Beleuchteter Reichstag

30.3.2011 | Von:
Marcus Sonntag

DDR-Arbeitslager – Orte der Schaffung eines "neuen Menschen"

II. "Umerziehung" im Spiegel von Gefangenenakten


Industrieanlagen des VEB Maxhütte in Unterwellenborn 1949.Industrieanlagen des VEB Maxhütte in Unterwellenborn 1949. (© Bundesarchiv, Bild 183-S81540, Foto: Gerhard Graf)
In den ersten Jahren ihrer Existenz waren Haftlager unter der Verwaltung der Justizbehörden Bestandteil einer Strafvollzugsreform, die von reaktivierten Gefängnisreformern der Weimarer Republik konzipiert wurde. In den Haftlagern sollten Gefangene mit kürzeren Haftstrafen unter gelockerten Bedingungen in produktive Arbeit gebracht werden. Einen solchen Weg beschritt ab 1949 das Lager bei der Maxhütte Unterwellenborn.[16] Die Insassen waren vergleichsweise schwach bewacht, die Gebäude der Hafteinrichtung waren Teil des Betriebsgeländes, die Innenräume in bescheidener Form wohnlich eingerichtet worden. Die kulturelle Betreuung zur "Hebung" von Gefangenen, um die sich das Vollzugswesen in den folgenden Jahren nur leidlich bemühen sollte, war zu dieser Zeit noch gegeben. Das Werk selbst führte sie durch. Der Baracke der Gefangenen war ein großer Radioapparat zugeteilt sowie ein Großlautsprecher im Korridor, damit alle Gefangenen den Rundfunk mitverfolgen konnten. Ebenso existierte eine Bücherei mit "guten, neuzeitlichen Büchern", die Hütte besorgte die tägliche Belieferung der Baracke mit Zeitungen. Allerdings war das Lesebedürfnis der Gefangenen nach der harten Arbeit ausgesprochen gering, lediglich die Tageszeitungen wurden gelesen. Zudem bestand die Möglichkeit, mit Instrumenten zu musizieren. Der Höhepunkt der Woche dürfte der Sonntag gewesen sein, an dem alle Kommandoangehörigen das Kino des Werkes besuchten.[17] Die beschriebenen Methoden der Besserung von Gefangenen, indem man ihnen den Zugang zu Kultur ermöglichte, waren in vielen Strafvollzugssystemen der Welt gängige Praxis. Sie lassen erkennen, dass in den frühen Haftlagern der DDR-Justiz erzieherische Bemühungen einen gewissen Stellenwert besaßen.

Erst in den folgenden Jahren, nachdem das Ministerium des Innern (MdI) die Lager 1951 übernommen hatte, wurden die Hafteinrichtungen zu reinen Arbeitslagern, in denen die Erziehungsbemühungen auf ein Minimum schrumpften. Nicht zuletzt der Einsatz zahlreicher Gefangener im Schichtdienst erschwerte eine erzieherische Einflussnahme erheblich. Die größte Sorge der Verantwortlichen galt der Inarbeitbringung der Strafgefangenen.[18] Allerdings waren in der Theorie des Strafvollzuges seit dem 19. Jahrhundert gerade mit dem Arbeitseinsatz erzieherische Aspekte verbunden. Harte Arbeit, so die Annahme, diente immer auch der Erziehung. Die Arbeit sollte einen Menschen bessern können. Gerade in der sozialistischen Staatenwelt sollte die Arbeit durch ihre Befreiung von jeglichem Ausbeutungscharakter nach der "demokratischen" Umwälzung erstes Grundbedürfnis jedes Menschen sein. Gefangenenarbeit diene nun nicht mehr den Interessen einzelner Unternehmer oder eines ausbeuterischen Staates, sondern der gesamten Gesellschaft, so die Ansicht der Vollzugsverantwortlichen der DDR. Folglich durfte kein Strafgefangener den Arbeitseinsatz verweigern, sein Wille zur Normerfüllung war vielmehr der wichtigste Gradmesser für ernsthafte Besserungs- und Wiedereingliederungsbemühungen.[19]

Erst in den Sechzigerjahren wurden ältere Überlegungen wieder aufgegriffen. Vollzugstheoretiker wiesen darauf hin, dass Arbeit allein einen Menschen nicht bessern könne, wenn sie nicht von politisch-kulturellen Erziehungsmaßnahmen begleitet werde. Politisch-aktuelle Gespräche, Politinformationen und Wandzeitungen, Vorträge und Produktionsberatungen hielten (wieder) Einzug in den Lagern. Zudem sollte Häftlingen die Möglichkeit gegeben werden, sich beruflich weiterzuqualifizieren oder Schulabschlüsse nachzuholen. Das Spektrum der Erziehungsmaßnahmen wurde also diversifiziert. Zentral blieb allerdings der Arbeitseinsatz der Gefangenen, auf den die DDR-Staatswirtschaft immer weniger verzichten konnte.[20]

Stets dauerte es einige Zeit, bis diese und andere theoretische Innovationen umgesetzt wurden. Die Bemühungen darum belegen einige für den Dienstalltag wichtige Publikationen, die zwischen 1979 und 1982 erschienen.[21] Zwar begann man bereits in den Sechzigerjahren, Führungsgespräche und ähnliches mit Gefangenen durchzuführen, aber erst die Aufnahme der DDR in die UNO 1973 sowie die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte 1975 und die Novelle des Vollzugsgesetzes von 1977 sollten den Weg für einen begrenzten Erziehungsstrafvollzug freimachen. Oft beschränkten sich bis dahin die erzieherischen Maßnahmen auf ein Aufnahmegespräch und "Maßnahmen der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung", vornehmlich Gruppenveranstaltungen mit Vorträgen. "Kollektiverziehung" genoss zwar in der sozialistischen Gesellschaftsordnung oberste Priorität; dennoch mahnte die Vollzugsbehörde immer wieder an, dass die individuelle Arbeit mit den Gefangenen verbessert werden müsste. Das war schwer zu erreichen, denn die Erzieher waren oft schlecht ausgebildet und mangelhaft qualifiziert. Zudem war die Dienstzeitbelastung sehr hoch, und Verwaltungsaufgaben fraßen wertvolle Zeit. Ferner hatten viele Gefangene, speziell die politischen, überhaupt kein Interesse an einer doktrinären Einflussnahme. Sie verweigerten sich oder wurden als Systemgegner ohnehin von allen Aktivitäten jenseits des Arbeitseinsatzes ausgeschlossen.[22]


Fußnoten

16.
Siehe Marcus Sonntag, DDR-Arbeitslager in Thüringen 1949–1989, Erfurt 2011.
17.
Vermerk zu einer Inspektion des Außenarbeitslagers der Strafanstalt Ichtershausen in der Maxhütte in Unterwellenborn am 3.6.1950, ThHStAW, Land Thüringen, Ministerium der Justiz Nr. 296, Bl. 44–46.
18.
Entwurf zum Bericht über die Lage im Strafvollzug, insbesondere über den Stand der Erziehungsarbeit vor dem Kollegium des MdI am 28.8.1959, in: Bundesarchiv, DO 1 11 HVDVP Nr. 1460, Bl. 181–204.
19.
Siehe Heinz Szkibik, Sozialistischer Strafvollzug. Erziehung durch Arbeit, Berlin (O.) 1969; Max Gloger/Heinrich Mehner, Die bewußtseinsbildende Rolle der Arbeit – das Kernstück der Umerziehung im Strafvollzug und die Grundsätze des Arbeitseinsatzes von Strafgefangenen, in: Schriftenreihe der Deutschen Volkspolizei, 11/1963, S. 1141–1151. Zudem Jens Borchert, Erziehung im DDR-Strafvollzug. Theoretische und gesetzliche Grundlagen sowie die Durchführung in der Strafvollzugseinrichtung Torgau, Herbolzheim 2002.
20.
Siehe Clemens Heitmann/Marcus Sonntag, Einsatz in der Produktion. Soldaten und Strafgefangene als Stützen der DDR-Staatswirtschaft, in: DA 42 (2009) 3, S. 451–458; Tobias Wunschik, Primat der Erziehung oder der Ökonomie? Der Arbeitseinsatz von Gefangenen in der DDR, in: Gerhard Ammerer u. a. (Hg.), Orte der Verwahrung. Die innere Organisation von Gefängnissen, Hospitälern und Klöstern seit dem Spätmittelalter, Leipzig 2010, S. 149–166; Henrik Eberle, GULag DDR? Ökonomische Aspekte des Strafvollzuges in den 50er und 60er Jahren, in: Heiner Timmermann (Hg.), Die DDR – Recht und Justiz als politisches Instrument, Berlin 2000, S. 111–140.
21.
Wolfgang Faber u.a., Strafvollzug in der Deutschen Demokratischen Republik – Lehrbuch, Berlin (O.) 1979; Ders. u.a., Schlag nach für Strafvollzugsangehörige, Berlin (O.) 1980; Handbuch für Erzieher, Hg. Publikationsabteilung des MdI, Berlin (O.) 1981; Hermann Kühnel u. a., Handbuch für SV-Angehörige der operativen Dienste, Berlin (O.) 1982.
22.
Siehe Marcus Sonntag, Die Arbeitslager in der DDR, Essen 2011; Gerhard Finn/Karl Wilhelm Fricke, Politischer Strafvollzug in der DDR, Köln 1981.

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