Beleuchteter Reichstag

15.8.2011 | Von:
Juliane Schütterle

Gesundheit im Dienste der Produktion?

Das betriebliche Gesundheitswesen und der Arbeitsschutz im Uranbergbau der DDR

5.


Unterwassermassage im BAK "Dr. Georg Benjamin" Erlabrunn, 1957.Unterwassermassage im BAK "Dr. Georg Benjamin" Erlabrunn, 1957. (© Schlegel / Bundesarchiv, Bild 183-46705-0007.)
Ein ähnliches Politikum wie die Bekämpfung der Unfälle und Unfallursachen waren die Bemühungen um Senkung des Krankenstandes, der in den frühen Sechzigerjahren bei sechs bis sieben Prozent lag. Das entsprach einem Mehrausfall von 44.700 Tagen und somit der Monatsproduktion eines mittleren Bergbaubetriebes wie Reust. Die Mittel der Sozialversicherung waren um 400.000 Mark überzogen worden.[33] Mit ca. fünf Prozent lag der Krankenstand in der Wismut AG 1966 sowohl über dem des Bergbaus allgemein (4,7), als auch über dem Republikdurchschnitt (4,9 Prozent). Das bedeutete 650.000 Arbeitsunfähigkeitstage bzw. den Ausfall von 2.500 Arbeitern.[34] Erkältungskrankheiten, Magen- und Darmerkrankungen, Knochen- und Gelenkschäden sowie Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gehörten zu den häufigsten Gründen für Krankschreibungen.[35]

Auch in den Siebzigerjahren konnte der Krankenstand nicht unter ein Niveau von sechs Prozent gesenkt werden. 1986 war die Zahl der Ausfalltage wegen Arbeitsunfähigkeit auf eine Million angestiegen, was einem Wegbleiben von 4.000 Arbeitern pro Tag entsprach. Die Aufwendungen der Sozialversicherung beliefen sich auf 45 Millionen Mark.[36] Parallel zur Bekämpfung der objektiven Ursachen für den hohen Krankenstand fokussierten die Funktionsträger des Arbeits- und Gesundheitsschutzes immer auch auf das Phänomen des "Krankfeierns". Wie hoch der Anteil unrechtmäßiger Krankschreibungen tatsächlich war, ließ sich nicht ermitteln. Partei und Gewerkschaft hielten sich mit statistischen Angaben zurück. Es verging jedoch keine Sitzung oder Tagung, auf der das Verhalten der "Simulanten" und "Arbeitsbummelanten" nicht angeprangert wurde. Schließlich ging es um die ungerechtfertigte Ausnutzung von Sozialversicherungsleistungen. Ein Teil der "Werktätigen" stand in dem Verdacht, regelmäßig im Jahr die gesetzlich zugesicherten sechs Wochen Krankheit bei Lohnausgleich in Anspruch zu nehmen, vor allem dann, wenn sich ohnehin gerade Grippeepidemien verbreiteten. Arbeitsdirektor Josef Wenig nannte diese Beschäftigten die "Sechs-Wochen-Kranken", die man sich in Zukunft "ein bisschen besser ansehen" werde.[37]


Fußnoten

33.
Einschätzung des Krankenstandes und des Unfallgeschehens im 1. Halbjahr 1962 im Industriezweig Wismut und Schlußfolgerungen zur Senkung des Krankenstandes, 14.9.1962, BArch, DY 52/236, ZV IGW, S. 8; 11. Zentralvorstandstagung der IG Wismut, Karl-Marx-Stadt 21.2.1962 in Karl-Marx-Stadt, BArch, DY 52/69, ZV IGW, S. 28.
34.
Bericht über die [...] Einführung der 5-Tage-Arbeitswoche [...] in der SDAG Wismut sowie der HO Wismut, 10.8.1966, BArch, DY 52/1440, ZV IGW, S. 12; Gebietskonferenz für Gesundheits- und Arbeitsschutz, Crossen 30.11.1968, SächsStAC, 32301, GL Wismut der SED IV B 2/19/979, S. 12.
35.
Gesundheits- und Arbeitsschutzkonferenz der IG Wismut, Grüna 16.12.1964, BArch, DY 52/23, ZV IGW, S. 22.
36.
Bericht über den Krankenstand der IG Wismut, 4.5.1978, BArch, DY 52/369, ZV IGW, S. 5; 11. ZDK der IG Wismut, Gera 21.3.1987, BArch, DY 52/1791, ZV IGW, S. 62.
37.
Bericht der Abt. Arbeits- und Gesundheitsschutz des ZV der IG Wismut, 4.5.1962, SächsStAC, 32301, GL Wismut der SED, IV 2/6/142, S. 5; Gesundheits- und Arbeitsschutzkonferenz der IG Wismut, Grüna 16.12.1964, BArch, DY 52/23, ZV IGW, unpag.

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