Beleuchteter Reichstag

15.8.2011 | Von:
Juliane Schütterle

Gesundheit im Dienste der Produktion?

Das betriebliche Gesundheitswesen und der Arbeitsschutz im Uranbergbau der DDR

3.


Das betriebliche Gesundheitswesen der SBZ/DDR sah sich von Anfang an im Dienste von Planerfüllung und Leistungssteigerung. Dafür sprach, dass der Betriebsarzt der "Arzt des Gesunden" sein sollte, Arbeitsschutz wurde als "Pflege und Förderung der Arbeitskraft" verstanden.[12] So betonte man in der Wismut beispielsweise die leistungsmobilisierende Funktion der Schachtambulatorien. Ihre Arbeit bestand nicht vorrangig in der Behandlung und Betreuung der Beschäftigten, sondern diente "der ständigen Erhöhung des Arbeitsvermögens der Werktätigen".[13] Eine ähnlich pragmatische Institution war das Nachtsanatorium. Hier konnten sich Beschäftigte während des Arbeitsprozesses einem Erholungsaufenthalt mit medizinischer Betreuung unterziehen: Nach Schichtende verbrachten sie die Nacht im Sanatorium, am nächsten Morgen gingen sie von dort wieder zur Arbeit. Das war bis zu vier Wochen lang möglich.[14] Das erste Nachtsanatorium entstand 1950 in Niederschlema, und anfangs wurden ganze Brigaden zur Kollektiv-Erholung in die Kliniken eingewiesen. Denn die Einrichtungen dienten nicht nur der Erhaltung der Arbeitskraft, sondern sollten auch die angespannten Wohnverhältnisse im von Urankumpels "überfüllten" Erzgebirge entschärfen. Ende der Fünfzigerjahre wurden sie allmählich abgeschafft.[15]

Planerfüllung und Leistungsanstieg konnten nicht immer mit den Arbeitsschutzbestimmungen korrespondieren. Die Aktivistenbewegung und die Arbeit mit Bestzeitnormativen ("Seifert-Methode" und "Kowaljow-Methode") waren Instrumente der Arbeitsmobilisierung in der gesamten SBZ/DDR, die zur Intensivierung der Leistung beitragen sollten. Die Einhaltung des Arbeitsschutzes war unter diesem Druck nicht immer gewährleistet, was zwangsläufig zu Unfällen, Krankheiten und Arbeitsunfähigkeit führte. Überdies bedingten mangelnde Qualifikation der Beschäftigten und unzureichende Sicherheitsbestimmungen ein hohes Unfallvorkommen vor allem in den frühen Jahren des Uranbergbaus.

Unfall- und Krankenstatistiken existieren erst ab 1955, Angaben für die Zeit davor werden in den Moskauer Archiven vermutet. Eine interne Recherche von 1964 wurde aus Geheimhaltungsgründen vernichtet, die Autoren der Studie hatten 376 tödliche Unfälle für den Zeitraum 1949–1964 geschätzt.[16] Die Verfasser der "Wismut-Chronik" ermittelten eine Gesamtzahl von ca. 800 Toten in über 40 Jahren, Berechnungen der Autorin aus den Unterlagen von SED, Gewerkschaft und Unternehmensleitung ergaben aber, dass allein im Zeitraum 1949–1955 mehr als 900 Tote zu beklagen waren.[17] Doch auch Partei und Gewerkschaft vermochten die Höhe der tödlichen und schweren Unfälle der ersten Jahre nur zu schätzen. Hinzu kommt, dass lediglich Unfälle mit sofortiger Todesfolge registriert wurden. Starb der Verunglückte erst 24 Stunden später, so ging das Vorkommnis lediglich als schwerer Unfall in die Statistik ein.[18]

Noch 1971/72 lag die Gesamtzahl der Arbeitsunfälle bei ca. 2.000. Relativ sei damit der niedrigste Unfallstand seit 20 Jahren erreicht worden, hatte die Abteilung Arbeitsschutz bei der Gewerkschaft ermittelt.[19] Dieser Erfolg durfte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der schweren und tödlichen Unfälle von 1971 auf 1972 zugenommen hatte. Damit war nicht nur menschliches Leid bei Betroffenen und Angehörigen verbunden, sondern auch "die Einschränkung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens und damit [...] ökonomische Verluste", wie ein Gewerkschaftsfunktionär bemerkte. Erst in den letzten Jahren des Uranbergbaus wurde ein signifikanter Rückgang der Unfallzahlen erreicht. 1983 sanken sie von 9,6 je 1.000 Beschäftigte auf neun, die meldepflichtigen Arbeitsunfälle auf 7,8. Fünf Jahre später lag die Quote der meldepflichtigen Arbeitsunfälle bei 7,7 von 1.000 Beschäftigten – das bis dahin beste Ergebnis im Bestehen des Uranbergbaus.[20]

Zu den häufigsten Ursachen für schwere und tödliche Unfälle zählten Steinschlag und Abstürze, mehr als die Hälfte der Verletzungen entfielen auf Hände und Füße. Betroffen waren vor allem Untertagearbeiter.[21] Arbeitsbestimmungen wurden allerdings immer wieder umgangen, wenn es um die Einhaltung der Arbeitsleistung ging, Arbeitsschutzkleidung oder Körperschutzmittel oftmals nicht benutzt, da sie unbequem waren und die Bewegungsfreiheit einschränkten. 40 Prozent aller leichten Unfälle im Februar 1954 waren Handverletzungen, weil die Untertagearbeiter keine Handschuhe trugen. Wie auf zeitgenössischen Fotografien zu sehen ist, verrichteten Kumpel ihre Arbeit untertage oft mit freiem Oberkörper oder nur in Unterhosen, da die Temperatur mit zunehmender Tiefe eines Bergwerkes steigt. Bei Steinschlag oder fallenden Gegenständen musste sich das Fehlen von Schutzkleidung umso verheerender auswirken.[22] Auch in anderen Arbeitsbereichen wurden die Schutzbestimmungen immer wieder ignoriert. So betraten die Bergleute oft schon kurz nach dem Schießen das Ort, um Zeit zu sparen, und setzten sich damit zahlreichen Stäuben aus. Oder sie transportierten schwere Holzstämme zum Ausbau der Schächte allein anstatt, wie vorgeschrieben, zu zweit, um die Arbeitszeit besser auszunutzen.[23]


Fußnoten

12.
So Erwin Gniza, ein leitender Mitarbeiter des Zentralinstitutes für Arbeitsschutz, zit.: Lutz Wienhold, Arbeitsschutz, in: Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Hg. Bundesministerium für Arbeit und Soziales/Bundesarchiv, Bd. 9, Baden Baden 2006, S. 203.
13.
Probleme zur zielstrebigen perspektivischen Weiterentwicklung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Industriezweig Wismut und seinen Einrichtungen, 22.3.1967, Sächs. Staatsarchiv Chemnitz (SächsStAC), 32301, GL Wismut der SED, IV A 2/19/020, S. 2.
14.
Interview d. Vf. m. Jutta Ebert*, 1954–1957 Steigerin im Grubenrettungswesen Johanngeorgenstadt, 13.11.2005. – * Namen aller Zeitzeugen geändert.
15.
Chronik der Wismut (CD-ROM), Hg. Wismut GmbH, 2002, S. 670.
16.
Chronik der Wismut (CD-ROM), Hg. Wismut GmbH, 2002, S. 642f. Das Folgende ebd.
17.
Diese von Partei-, Gewerkschafts- und Betriebsleitung geführten Statistiken und Berechnungen sind unvollständig und lückenhaft. Für die Zeit der 1960er-Jahre z.B. ließen sich nahezu keine Informationen finden. Die Berechnungen d. Vf. entstammen folgenden Dokumenten: 12. Sekretariatssitzung am 1.4.1954, BArch, DY 52/125, ZV IGW, S. 3; Gegenüberstellung der schweren und tödlichen Unfälle [...] 1954/55, 12.1.1956, SächsStAC, 32301, GL Wismut der SED, IV 2/6/129, unpag.; Protokoll über die Auswertung der Unfälle im Monat Januar 1957, 23.2.1957, ebd., IV 2/3/379, unpag.; Berichte der Kommission zur Auswertung der Unfälle (Geheime Verschlusssache), 15.4.1957, ebd., unpag.; Berichte der Zentraltechnischen Bergbau-Inspektion am 13.6., 15.8., 9.10., 10.12.1957, 9.1., 24.7.1958, ebd., unpag.; Information über die Entwicklung des Unfallgeschehens im 1. Halbjahr 1972 gegenübergestellt zum 1. Halbjahr 1971 in den Betrieben der SDAG Wismut [...], 13.9.1972, BArch, DY 52/322, ZV IGW, S. 4; Bericht über den Stand des Gesundheits- und Arbeitsschutzes und der technischen Sicherheit in der SDAG Wismut, 1975, UnternehmensA Wismut, G-St-Bln 6/3, S. 4–6; Information über die Lage im Unfallgeschehen und über erforderliche Maßnahmen zur Verbesserung, 16.11.1983, ebd., G-St-Bln 9/5, S. 3–5; Außerordentliche ZDK am 10.3.1990, Geschäftbericht Zentralvorstand der IG Wismut, BArch, DY 52/2280, ZV IGW, S. 5.
18.
IM-Bericht am 30.7.1973, BStU, MfS, BV Dresden, Nr. 243/60/44/89, Bl. 311.
19.
12. Sekretariatssitzung am 1.4.1954, BArch, DY 52/125, ZV IGW, S. 4; Information über die Entwicklung des Unfallgeschehens im 1. Halbjahr 1972 gegenübergestellt zum 1. Halbjahr 1971 in den Betrieben der SDAG Wismut [...], 13.9.1972, BArch, DY 52/322, ZV IGW, S. 2. Das Folgende ebd.
20.
9. Rechtskonferenz des ZV der IG Wismut, Crossen 11.1.1983, BArch, DY 52/1116, ZV IGW, S. 10; Information über die Lage im Unfallgeschehen und über erforderliche Maßnahmen zur Verbesserung, 16.11.1983, UnternehmensA Wismut, G-St-Bln 9/5; 11. ZDK der IG Wismut, Gera 21.3.1987, BArch, DY 52/1791, ZV IGW, S. 58.
21.
Gegenüberstellung der schweren und tödlichen Unfälle [...] 1954/55, 12.1.1956, SächsStAC, 32301, GL Wismut der SED, IV 2/6/129, unpag.; Protokoll über die Auswertung der Unfälle im Monat Januar 1957, 23.2.1957, ebd., IV 2/3/379, S. 2; Information über die Entwicklung des Unfallgeschehens im 1. Halbjahr 1972 gegenübergestellt zum 1. Halbjahr 1971 in den Betrieben der SDAG Wismut [...], 13.9.1972, BArch, DY 52/322 ZV IGW, S. 5.
22.
12. Sekretariatssitzung am 1.4.1954, BArch, DY 52/125, ZV IGW, S. 4; Information über die Entwicklung des Unfallgeschehens im 1. Halbjahr 1972 gegenübergestellt zum 1. Halbjahr 1971 in den Betrieben der SDAG Wismut [...], 13.9.1972, BArch, DY 52/322, ZV IGW, S. 5.
23.
Interview d. Vf. m. Herbert Weigel*, 1952–1990 Hauer und Steiger in Aue, 13.2.2006, u. m. Olaf Mendler*, 1981–1989 Hauer in Beerwalde, 18.4.2006.

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