Beleuchteter Reichstag
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16.11.2011 | Von:
Armin Wagner

Geheimdienste in Ost und West

Für die deutsch-deutschen Beziehungen spielten die Geheimdienste in Ost und West eine bedeutende Rolle. Neue Literatur zur Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit, zu Geheimdiensten des Ostblocks, zu sowjetischen Geheimdienstmitarbeitern in Deutschland und zu "Schatten des Dritten Reiches" auf dem Bundesnachrichtendienst.

Geheimdienste in Deutschland
als Thema der Geschichtsschreibung


Sammelrezension zu:

Andreas Schmidt: Hauptabteilung III: Funkaufklärung und Funkabwehr (Anatomie der Staatssicherheit – MfS-Handbuch), Berlin: BStU 2010, 248 S., € 5,–, ISBN: 9783942130066.

Tobias Wunschik: Hauptabteilung VII: Ministerium des Innern, Deutsche Volkspolizei (Anatomie der Staatssicherheit – MfS-Handbuch), Berlin: BStU 2009, 99 S., € 5,–, ISBN: 9783942130080.

Torsten Diedrich, Walter Süß (Hg.): Militär und Staatssicherheit im Sicherheitskonzept der Warschauer-Pakt-Staaten (Militärgeschichte der DDR; 19), Berlin: Ch. Links 2010, 371 S., € 34,90, ISBN: 9783861536109.

Nikita Petrov: Die sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter in Deutschland. Der leitende Personalbestand der Staatssicherheitsorgane der UdSSR in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und der DDR von 1945–1954. Biographisches Nachschlagewerk, Berlin: Metropol 2010, 774 S., € 39,90, ISBN: 9783940938800.

Matthias Ritzi, Erich Schmidt-Eenboom: Im Schatten des Dritten Reiches. Der BND und sein Agent Richard Christmann, Berlin: Ch. Links 2011, 248 S., € 19,90, ISBN: 9783861536437.





Die Geschichte der Geheimdienste in Deutschland seit 1945 war bis vor 20 Jahren ein weithin unbestelltes Feld. Im Westen gab es die nach damaligen Maßstäben sehr gut recherchierten Arbeiten von Karl Wilhelm Fricke zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die 1971 publizierte Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) von Heinz Höhne und Hermann Zolling; im Osten die aus dem Vollen, nämlich dem Wissen der Staatssicherheit, schöpfenden Bücher von Julius Mader über die CIA, den BND und die anderen Dienste Bonns.

Mit der Konjunktur der DDR-Forschung hat sich dieser Zustand geändert. Geheimdienstgeschichte hat als Geheimpolizeigeschichte wie als Nachrichtendienstgeschichte breiten Raum gefunden. Dabei haben sich die methodologischen Standards mittlerweile erweitert: Sei es, dass das Wirken des MfS nicht nur als Teil der Herrschafts-, sondern gerade auch der Gesellschafts- und Alltagsgeschichte der DDR untersucht wird; dass die Vergleichsperspektive mit anderen Staaten des Warschauer Paktes Einzug gehalten hat; dass zunehmend mehr über das Wirken der sowjetischen Dienste in Deutschland bekannt ist. Inzwischen hat zudem die quellengestützte, seriöse Erforschung von Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz und Militärischem Abschirmdienst begonnen und mit der Einrichtung von Historikerkommissionen oder zumindest der zugesagten Freigabe von Akten seit dem vergangenen Jahr enorm an Fahrt aufgenommen.

"Hauptabteilung III"


Hauptabteilung IIIHauptabteilung III (© BStU)
Bei aller Vielfalt der Forschungsansätze und der bereits publizierten Titel leistet die Abteilung Bildung und Forschung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen mit der "Anatomie der Staatssicherheit" weiterhin Grundlagenarbeit. Großprojekte wie dieses 1993 begonnene MfS-Handbuch bedürfen eines langen Atems, und es liegt auf der Hand, dass die Arbeit daran mühselig ist: Wiewohl intensiv aus den Quellen geschöpft, wartet am Ende eben keine attraktive Monografie auf den Verfasser, auch auf eine innovative wissenschaftliche These zielt das Vorhaben nicht ab. Stattdessen ist die Rekonstruktion der MfS-Struktur in den Einzellieferungen des Handbuchs nach einem wiederkehrenden Schema aufgebaut: Auf einen zusammenfassenden Überblick zur Bedeutung und zum Aufbau der untersuchten Diensteinheit folgt eine genaue Beschreibung ihrer Organisation gegen Ende der Achtzigerjahre. Daran schließt die Entwicklungsgeschichte seit der Gründung des MfS 1950 an. Die Deskription überwiegt.

Mit der Darstellung der Hauptabteilung III, die für Funkaufklärung, Funkabwehr, Funkgegenwirkung und Funkkontrolle zuständig war, hat Andreas Schmidt nun für einen der größten MfS-Bereiche eine der bisher umfangreichsten Studien des Handbuchs vorgelegt. Beinahe zwangsläufig ist die Darstellung sehr technisch; aber es gelingt Schmidt, auch mithilfe etlicher Organigramme, Abbildungen und Tabellen, seinen Text lesbar zu gestalten. Und die Organisationsgeschichte der Funkaufklärung und Funkabwehr weist auf ein wichtiges – allerdings in der ohnehin noch schmalen deutschen Geschichtsschreibung zu Geheimdiensten in besonderem Maße vernachlässigtes – Themenfeld hin, nämlich die Relevanz und Effektivität der technischen Spionage.

Der tiefe Einbruch, der dem MfS in wichtige Funknetze in der Bundesrepublik sowohl auf taktischer (Observationsfunk) als auch auf strategischer Ebene (Regierungskommunikation) gelungen ist, wird hier in seinen Konturen nachgezeichnet. In den Achtzigerjahren wurde zum Beispiel der Autotelefonverkehr des Bundespräsidenten, der Präsidenten von BND und Verfassungsschutz sowie des Generalbundesanwaltes abgehört. Das MfS scheute sich nicht, funkelektronische Aufklärungsstützpunkte unter anderem in der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, in der Handelspolitischen Abteilung in Düsseldorf, in den Botschaften in Wien und Brüssel sowie in der sowjetischen Botschaft in Bonn einzurichten. Schmidt weist allerdings auch auf die Probleme der HA III hin, die neben der Technik vor allem in der Bearbeitung des riesigen Informationsaufkommens lagen. Das beachtliche operative Geschick bei der Beschaffung von Wissen über den Gegner korrespondierte nicht mit der schon weniger ausgeprägten Fähigkeit zu dessen Aufbereitung und Analyse, zu schweigen von der hier nicht untersuchten Rezeption bei den politischen Entscheidungsträgern.

Ein Kritikpunkt kann nicht unerwähnt bleiben: In BStU-Veröffentlichungen sollte nicht, wie hier durchgängig, von "Westberlin" die Rede sein. Das ist Sprachgebrauch der DDR, mit dem seinerzeit suggeriert wurde, es gäbe entgegen dem im Londoner Protokoll von 1944 vereinbarten Viermächtestatus zwei Städte Berlin: die "Hauptstadt der DDR" und den Westteil der Stadt als "selbständige politische Einheit". Es sollte daher gerade im wissenschaftlichen Sprachgebrauch, sofern nicht aus Quellen zitiert wird, stets Berlin (West) oder West-Berlin heißen.

"Hauptabteilung VII"


Hauptabteilung VIIHauptabteilung VII (© BStU)
Der Beitrag von Tobias Wunschik über die Hauptabteilung VII, verantwortlich für die Überwachung des Ministeriums des Innern (MdI) und der Deutschen Volkspolizei (DVP), hat einen ähnlichen Zuschnitt und Umfang wie die schon 2004 veröffentlichte Lieferung über die Hauptabteilung I zur Absicherung von Nationaler Volksarmee (NVA) und Grenztruppen[1]. Beide Bände zeigen die (gewollten) Grenzen des Handbuch-Projekts: Organisations- und Strukturgeschichte und viele Zahlen zu hauptamtlichen und Inoffiziellen Mitarbeitern, zu Operativen Personenkontrollen und Operativen Vorgängen dominieren. Arbeitsweise und Alltag werden nur angedeutet.

Als "Scharnier zwischen der Geheimpolizei und der Volkspolizei" (3) nahm die Linie VII eine Schlüsselposition bei der Organisation der inneren Sicherheit im SED-Staat ein. Mit der beiderseitigen Zuständigkeit für Sicherheit und Ordnung standen DVP und Linie VII zugleich in einem Rivalitätsverhältnis.[2] Immerhin kamen selbst Stasi-Chef Erich Mielke 1962 Zweifel, ob nicht eigentlich die Volkspolizei ihre Aufgaben so lösen müsste, dass "man nicht noch einen Apparat braucht, um sie zu sichern?" (49) – doch dazu erfüllten MdI und DVP letztlich die Anforderungen des MfS an Linientreue und Zuverlässigkeit nicht hinlänglich. Erst in den Achtzigerjahren wurden die Zügel etwas lockerer gelassen. Befanden sich Mitte der Siebzigerjahre unter den fünf Stellvertretern von Innenminister Friedrich Dickel zwei aktive und zwei ehemalige inoffizielle Mitarbeiter (IM), so gab es unter den zehn wichtigsten Hauptabteilungsleitern des MdI und ihren Stellvertretern ein Jahrzehnt später nur noch einen IM. Noch etwas deutlicher hätte herausgestellt werden können, dass die Zusammenarbeit auf der obersten Führungsebene häufig nicht auf inoffizieller Basis lief, sondern qua Amt. Ein Beispiel dafür ist Generalleutnant Lothar Ahrendt, ab 1985 1. Stellvertreter von Dickel und von Mitte November 1989 bis Mitte April 1990 dessen Nachfolger. Ahrendt war unter dem Decknamen "Karl" schon 1964 als Geheimer Informator (GI/IM) angeworben worden und kooperierte seit den Siebzigerjahren offiziell mit dem MfS[3]. Unter den knapp 60.000 Volkspolizisten gab es vermutlich mehr als 5.000 IM und Geheime Mitarbeiter (GM); ungefähr jeder elfte war damit Zuträger der Stasi (bei der NVA jeder 13. Soldat oder Zivilbeschäftigte).

"Militär und Staatssicherheit"


Militär und StaatssicherheitMilitär und Staatssicherheit (© Ch. Links Verlag)
Aus zwei ganz anderen Gründen als die beiden Lieferungen zum MfS-Handbuch ist der aus einer Konferenz im Dezember 2007 hervorgegangene, institutionell vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt und der/dem Bundesbeauftragten verantwortete Sammelband über Militär und Staatssicherheit im Warschauer Pakt interessant: nämlich hinsichtlich seines forschungsökonomischen und seines methodischen Zugangs. Die hier vertretene internationale Perspektive sowohl hinsichtlich der Autoren als auch der Inhalte ist unverzichtbar, will die Forschung die einzelnen Länder des Warschauer Paktes auf ihr Verhältnis zum Moskauer Hegemon, auf Differenzen und auf Sonderwege hin fruchtbar vergleichen. Methodisch erscheint es beinahe zwingend, die kommunistischen Sicherheitsapparate Armee, Geheimdienst und übrigens auch Polizei und Paramilitär konzeptionell gemeinsam zu untersuchen, dienten sie doch in allen Ländern und ungeachtet ihrer primären Ausrichtung auf die äußere Landesverteidigung oder die innere Sicherheit dem Machterhalt der jeweiligen Staatspartei.

Der Sammelband bietet zunächst einen gelungenen Überblick von Torsten Diedrich, der am Beispiel der DDR genau diese Wechselwirkungen untersucht. Es folgen Beiträge zur UdSSR, zu Jugoslawien, Rumänien, Ungarn, Polen und Bulgarien sowie wiederholt zur DDR, in denen nicht nur die bewaffneten Organe, sondern zum Teil auch Außenpolitiken, Intra-Block-Beziehungen und Bedrohungswahrnehmungen im Warschauer Pakt thematisiert werden. Damit weist das Buch einen vielversprechenden Weg, leidet aber darunter, dass das titelgebende "Sicherheitskonzept" in den meisten Beiträgen eben nicht als Konzept erfasst wird. Außer Diedrich betrachtet nämlich kaum einer der Autoren Streitkräfte und Geheimdienste in Zusammenschau. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Militär- und Geheimdiensthistoriker oftmals zwei getrennte wissenschaftliche Communities bilden, die noch zu selten über das Feld des Nachbarn Bescheid wissen; und nicht über alle Länder des ehemaligen Warschauer Paktes ist so viel bekannt wie über die DDR.

"Die sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter
in Deutschland"


Die sowjetischen GeheimdienstmitarbeiterDie sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter (© Metropol Verlag)
In seinem Beitrag über die Versuche Moskaus, die eigenen Geheimdienste zu reformieren, liefert Matthias Uhl in dem von Torsten Diedrich und Walter Süß herausgegebenen Sammelband eine Organisationsgeschichte, welche die jeweiligen Reformschritte mit dem wechselhaften Schicksal des Führungspersonals der sowjetischen Dienste verknüpft. Mittlerweile ist aber nicht nur Näheres über die Männer der ersten Riege um Viktor S. Abakumov, Sergej N. Kruglov und Ivan A. Serov bekannt. Dass der Berliner Metropol-Verlag sich der Veröffentlichung eines voluminösen biografischen Nachschlagewerks über die Mitarbeiter sowjetischer Geheimdienste in Ostdeutschland zwischen 1945 und 1954 angenommen hat, war wohl nur dank der Unterstützung durch die Bundesstiftung Aufarbeitung und durch Memorial Deutschland möglich. Mit der Übertragung dieser Edition von Nikita Petrov ins Deutsche hat Vera Ammer eine Sisyphos-Arbeit geleistet.

Das Werk gibt einleitend einen kurzen Abriss zur Geschichte von NKVD, MGB, MVD und SMERŠ (hervorzuheben ist die Tabelle S. 22, die einen guten Überblick zur wechselnden Bezeichnung der einzelnen Geheimdienst-Abteilungen auf der Zeitachse liefert). Es folgt im ersten Teil mit etwas mehr als hundert Seiten eine systematische Darstellung zu Struktur und Stellenbesetzungen der sowjetischen Dienste bis hinunter auf Ebene der NKVD-MGB-Operativsektoren, der Abteilungen Inneres der Sowjetischen Militäradministration sowie der Spionageabwehr in den Besatzungstruppen auf Armee-Ebene. Im Anschluss folgen auf 600 Seiten über 800 vollständige und weitere 425 fragmentarische Biografien – ein Steinbruch, der es nachfolgenden Historikern überlässt, die Datenmengen nach Herkunft, Bildung und Nationalität auszuwerten sowie eine darauf fußende Analyse von Karrieremustern, Durchlässigkeit und Ausgrenzung im Personalwesen der Dienste vorzunehmen.

In der Forschungslandschaft lässt sich dieses Nachschlagewerk in zweierlei Richtungen verorten: vorrangig als Ergänzung der jüngeren Literatur zu Geheimdiensten im Machtbereich Moskaus und dem Wirken der sowjetischen Dienste in der SBZ/DDR[4], ferner als Teil der biografisch-lexikalischen Rezeption kommunistischer Lebensläufe im 20. Jahrhundert[5].

"Im Schatten des Dritten Reiches"


Im Schatten des Dritten ReichesIm Schatten des Dritten Reiches (© Ch. Links Verlag)
In solcher Breite und Tiefe ist längst nicht bekannt, wie die Bundesrepublik Deutschland im Kalten Krieg in Spionage, Gegenspionage und Spionageabwehr agiert und reagiert hat, geschweige denn, dass systematische Kenntnis über das Personal von Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz existierte. Die persönliche Überlieferung des ehemaligen Abwehr- und BND-Agenten Richard Christmann hat es Matthias Ritzi erlaubt, eine Dissertation über die Auseinandersetzung zwischen französischem und deutschem Geheimdienst zwischen 1936 und 1961 zu schreiben[6]. Wohl unter dem Einfluss des bekannten Publizisten Erich Schmidt-Eenboom ist daraus eine Fallstudie geworden, die Aufklärung über die NS-Vergangenheit von BND-Mitarbeitern ebenso reklamiert wie über aktive Maßnahmen des Bonner Geheimdienstes in Nordafrika.

Doch der fesselnde Lebenslauf des 1905 im damals deutschen Metz Geborenen will nicht wirklich in dieses Raster passen. Christmann geriet in jungen Jahren gegen seinen Willen in die Fremdenlegion, wo er Dienst in Nordafrika leisten musste. Nach fast sieben Jahren Ende 1932 entlassen, kam er in Deutschland über persönliche Kontakte in den Dienst des Amtes Ausland/Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris und entging so gleichermaßen der Überwachung durch die Gestapo – die allen ehemaligen Legionären misstraute – wie der Einberufung zur Truppe. In Frankreich wurde Christmann ab 1940 zum "Araberspezialisten" der Abwehr und später beim sogenannten "Englandspiel", einem funktechnischen Täuschungsmanöver gegen den britischen Geheimdienst, eingesetzt. Christmann war nicht "Bauer", sondern durchaus "Läufer" in diesem Spiel (79) – aber eben kein Nazi, weder NSDAP- noch SS-Mitglied, ohne Sympathien für Gestapo und SD: eben kein Klaus Barbie, Alois Brunner, Franz Rademacher oder Walther Rauff, die später alle irgendwann für Reinhard Gehlen arbeiteten; auch kein Rassist, vielmehr ein Mann, der die französische Politik ablehnte, womöglich hasste, aber das Pariser savoir-vivre sehr wohl zu schätzen wusste; der – ganz im Kleinen und ohne dadurch als Widerständler gelten zu dürfen – sogar in Einzelfällen vom Nazi-Regime Bedrohten half. So deutlich immer mehr wird, wie viele widerwärtige NS-Verbrecher von Pullach beschäftigt wurden, so wenig taugt gerade Christmann als Beispiel dafür: Die Arbeit für Organisation Gehlen und BND stellt zwar seine frühere Tätigkeit für die Abwehr in eine professionelle Kontinuität, aber soweit absehbar fehlen bei ihm die politische Affinität zum Nationalsozialismus und die Beteiligung an Kriegsverbrechen oder an Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nach dem Krieg holte sein ehemaliger Führungsoffizier Christmann zur Organisation Gehlen, für die er zunächst im Saarland operierte, aufgrund seiner Vita allerdings "geborener" BND-Resident für den Maghreb war. 1956 schickte ihn der Bundesnachrichtendienst daher nach Tunis, wo er rasch beste Kontakte zu den Spitzen von Politik und Sicherheitsapparat aufbauen konnte. Gleiches gelang ihm zur im Februar 1957 dorthin geflüchteten Führung der algerischen Befreiungsbewegung FLN. Die Haltung der Bundesrepublik im Algerienkrieg war ambivalent, Bonn lavierte zwischen der Befreiungsbewegung und der französischen Kolonialmacht. Der BND unterhielt – das war schon vor diesem Buch bekannt – Kontakte sowohl zur FLN als auch nach Paris und wohl auch zur abtrünnigen Geheimorganisation OAS.[7] Christmanns Sympathien waren klar vergeben: Er organisierte Sanitätslogistik und weitere Hilfe für die FLN. Doch ist er wiederum kein besonders guter Kronzeuge für das unbestrittene Engagement Pullachs im Algerienkrieg. Schließlich warf ihm nämlich der BND vor, zu sehr mit der FLN zu fraternisieren und den notwendigen objektiven Blick verloren zu haben, mithin gravierende professionelle Schwächen zu zeigen – was ein wesentlicher Grund für die Beendigung des gemeinsamen Dienstverhältnisses war.

Von den interpretatorischen Unstimmigkeiten oder Überzeichnungen abgesehen, rekonstruiert diese lesenswerte, immer wieder auch spannende Darstellung am Beispiel des ersten Gehlen-Residenten in Tunis in gelungener Weise Rückbindungen zum Geheimdienstmilieu des "Dritten Reiches" auch abseits der Rede von den "braunen Eliten" und liefert – schlaglichtartig, nicht systematisch – Hinweise zur Personalpolitik und zu Operationen Pullachs im Saarland und im Maghreb.

Indem die Autoren den von Christmann selbst bewahrten BND-Schriftverkehr nutzen konnten, leisten sie einen kleinen Beitrag für eine noch zu schreibende quellengestützte Geschichte des westdeutschen Auslandsnachrichtendienstes. Der Historikerkommission um Wolfgang Krieger, Rolf-Dieter Müller, Klaus-Dietmar Henke und Jost Dülffer bleibt viel zu tun, die Kenntnis über Gehlens Dienst in auch nur ansatzweise vergleichbare Höhen wie den inzwischen erreichten Stand der Stasi-Aufarbeitung zu heben.

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Fußnoten

1.
Stephan Wolf, Hauptabteilung I: NVA und Grenztruppen (MfS-Handbuch, Teil III/13), Berlin 2004. – Auch hier schleicht sich, selbst bei einem Kenner wie Tobias Wunschik, der geläufige Fehler ein, den Unterschied zwischen ZK-Sekretär und -Abteilungsleiter nicht zu beachten: Bruno Wansierski war mitnichten der Stellvertreter des für Sicherheitsfragen zuständigen ZK-Sekretärs Erich Honecker, sondern der Stellvertreter des Leiters der ZK-Abteilung für Sicherheit, Walter Borning (52).
2.
Vgl. Tobias Wunschik, Risse in der Sicherheitsarchitektur des SED-Regimes. Staatssicherheit und Ministerium des Innern in der Ära Honecker, in: DA 44 (2011) 2, S. 200–207.
3.
Vgl. BStU, MfS AIM 194/89.
4.
Vgl. Łukasz Kamiński u.a. (Hg.), Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944–1991, Göttingen 2009; Jan Foitzik/Nikita Petrow [Hg.], Die sowjetischen Geheimdienste in der SBZ/DDR von 1945 bis 1953, Berlin/New York 2009 (rezensiert in: DA 43 (2010) 1, S. 162f, u 6, 1123f).
5.
Vgl. Michael Buckmiller/Klaus Meschkat (Hg.), Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutsch-russisches Forschungsprojekt, Berlin 2007; Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004 (2. Aufl. 2008).
6.
Ritzi erhielt Christmanns Papiere für seine diesem Buch zugrunde liegende Dissertation von Roger Faligot, der bereits vor einem Vierteljahrhundert ein Buch über ihn veröffentlichte, das aber nicht ins Deutsche übersetzt wurde: Markus. Espion Allemand, Paris 1984.
7.
Vgl. Peter F. Müller/Michael Mueller, Gegen Freund und Feind. Der BND: Geheime Politik und schmutzige Geschäfte, Reinbek 2002, S. 302–311.

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