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Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Reiner Merker

"... und stets Künder seiner Zeit zu sein"?

Neuausrichtung und Behauptung des Gustav Kiepenheuer Verlages zu Beginn der 50er-Jahre

Versuche des Neuaufbaus


Undatierte Aufnahme des Verlegers Gustav Kiepenheuer.Undatierte Aufnahme des Verlegers Gustav Kiepenheuer. (© Foto: Heinrich Poellot. dpa/Picture Alliance)
Bereits unmittelbar nach Kriegsende unternahm Gustav Kiepenheuer den Versuch, den Verlag auf der Basis seiner verlegerischen Tätigkeit der 1920er-Jahre wieder aufzubauen.[4] Gerade aber in Bezug auf seinen ehemaligen Autorenstamm hatte er kaum Erfolg: Zum Einen mochten die wenigsten Autoren und Verleger einem Verlag in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die Herausgabe ihrer Bücher anvertrauen, zum Anderen befand sich Kiepenheuer mit seinem Vorhaben in direkter Konkurrenz zum neu begründeten Aufbau-Verlag. Dieser vermochte allein schon durch die Anzahl seiner Mitarbeiter, aber auch durch die hier agierenden Persönlichkeiten, wesentlich effektiver zu arbeiten. Beispielhaft sei auf die Bemühungen um die Übernahme des Programms des New Yorker Aurora Verlags unter der Leitung von Wieland Herzfelde verwiesen, welches bis auf wenige Ausnahmen 1948 vom Aufbau-Verlag übernommen wurde.[5]

Herzfelde hatte mit dem 1944 begonnenen Verlag eine Reihe von Autoren gewinnen können, die in den 1920er- und beginnenden 30er-Jahren dem Verlag Gustav Kiepenheuer verbunden waren. Dazu zählten unter anderen Bertolt Brecht, Franz C. Weiskopf oder Lion Feuchtwanger. Entsprechend bemühte sich auch Kiepenheuer um eine Übereinkunft mit Herzfelde. Dieser entschied sich jedoch für die gleichzeitige Übergabe der Rechte an den Münchener Verleger Kurt Desch und den Aufbau-Verlag. Für Aufbau verhandelten Erich Wendt und Max Schroeder; letzterer hatte die Jahre der Emigration, wie Wieland Herzfelde, in New York verbracht. Neben der finanziellen und strukturellen Ausstattung war somit auch ein personelles Netzwerk vorhanden, mit dem Kiepenheuer als im Lande Gebliebener kaum konkurrieren konnte.

Lediglich mit Nachauflagen, so von Theodor Plievier, Anna Seghers und Arnold Zweig, konnte zunächst an die Tradition des Kiepenheuer Verlags der Weimarer Republik angeknüpft werden.[6] Trotzdem ließ sich Gustav Kiepenheuer im Verständnis seiner Rolle als Verleger nicht beirren: Auch wenn es politischen Profit eingebracht hätte, behielt er es sich vor, vordergründig als "fortschrittlich" bezeichnete Literatur abzulehnen. In einem solchen Fall widerrief er im März 1947 die bereits gegebene Zusage für zwei Bücher der aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrten Schriftstellerin Dora Wentscher.[7] Deren Bücher erschienen in der Folge im SED-eigenen Thüringer Volksverlag. In den Augen der SED musste Kiepenheuer somit als "unzuverlässig" gelten, in einem anonymen Bericht an die politische Abteilung der Kriminalpolizei K5[8] heißt es entsprechend, er sei politisch "überaus schwankend, charakterlos. Er ist ein bürgerlicher Kunstkaufmann."[9]

Der Schriftsteller Theodor Plievier in Berlin, 2.2.1954.Der Schriftsteller Theodor Plievier in Berlin, 2.2.1954. (© dpa/picture-alliance)
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde die Diskrepanz zwischen dem Anspruch Kiepenheuers an seine Rolle als Verleger und den Erwartungen der sich festigenden SED-Kulturpolitik an einen "fortschrittlichen" Verlag deutlich. So eröffnete ihm der als Mitgesellschafter agierende Theodor Plievier im Mai 1947, dass seine Tätigkeit als Gesellschafter des Verlags im Auftrag der SMA auch in der politischen Kontrolle bestehe. Dies wurde mit dem Argument, dass Kiepenheuer dann ja einem belasteten Nazi gleichgestellt sein würde, mit größtem Unverständnis aufgenommen. Gleichwohl muß Plieviers Mitteilung durchaus plausibel gewesen sein: Ihm wurde angeboten, in veränderter Stellung zum Verlag, als dessen Geschäftsführer, weiterhin als "politischer Aufpasser" zu fungieren. Einen solchen Schritt lehnte Plievier jedoch entschieden ab.[10]

Wenn es jedoch einen Bereich gab, in dem der Kiepenheuer Verlag der ersten Nachkriegsjahre in der der SBZ spezifischen Kulturentwicklung zu verorten ist, dann ist es die Wiederveröffentlichung des "kulturellen Erbes". In diesem Rahmen wurden Neuausgaben von Heinrich Heine, Nikolaj Gogol oder Johann Gottfried Herder vorgelegt. In Johannes Nohls Nachwort zur Neuauflage Heines "Buch der Lieder" von 1947 liest sich die Programmatik folgendermaßen: "Infolge des barbarischen Verbots von Heinrich Heines Schriften im Dritten Reiche konnte das Unglaubliche geschehen, daß sein 'Buch der Lieder' heute bereits einer ganzen Generation unbekannt ist".[11] Im Grunde schloss sich dieser Band damit direkt an ein Postulat Walter Ulbrichts an, der im Juni 1945 ausgeführt hatte, dass die Jugend nun zunächst wieder mit Heine, Goethe, Schiller usw. vertraut gemacht werden müsse, bevor die Auseinandersetzung mit Marx und Engels beginnen könne.[12]

Durch den Tod Gustav Kiepenheuers am 6. April 1949 endete die kurze Phase des Neubeginns und Versuch des Anknüpfens an die eigene Tradition. Dieses spielte zwar auch in der weiteren Verlagsgeschichte immer wieder eine Rolle, letztlich prägt aber jeweils der Verleger den Verlag, und hier zeichnete ab diesem Zeitpunkt Noa Elisabeth Kiepenheuer verantwortlich.


Fußnoten

4.
Zur Verlagsneugründung nach 1945 vgl.: Volker Wahl, "Das Verlegen gebe ich nie auf ...". Gustav Kiepenheuers verlegerischer Neuanfang in Weimar nach Kriegsende 1945, in: Die große Stadt 2 (2009) 2, S. 92–116.
5.
Gustav Kiepenheuer, Übersicht Korrespondenzen 27.09.1945–01.11.1947, Sächs. Staatsarchiv Leipzig (SächsStAL), Kiepenheuer Verlag Sign. 489, Pag. 1–10; Carsten Wurm, Der frühe Aufbau-Verlag 1945–1961. Konzepte und Kontroversen, Wiesbaden 1996, S. 76ff.
6.
Hinzuweisen ist hier auch auf die letztlich nicht umgesetzte Planung Kiepenheuers einer Literaturzeitschrift, zunächst: "Wir – Weimarer Hefte für Kunst, Literatur und Kritik" (1949), dann: "Kronos. Zeitschrift für Literatur und Kunst" (1950), Red.: Klaus Herrmann, Martin Pohle, Heinz-Winfried Sabais, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0490.
7.
Gustav Kiepenheuer, Brief an Dora Wentscher, Weimar 18.3.1947. Archiv AdK (AAK), Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 272.
8.
Politische Abteilung der Kriminalpolizei auf Länderebene in der SBZ 1947–1949, Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit. Vgl. für Thüringen Andrea Herz/Wolfgang Fiege, Haft und politische Polizei in Thüringen 1945–1952. Zur Vorgeschichte der MfS-Haftanstalt Erfurt-Andreasstraße, Erfurt 2002.
9.
Bericht an K5, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 273.
10.
Besprechung, Weimar 12.5.1947, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 490, Pag. 130.
11.
Johannes Nohl, Nachwort, in: Heinrich Heine, Buch der Lieder, Weimar 1947, S. 216.
12.
Vgl. Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR 1945–1990, Köln 1994, S. 20ff.

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