Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Armin Wagner

Geheimdienste in Ost und West

"Im Schatten des Dritten Reiches"


Im Schatten des Dritten ReichesIm Schatten des Dritten Reiches (© Ch. Links Verlag)
In solcher Breite und Tiefe ist längst nicht bekannt, wie die Bundesrepublik Deutschland im Kalten Krieg in Spionage, Gegenspionage und Spionageabwehr agiert und reagiert hat, geschweige denn, dass systematische Kenntnis über das Personal von Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz existierte. Die persönliche Überlieferung des ehemaligen Abwehr- und BND-Agenten Richard Christmann hat es Matthias Ritzi erlaubt, eine Dissertation über die Auseinandersetzung zwischen französischem und deutschem Geheimdienst zwischen 1936 und 1961 zu schreiben[6]. Wohl unter dem Einfluss des bekannten Publizisten Erich Schmidt-Eenboom ist daraus eine Fallstudie geworden, die Aufklärung über die NS-Vergangenheit von BND-Mitarbeitern ebenso reklamiert wie über aktive Maßnahmen des Bonner Geheimdienstes in Nordafrika.

Doch der fesselnde Lebenslauf des 1905 im damals deutschen Metz Geborenen will nicht wirklich in dieses Raster passen. Christmann geriet in jungen Jahren gegen seinen Willen in die Fremdenlegion, wo er Dienst in Nordafrika leisten musste. Nach fast sieben Jahren Ende 1932 entlassen, kam er in Deutschland über persönliche Kontakte in den Dienst des Amtes Ausland/Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris und entging so gleichermaßen der Überwachung durch die Gestapo – die allen ehemaligen Legionären misstraute – wie der Einberufung zur Truppe. In Frankreich wurde Christmann ab 1940 zum "Araberspezialisten" der Abwehr und später beim sogenannten "Englandspiel", einem funktechnischen Täuschungsmanöver gegen den britischen Geheimdienst, eingesetzt. Christmann war nicht "Bauer", sondern durchaus "Läufer" in diesem Spiel (79) – aber eben kein Nazi, weder NSDAP- noch SS-Mitglied, ohne Sympathien für Gestapo und SD: eben kein Klaus Barbie, Alois Brunner, Franz Rademacher oder Walther Rauff, die später alle irgendwann für Reinhard Gehlen arbeiteten; auch kein Rassist, vielmehr ein Mann, der die französische Politik ablehnte, womöglich hasste, aber das Pariser savoir-vivre sehr wohl zu schätzen wusste; der – ganz im Kleinen und ohne dadurch als Widerständler gelten zu dürfen – sogar in Einzelfällen vom Nazi-Regime Bedrohten half. So deutlich immer mehr wird, wie viele widerwärtige NS-Verbrecher von Pullach beschäftigt wurden, so wenig taugt gerade Christmann als Beispiel dafür: Die Arbeit für Organisation Gehlen und BND stellt zwar seine frühere Tätigkeit für die Abwehr in eine professionelle Kontinuität, aber soweit absehbar fehlen bei ihm die politische Affinität zum Nationalsozialismus und die Beteiligung an Kriegsverbrechen oder an Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nach dem Krieg holte sein ehemaliger Führungsoffizier Christmann zur Organisation Gehlen, für die er zunächst im Saarland operierte, aufgrund seiner Vita allerdings "geborener" BND-Resident für den Maghreb war. 1956 schickte ihn der Bundesnachrichtendienst daher nach Tunis, wo er rasch beste Kontakte zu den Spitzen von Politik und Sicherheitsapparat aufbauen konnte. Gleiches gelang ihm zur im Februar 1957 dorthin geflüchteten Führung der algerischen Befreiungsbewegung FLN. Die Haltung der Bundesrepublik im Algerienkrieg war ambivalent, Bonn lavierte zwischen der Befreiungsbewegung und der französischen Kolonialmacht. Der BND unterhielt – das war schon vor diesem Buch bekannt – Kontakte sowohl zur FLN als auch nach Paris und wohl auch zur abtrünnigen Geheimorganisation OAS.[7] Christmanns Sympathien waren klar vergeben: Er organisierte Sanitätslogistik und weitere Hilfe für die FLN. Doch ist er wiederum kein besonders guter Kronzeuge für das unbestrittene Engagement Pullachs im Algerienkrieg. Schließlich warf ihm nämlich der BND vor, zu sehr mit der FLN zu fraternisieren und den notwendigen objektiven Blick verloren zu haben, mithin gravierende professionelle Schwächen zu zeigen – was ein wesentlicher Grund für die Beendigung des gemeinsamen Dienstverhältnisses war.

Von den interpretatorischen Unstimmigkeiten oder Überzeichnungen abgesehen, rekonstruiert diese lesenswerte, immer wieder auch spannende Darstellung am Beispiel des ersten Gehlen-Residenten in Tunis in gelungener Weise Rückbindungen zum Geheimdienstmilieu des "Dritten Reiches" auch abseits der Rede von den "braunen Eliten" und liefert – schlaglichtartig, nicht systematisch – Hinweise zur Personalpolitik und zu Operationen Pullachs im Saarland und im Maghreb.

Indem die Autoren den von Christmann selbst bewahrten BND-Schriftverkehr nutzen konnten, leisten sie einen kleinen Beitrag für eine noch zu schreibende quellengestützte Geschichte des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes. Der Historikerkommission um Wolfgang Krieger, Rolf-Dieter Müller, Klaus-Dietmar Henke und Jost Dülffer bleibt viel zu tun, die Kenntnis über Gehlens Dienst in auch nur ansatzweise vergleichbare Höhen wie den inzwischen erreichten Stand der Stasi-Aufarbeitung zu heben.


Fußnoten

6.
Ritzi erhielt Christmanns Papiere für seine diesem Buch zugrunde liegende Dissertation von Roger Faligot, der bereits vor einem Vierteljahrhundert ein Buch über ihn veröffentlichte, das aber nicht ins Deutsche übersetzt wurde: Markus. Espion Allemand, Paris 1984.
7.
Vgl. Peter F. Müller/Michael Mueller, Gegen Freund und Feind. Der BND: Geheime Politik und schmutzige Geschäfte, Reinbek 2002, S. 302–311.

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