Beleuchteter Reichstag

12.7.2011 | Von:
Krijn Thijs

Der Mauerfall und das verlorene West-Berlin

II. Aufprall


Die ungleiche Deutungskonkurrenz zwischen Bonn und West-Berlin entlud sich auf gewaltige Weise im Chaos um den unerwarteten Fall der Mauer. Neben aller Freude über die plötzliche Grenzöffnung und über den bis dahin friedlichen Verlauf der Umwälzung lagen binnen kürzester Zeit alle politischen Nerven blank. Große Nervosität gab es bezüglich der Haltung der Sowjetarmee und der Reaktionen von Menschen in Ost und West. Der Kanzler war im Ausland, und Berlins Regierender Bürgermeister feierte seine Deutungshoheit über die spektakulären Ereignisse in der eben noch ausrangierten Stadt Berlin. Die ungeklärte Lage führte am "Tag danach" zu offenen Verstimmungen, die bis weit in den späteren Verlauf der Vereinigung hinein ihre Spuren hinterlassen sollten.

Denn eine erste Folge des Mauerfalls war, dass das soeben ins Abseits gestellte West-Berlin auf einmal ins Zentrum der Weltgeschichte rückte. Dadurch verschoben sich schlagartig alle topografischen Koordinaten innerhalb der Bundesrepublik: Auf einmal mussten die Bonner aus der Ferne anreisen, um "dabei" zu sein. Die neue, offene Konstellation führte zu einer Orientierungssuche, die sich symbolisch in zwei spiegelverkehrten Besuchsreisen verdichtete. Während Kohl alles daran setzte, schnell in die isolierte Inselstadt zu gelangen, wurde Momper am Freitagmorgen, dem 10. November, ausgerechnet in Bonn erwartet, um der bundesdeutschen Länderversammlung vorzusitzen.

West-Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper inmitten der Menschenmenge, die am 10. November 1989 über die offene innerstädtische Grenze strömte.West-Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper inmitten der Menschenmenge, die am 10. November 1989 über die offene innerstädtische Grenze strömte. (© picture-alliance/dpa)
Mompers Besuch in Bonn folgte auf eine sensationelle Nacht, in der West-Berlins Regierender Bürgermeister den festgefahrenen Verkehr zwischen Ost- und West-Berlin an der Grenzübergangsstelle Invalidenstraße mit einem Megafon geregelt hatte – einer der wenigen ikonischen Momente des West-Berliner Bürgermeisters im November 1989. Im Morgengrauen flog er nach Bonn, und zwar mit einem ihm persönlich zur Verfügung gestellten Transportflugzeug der US-Armee, damit er "nicht länger als unbedingt nötig" abwesend sein müsste. "In Bonn war von der fundamentalen Veränderung, die heute Nacht durch Deutschland gegangen war, nichts zu spüren", notierte Momper später hämisch: "Keine Trabis, keine jubelnden Massen, normaler Alltag. Fast unwirklich. Das Regierungsviertel war so früh am Morgen ruhig und leer."[11] Seine erste Rede als Vorsitzender des Bundesrates musste er mit einem "ungewöhnlichen Geständnis" eröffnen: "Ich habe heute nacht nicht geschlafen". Dann sprach er, schon morgens in Bonn, seine geflügelten Worte: "Gestern nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt."[12] Nach einer Reihe improvisierter Festreden flog Momper bereits am Mittag wieder zurück nach West-Berlin, wo ungeheure Menschenmassen unterwegs waren. Am 10. November 1989 war Bonn schlicht die falsche Adresse.

Noch nachdrücklicher dokumentierte Helmut Kohls hastiger Besuch in West-Berlin das Aufeinanderprallen zweier Politikkulturen.[13] Der Kanzler hatte mit einigen Mitarbeitern seinen polnischen Staatsbesuch unter dem Protest seiner Gastgeber unterbrochen und war aus Warschau abgereist. Er wollte die Situation selbst begutachten und ahnte die Gelegenheit für eine historische Rede. Doch auch für seine Reisegruppe war es schwierig, die soeben "entmauerte" Stadt zu erreichen: Aufgrund von Statusfragen durfte die spontane Reise nicht über DDR-Territorium führen, sondern verlief über die Schweden, Hamburg und dann über den Luftkorridor nach West-Berlin, die letzte Etappe ebenfalls mit einer amerikanischen Militärmaschine. Kohl war spät dran. Bei seiner Ankunft hatte die West-Berliner Politik ihren stümperhaften Ruf schon bestätigt: Man sich vor Ort nicht auf eine Veranstaltung verständigen können, sondern es gab derer zwei. Neben dem 'offiziellen' Programm des Abgeordnetenhauses in Schöneberg hatte die Berliner CDU an einer eigenen Bühne an der Gedächtniskirche festgehalten. Hausgemachte Konkurrenz also, und Kohl sollte im Eiltempo an beide Adressen geführt werden.

Helmut Kohl spricht vor dem Schöneberger Rathaus, 10. November 1989. Links der SPD-Vorsitzende Willy Brandt.Helmut Kohl spricht vor dem Schöneberger Rathaus, 10. November 1989. Links der SPD-Vorsitzende Willy Brandt. (© AP)
Es sollte nicht bei diesem einen Ärgernis bleiben. Die westdeutsche Prominenz traf im Laufe des Tages in der tobenden Inselstadt ein und versammelte sich im Abgeordnetenhaus, im Rathaus Schöneberg. Dort hielt die West-Berliner Volksvertretung gerade eine Sondersitzung ab, um gemeinsam eine Resolution zu den historischen Ereignissen abzugeben. Die Debatte wurde mit Lautsprechern live auf den Platz vor dem Rathaus übertragen, wo eine wachsende Menge auf die anschließende Kundgebung mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, Bundeskanzler Helmut Kohl und SPD-Chef Willy Brandt wartete. Während die Bundespolitiker, teilweise aus dem Westen, teilweise aus Polen kommend, im Abgeordnetenhaus eintrafen und in der ersten Reihe Platz nahmen, lief die feierliche Debatte der West-Berliner Abgeordneten zunehmend aus dem Ruder. CDU-Fraktionschef Eberhard Diepgen, Mompers Amtsvorgänger, hatte sofort den "Tag der nationalen Einheit" ausgerufen und rhetorisch alle Register gezogen: "Deshalb rufe ich Herrn Krenz zu: Öffnen Sie dieses Brandenburger Tor!" Die SPD reagierte irritiert auf dieses Nationalpathos. Die Alternative Liste (AL) weigerte sich daraufhin, einer Resolution zuzustimmen, in der das Wort "Einheit" vorkäme. Die Feier entgleiste nun völlig, und das Publikum draußen hielt sich mit Unmutsbekundungen nicht zurück. Zu allem Überfluss setzte ein Vertreter der Republikaner am Rednerpult zum Deutschlandlied an; bei der vierten Zeile wurde er "unter tumultartige[r] Unruhe" vom Ordnungsdienst des Abgeordnetenhauses entfernt. Die Resolution, die nach vielen Zänkereien und gegen die Stimmen der CDU und der Republikaner schließlich verabschiedet wurde, war ein haarsträubender Kompromiss zwischen AL und SPD. Die Senatsparteien hatten eine von der CDU vorgeschlagene Formulierung aus Willy Brandts Brief zur deutschen Einheit (1972) förmlich vergewaltigt, indem sie ausgerechnet den Begriff der "Einheit" durch einen unlesbaren Brei ersetzt hatten.[14] Mit großem Staunen verfolgte die Bonner Politikelite, darunter Altbürgermeister und Ehrenbürger Brandt selbst, das klägliche Schauspiel. Berlins Parlamentspräsident Jürgen Wohlrabe (CDU) erklomm später den Gipfel der Absurdität, indem er draußen auf dem Platz schlichtweg Brandts ursprünglichen Text vortrug, als hätte die ganze Debatte nicht stattgefunden.[15]

Doch damit noch immer nicht genug. Nach dem misslungenen Auftritt des Abgeordnetenhauses erschienen die führenden Politiker am späten Nachmittag im Portal des Schöneberger Rathauses. Am Kopf der Freitreppe war eine kleine Bühne improvisiert worden. Die Stimmung war angespannt. Die Alternative Liste – immerhin West-Berliner Senatspartei – hatte gleich ganz auf Vertretung verzichtet; für sie war jede Form von Wiedervereinigung ein "reaktionäres Projekt", und zum Mauerfall hatte sie dementsprechend wenig zu sagen. Die Redner waren, in dieser Reihenfolge, Momper, Wohlrabe, Genscher, Brandt und Kohl. Sie mussten in einem Eiertanz versuchen, der unerwarteten Lage am Tag nach dem Mauerfall Rechnung zu tragen und missverständliche Signale ans In- und Ausland zu vermeiden. Noch während der Reden auf der Schöneberger Treppe trafen laufend neue Nachrichten aus Ost-Berlin und aus Moskau bei den Spitzenpolitikern ein. Und vor ihren Füßen versammelte sich das aktivistische West-Berlin der späten 1980er-Jahre.

Das Publikum empfing Wohlrabe und vor allem den unpopulären Kanzler sofort mit einem Pfeifkonzert. Momper sprach als Erster und sagte demonstrativ: "Gestern war nicht der Tag der Wiedervereinigung, sondern der Tag des Wiedersehens in unserer Stadt!" Während er dem "Volk der DDR" zu seiner gelungenen Revolution gratulierte, zischte Kohl hinter ihm: "Volk der DDR – unglaublich, unglaublich". Momper wagte sich noch weiter vor: "Die demokratische Kultur der Bürger der DDR ist unverbraucht. Sie zeugt von sozialer Verantwortung und der Abneigung gegen die Ellenbogengesellschaft. Davon werden sich bei uns manche eine Scheibe abschneiden können." Jubel in West-Berlin, aber hinter ihm, so berichtet Momper, kochte Kohl vor Wut: "Lenin spricht, Lenin spricht."[16] Nach Momper wurden Genscher und der in West-Berlin populäre Brandt vom Publikum enthusiastisch begrüßt.[17] Als Kohl schließlich an die Reihe kam, stiegen schrille Pfeifkonzerte aus der Menschenmenge empor. Die Rede des Kanzlers ging im Tumult unter. Abschließend zeigte sich Wohlrabe so realitätsblind, spontan zum Deutschlandlied anzusetzen. Kohl, Brandt, Genscher und Momper hatten keine Wahl und stimmten ein. Live in alle Welt übertragen, sang die bundesdeutsche Repräsentanz eine schiefe Nationalhymne, falsch, viel zu tief, vor allem begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert. Die "taz" legte die denkwürdige Aufnahme triumphierend ihrer Ausgabe des nächsten Tages bei: Das war West-Berlin am 10. November 1989.

Die gespenstische Szene am Schöneberger Rathaus bedeutete für die Delegation aus Bonn, bei aller Freude über die Öffnung der DDR, eine harte Landung im fernen Berlin. Wutentbrannt verließ Kohl nach Abschluss der Kundgebung die Szene. Dem Kanzler war der West-Berliner Senat, der bei den akuten und "existentiellen Schwierigkeiten" des immensen Besucherzustroms händeringend warmherzigen Zuspruch und harte Finanzmittel aus West-Deutschland brauchte, keinen Blick wert. Dass er kurz darauf bei der CDU-Kundgebung am Breitscheidplatz nach eigenen Angaben von einer großen Menge Berliner jubelnd empfangen wurde, registrierten die Medien nicht mehr, und nur aus Notizen seines Umfeldes erfahren wir von seinem spontanen Besuch am nunmehr weit geöffneten Checkpoint Charlie, wo ihm von vielen Ost-Berlinern frenetisch zugejubelt worden sei.[18]

Und so lieferte Schöneberg am 10. November einen zweiten Grund für West-Berlins Absenz in den Erzählungen von 1989/90. Die peinliche Treppenszene fällt bis heute in jeder Fernsehdokumentation oder DVD aus der Reihe: Die "Insulaner" hatten sich danebenbenommen. Viele Bonner Gäste waren zutiefst enttäuscht und beleidigt. West-Berlin erwies sich endgültig sich als ein schwieriges, undankbares Pflaster, als eine eigene Erfahrungswelt. Der Affront sollte bei vielen Westdeutschen die Berlin-Skepsis bis tief in die Hauptstadtdebatte von 1991[19] nähren und diente den Freunden Bonns als Beweis dafür, dass man inmitten dieses Straßenmobs nicht in Ruhe regieren könne. Aus München ertönte mit Verweis auf den 10. November die Warnung vor einer "Hauptstadt Kreuzberg".[20] Der Erfahrungsraum West-Berlin schien dem ganzen Geschehen im besten Falle ambivalent gegenüberzustehen, und genau das gilt seit 1990 scheinbar eher als Argument gegen als für eine nähere Erforschung.


Fußnoten

11.
Walter Momper, Grenzfall. Berlin im Brennpunkt deutscher Geschichte, München 1991, S. 154.
12.
Bundesrat Plenarprotokoll 606, 10.11.1989, S. 453A.
13.
Vgl. hierfür neben Eberhard Diepgen, Zwischen den Mächten. Von der besetzten Stadt zur Hauptstadt, Berlin 2004, S. 118–121, u. Helmut Kohl, Erinnerungen 1982–1990, München 2005, S. 972: Klaus Dreher, Helmut Kohl. Leben mit der Macht, Stuttgart, 1996, S. 452–457; Horst Teltschik, 329 Tage. Innenansichten der Einigung, Berlin 1991, S. 16–24; Eduard Ackermann, Mit feinem Gehör. Vierzig Jahre in der Bonner Politik, Köln 1994, S. 310–312.
14.
Berliner Abgeordnetenhaus, Plenarprotokoll 11/17, 10.11.1989, S. 780C–787D. Der ursprüngliche, an Brandt angelehnte Text lautete: »Das Abgeordnetenhaus von Berlin hält fest an dem Ziel, auf einen Zustand des Friedens und der Einheit Europas hinzuwirken, in dem auch das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit erlangen kann.« Nach langem Ringen wurde daraus: »... in freier Selbstbestimmung zu der Gestaltung seines Zusammenlebens gelangen kann, für die es sich in Ausübung seines Selbstbestimmungsrechtes entscheidet.« (ebd., S. 787C u. D; Hervorheb. v. Vf.).
15.
Walter Momper, Grenzfall. Berlin im Brennpunkt deutscher Geschichte, München 1991, S. 164.
16.
Walter Momper, Grenzfall. Berlin im Brennpunkt deutscher Geschichte, München 1991, S. 166.
17.
Bernd Rother, Gilt das gesprochene Wort? Wann und wo sagte Willy Brandt: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört«?, in: DA 33 (2000) 1, S. 90–93.
18.
Horst Teltschik, 329 Tage. Innenansichten der Einigung, Berlin 1991, S. 21.
19.
Vgl. dazu Oliver D´Antonio, Aufbruch in die Metropole, Wie sich durch die Hauptstadtdebatte die Republik veränderte, in: DA, 6/2011, http://www.bpb.de/themen/RQ8069,0,Aufbruch_in_die_Metropole.html [8.7.2011].
20.
Vgl. Alois Rummel (Hg.), Bonn. Sinnbild deutscher Demokratie, Bonn, 1990.

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