Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Hermann Wentker

Die Zäsur des Mauerbaus im Kalten Krieg und in der deutsch-deutschen Geschichte

I. Der Ort des Mauerbaus im Kalten Krieg


Soldaten der Volkspolizei (dunkle Uniform) und Nationalen Volksarmee (NVA) überwachen den Bau der Mauer am Potsdamer Platz, 13. August 1961.Soldaten der Volkspolizei (dunkle Uniform) und Nationalen Volksarmee (NVA) überwachen den Bau der Mauer am Potsdamer Platz, 13. August 1961. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00007085)
Der Mauerbau bildete den Höhepunkt, aber nicht den Abschluss der im November 1958 mit dem bekannten Ultimatum Nikita Chruschtschows an die Westalliierten ausgelösten Zweiten Berlinkrise. Binnen sechs Monaten, so Chruschtschow, sollten diese ihre Truppen aus Berlin abziehen und die Umwandlung West-Berlins in eine Freie Stadt zulassen; wenn dies nicht geschehe, werde die Sowjetunion ihre Hoheitsrechte in Berlin und an den Zugängen zu Berlin der DDR-Regierung übertragen und einen separaten Friedensvertrag mit der DDR unterzeichnen.[3] Damit versuchte Chruschtschow an einem neuralgischen Punkt des Kalten Krieges eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu erzwingen: Er suchte geradezu die Konfrontation mit der anderen Supermacht und war davon überzeugt, sich durchsetzen zu können. Die Berlinkrise war indes nur eine von vielen Krisen, die in den Jahren von 1958 bis 1963 die Welt erschütterten; will man den Stellenwert des Mauerbaus im Kalten Krieg bestimmen, müssen die weltpolitischen Krisen dieser Jahre insgesamt in den Blick genommen werden, die alle im Kontext des Kalten Krieges wahrgenommen wurden.

Das galt bereits für die Nahostkrise des Jahres 1958, die mit einem Putsch gegen den irakischen König Faisal begann und mit einer Intervention Großbritanniens und der USA im Libanon sowie einer Interventionsdrohung Moskaus ihre Fortsetzung fand. Die Beschießung der zu Taiwan gehörenden Inseln Quemoy und Matsu durch die Volksrepublik China im August 1958 löste Befürchtungen aus, dass der kriegerische Konflikt zwischen Rot- und Nationalchina erneut aufflammen könnte, sodass der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower Peking mit dem Einsatz von Atomwaffen drohte. Auch die Kongokrise der Jahre 1960/61 infolge des belgischen Rückzugs aus dem riesigen, rohstoffreichen mittelafrikanischen Land war nicht nur ein regionales Ereignis. Indem die Sowjetunion den ersten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba und die USA dessen Widersacher Oberst Joseph Mobutu unterstützten, erhielten auch diese innerstaatlichen Vorgänge Relevanz für die weltpolitische Auseinandersetzung zwischen Washington und Moskau. Gleichwohl ragen aus diesen und anderen Krisen jener Jahre zwei deutlich heraus: die Zweite Berlinkrise und die Kubakrise von 1962.[4]

Berlinkrise und Kubakrise

Denn in beiden Krisen waren als Akteure die beiden Supermächte direkt involviert, und es ging um einen möglichen Einsatz von Nuklearwaffen – kurzum: In beiden Fällen drohte, aus dem Kalten ein heißer Krieg zu werden. Lässt sich daher von einer Doppelkrise sprechen? Bestand ein innerer Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Berlin und Kuba? Beiden Krisen gemeinsam war ihre Auslösung durch den Ersten Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, aus zwar verwandten, insgesamt aber unterschiedlichen Motiven. Diese lassen sich, soweit das angesichts der bisherigen Forschungen möglich ist, wie folgt zusammenfassen.

In Berlin ging es Chruschtschow vor allem darum, mittels eines geänderten Status von West-Berlin die DDR zu stabilisieren, die aufgrund der massenhaften Abwanderung von gut ausgebildeten, leistungsfähigen Menschen in die Bundesrepublik einem ständigen Aderlass und einem erheblichen Legitimationsdefizit ausgesetzt war. Hinzu kamen Sorgen angesichts der damals diskutierten Frage, ob die Bundesregierung im Rahmen des westlichen Bündnisses auch über Kernwaffen verfügen sollte. Bei all dem sah Chruschtschow in seinen Berlin-Forderungen einen Hebel, mit dem die Westmächte an den Verhandlungstisch zurückgebracht werden sollten, wo er der Lösung der deutschen Frage von einer Position der Stärke aus näher kommen wollte. Und schließlich wollte er insbesondere seinen Kritikern demonstrieren, dass sein Kurs "friedlicher Koexistenz" nicht mit Schwäche zu verwechseln war. Das galt besonders für die chinesische Führung, die er noch im September von einer Besetzung von Quemoy und Matsu abgehalten hatte: Das Berlin-Ultimatum sollte also auch der Festigung des sowjetisch-chinesischen Zusammenhalts dienen.[5]

In der Karibik ging es Chruschtschow zuallererst um die Sicherheit Kubas, dessen "Revolution" durch die USA bedroht war. Nuklearraketen sollten Washington von Militäraktionen wie der vom April 1961 abhalten und notfalls zur Verteidigung eingesetzt werden. Hätte Chruschtschow mit seinem Coup auf Kuba Erfolg gehabt, wäre, zweitens, die sowjetische weltpolitische Position deutlich verbessert worden: Sowjetische Mittelstreckenraketen, die amerikanische Städte bedrohten, konnten die sowjetische Unterlegenheit bei den Interkontinentalwaffen ansatzweise ausgleichen. Insgesamt hoffte Chruschtschow auf eine Verschiebung auch der politischen und psychologischen Balance zu seinen Gunsten. Drittens wäre ein solcher Erfolg mit Blick auf China von doppelter Bedeutung gewesen: Denn zum einen konnte Chruschtschow auch damit demonstrieren, dass er gegenüber den USA zu einer Politik der Stärke bereit war und zum anderen die Kubaner von einer drohenden Anlehnung an China abbringen. Und viertens implizierte die stärkere Nuklearisierung der sowjetischen Rüstung die Möglichkeit zur Abrüstung konventioneller Waffen und zur Truppenreduzierung, sodass Mittel für Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft in der Sowjetunion frei würden.[6]

Insgesamt standen die beiden sowjetischen Vorstöße nicht in einem inneren Zusammenhang. Sie waren demzufolge nicht Teil einer durchdachten Strategie oder eines "grand design", was bei einem so sprunghaften Charakter wie Chruschtschow auch erstaunlich gewesen wäre. US-Präsident John F. Kennedy sah das anders: Er vermutete, Chruschtschow stationiere Nuklearraketen auf Kuba, um dadurch die Amerikaner in Berlin zum Nachgeben zu bewegen.[7] Ein Zusammenhang bestand freilich weniger in der Auslösung der Krisen als in deren Beendigung: Erst als die Kubakrise Ende 1962 beigelegt worden war, kam es auch zu einer schrittweisen Deeskalation der Berlinkrise. Die Sowjetunion rückte nun in den Berlin-Gesprächen mit den USA mehr und mehr von ihren Positionen ab, bevor diese im Oktober 1963 unter stillschweigender Akzeptanz des Status quo beendet wurden.[8]

Gleichwohl handelte es sich nicht um eine Doppelkrise, sondern um zwei separate Krisen mit unterschiedlichen Ausgangs- und Endphasen. Eine separate Behandlung und ein Vergleich der Krisen ist also nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar geboten, wenn es um die Bewertung des Mauerbaus in seiner Bedeutung für den Kalten Krieg geht.

Im Mittelpunkt dieser vergleichenden Überlegungen steht die nukleare Dimension, die beide Krisen zweifellos besaßen, die aber von unterschiedlicher Bedeutung war. Zu Beginn der 1960er-Jahre bestand ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen der Sowjetunion und den USA bei den einsatzfähigen Nuklearwaffen, also bei Atombomben oder -sprengköpfen, die mittels Raketen ins Ziel gebracht werden konnten. Wenn aus der Berlinkrise ein Krieg um Berlin geworden wäre, hätte folglich die Gefahr bestanden, dass die USA angesichts ihrer konventionellen Unterlegenheit in Mitteleuropa Nuklearwaffen eingesetzt hätten. Chruschtschow hatte zur Unterstützung seines ersten Berlin-Ultimatums vom November 1958 lediglich eine mit atomaren Mittelstreckenraketen bewaffnete Brigade in die DDR entsandt; über Interkontinentalraketen verfügte er jedoch nicht. Bis Anfang 1962 hatte sich diese Situation nur leicht verändert: Nun waren fünf Startanlagen für die sowjetischen Interkontinentalraketen vom Typ R-7 fertig; hinzu kam ein Dutzend Fernbomber.[9] Die USA hingegen verfügten damals über 229 Interkontinentalraketen. Wenn Chruschtschow daher im Verlauf der Berlinkrise mit dem Einsatz von Nuklearwaffen drohte, war dies ein Bluff – ein Bluff, den er allerdings wirkungsvoll mit überirdischen Atomwaffentests unterstützte: Anfang September 1961 ließ er 15 solcher Tests durchführen, am 30. Oktober folgte der Test einer Superbombe mit einer Sprengkraft von 50 Megatonnen über Nowaja Semlja. Doch es ging Chruschtschow nicht nur um Bluff: Während der Berlinkrise wurden von ihm umfangreiche Rüstungsprogramme aufgelegt, gerade im strategischen Bereich; jetzt begann die sowjetische Aufrüstung bei den Interkontinentalwaffen. Hinzu kam, dass sowohl für die westlichen als auch für die östlichen Krisenszenarien nun Nuklearwaffen zentrale Bedeutung erhielten. Die Kommandostabsübung "Burja" des Warschauer Pakts vom Herbst 1961 belegt für die sowjetische Militärdoktrin diesen Strategiewechsel von der Verteidigung zur Offensive, unter massivem Einsatz von Nuklearraketen. Gleichwohl war sich Chruschtschow der eigenen nuklearen Unterlegenheit bewusst, sodass er sein im Juni 1961 erneuertes Ultimatum am 27. Oktober öffentlich zurücknahm.[10]

Wenngleich also die Berlinkrise eine nukleare Dimension besaß, stand diese nicht im Mittelpunkt des Geschehens – es ging vielmehr um die Präsenz der drei Westmächte in der geteilten Stadt. Ganz anders die Kubakrise, bei der die Atomraketenstationierung zu einem Mittel der sowjetischen Politik wurde:
Die Luftaufnahme des US-Verteidungsministeriums zeigt das Entladen sowjetischer Raketen im Hafen von Mariel auf Kuba, 5. November 1962.Die Luftaufnahme des US-Verteidungsministeriums zeigt das Entladen sowjetischer Raketen im Hafen von Mariel auf Kuba, 5. November 1962. (© AP)
Hier ging es zum einen um die Atomraketen, die am 14. Oktober 1962 von einem U-2-Beobachtungsflugzeug auf Kuba entdeckt worden waren, und zum anderen um die Waffen, die auf sowjetischen Schiffen noch dorthin verbracht werden sollten. Da mit diesen Raketen Städte in den USA direkt bedroht werden konnten, hätten sich dadurch für die Sowjetunion ganz andere Erpressungs-möglichkeiten als im Hinblick auf Berlin ergeben. Hinzu kam, dass die Berlinkrise sich in einem vergleichsweise langen Zeitraum abspielte, in dem sich Spannungs- und Entspannungsphasen abwechselten, während sich die US-Führung durch die sowjetischen Atomraketen vor der eigenen Haustür zu einem raschen Handeln genötigt sah. Dies und die Unberechenbarkeit der sowjetischen Reaktion erhöhten die Gefahr eines Kriegsausbruchs erheblich. Kurzum: Die Kubakrise war weitaus gefährlicher als die Berlin-Krise. Gerade deshalb ließ es Chruschtschow nicht zum Äußersten kommen: Am 24. Oktober hielten die sowjetischen Schiffe, die weitere Raketen an Bord hatten, kurz vor der Quarantäne-Linie an und respektierten damit die Blockade, die Kennedy über Kuba verhängt hatte.

Mauerbau und Raketenabzug

Welche Bedeutung hatte vor diesem Hintergrund nun der Bau der Berliner Mauer und die Beendigung der Kubakrise? Der Mauerbau war, wie bereits erwähnt, nicht das Ende der Berlinkrise. Er bedeutete aber ein Eingeständnis der sowjetischen Seite, ihre im Berlin-Ultimatum formulierten Ziele nicht erreicht zu haben, obwohl Chruschtschow gegenüber Ho Chi Minh das Ganze als Voraussetzung für einen großen Sieg des ganzen sozialistischen Lagers bezeichnete. In der Tat hoffte Chruschtschow weiterhin, seine Ziele mittels Drohungen und Verhandlungen erreichen zu können. Gleichwohl führte der Mauerbau zu einer Beruhigung der Lage in Berlin, da der Westen mit dieser Situation gut leben konnte. Kennedys Bewertung lautete bekanntermaßen: "It's not a very nice solution, but a wall is a hell of a lot better than a war."[11]

Der US-Zerstörer "Barry" und ein US-Patrouillenflugzeug versuchen den sowjetischen Frachter "Anosov" im Atlantischen Ozean an seiner Fahrt nach Kuba zu hindern. Auf dem Frachter vermuten die US-Amerikaner Mittelstreckenraketen für den Karibikstaat. 10. November 1962.Der US-Zerstörer "Barry" und ein US-Patrouillenflugzeug versuchen den sowjetischen Frachter "Anosov" im Atlantischen Ozean an seiner Fahrt nach Kuba zu hindern. Auf dem Frachter vermuten die US-Amerikaner Mittelstreckenraketen für den Karibikstaat. 10. November 1962. (© AP)
Am Ende der Kubakrise stand eine amerikanisch-sowjetische Übereinkunft, derzufolge die sowjetischen Atomraketen aus Kuba abgezogen wurden und die USA sich gleichzeitig verpflichteten, Kuba nicht anzugreifen. Hinzu kam die geheime Zusage Washingtons, die in der Türkei stationierten Mittelstreckenraketen abzuziehen. Angesichts der Ausgangssituation auf beiden Seiten waren das bemerkenswerte Zugeständnisse: Kennedy verzichtete auf einen Umsturz der Verhältnisse auf der Karibikinsel vor der amerikanischen Küste und stimmte ebenfalls zu, einem an die Sowjetunion grenzenden NATO-Partner den Schutz durch US-Raketen zu entziehen. Chruschtschows Konzessionen waren noch größer. Er verzichtete nicht nur auf seine weitreichenden Stationierungspläne in Kuba, sondern nahm das Odium einer öffentlichen Niederlage in Kauf: Nicht Prestigegewinn, sondern ein erheblicher Prestigeverlust stand für ihn am Ende der Kubakrise. Die einzige Erklärung für diese Abkehr von einer risikofreudigen, ja leichtsinnigen Politik hart am Rande eines Nuklearkriegs ist, dass beide Staatsmänner in den Abgrund eines solchen Krieges geschaut hatten. Die Kubakrise, so John Lewis Gaddis, "brachte allen Beteiligten – möglicherweise mit Ausnahme [Fidel] Castros [...] – zu Bewusstsein, dass die während des Kalten Krieges beiderseits des Eisernen Vorhangs entwickelten Waffen eine größere Gefahr für beide Seiten darstellten als die USA und die Sowjetunion füreinander."[12] Daher führte nicht der Mauerbau, sondern die Übereinkunft nach der Kubakrise zu einem länger andauernden Waffenstillstand zwischen den beiden Supermächten.

Damit ist bereits die langfristige Bedeutung des Mauerbaus und der Kubakrise angesprochen. Was den Mauerbau betrifft, so ist die These vertreten worden, dass mit diesem Ereignis die Konflikte zwischen Ost und West in die Dritte Welt verlagert worden seien.[13] Auf den ersten Blick erscheint dies plausibel: Nachdem beide Supermächte erkannt hatten, dass in Europa die Machtsphären endgültig abgesteckt waren, konzentrierten sie ihre Energien auf Asien, Afrika und Lateinamerika, wo sich in der Tat die Konflikte nach 1960/61 intensivierten. Doch dieser Eindruck hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Eine Ausdehnung des Kalten Krieges auf die Dritte Welt fand bereits in den 1950er-Jahren mit dem beginnenden Vietnam-Engagement der USA und dem sowjetischen Ausgreifen in den Nahen Osten statt. Verstärkt wurde dies durch Chruschtschow, der sich in einer viel beachteten Rede am 6. Januar 1961 – also noch vor dem Mauerbau – zu einer Unterstützung der nationalen Befreiungskriege in der Dritten Welt bekannte.[14] Deren Hintergrund war die Entkolonialisierung, die ab 1960 insbesondere in Afrika in Riesenschritten vorankam. Da sich die USA den sowjetischen Vorstößen in die Dritte Welt entgegengestellten, wurde letztere mehr und mehr in den Kalten Krieg hineingezogen. Die langfristigen Folgen des Mauerbaus beziehen sich sehr viel mehr auf die Rolle, die Berlin und die Deutsche Frage für den Kalten Krieg spielten. Da sich die von Chruschtschow als provisorisch gedachte Lösung als dauerhaft erwies, wurde der Krisenherd Berlin durch den Mauerbau stillgelegt. Berlin stand damit – genau wie die Deutsche Frage – nicht länger im Brennpunkt der Weltpolitik.

Das wiederum hing mit den langfristigen Folgen der Kubakrise eng zusammen. Bereits am 30. Oktober 1962 schlug Chruschtschow Kennedy ein Teststoppabkommen sowie einen Nichtangriffspakt zwischen NATO und Warschauer Pakt vor. In den folgenden Monaten kam er in seinen Briefen an den Präsidenten immer wieder auf diese Gedanken zurück, stieß damit jedoch zunächst auf Missachtung: Wie sollte Kennedy auch jemandem trauen, der vor der amerikanischen Entdeckung der Raketenabschussrampen auf Kuba deren Existenz geleugnet hatte?[15] Doch à la longue ließ sich der Präsident, der sich in der stärkeren Position befand, auf eine positive Reaktion ein. Am 10. Juni 1963 hielt er in der American University eine Rede, in der er das gemeinsame Interesse der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie ihrer jeweiligen Verbündeten an einem gerechten und wirklichen Frieden hervorhob. Beide Atommächte müssten, so Kennedy, "bei gleichzeitiger Wahrung ihrer eigenen Lebensinteressen, solche Konfrontationen vermeiden, die einem Gegner nur die Wahl zwischen einem demütigen Rückzug oder einem Atomkrieg lassen." Als erste Maßnahmen nannte er einen direkten Draht zwischen Moskau und Washington, Bemühungen zur Rüstungskontrolle und den Abschluss eines Abkommens über die Einstellung von Kernwaffenversuchen.[16] Das war die entscheidende Wende von der Konfrontation zur Détente. Die Kubakrise entpuppte sich also im Nachhinein als "Katalysator der Entspannungspolitik".[17] Weil die ungelöste Berlin- und Deutschlandfrage diesem Umschwung der Weltpolitik entgegenstanden, war den Supermächten sehr daran gelegen, dass sich an dem mit der Berliner Mauer zementierten Status quo auch nichts änderte.

All dies bedeutete freilich nicht das Ende des Kalten Krieges. Das atomare Wettrüsten wurde fortgesetzt: Die Sowjetunion zog aus ihrer nuklearen Unterlegenheit die Konsequenz, nun massiv aufzurüsten, gerade bei den Interkontinentalraketen, bis sie gegen Ende der 1960er-Jahre mit den USA ungefähr gleichgezogen hatte. Die Stellvertreterkriege in der Dritten Welt gingen ebenfalls weiter, denn keine Seite gab diese Auseinandersetzung auf, die zu Recht von George Bush sen. als "ein Kampf um die Seele der Menschheit" bezeichnet worden ist.[18] Eingeleitet wurde damals allerdings eine Formverwandlung dieser Auseinandersetzung: "Der Kalte Krieg als Détente" – so hat Klaus Hildebrand beides in einer Formel zusammengebracht.[19]


Fußnoten

3.
Das Berlin-Ultimatum war in einer Note der UdSSR an die Westmächte v. 27.11.1958 enthalten; dok.: Dokumente zur Deutschlandpolitik (DzD), Bd. IV/1, Frankfurt a. M./Berlin 1971, S. 163–177.
4.
Vgl. Georges-Henri Soutou, La guerre de Cinquante Ans. Le conflit Est-Ouest 1943–1990, Paris 2001, S. 358–360, 367f.
5.
Vgl. Hope M. Harrison, Driving the Soviets up the Wall. Soviet-East German Relations 1953–1961, Princeton 2003, S. 114–116; Vladislav Zubok, Khrushchev and the Berlin Crisis (1958–62), 1993 (CWIHP, Working Papers; 6) S. 2–6; Gerhard Wettig, Chruschtschows Berlin-Krise. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006, S. 13f.
6.
Vgl. James J. Hershberg, The Cuban Missile Crisis, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (eds.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 69f.
7.
Vgl. James J. Hershberg, The Cuban Missile Crisis, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (eds.), The Cambridge History of the Cold War, Bd. 2, Cambridge 2010, S. 69f.
8.
Vgl. Gerhard Wettig, Chruschtschows Berlin-Krise. Drohpolitik und Mauerbau, München 2006, S. 273f.
9.
Vgl. Matthias Uhl, Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008, S. 1f.
10.
Vgl. Matthias Uhl, Krieg um Berlin? Die sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik in der zweiten Berlin-Krise 1958 bis 1962, München 2008, S. 155–181, 234–237.
11.
Zit.: Robert J. MacMahon, The Cold War. A Very Short Introduction, Oxford 2003, S. 85.
12.
John Lewis Gaddis, Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, 2. Aufl., München 2009, S. 102.
13.
So Bernd Stöver, Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991, München 2007, S. 130, 144.
14.
Auszüge aus der Rede in: Jussi Hanhimäki/Odd Arne Westad (eds.), The Cold War. A History in Documents and Eyewitness Accounts, Oxford 2003, S. 358–360.
15.
Vgl. Melvyn P. Leffler, For the Soul of Mankind. The United States, the Soviet Union, and the Cold War, New York 2007, S. 158–182.
16.
Die Rede in deutscher Übersetzung in: DzD, Bd. IV/9, Frankfurt a. M. 1978, S. 382–388, zit. 385.
17.
So Hermann-Josef Rupieper, Auswirkungen der Berlin- und Kubakrise auf die Strategie der UdSSR und der USA in der weiteren Blockkonfrontation, in: Dimitrij N. Filippovych/Matthias Uhl (Hg.), Vor dem Abgrund. Die Streitkräfte der USA und der UdSSR sowie ihrer deutschen Bündnispartner in der Kubakrise, München 2005, S. 128.
18.
Zit.: Melvyn P. Leffler, For the Soul of Mankind. The United States, the Soviet Union, and the Cold War, New York 2007, S. 3.
19.
Klaus Hildebrand, Der Kalte Krieg als Détente. Die Phänomenologie der Staatenwelt während der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts, in: Karl Dietrich Bracher u.a. (Hg.), Politik, Geschichte und Kultur. Wissenschaft und Verantwortung für die res publica, Bonn 2009, S. 111–125.

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