zuletzt dies versprachen die Ost-West-Begegnungen, ein Stück Exklusivität im DDR-Alltag, die Möglichkeit, an Themen und Meinungen teilhaben zu können, die sonst nicht und nicht so unmittelbar zu vernehmen waren. Auch entstanden hieraus immer wieder Brieffreundschaften bis hin zu einer Reihe deutsch-deutscher Ehen.

Ost-West-Kontakte gab es auf allen kirchlichen Ebenen: zwischen einzelnen Gemeinden, aber ebenso zwischen den Studentengemeinden, die hierbei besonders aktiv waren, ebenso zwischen den kirchlichen Posaunenwerken, Kirchenchören und anderen. Der Kirchenchor der evangelischen Gemeinde Ludwigsfelde in Brandenburg unterhielt zum Beispiel eine enge Verbindungen zu einem Kirchenchor in Baden-Württemberg, was immer auch den Vorteil hatte, dass man an gutes Notenmaterial herankam. Man führte bei den Besuchen der Südwestdeutschen gemeinsame Konzerte in der sozialistischen Industriestadt durch, zu denen allerdings nicht öffentlich mit Plakaten eingeladen werden durfte.[25]

Nach dem Passierscheinabkommen Ende 1963 trafen sich in der Ost-Berliner Golgatha-Gemeinde mindestens einmal jährlich bis zu hundert Frauen aus Ost und West zu den "Berliner Gesprächen". Einzelne reisten bis aus Greifswald hierzu an, unter den West-Frauen stammten einige aus Tübingen oder auch aus Dortmund. Neben geschmuggelter Literatur, die hier die Besitzerinnen wechselte, gab es auf den Tagungen eine Bibelarbeit, dann einen Bericht zur Lage der Kirche in der DDR und Vorträge. Vorgetragen haben hier unter anderem Hilde Domin, Heinrich Albertz, Kurt Scharf oder auch Christa Wolf.[26]

Allein im Bezirk Rostock, so vermeldete es die MfS-Bezirksverwaltung 1988, existierten in den dortigen 216 Kirchengemeinden 200 "Partnerschaftsbeziehungen in das NSW, hauptsächlich zu Kirchgemeinden der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche und der Bremischen Evangelischen Kirche der BRD."[27] Hinzu kamen Kontakte zur Niederländisch Reformierten Kirche und vor allem – hier im Norden – zu den Lutheranern in Dänemark und Schweden.


Fußnoten

24.
Werner Krätschell, Unvergessliche Meditationen, in: Mecklenburgische und Pommerische Kirchenzeitung, 11.9.2011, S. 6.
25.
"Sterne am Himmel. Die Dorfkirche im Zentrum der Arbeiterstadt Ludwigsfelde ist eine der wenigen Kirchen, die in der DDR neu gebaut worden sind", in: Die Kirche, 7.8.2011, S. 7.
26.
Cornelia Gerlach, Es ist genug. Zum ersten Mal trafen sie sich 1960. Nun finden die "Berliner Gespräche" von Frauen aus Ost und West ein Ende, in: Die Kirche, 4.10.2009, S. 3.
27.
MfS, BV Rostock, Information Nr. 130/88 über die Partnerschaftsarbeit von Gemeinden der evangelischen Kirchen [...], Rostock 5.12.1988, BStU, MfS, BV Rostock, Abt. XX, Nr. 501, T. 1, Bl. 3–7, hier 3. – NSW: Nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet.

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