Beleuchteter Reichstag

30.3.2011 | Von:
Marcus Sonntag

DDR-Arbeitslager – Orte der Schaffung eines "neuen Menschen"

Fazit


Während insbesondere in den Fünfzigerjahren die starre Staatsdoktrin vorgab, im Strafvollzug unter Anwendung von Zwang einen besseren Menschen zu formen, war die Realität in den Arbeitslagern davon weit entfernt. Vor allem in diesen frühen Jahren der DDR ging es vorrangig darum, Häftlinge zu produktivieren. Begleitende Maßnahmen der politisch-kulturellen Erziehung waren, wenn sie denn überhaupt durchgeführt wurden, nicht mehr als ein Zeitvertreib in den arbeitsfreien Stunden. Von politischen wie kriminellen Strafgefangenen gleichermaßen ungeliebt, waren die hehren Versuche der Beeinflussung und Erziehung Gefangener im Sinne der geltenden Staatsideologie von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Auch die im Laufe der Jahre zunehmend individuelle Beschäftigung mit den Gefangenen und spezifischere Einflussnahme auf sie änderte daran nichts Grundlegendes. Zwar standen und stehen alle Vollzugssysteme der Welt vor ähnlichen Problemen der "Besserung" Straffälliger; aber die Verantwortlichen in der DDR wollten eben mehr. Sie beabsichtigten, nicht einfach Bürger aus dem Strafvollzug zu entlassen, die in Zukunft die Gesetze achten würden. Der Anspruch des DDR-Vollzugswesens war es vielmehr, einen sozialistischen Menschen wiedereinzugliedern.

Unmöglich scheint es, propagierte Erziehungserfolge auf ihren Tiefgang zu überprüfen. Oftmals handelte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um bloße Anpassungsleistungen. Kaum ein Strafgefangener wird eines der Lager als glühender Kommunist verlassen haben. Dies gilt insbesondere für politische Gefangene, deren Gegnerschaft zum SED-Regime eher gewachsen sein dürfte, aber auch für kriminelle Gefangene, die politische Fragen oft überhaupt nicht interessierten. Strafvollzugsangehörige warfen vielen Häftlingen vor, dass ihnen Bildung und Intelligenz fehlten und ihnen die einfachsten politischen Zusammenhänge nicht begreiflich zu machen seien.[36] Viele Gefangene mussten auf ein Leben auf der anderen Seite des Lagerzaunes durch Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen vorbereitet werden. Die Vollzugsangehörigen an der Basis erwarteten wohl kaum noch, "neue Menschen" in den Arbeitslagern schaffen zu können. Gerade bei den unteren Chargen war die Ablehnung jeglicher Reform- und damit im Zweifelsfall "Liberalisierungs-"bemühungen stets am größten. Tatsächlich musste das Vollzugsziel wohl dann als erreicht angesehen werden, wenn Haftentlassene die ihnen zugewiesene Wohnung bezogen, die vorgesehene Arbeit aufnahmen und polizeilich nicht mehr auffällig wurden. Anspruch und Wirklichkeit klafften auch im "sozialistischen Strafvollzug" weit auseinander.


Fußnoten

36.
Siehe z.B. Gefangenenakte H. S., EJ 1986, Archiv der JVA Hohenleuben, Gefangenenakten der ehem. StVE Unterwellenborn.

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