Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Bernd Lindner

Jugendkultur in der DDR zwischen Staatsgründung und Mauerbau

Arrangierten sich die Jugendlichen der Aufbaugeneration einerseits mehrheitlich mit dem Sozialismus, lebten sie andererseits bereits in einer kulturellen Parallelwelt. Denn die weltumspannende Sprache des Rock 'n' Roll hatte auch die jungen Menschen in der DDR erfasst. Drohungen und Repressionen konnten sie davon nicht abbringen.

Einleitung


Die inhaltliche Spannweite der Entwicklung, welche die Jugendlichen in der DDR zwischen der Gründung des Staates am 7. Oktober 1949 und dem Bau der Mauer am 13. August 1961 durchliefen, war enorm. Umrissen sei diese eingangs mit zwei, von ihrem Charakter her, sehr unterschiedlichen Texten. Ihre Entstehungszeit liegt nur zehn Jahre auseinander und dennoch trennen sie im wahrsten Sinne des Wortes Welten.

1948 schuf Bertolt Brecht den Text für das "Aufbaulied der FDJ" (Musik: Paul Dessau):

"Keiner plagt sich gerne, doch wir wissen:
Grau ist's immer, wenn ein Morgen naht,
und trotz Hunger, Kälte und Kümmernissen
stehn zum Handanlegen wir parat.
(...)
Besser als gerührt sein, ist sich rühren,
denn kein Führer führt uns aus dem Salat,
selber werden wir uns endlich führen,
weg der alte, her der neue Staat.

Refrain:
Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut,
um uns selber müssen wir uns selber kümmern,
und heraus gegen uns, wer sich traut."
[1]

Spricht dieser lyrische Text im Namen der Jugendlichen seiner Zeit, stammt das zweite Zitat dagegen von Jugendlichen selbst:

"Elvis Presley – das Idol! / Wir wollen nur noch Rock and Roll!"[2]

Plakat des Rock 'n' Roll Klub Schmölln. Polizeifoto vom 15.5.1958.Plakat des Rock 'n' Roll Klub Schmölln. Polizeifoto vom 15.5.1958. (© Sächsisches Staatsarchiv Leipzig.)
Mitglieder eines (illegalen) "Rock and Roll-Klubs" aus der sächsischen Kleinstadt Schmölln hatten den provokativen Spruch auf ein Transparent geschrieben, mit dem ca. 100 Fans dieser Musik im Mai 1958 durch das Dörfchen Ponitz zogen.

Während das Singen des "Aufbauliedes" staatlich gewünscht war, hatte das öffentliche Bekenntnis zum westlichen Rock 'n' Roll-Star Elvis Presley juristische Konsequenzen. In einem Verfahren wegen "Landfriedensbruchs" wurden acht der beteiligten Jugendlichen zu "Gefängnisstrafen von acht Monaten bis zu zwei Jahren"[3] verurteilt. Dem Betreiber des örtlichen Tanzsaals wurde seine Konzession entzogen.

Fußnoten

1.
Zit.: Freie Jugend, neues Leben, Berlin 1949, S. 12f.
2.
Zit.: Yvonne Liebing, All you need is beat. Jugendsubkultur in Leipzig 1957–1968, Leipzig 2005, S. 39.
3.
Yvonne Liebing, All you need is beat. Jugendsubkultur in Leipzig 1957–1968, Leipzig 2005, S. 39: Angelastet wurde ihnen die "aggressive Störung tanzender Paare, die unsittliche Belästigung weiblicher Personen und das Anzetteln einer Schlägerei" in der Gaststätte.

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