Beleuchteter Reichstag

5.5.2011 | Von:
Jörg Bernhard Bilke

Deutsche und Russen 1945

"Vereister Sommer"


Schacht, Vereister SommerSchacht, Vereister Sommer (© Aufbau Verlag Berlin)
Der aus Wismar stammende Schriftsteller Ulrich Schacht, 1976 aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden freigekauft und nach Hamburg ausgebürgert, wurde zunächst mit den beiden Gedichtbänden "Traumgefahr" (1981) und "Scherbenspur" (1983) bekannt, ehe er sich mit den sechs Erzählungen "Brandenburgische Konzerte" (1989) der Prosa zuwandte. Öffentliches Aufsehen erregten aber die "Hohenecker Protokolle" (1984), worin er die Schicksale von elf weiblichen Häftlingen im Zuchthaus zu Stollberg im Erzgebirge nacherzählte. Dort in Stollberg ist Ulrich Schacht, der am 9. März seinen 60. Geburtstag feiern konnte, auch geboren. Nach Bäckerlehre und Abitur studierte er Theologie und wurde 1973 wegen kritischer Gedichte, die als "staatsfeindliche Hetze" eingestuft wurden, zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. In Bonn und Hamburg arbeitete Schacht als Redakteur bei "Welt" und "Welt am Sonntag" und wanderte 1998 nach Schweden aus, weil das 1990 wiedervereinigte Deutschland für ihn nicht mehr die "Republik des Grundgesetzes" war.

Seine Mutter Wendelgard Schacht war 1950 zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden, musste aber die Haftstrafe nicht vollends absitzen, sondern wurde, im Vorfeld der Berliner Außenministerkonferenz 1954, entlassen. Diese biografischen Daten sind freilich nur das Gerüst für eine unerhört bilderreich geschriebene Suche, die der Autor nach seinem in Russland verschollenen Vater unternommen hat, den er nur aus Erzählungen seiner Mutter kennt, den er aber ein Leben lang vermisst hat und den er schließlich, selbst schon 48 Jahre alt, im Dorf Schalikowo, zwischen Moskau und Smolensk gelegen, findet. Es ist der 4. April 1999, als die Geschichte mit dem Satz anhebt: "Ein Mann geht durch den Schnee." Dieser Mann geht zögernden Schritts über die winterlich vereiste und von Birken umsäumte Dorfstraße auf einen anderen Mann zu, der vor seiner Datscha auf ihn wartet und der sein Vater ist.

Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Wladimir Jegorowitsch Feodotow als Leutnant der Roten Armee in Wismar stationiert war und bei einem Tanzvergnügen 1949 Wendelgard Schacht kennenlernte, die im Sommer 1950 von ihm schwanger wurde. Am 14./15. August 1950 wurde diese junge, kaum ausgelebte Liebe jäh zerstört, als zunächst Wladimir und am Tag darauf Wendelgard vom sowjetrussischen Geheimdienst verhaftet wurden. Vier Wochen später gab sie bei einer Gegenüberstellung mit ihrem russischen Geliebten zu, mit ihm nach Westdeutschland hätte fliehen zu wollen. Am 18. November 1950 wurde sie von einem Sowjetischen Militärtribunal, ohne Rechtsbeistand und Entlastungszeugen, wegen "Landeshochverrats" verurteilt. Sie wurde aber nicht, wie sie befürchtet hatte, in die Sowjetunion verschleppt, sondern kam ins Frauenzuchthaus Hoheneck. Hier brachte sie am 9. März 1951 ihren Sohn Ulrich zur Welt, der ihr am 6. Juni weggenommen und in ein Kinderheim der "Volkspolizei" nach Leipzig verbracht wurde, bevor seine Großmutter ihn bei sich aufnehmen und wenig später bei einer Pflegefamilie unterbringen konnte.

Der Tag, an dem Ulrich Schacht mit seinem russischen Halbbruder Slavik durch Eis und Schnee auf seinen Vater zugeht, ist der 4. April 1999, ein magisches Datum, das wie ein roter Faden durch den autobiografischen Text läuft. Von hier aus werden die drei Handlungsstränge aufgefächert und miteinander verschränkt: Das Leben des Vaters, der damals, am 26. Oktober 1950, ins sibirische Tschita strafversetzt wurde, später heiratete und zwei weitere Söhne zeugte; das Schicksal der Mutter, die am 22. Januar 1954 aus Hoheneck entlassen wurde, Arbeit fand als Sekretärin in einer Wismarer Werft und 1979 nach Hamburg übersiedelte, wo sie heute in einem Seniorenheim lebt; und die Lebensgeschichte des Dissidenten und unerbittlichen Demokraten Ulrich Schacht selbst. Auch der 22. Januar 1954, der Entlassungstag der Mutter, ist ein solches Datum, das für die Textstruktur wichtig ist. Da fuhr sie von Chemnitz über Leipzig, Magdeburg und Schwerin nach Wismar. Im inneren Monolog während der langen Bahnfahrt der plötzlich Freigelassenen, die nichts verbrochen hatte, erfährt der Leser Unglaubliches aus DDR-Zuchthäusern. Dieser Textstrang wirkt unerhört verdichtet, weil die Erinnerung der Mutter noch nach Jahrzehnten klar und unwiderlegbar ist und weil der Sohn unablässig nachfragte.

Mehrere Passagen gibt es in diesem Buch, die den Leser sehr anrühren. Eine davon ist das Schicksal der drei Jahre älteren Schwester Dolores, die vor ihrem Krebstod 1976 dem Bruder noch einen Brief ins Zuchthaus schrieb; die zweite ist die Begegnung mit Heinrich Böll auf dem Schriftstellertreffen 1984 in Saarbrücken, wo linke Verharmloser kommunistischer Verbrechen die Szene beherrschten und wo der Kölner Schriftsteller schützend seinen Arm auf Ulrich Schachts Schulter legte; und die dritte ist die nächtliche Umrundung der Lubjanka, wo bis 1989 Tausende von "Staatsfeinden" eingekerkert waren, im Moskauer Zentrum, die der Verfasser mitten in der Nacht unternahm: ein archaisches Ritual, um das Böse zu bannen! Erstaunt erfährt man, dass für ihn jeden Sonntag in zwei Wismarer Kirchen von mutigen Pfarrern Fürbitten gesprochen wurden, "unserem gefangenen Bruder Ulrich Schacht" zu helfen. Als krudes Gegenstück dazu wirkt die Begegnung mit seinem Richter 17 Jahre nach der Verurteilung in Schwerin. Das Gespräch fand in einer Kleingartenanlage statt und wurde per Richtmikrofon mitgeschnitten: Die Druckfassung von 18 Seiten zeigt die vor Angst schlotternde Gestalt eines ehemals sozialistischen "Rechtspflegers".



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