Beleuchteter Reichstag

12.7.2011 | Von:
Krijn Thijs

Der Mauerfall und das verlorene West-Berlin

Obwohl West-Berlin im November 1989 im Zentrum der Ereignisse lag, ist unsere Aufmerksamkeit für die Erfahrungen der "Insel" bis heute bemerkenswert gering. Warum eigentlich? Einige Gründe für diesen weißen Fleck lassen sich in den Ereignissen des Jahres 1989 selbst ausmachen.

Einleitung


Mit dem Fall der Mauer verschwand bekanntlich auch West-Berlin. Zwar überdauerte die formale Trennung zwischen Ost- und West-Berlin sogar das Einheitsjahr 1990 – eine gemeinsame Verfassung trat erst am 11. Januar 1991 in Kraft –, doch war es die plötzliche Öffnung der Mauer im November 1989, die die "Insel" West-Berlin wieder an das "Festland" anschloss und dem eigenartigen Leben im Biotop ein Ende bereitete.[1]

Zugleich scheinen aber die Ereignisse von 1989 und 1990 in merkwürdiger Weise an West-Berlin vorbeizugehen. In den allgemeinen Erzählungen von Revolution und Vereinigung bleibt die eigenartige Inselstadt, die zumindest geografisch doch im Zentrum der Ereignisse liegt, auffällig blass. Gewiss, vergessen wird West-Berlin nicht. Die dramatischen Szenen der "flutenden Massen" an zwischenstädtischen Grenzübergangsstellen führten zum finalen Legitimitätsverlust des DDR-Staates. Ohne West-Berlin hätte es diese Szenen so nicht gegeben – denn die Wiesen und Wälder an der innerdeutschen Grenze luden nicht wie der Kurfürstendamm zum freudetrunkenen und mit Sekt besprühten Trabi-Korso ein: Ohne West-Berlin also kein 9. November.

Doch in diesem Bild findet West-Berlin selbst kaum statt. Die "Insel" bleibt passiver Zielort in einer aus ostdeutscher Perspektive erzählten Geschichte des Mauerfalls. West-Berlin ist bloß Bühne und Dekor, es stellt den Ku'damm und das klatschende Publikum für die ostdeutsche Selbstbefreiung. Später liefert es in Gestalt seines Regierenden Bürgermeisters auch den Gastgeber für die symbolischen Grenzüberschreitungen namhafter Bundespolitiker und am Ende der Erzählung den Reichstag als Kulisse der Einheitsfeier.

Dementsprechend fehlen in der jüngeren Literatur zum Mauerfall und zum Einheitsprozess West-Berliner Handlungen und Perspektiven in auffälliger Weise. Der Blick schwingt von der West-Berliner Freudennacht des 9. November meist umgehend wieder zurück auf Ost-Berlin und alsbald dann auf Bonn. Aus West-Berliner Warte bleibt diese Geschichte größtenteils unerzählt.[2] Dabei liegt es doch auf der Hand, dass die Ereignisse des Herbstes 1989 gerade aus der Nahsicht der West-Berliner Sinnwelt an Tiefenschärfe wie Kontingenz gewinnen könnten – gerade wenn man die westdeutsche Exklave als einen eigenständigen Erfahrungsraum begreift.[3] Die Feststellung mangelnder Erforschung gilt mit Blick auf den plötzlichen Umbruch nicht nur für die zahlreichen markanten West-Berliner Szenen und Nischenwelten, sondern auch für die "hohe" Politik: So fehlt beispielsweise eine systematische Untersuchung der Geschicke des rot-grünen Senats (1989/90).

Im Folgenden wird der Vermutung nachgegangen, dass Gründe für die auffällige West-Berliner Absenz in unseren Erzählungen sich nicht zuletzt im Verlauf der Ereignisse der Umbruchsjahre selbst finden lassen. Anhand einer knappen historischen Skizze werden hier drei mögliche Erklärungen für den Verlust der West-Berliner Perspektive unterschieden. Diese betreffen die soziokulturelle wie politische Distanz der "Insel" zum "Festland" der Bundesrepublik, den hochsymbolischen Aufprall zwischen Bonn und West-Berlin am "Tag danach" sowie schließlich die spezifische Konstellation der Erinnerungslandschaft des vereinigten Deutschlands.

Fußnoten

1.
Wilfried Rott, Abschied von West-Berlin, in: APuZ, 11/2010, S. 41–46.
2.
Vgl. z. B. Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009; Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009; Wolfgang Schuller, Die deutsche Revolution 1989, Berlin 2009. Bei Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, fehlt bezeichnenderweise ein Beitrag zu West-Berlin. Sogar in der bislang einzigen Gesamtgeschichte (Wilfried Rott, Die Insel. Geschichte West-Berlins 1948–1990, München 2009) werden die ansonsten konsequent verfolgten West-Berliner Erfahrungen ab November 1989 auf einmal durch die auf die Wiedervereinigung ausgerichtete nationale Meistererzählung dominiert. Eine literarische Ausnahme bildet natürlich: Sven Regener, Herr Lehmann. Ein Roman, München 2001.
3.
Krijn Thijs, Entfernter Erfahrungsraum. Überlegungen zu West-Berlin und 1989, in: Eurostudia 7 (2011) 1–2; Stefanie Eisenhuth, West-Berlin und der Umbruch in der DDR, Mag.-arb., HU Berlin 2010 (Veröff. geplant).

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