Beleuchteter Reichstag

12.7.2011 | Von:
Krijn Thijs

Der Mauerfall und das verlorene West-Berlin

III. Teleologie


Vorweihnachtliche Freude: Bei der Öffnung des Grenzüberganges am Brandenburger Tor wurde Bundeskanzler Helmut Kohl nicht ausgepfiffen. Neben ihm DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (2. v.r.) und Walter Momper; links hinter Kohl sein Kanzleramtsminister Rudolf Seiters. 22. Dezember 1989.Öffnung des Grenzüberganges am Brandenburger Tor (© AP)
Vorweihnachtliche Freude: Bei der Öffnung des Grenzüberganges am Brandenburger Tor wurde Bundeskanzler Helmut Kohl nicht ausgepfiffen. Neben ihm DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (2. v.r.) und Walter Momper; links hinter Kohl sein Kanzleramtsminister Rudolf Seiters. 22. Dezember 1989.

Der Schöneberger Kater dokumentierte in hoher Dichte die Orientierungskrise, in die der Mauerfall zunächst die alte Bundesrepublik stürzte. Er demonstrierte ebenfalls, wie sehr die Stadt Berlin in der alten Bundesrepublik symbolisch überfrachtet worden war und wie tief der Graben zur West-Berliner Realität der 1980er-Jahre klaffte. Die Veranstaltung am Rathaus suchte in Pathos, Form und Ort Anschluss an die Tradition der legendären Jahre 1948 und 1963, an die großen Berlin-Reden von Ernst Reuter und John F. Kennedy. Doch das versammelte West-Berlin war im November 1989 nicht mehr das heroische Volk, das der bundesdeutschen Mythologie nach tapfer viele Krisen bestanden, die von Stalin und Ulbricht bedrohte Demokratie verteidigt und der gebeutelten Stadt in aussichtsloser Lage stets die Treue gehalten hatte. Seit den späten 1960er-Jahren war ein neues, oft aus West-Deutschland zugewandertes, junges und kritisches West-Berlin hinzugekommen, und diese Polarität prägte jetzt den Erfahrungsraum der Inselstadt.[21] Die ernüchternde Realität am John-F.-Kennedy-Platz 1989 war eine von Linken, Autonomen und Bürgerbewegten dominierte neue Generation, deren Hauptanliegen der Protest gegen Kohl, seine Wendepolitik und seine Wiedervereinigungsträume war. Berlins CDU-Chef Diepgen sprach rückblickend von einem "Pöbel" und von der örtlichen "Fundamentalopposition", die den Platz "strategisch besetzt" und eine "aggressive" Stimmung verbreitet habe. All das habe West-Berlins "demonstrationserprobte politische Szene" zu verantworten.[22] Sogar Momper gab sich hinterher überrascht, dass nicht mehr "ältere Berliner" gekommen waren, "Leute mit Kerzen in der Hand, die sich noch an den Mauerbau und John F. Kennedys legendären Auftritt 1963 erinnerten".[23] Und Kohl brachte den Realitätsschock mit zugehöriger Empirieverweigerung noch am selben Abend deutlich zum Ausdruck: "Das war nicht das wirkliche Berlin."[24]

Doch gerade dieses wirkliche, nun plötzlich in Auflösung begriffene West-Berlin hat in der Forschung bislang kaum Konturen angenommen. Die politische Realität (oder auch: Irrealität) im letzten Jahr des alten West-Berlins legt die Umrisse einer politischen Stadtkultur bloß, die in die bundesdeutsche Meistererzählung des Mauerfalls nicht hineinpassen will. Mit seiner von Kohls Zehn-Punkte-Programm geleiteten und auf die deutsche Einheit vom 3. Oktober 1990 ausgerichteten Teleologie verweist dieses Narrativ die Stimmen, Vorstellungen und Praxen West-Berlins in ein historisch ungültiges, da vom "Lauf der Geschichte" widerlegtes Universum. Die vielfach anderen zeitgenössischen Lesarten degenerieren aus dieser auf den 3. Oktober fixierten Nach-Sicht zu postnationalen Spinnereien einer unbedeutenden Minderheit. Auf diese Weise verschließt man sich dem Zugang zum eigenartigen, auf jeden Fall einmaligen West-Berliner Erfahrungsraum, der in den hektischen Novembertagen die erste und prominenteste Bühne für die epochemachenden Veränderungen in Deutschland hergab. Die Träger dieses kulturellen Erfahrungsraumes griffen vielfach in die unmittelbare Nach- und Interpretationsgeschichte des Mauerfalls ein, bis hin zu den verkaterten Kopfschmerzen der Schöneberger Treppenszene "am Tag danach".

Und hierin läge eine dritte Erklärung für den Verlust der West-Berliner Perspektive. Die Atmosphäre dieses eigenartigen Biotops verschwand im Moment seiner Öffnung. Und nach der Vereinigung ging alles rasch im Strom des "Neuen Berlin" auf. West-Berlin existierte somit nicht, wie die neuen Bundesländer, mit erkennbarer Identität in der Nachwendezeit fort; es hatte keine Stimme in der gesamtdeutschen Erinnerungslandschaft, wurde weder angeklagt noch verteidigt. Die Merkwürdigkeiten etwa des Transitverkehrs oder der Kreuzberger Szene reichten für das Raritätenkabinett des geteilten Deutschlands, nicht aber für eine fortlebende Vertretung in den Geschichtsdebatten nach 1990. So ging der eigenartige Beobachtungsstandpunkt "West-Berlin" nach 1990 verloren, auch in der Historiografie.

Obwohl – bei näherem Hinsehen könnte man diese letzte Erklärung für das Schweigen West-Berlins und über West-Berlin auch umdrehen. Dessen Ursachen lägen dann nicht so sehr im Verschwinden, sondern gerade in den zunächst unvermuteten, dann aber augenfälligen Kontinuitäten zur Hauptstadt der neuen, "Berliner" Republik. Denn die offenkundige Feststellung, dass West-Berlin Ende 1990 lautlos unterging, wird auf den zweiten Blick als gewaltige Täuschung offenbar – denn sie bezeugt vor allem, dass vieles aus West-Berlin eben gerade nicht verschwand, sondern nahtlos in das "neue Berlin" überging. Dies betrifft neben der Politik, der Justiz und der Verwaltung auch zahllose stadtplanerische, gedächtniskulturelle und symbolpolitische Strukturen und umfasst überraschenderweise viele prominente Projekte des "Neuen Berlins", wie etwa die Renovierung des Reichstags (diskutiert seit 1985), die Neubebauung des Spreebogens (seit 1982), die Erschließung des Potsdamer Platzes (seit 1988), die "kritische Rekonstruktion" (seit 1984) und die Errichtung eines Holocaust-Denkmals (seit 1988). Trotz der gewaltigen kontextuellen Veränderungen, die solche Projekte ideell teilweise in ihr Gegenteil verkehren ließen, verlaufen personell, topografisch und diskursiv zahlreiche Linien vom alten West-Berlin in die neue Bundeshauptstadt. So liegt die Vermutung nahe, dass es bei aller Entfremdung gerade auch die perspektivische und oft biografische Nähe ist, die einer Distanzierung vom späten West-Berlin und somit dessen Historisierung bis heute im Wege steht.


Fußnoten

21.
Hierzu ausführlicher: Stefanie Eisenhuth, West-Berlin und der Umbruch in der DDR, Mag.-arb., HU Berlin 2010 (Veröff. geplant).
22.
Eberhard Diepgen, Zwischen den Mächten. Von der besetzten Stadt zur Hauptstadt, Berlin 2004, S. 118–121.
23.
Walter Momper, Grenzfall. Berlin im Brennpunkt deutscher Geschichte, München 1991, S. 165.
24.
Hanns Jürgen Küsters/Daniel Hoffmann (Hg.), Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit, München 1998, Dok. 82, S. 508; Helmut Kohl, Erinnerungen 1982–1990, München 2005, S. 972.

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