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31.8.2011 | Von:
Gu Sup Kang

Innere Einheit als Herausforderung der deutschen Wiedervereinigung

Zur Rolle der Erwachsenenbildung für die innere Einheit Deutschlands

3. Der Begriff "innere Einheit"

Für die Analyse der Tagungsdiskussion war es zunächst notwendig, sich mit dem Begriff "innere Einheit" zu beschäftigen, um zu erkunden, welcher theoretischer Hintergrund dem Begriff zugrundeliegt. Der Begriff "innere Einheit" wird genutzt, um den Stand des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschen im vereinigten Deutschland zu charakterisieren. Er bezieht sich auf die beabsichtigte Annäherung zwischen den ost- und westdeutschen Lebensverhältnissen bzw. deren Reflexion[8], wobei "innere Einheit" kein eingeführtes Konzept aus einem klaren sozialwissenschaftlichen Theoriezusammenhang ist, sondern etwas Offenes und Dynamisches darstellt[9]. Vielmehr könnte "innere Einheit" auch als "harmonische Integration" bezeichnet werden.[10] Mit dem Begriff "innere Einheit" werden also grundsätzlich über die strukturbezogene Dimension hinaus die soziokulturellen Aspekte des deutschen Einigungsprozesses betrachtet. Allerdings wird der Begriff dem Aspekt des tatsächlichen Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschen kaum gerecht.

Die Rede von der "Mauer in den Köpfen" drückt das negative Verhältnis zwischen beiden Seiten bzw. von Angehörigen der verschiedenen politischen Systeme des zuvor geteilten Deutschlands im vereinigten Deutschland aus und weist auf gegenseitiges Misstrauen und innere Konflikte hin. Vielfach besteht schließlich aufgrund der schlechten oder als schlecht empfundenen wirtschaftlichen Lage eine negative Einstellung gegenüber der jeweils anderen Seite. Dieses (Spannungs-)Verhältnis kann sich negativ auf die Überwindung der aus der deutschen Einheit resultierten Probleme auswirken. Um dieses schwierige Verhältnis zu bewältigen, muss eine gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen werden, in der beide Seiten einander verstehen und akzeptieren lernen und eine gemeinsame Wahrnehmung der gesellschaftlichen Lage entwickeln.

Diesen Aspekt berücksichtigt jedoch die Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit "innere Einheit" nur ungenügend. Vielmehr intendiert er häufig, dass ausschließlich die Ostdeutschen Schwierigkeiten hätten, sich in der oft als übergestülpt empfundenen Gesellschaftsstruktur des Westens zurechtzufinden, während es tatsächlich darum geht, wie die Menschen aus beiden Teilen Deutschlands miteinander harmonieren. Die "innere Einheit" kann also nicht allein durch die Ostdeutschen hergestellt werden. Auch die Westdeutschen haben einen Beitrag zu leisten – ungeachtet dessen, dass die deutsche Einheit als Beitritt der DDR zur BRD vollzogen wurde.

In diesem Sinne bedarf der Begriff "innere Einheit" in Teilen der Ergänzung. Er wird hier als ein Prozess definiert, in dem die Ost- und Westdeutschen die Vorurteile gegenüber dem jeweils Anderen korrigieren und versuchen, gemeinsam einen Weg für ein harmonisches Miteinander zu finden. "Innere Einheit" stellt also einerseits das Ziel dar und wird andererseits als ein langer Prozess ausgelegt. Dieser Prozess könnte zur Schaffung eines Konsens' über die aktuelle gesellschaftliche Lage und zu einem harmonischen Leben der Ost- und Westdeutschen beitragen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Erwachsenenbildung/Weiterbildung bei der Begleitung der deutschen Vereinigung nicht nur an die Ostdeutschen, sondern auch an die Westdeutschen zu adressieren ist[11], auch wenn der Bildungsbedarf im Osten größer zu sein scheint als im Westen.

Für die Analyse der Tagungsdiskussionen der Konzertierten Aktion Weiterbildung muss – ganz in Entsprechung zu dieser Vorüberlegung – der Begriff "innere Einheit" anhand verschiedener Kriterien beschrieben werden. Der Begriff selbst war hier hauptsächlich in den Diskussionen über Bildungsinhalte zu finden. Deshalb wird er im Folgenden vor allem auf Inhalte der Erwachsenenbildung/Weiterbildung in diesem Aufsatz verwendet und für die Aufgaben, die in diesem Bereich erfüllt werden sollen. Grundsätzlich stehen nicht nur die Ostdeutschen und die Westdeutschen vor der Aufgabe einer harmonischen Integration in die neue politische und gesellschaftliche Situation, sondern auch Migrantinnen und Migranten. Dieser Aspekt wird hier allerdings nicht aufgegriffen, zumal er in den 1990er-Jahren kaum thematisiert wurde.


Fußnoten

8.
In der Dissertation d. Vf., Implementierung der Erwachsenenbildung nach der Vereinigung Deutschlands. Analyse von Tagungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu Beginn der 1990er Jahre unter dem Gesichtspunkt der harmonischen Integration zwischen beiden deutschen Staaten, Diss. HU Berlin 2008, wird anstelle "innere Einheit" der Begriff "harmonische Integration" zwischen beiden deutschen Staaten als grundlegender Begriff für die Tagungsdiskussionsanalyse verwendet. Hier wird jedoch innere Einheit als grundlegende Definition angenommen, da innere Einheit in meiner Arbeit den Begriff harmonische Integration vollkommen entspricht und es vor allem ungünstig ist, in diesem Aufsatz mit dem begrenzten Seiteumfang intensiv den Begriff harmonische Integration zu behandeln.
9.
Max Kaase, "Innere Einheit", in: Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte (Hg.), Handbuch zur deutschen Einheit 1949–1989–1999. Neuausgabe 1999, Frankfurt a. M./New York 1999, S. 454–466, hier 454f.
10.
Vgl. Gu Sup Kang, Implementierung der Erwachsenenbildung nach der Vereinigung Deutschlands. Analyse von Tagungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu Beginn der 1990er Jahre unter dem Gesichtspunkt der harmonischen Integration zwischen beiden deutschen Staaten, Diss. HU Berlin 2008, S. 70ff.
11.
Dieter Wiedemann, Auf der Suche nach den Posaunen von Jericho, in: DIE 1 (1994) 2, S. 18–21, hier 18.

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