Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Werner Liersch

Die Inseln des Verschweigens

Strittmatters Erinnerungsbuch "Grüner Juni" und der Krieg auf den Zykladen

II. Spurentilgung


Mehr als zwei Jahrzehnte später war die lebensgeschichtliche Legende zum festen Bestandteil eines Werkes geworden, das sich den Anschein persönlicher und zeitgeschichtlicher Wahrhaftigkeit gab. In diese Rolle war es nicht irgendwo eingetreten. Der Ort war das Land, das die Verbrechen der NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust verantwortete. Ihr Ausmaß hatte Adorno und Celan zweifeln lassen, ob ein "Schreiben nach Auschwitz" überhaupt möglich sei. Die Holocaustüberlebende Ruth Klüger formulierte eine Alternative. Sie schien ihr in der nichts aussparenden Wahrheit zu liegen. Ihr Essay "Fakten und Fiktionen" ging Konsequenzen für das Erzählen nach. In diesem Bereich herrsche ein besonders sensibles Verhältnis zwischen dem geschichtlichen Fakten und dem Erzählen. Der Einwand: "So war es nicht, hier stimmt etwas nicht!", erscheine hier zu unrecht naiv. Er wiege in diesem Fall schwerer. als bei sonstigen historischen Fiktionen. Ruth Klügers Diktum: "Wer über Wirkliches schreibt, kann sich nicht über Wirkliches hinwegsetzen."[6]

In dieses Umfeld trat Strittmatters mit dem autobiografisch gehaltenen Text "Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte" 1985 ein.[7] So weit wie hier hatte er sich bisher an keiner anderen Stelle in die lebensgeschichtliche Darstellung seiner Kriegszeit begeben. Passagenweise wechselte er die Perspektive und spiegelte sich in einem Alter Ego "Esau Matt". Strittmatter wurde verstanden, wie er verstanden werden wollte. Der Literaturkritiker Rulo Melchert bestätigte den autobiografischen Anspruch: "Diese Nachtigall-Geschichte [...] schließt Lücken in der Gesamtdarstellung eines Lebens, das an Gestalten wie Stanislaus Büdner und Esau Matt oder auch nur an einen Ich-Erzähler, der sich mit Namen nicht zu erkennen gibt, gebunden ist, in denen wir mit gutem Recht zu einem großen Teil Erwin Strittmatter selbst vor uns haben".[8]

Die Stasi nahm das Anliegen auf ihre Weise entgegen. Sie notierte aus einem Gespräch zwischen dem DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann und dem Autor im März 1985: "Strittmatter sei bezüglich seines neuen Manuskriptes zu keinerlei Kompromissen bereit [....] Strittmatter betonte, daß er dabei sei, sein Leben in der Reihe der 'Nachtigallengeschichten' – zu denen auch der 'Grüne Juni' gehöre, memoirenhaft aufzuarbeiten[,] und dabei könne er nichts anderes schreiben, als was er erlebt hat."[9]

Das Kriegsende sieht Strittmatter im "Grünen Juni" in der "Gegend" des südböhmischen Oberplan in der Rolle eines Deserteurs. Er habe mit anderen Einwohnern des Ortes im Mai 1945 die weiße Fahne auf dem Kirchturm aufgezogen, sollte aber nach dem Einmarsch der Amerikaner "dann doch noch erschossen werden". Von Strittmatters Kriegseinsatz zwischen 1941 und 1945 werden die Septemberwochen 1943 in der griechischen Ägäis behandelt. "Bisher hatten die Italiener, die Verbündeten Hitlers, die Ägäischen Inseln besetzt gehalten [...]. Die Männer unseres Bataillons werden ziemlich vereinzelt auf die Inseln verstreut".[10] Strittmatter wird auf Ios "abgesetzt", wo er einige Wochen allein ist, nachdem zwei Kameraden in englische Gefangenschaft geraten sind. Den Rahmen des Geschehens bilden die sozialen und familiären Verhältnisse, die der Kriegsheimkehrer im Juni 1945 im thüringischen Heimatort "Grottenstadt" vorfindet. Nahezu keine der Kriegsschilderungen des "Grünen Juni" entspricht der angekündigten "Wahrheit". Wo immer Recherche die Darstellungen hinterfragt, brechen die Bilder zusammen.

Die Quellen aus dem südböhmischen Wallern, wo sich Strittmatter im Mai 1945 befindet, kennen weder den vorgeblichen Deserteur noch seine Beteiligung am Hissen der weißen Fahne auf dem Kirchturm.[11]

US-Soldaten bei der Bergung von Leichen eines Todesmarsches jüdischer KZ-Insassinnen in Wallern (Südböhmen).US-Soldaten bei der Bergung von Leichen eines Todesmarsches jüdischer KZ-Insassinnen in Wallern (Südböhmen). (© Quelle: USHMM, Courtesy of National Archives and Record Administration.)
Die kryptische Behauptung, dass er in Wallern "dann doch noch erschossen werden sollte", die sein Biograf Günther Drommer als Racheakt von belgischen Zwangsarbeitern fortschreibt,[12] ist ohne jegliche zeitgeschichtliche Basis. Es endet aber zu gleicher Stunde in Wallern ein Todesmarsch jüdischer KZ-Insassinnen, auf dessen Schlussetappe noch einmal 96 Frauen umkommen. Das Ereignis, das alle Einwohner des kleinen Ortes in Beschlag nimmt, kommt bei Strittmatter mit keinem einzigen Wort vor, obwohl die Amerikaner die Bewohner zur Bergung der Leichen und zur ausnahmslosen Teilnahme an ihrer Beisetzung zwangen.[13] Alle konkreten Umstände des Kriegsgeschehens sind im "Grünen Juni" weitgehend anonymisiert, die Vorzeichen ausgetauscht, eine Art Spurentilgung beherrscht die geglättete Szene und das Vorbeischreiben an ihren Abgründen. Der "Soldatenstand", aus dem der Autor sich "entlassen" hat, ist namenlos, Wallern zu einem Ort in der "Gegend von Oberplan" ohne jegliche Vorstation geworden. Die wäre allerdings die "Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei in Berlin" gewesen, in der Strittmatter seit dem Spätherbst 1944 tätig war und die ihre Bestände Anfang 1945 in das Wallern nahe Bischofteinitz verlagerte, wo sie rechtzeitig vor der Kapitulation der Vernichtung anheimfielen.


Bewohner von Wallern (Südböhmen) bei der Bestattung von Opfern eines Todesmarsches jüdischer KZ-Insassinnen. Zu der Bergung und Bestattung der Toten mussten die Einwohner von US-Soldaten gezwungen werden.Bewohner von Wallern (Südböhmen) bei der Bestattung von Opfern eines Todesmarsches jüdischer KZ-Insassinnen. Zu der Bergung und Bestattung der Toten mussten die Einwohner von US-Soldaten gezwungen werden. (© USHMM, Courtesy of National Archives and Record Administration.)
Von den Personen des Umfeldes in Wallern wird nur eine Bäuerin erwähnt, die ihn versteckt haben soll. Biograph Drommer nennt eine mehr, Hein Bethmann, "der begabte Maler",[14] der in Wahrheit ein "SS-Kriegsberichter" ist, der in der Zeitschrift "Die Deutsche Polizei" plumpe Propagandazeichnungen veröffentlicht. Wallern ist nicht der erste Ort, der Bethmann und Strittmatter zu gleicher Zeit sieht. Strittmatter nimmt im September 1943 als Angehöriger des III. Bataillons des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 an der Besetzung der Zykladen teil, die sich über Andros entfaltet, wo die Polizeigebirgsjäger in blutige Kämpfe verwickelt werden. Dort ist auch Bethmann zu finden.


Fußnoten

6.
Ruth Klüger, Gelesene Wirklichkeit Fakten und Fiktionen in der Literatur, Göttingen 2006.
7.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985.
8.
Rulo Melchert, Grüner Juni, in: Sonntag, 36/1985.
9.
BStU, MfS HA XX ZMA 4191, S. 117f.
10.
Erwin Strittmatter, Grüner Juni. Eine Nachtigall-Geschichte, Berlin/Weimar 1985, S. 83.
11.
Herwig Zahorka, Archiv Werner Liersch, Berlin 2009.
12.
Günther Drommer, Des Lebens Spiel, Berlin 2000, S. 61.
13.
Vgl. Werner Liersch, Das amerikanische Zeugnis, in: FAS, 3.2.2008, S. 27.
14.
Günther Drommer, Des Lebens Spiel, Berlin 2000, S. 61.

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 22. September 1968
    Die DKP (Deutsche Kommunistische Partei) konstituiert sich als Initiativausschuss und am 16. 11. 1968 als Bundesausschuss. Offiziell wird die DKP auf dem Essener Parteitag vom 12. - 14. 4. 1969 gegründet (Vorsitzender: Kurt Bachmann, Stellvertreter: Herbert... Weiter
  • 22. September 1972
    Bundeskanzler Brandt stellt die erste Vertrauensfrage (Art. 68 GG) in der Geschichte der BRD: 233 Bundestagsabgeordnete sind für, 248 gegen ihn. Das Kabinett stimmt nicht mit ab, um vorgezogene Neuwahlen zu ermöglichen. Bundespräsident Heinemann schreibt sie... Weiter
  • 21./22. September 1991
    Die ostdeutschen Bürgerrechtsbewegungen Demokratie Jetzt, Initiative Frieden und Menschenrechte und Teile des Neuen Forum schließen sich in Potsdam zur gesamtdeutschen Partei Bündnis 90 zusammen. Es will eine offene, wählbare politische Vereinigung und... Weiter