Beleuchteter Reichstag

17.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Hans Mayer und der 17. Juni 1953

Ein unbekannter Text

Hans Mayer und der 17. Juni – 1984


Der am 16. Juni 1953 ausbrechende Streik Ost-Berliner Bauarbeiter, der am Tag darauf in einen republikweiten Aufstand mündete, wirkt in der Lebensplanung Mayers wie ein jäher Frosteinbruch. Damit, dass Arbeiter gegen eine "Arbeiterregierung" streiken könnten, war weder in der DDR-Regierung noch im SED-Politbüro, dem wahren Machtzentrum, gerechnet worden. Also musste der ungeheure Vorgang, der den "Gesetzen" marxistischer Geschichtsdoktrin widersprach, politisch entschärft und uminterpretiert werden. Die streikenden Arbeiter durften keine "klassenbewussten" Arbeiter sein, sondern lediglich "kleinbürgerliche Elemente", von eingeschleusten "Westagenten" zu ihren Untaten verführt. Der Aufstand war folglich kein Aufstand, sondern ein "konterrevolutionärer", gar ein "faschistischer Putschversuch". Dieses Erklärungsmuster war Hans Mayer durchaus bekannt, als er seine Autobiografie schrieb.

Dieses Muster immerhin verwendet er 1984 nicht, dennoch nähert er sich dem heiklen Thema "17. Juni 1953" langsam, vorsichtig, zögernd. Seine politische Einschätzung dieses Aufstands, den er nicht wie den in Ungarn vom Herbst 1956 eine "Volksrevolution" nannte, ist ambivalent, trotz eines weiteren Jahrzehnts DDR-Erfahrung. Er beginnt mit dem Satz, dass die Regierung, obwohl Geheimberichte über die Stimmungslage in der Bevölkerung vorgelegen hätten, "kein Vertrauen mehr besaß bei den Werktätigen", als ob es jemals anders gewesen wäre! Dann zitiert und interpretiert Hans Mayer zwei Gedichte Bertolt Brechts, der gewusst hätte, "was die Trümmerfrauen dachten und die Bauarbeiter". Beide Gedichte aber mit den Titeln "Die Lösung" und "Bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters" sind zu DDR-Zeiten nicht veröffentlicht worden! Sie wurden im Nachlass Brechts aufgefunden.

Sowjetische Panzer vor dem ehemaligen Reichsgericht (Georgi-Dimitroff-Museum) in Leipzig, 17. Juni 1953.Sowjetische Panzer vor dem ehemaligen Reichsgericht (Georgi-Dimitroff-Museum) in Leipzig, 17. Juni 1953. (© Bundesarchiv, Bild 175-14676 / Fotograf: o. Ang.)
Das alles war freilich noch Vorbericht, bevor er auf fünf Seiten schilderte, wie er selbst den 17. Juni in Leipzig erlebt hat. In diesen Vorbericht gehören auch die Informationen über die schlimmen Schicksale von Freunden und Weggefährten aus der Exilzeit, die als überzeugte Sozialisten am Umbruch der Gesellschaft nach 1945 mitgewirkt und hohe Machtpositionen errungen hatten, dann aber wegen irgendwelcher "Verfehlungen" gestürzt und verhaftet wurden und nach der Verurteilung in Zuchthäusern und Straflagern verschwanden. Hier nennt Hans Mayer zuerst Leo Bauer, den er aus dem Schweizer Exil kannte und der ihn im Sommer 1945 nach Frankfurt am Main geholt hatte. Er war 1949/50 Chefredakteur des "Deutschlandsenders" in Ost-Berlin, wurde im August 1950 verhaftet, zum Tode verurteilt und im Januar 1953 nach Sibirien verschleppt, wo er zu 25 Jahren Zwangsarbeit "begnadigt" wurde. Er wurde 1955 auf Initiative des Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der mit der Sowjetunion eine Vereinbarung über Gefangenenrückführung getroffen hatte, nach Westdeutschland entlassen.

Auch Fritz Sperling, den späteren KPD-Vorsitzenden in Bayern, kannte er aus dem Zürcher Exil. Sperling wurde 1951 unter einem Vorwand von München nach Ost-Berlin gelockt, dort verhaftet, zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt und 1956 als kranker Mann entlassen. Der aus Dresden stammende Kommunist Bruno Goldhammer war 1944/45 Chefredakteur der antifaschistischen Zeitschrift "Freies Deutschland". Er wurde 1950 in Ost-Berlin verhaftet, zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und 1956 freigelassen; auch ihn kannte Mayer noch aus Zürcher Zeiten. Die Angst, die ihn am Vorabend des 17. Juni erfüllte, nährte sich aus der Vorstellung, das Ministerium für Staatssicherheit könnte auch noch andere Mitglieder der Schweizer Exilgruppe, wie ihn und den mit ihm befreundeten Schriftsteller Stephan Hermlin, verhaften: "Dann war auch ich ein Westagent, obwohl man mir vorerst noch nichts vorgeworfen hatte."

Diese Angst wurde dadurch noch verstärkt, dass Hans Mayer Jude war. Er wusste, dass Kommunisten, die aus dem Judentum stammten, stärker gefährdet waren als Nichtjuden. Er zählt sie auch alle auf: den tschechischen KP-Führer Rudolf Slánsky, der 1952 in Prag gehenkt wurde; seinen Freund Georg Lukács in Budapest, der nach dem Ungarn-Aufstand 1956 für zwei Jahre nach Rumänien verschleppt wurde. Auch Leo Bauer und Bruno Goldhammer waren Juden.

Den Aufstand des 17. Juni 1953 "hätte ich fast verschlafen", erzählt Hans Mayer in seiner Autobiografie. Am Tag zuvor, am 16. Juni, war er dienstlich in Chemnitz gewesen, das wenige Wochen zuvor, zum 70. Todestag von Karl Marx, in "Karl-Marx-Stadt" umbenannt worden war. Er wollte ausschlafen und am späten Vormittag nach Ost-Berlin fahren zur Sitzung eines Professorengremiums. Nun aber weckten ihn seine Assistenten aus dem Germanistischen Institut mit einem Telefonanruf und waren hocherfreut darüber, dass er sich nicht unter die Leipziger Demonstranten gemischt hatte. Auf dem Weg in sein Institut sah er dann auch, wie er schreibt, jene ominösen und vielzitierten Westagenten auf Rädern – ein Topos, der in jeder DDR-Veröffentlichung über den 17. Juni zu lesen ist –, die "das Volk" im Vorüberfahren "aufhetzten" und dann wieder irgendwohin verschwanden: "Ziemlich viele Radfahrer auf feinen und unverkennbar westlichen Fahrrädern, die rasch davon zu flitzen schienen, fielen mir auf." Selbst für Ost-Berlin, wo der Aufstand am 16. Juni ausgebrochen war, ließen sich diese Rad fahrenden "Konterrevolutionäre" nicht einwandfrei nachweisen, umso weniger für die DDR-Provinz, weit weg von West-Berlin. Immerhin spricht Mayer von den "mit Recht zornigen Bauarbeitern", auch wenn ihm niemand begegnet ist, der die "Aufständischen" verteidigt hätte. Mit denen freilich konnte er "nicht gemeinsame Sache machen", weil hinter denen die "alternden Anhänger eines Dritten Reiches ... und die Aktionäre der Leuna-Werke" stünden.



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