Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Deutsche und Russen 1945

"Frau, komm!"


Münch, "Frau komm!"Münch, "Frau komm!" (© Ares Verlag Graz)
Auch Ingo von Münch, Hamburger Emeritus für Staats- und Völkerrecht, beruft sich im Vorwort wie in seiner umfangreichen Literaturliste auf Gabi Köpps autobiografisches Buch. An seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung der "Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45" (Untertitel), die als Pioniertat anzusehen ist, fällt auf, dass sie von keinem Historiker, sondern von einem Juristen geleistet wurde. Das Thema wird, so hat es den Anschein, von deutschen Historikern noch immer gemieden! Selbst der Verfasser wurde, wie er im Vorwort bemerkt, immer wieder gefragt, warum er denn ein solches Buch schriebe. Allein schon die Einleitung bietet dem Leser eine solche Fülle von Zitaten aus Erlebnisberichten und Sekundärliteratur, die erkennen lassen, dass diese ungeheuren Verbrechen, die an Hunderttausenden deutscher, aber auch polnischer, slowakischer, rumänischer, tschechischer Frauen verübt wurden, durchaus bekannt waren.

Münchs Buch ist klar und übersichtlich in zehn Kapitel gegliedert und umkreist alle Aspekte des Geschehens. So ist ein Kapitel dem Verhalten sowjetrussischer Offiziere gewidmet, die oft nicht einschritten, wo sie hätten einschreiten müssen, ein weiteres den Kindern, die, wenn sie Mädchen waren, selbst vergewaltigt werden konnten oder mit ansehen mussten, was ihren Müttern angetan wurde, ohne es zu verstehen. Die Gewährsmänner, auf die sich der Verfasser beruft, sind ehrbare und unbestechliche Leute wie der Schriftsteller Walter Kempowski, der in seiner Dokumentation "Echolot" (1999–2005) mehrmals das Thema aufgreift, wie die deutsch-amerikanische Journalistin Margret Boveri[2], der aus Pommern stammende Schriftsteller Christian von Krockow und wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler, der 2005 in einem Interview äußerte: "Massenvergewaltigungen in Ostdeutschland: Sechzig Jahre danach kann und soll die Beschäftigung damit nicht aufgehalten werden."


Fußnoten

2.
Vgl. Margret Boveri, Tage des Überlebens. Berlin 1945, Berlin 2004; rezensiert in: DA 38 (2005) 2, S. 330f.

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