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Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Reiner Merker

"... und stets Künder seiner Zeit zu sein"?

Neuausrichtung und Behauptung des Gustav Kiepenheuer Verlages zu Beginn der 50er-Jahre

Überlebensfragen


Der Lektor Friedrich Minckwitz und die Verlegerin Noa Kiepenheuer in den Weimarer Verlagsräumen.Der Lektor Friedrich Minckwitz und die Verlegerin Noa Kiepenheuer in den Weimarer Verlagsräumen. (© Pavillon-Presse Weimar – Druckgrafisches Museum)
Mit der Übernahme des Verlags durch Noa Kiepenheuer[13], von ihrem Mann testamentarisch als Alleinerbin bestimmt, wurde die Frage des zukünftigen Profils zu einer Frage des Überlebens des Verlags. Diese ergab sich nicht unmittelbar aus dem personellen Wechsel, vielmehr musste dem seit der Gründung der DDR 1949 gewachsenen Druck zur Unterordnung der Kultur unter das Ziel des Aufbaus des Sozialismus Rechnung getragen werden. Eine Rücksichtnahme aufgrund des Renommees war nun nicht mehr zu erwarten.[14] Dennoch versuchte auch Noa Kiepenheuer zunächst das Erbe ihres Mannes hinsichtlich der Autorenauswahl fortzuführen. In der Entwicklung des Verlags waren jedoch in der Folge zwei Punkte entscheidend: die innere Verfassung und die Entwicklung eines im Rahmen der Möglichkeiten eigenständig zu definierenden Profils.

Johannes Nohl, 1947.Johannes Nohl, 1947. (© Quelle: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Bestand 21097 Gustav Kiepenheuer Verlag Nr. 51, Bl. 2)
Noa Kiepenheuer setzte Mitte Juni 1949 Johannes Nohl als Cheflektor ein. Nohl war durch Plievier mit Gustav Kiepenheuer in Verbindung getreten[15] und dem Verlag zu diesem Zeitpunkt bereits durch mehrere Herausgeberschaften verbunden. Mit einiger zeitlicher Verzögerung löste Nohl, "der von der Partei und vom kulturellen Beirat verpflichtet wird, das Verlagsprogramm im fortschrittlichen Sinne zu gestalten",[16] Plievier in seiner inoffiziellen Rolle der politischen Steuerung des Verlags ab. Damit schien die Einflussnahme der staatlichen Kulturpolitik zunächst gesichert, zumal mit dem ebenfalls 1949 eingestellten Geschäftsführer Paul Stengel ein weiteres Mitglied der SED in den Verlag eingebunden wurde.

Tatsächlich wirkte Nohl den Bemühungen um Anknüpfung an die Tradition des Verlags entgegen. Dies schlug sich sowohl in seinen Vorstellungen der zu verlegenden Literatur nieder als auch in den Ablehnungen, die er formulierte. So schrieb er unmittelbar nach Antritt seiner Stelle als Cheflektor ein ablehnendes Gutachten zu Joseph Roths "Die weißen Städte" und damit zu einem Autor, der bereits vor 1933 Teil des Kiepenheuer-Programms war. Darin heißt es: "Ein in einem prachtvoll konzentrierten Stil geschriebenes Buch von hohem Niveau, das aber mit seiner einseitigen Verherrlichung des Altertums und Mittelalters und seiner Skepsis gegenüber allen progressiven Aufbaukräften der neuen Zeit unmöglich von einem links gerichteten Verlag herausgebracht werden kann. [...] Bei unserm empfindlichen Mangel an gut geschriebenen Büchern ist es mir bitter, dieses Urteil fällen zu müssen. Ich las das Werk stellenweise mit großem Genuß, was mich aber nur noch mehr in meiner Überzeugung stärkte, daß es im höchsten Maße gefährlich und irreführend ist."[17]

Das erste große Projekt, welches zunächst noch in der Tradition des Verlags der Weimarer Republik stand, war eine Würdigung des Verlags und Verlegers Gustav Kiepenheuer. Geplant wurde die Herausgabe eines Verlagsverzeichnisses für den Zeitraum 1910–1950 sowie ein Almanach mit Texten ehemaliger und aktueller Kiepenheuer-Autoren[18]. Doch wurde die Druckgenehmigung für den Almanach vor dem Hintergrund der ab 1948 einsetzenden Formalismuskampagne zunächst verweigert. Dabei war Noa Kiepenheuer unklar, welcher Entwicklung sie sich hier gegenüber sah. In einem Briefentwurf zur Frage des Almanachs hielt sie fest, dass ihr bewusst sei, dass der Verlag in der Vergangenheit Fehler gemacht habe und nunmehr im Sinne der "großen Aufgabe, die er heute hat", vorsichtiger sein müsse. Um dies umzusetzen, bedürfe sie aber der Schulung durch die Partei.[19] Tatsächlich vermerkt sie 1953 in ihrem Lebenslauf, dass sie 1951/52 einen politischen Lehrgang an einer Parteischule besucht habe.[20]

1951 konnte der Almanach schließlich erscheinen. Die daran geknüpften Bedingungen sind jedoch in der Einleitung eindrücklich festgehalten, die sich vom "intellektuellen Formalismus" eines Teils des früheren Verlagsschaffens distanziert. Ziel der vorliegenden Auswahl sei es gewesen, "das Wertvolle von dem Überlebten zu trennen" und "das verhängnisvolle individualistische Erbe [...] völlig und endgültig" zu überwinden.[21] Und so fehlen denn auch namhafte Autoren des Kiepenheuer Verlags vollständig, Autoren wie Hermann Kesten, Gottfried Benn oder Ernst Glaeser, obwohl ausgeführt wurde, dass sich der Verlag bis 1933 fast ausschließlich auf "die Avantgarde der jungen deutschen Literatur stützte." Ihre Vetreter hätten aber keineswegs "in der gemeinsamen Front der fortschrittlichen Kräfte" gestanden, vielmehr oft aus anarchistischen und individualistischen Tendenzen heraus agiert: "Ein individualistischer Formalismus entfremdete die Literatur den breiten Massen. Skepsis und Pessimismus benahmen den Lebensmut. Eine überhitzte Erotik maß dem irrationalen Triebleben eine völlig ungerechtfertigte Wichtigkeit bei."[22] Das Vorwort liest sich wie ein Kniefall vor der SED-Kulturpolitik, vom einstigen Programm blieb nur das in den "großen sozialen und kulturellen Umwandlungen" verortbare zurück.

Johannes Nohl hielt es trotzdem noch Anfang der 1960er-Jahre für nötig, darauf hinzuweisen, dass er an der Zusammenstellung des Almanachs nicht beteiligt gewesen sei,[23] obwohl er als Cheflektor unmittelbar mit dem Autorenkontakt betraut war.[24] Allerdings verließ Nohl bereits im Oktober 1950 den Verlag und hat damit das Erscheinen des Bandes letztlich nicht mehr verantwortet.

Seine Kündigung wirft denn auch ein anderes Licht auf die innere Verfassung des Verlags, als die Vorgänge um den Almanach vermuten lassen. In seinem ausführlichen Begründungsschreiben führt Nohl aus, dass es vor allem die nicht eindeutige politische Linie des Verlags gewesen sei, die ihn zur Aufgabe seiner Tätigkeit bewegt habe: "Als Frau Noa Kiepenheuer nach dem Tode ihres Mannes mit der Verlagsarbeit neu begann, war die Situation eine andere als heute. Damals war es in der Tat geboten, daß mit tausend Hemmungen, Vorurteilen und Vorbehalten belastete bürgerliche Publikum allmählich an die Probleme unseres Aufbaus heranzuführen. Angesichts der gegenwärtigen Situation bin ich der Meinung, daß es der Gustav-Kiepenheuer-Verlag seinem Namen und seiner Tradition schuldig ist, im Dienste der Friedenspolitik klar und offen an der vordersten Kulturfront zu kämpfen. Danach muß sich die Wahl der Autoren richten".[25] Nohl hielt fest, dass er des Öfteren Manuskripte habe ablehnen müssen, wie beispielsweise Joseph Roths "Die weißen Städte", die der Verlag durchzusetzen wünschte. Desweiteren fehle ein rückhaltloses Bekenntnis zur Sowjetunion, entsprechende Manuskriptvorschläge seinerseits, wie Georgie Leonidses Gedichte (Kindheit und Knabenalter Stalins), habe wiederum der Verlag abgelehnt.[26]

Ähnliche Vorwürfe waren bereits zu Lebzeiten Gustav Kiepenheuers erhoben worden. Die Ablehnung von nunmehr sowjetischen bzw. stalinistischen Autoren – hier war vor 1949 allgemeiner gehalten die Rede von "fortschrittlicher" Literatur – bildet dabei eine Kontinuität in der unideologischen Ausrichtung des Verlags.


Fußnoten

13.
Zu ihrer Person: Wolfgang Tripmacker, Frauen um Gustav Kiepenheuer. Irmgard und Noa Kiepenheuer, Bettina Hürlimann-Kiepenheuer, Oda Weitbrecht, Charlotte Ehlers, in: Leipziger Jb. zur Buchgeschichte 7 (1996), S. 175–182.
14.
Bereits mit dem Ausscheiden Plieviers aus dem Verlag hätte dessen Anteil nach Planung der Zentrag/SED vom Thüringer Volksverlag übernommen und der Verlag mittelfristig in Eigentum der SED überführt werden sollen. Vgl. Carsten Wurm, Der frühe Aufbau-Verlag 1945–1961. Konzepte und Kontroversen, Wiesbaden 1996, S. 84.
15.
Johannes Nohl, Lebenslauf, 1962, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 50.
16.
BArch, DY 30/IV 2/9.04-670, zit.: Carsten Wurm, Der frühe Aufbau-Verlag 1945–1961. Konzepte und Kontroversen, Wiesbaden 1996, S. 84.
17.
Johannes Nohl, Joseph Roth: Die weißen Städte, o.O. 29.06.1949, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 201.
18.
Noa Kiepenheuer (Hg.), Vierzig Jahre Kiepenheuer 1910–1950. Ein Almanach, Weimar 1951.
19.
Noa Kiepenheuer, Briefentwurf [Weimar 1950], SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0489, Pag. 41.
20.
Noa Kiepenheuer, Entwurf Lebenslauf, 7.1.1953, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign.0490, Pag. 137.
21.
Noa Kiepenheuer (Hg.), Vierzig Jahre Kiepenheuer 1910–1950. Ein Almanach, Weimar 1951, S. 5f.
22.
Noa Kiepenheuer (Hg.), Vierzig Jahre Kiepenheuer 1910–1950. Ein Almanach, Weimar 1951, S. 5f.
23.
Johannes Nohl, Lebenslauf, 1962, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 50.
24.
Beispielhaft hier als Anschreiben in Vorbereitung des Almanachs: Johannes Nohl, Brief an Leonhard Frank, Weimar 8.9.1949, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 201.
25.
Johannes Nohl, Begründung zur Kündigung, Weimar 3.9.1950, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 137.
26.
Johannes Nohl, Begründung zur Kündigung, Weimar 3.9.1950, AAK, Bestand Nohl u. Wentscher Sign. 137.

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