Beleuchteter Reichstag

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8.9.2011 | Von:
Dirk Moldt

Wie gründet man ein Museum?

Über die Entstehung des Jugend[widerstands]museums Galiläakirche

II.

Der Kirchenraum vor dem Umbau im Sommer 2008.Der Kirchenraum vor dem Umbau im Sommer 2008. (© Mathias Stickl)
Als Projektträgerin mietete die Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft 2008 die Kirchenräume an und startete ein erstes Projekt mit MAE-Kräften[1], für das der Autor zwei Monate nach dem Start als Honorarkraft die fachliche Anleitung übernahm. In diesem ersten Projektjahr ging es vor allem um konzeptionelle Fragen, etwa, welche Themen überhaupt infrage kommen und wie sie präsentiert werden können. Nach einem längeren Diskussionsprozess kam man – auch in Absprache mit dem Colloquium – zu dem Ergebnis, dass aufgezeigt werden soll, welche Wirkungen "große" Ereignisse der Staats- oder Weltgeschichte in den Kiezen vor Ort hervorriefen, dass aber auch hiesige Ereignisse die "große" Politik mitbestimmen konnten. So kann als Reaktion auf die Beatmusik-feindliche Politik des Staates im Herbst 1965 die Beat-Demonstration von Jugendlichen am 7. Oktober 1965 angesehen werden, die enttäuscht darüber waren, dass an diesem sogenannten "Tag der Republik" keine Beat-Bands in Friedrichshain spielen durften. Eine Initiative im Bezirk, die zu einem politischen Großereignis wurde, war der Berliner Appell, der die SED-Friedenspolitik im Frühjahr 1982 in eine Legitimationskrise führte.

Die erste bescheidene Ausstellung, die am 9. November 2008 eröffnet wurde, mutete noch wie eine Wandzeitung an, wurde aber mit großem Interesse aufgenommen. Sie besaß bereits zwei wichtige Elemente, die grundlegend zur konzeptionellen Ausstattung der Dauerausstellung gehören: Rahmen und Träger der Ausstellungstafeln bestehen aus zusammenmontierten Baugerüsten. Damit soll auf den ersten Blick vermittelt werden, dass Geschichtsdarstellungen immer konstruiert und daher stets nur als vorläufige Erklärungen und als Angebote zu verstehen sind, nie aber als unerschütterlicher Kanon feststehender Ereignisfolgen. Dahinter steckt auch die Absicht, die Besucher aufzufordern und zu ermutigen, sich selbst ein eigenes Bild von der Geschichte zu erarbeiten.

Das andere bereits seit Anfang an bestehende Gestaltungselement der Ausstellung ist das Konzept der Eventibition, das Veranstaltung und Ausstellung in ein und demselben Raum anbietet und die Besucher selbst themenfremder Vorstellungen, wie weltliche Konzerte, erreicht. Hauptsächlich bietet das Museum aber themenbezogene Veranstaltungen an: zum Beispiel einen Vortrag über Denkmäler für Wehrdiensttotalverweigerer in Deutschland im Herbst 2009 (das vom Freundeskreis der Wehrsdiensttotalverweigerer 1988 initiierte Denkmal "Dem unbekannten Deserteur", das bis 1989 vor der Samariterkirche stand, befindet sich im Besitz des Museums), "Bemalt und ungenormt. Frauen im Ostpunk" im November 2009 oder "Jugendliche im Visier des MfS" Filmpräsentation und Zeitzeugengespräch in Zusammenarbeit mit der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) im Mai 2010.

In letzter Zeit ist das Museum auch beratend und vermittelnd aktiv geworden, etwa für die Produktion des Films "Der Verrat. Wie die Stasi Kinder und Jugendliche als Spitzel missbrauchte" von Kuno Richter, der 2011 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Eine ausgesprochen spannende Veranstaltung im Wahljahr 2009 war die Podiumsdiskussion mit Direktkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien, die mit Fragen zu ihrer Geschichtspolitik konfrontiert wurden.


Fußnoten

1.
Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschägigung (MAE) (SGB II).

Ausstellung + Film

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