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Beleuchteter Reichstag

14.4.2011 | Von:
Hermann Weber

Die SED und der Titoismus

Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag

In der SED-Diktatur gehörte der "Kampf gegen Abweichungen" immer zu den Grundregeln. Trotzkismus und Sozialdemokratie, Opportunismus, Sektierertum u.a. waren ständig anzugreifen. Titoismus galt nur von 1948 bis 1956 als parteifeindlich.

"Abweichungen"


Von 1948 bis 1956 galt für die SED neben "Sozialdemokratismus" und "Trotzkismus" der "Titoismus" als innerparteilicher Hauptfeind, der zu bekämpfen war. Mit der Stalinisierung der SED[1] wurden nicht nur Sozialdemokraten, sondern auch kritische Kommunisten verfemt, ausgeschlossen und verfolgt. Bei der Ausbootung innerer Gegner übernahm die Einheitspartei mit den alten KPD-Traditionen auch die stalinistische Methode, "Feinde auszumerzen". In der SED spielte nun der Kampf gegen Abweichungen eine zentrale Rolle.[2]

Vor allem ab 1949 nahm die Verdammung titoistischer Abweichler immer schärfere Formen an. Allerdings waren bereits 1947 Anzeichen für eine Diffamierung von Nonkonformisten vorhanden. Doch zu dieser Zeit galt die KP Jugoslawiens unter Führung Titos für die SED-Spitze noch als vorbildlich, sie wurde nach der KPdSU sogar als "Nummer Eins" im entstehenden Ostblock bewertet. Daher kam im ersten Hinweis auf Abweichungen selbstverständlich Tito gar nicht vor.

Unter dem Titel "Über marxistische Abweichungen in älterer und jüngster Zeit" erschien schon im März und April 1947 ein Artikel in der "Einheit", der "Theoretischen Zeitschrift des wissenschaftlichen Sozialismus", herausgegeben vom Parteivorstand der SED. Verfasser war der seinerzeit in Marburg tätige, später in Leipzig lehrende, bekannte Romanist Werner Krauss (1900–1976).[3]

Werner Krauss, Professor am Leipziger Institut für Germanistik und Romantik im Jahr 1952.Werner Krauss, Professor am Leipziger Institut für Germanistik und Romantik im Jahr 1952. (© Lücke / Bundesarchiv, Bild 183-16368-0011)
Krauss beschäftigte sich zunächst mit dem Anarchismus, kritisierte dann die "Kinderkrankheit des Radikalismus" sowie "Opportunismus und Revisionismus". Er bezog sich immer wieder auf Lenin und die Dialektik. Inhaltlich polemisierte er gegen den Rechtskommunisten August Thalheimer, den er als deutschen Nationalisten bezeichnete, weil dieser die Politik aller Alliierten kritisiert hatte. Auf "Trotzki und Konsorten" ging Krauss lediglich in einem Nebensatz ein, nur in einer Fußnote erwähnte er Stalin (dessen Schrift gegen Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution). Insgesamt hat der etwas verwirrende Text wenig Handfestes zum Thema geliefert. Warum Krauss, der von inneren Parteikämpfen nichts verstand (er war erst seit 1945 in der KPD), diesen Artikel verfasste, war nicht festzustellen, ebenso wenig, warum ihn der Chefredakteur der "Einheit", der ehemalige Linkssozialist (SAP) Georg Zweiling, überhaupt druckte.

Offensichtlich hat der Krauss-Aufsatz über Abweichungen bei SED-Funktionären kaum Eindruck erweckt. Beispielsweise war der bereits seit Frühjahr vorliegende Artikel im Herbst 1947 auf der SED-Parteihochschule fast unbekannt.[4] Allerdings schien er manchen Lesern, auch mir, schon wie ein Anzeichen für einen Umbau der SED zur stalinistischen Kaderpartei. Deren erklärtes Ziel war ja die "Ausmerzung" von "Abweichungen", die "Säuberung" von Parteifeinden.

Tatsächlich war der Hinweis auf die notwendige Bekämpfung von Abweichungen im Frühjahr 1947 merkwürdig. Die SED vermied es noch, nach außen zuzugeben, dass sie die Fortsetzung der stalinistischen KPD mit ihren Praktiken innerparteilicher Säuberungen, der Eliminierung von Ketzern war. Noch hielt sie an der der Behauptung fest, sie sei eine neue, deutsche marxistische, nicht "leninistische" Partei. Dies gehörte zur Mischung von Zwang und Betrug, mit der die Sozialdemokraten 1946 in die SED eingeschmolzen worden waren.

Auf dem II. Parteitag der SED im September 1947 war "Abweichung" kein Thema. Einige frühere Sozialdemokraten bestanden auf einem "deutschen Weg zum Sozialismus", Marx und nicht Lenin oder Stalin blieben Vorbild. Kurz darauf, im November 1947, schrieb Walter Ulbricht jedoch (ebenfalls in der "Einheit"), die SED sei "auf dem besten Wege", eine "Partei neuen Typus" zu werden, eine "Kampfpartei", "geleitet von der wissenschaftlichen Theorie von Marx, Engels, Lenin und Stalin".[5]

Der Artikel von Werner Krauss ist der politischen Linie vorausgeeilt wie ein Signal kommender Strategie gegen Abweichungen im Zuge der Stalinisierung der SED. Eigenartig war auch, dass sein Text keineswegs der verbindlichen sowjetischen Lesart entsprach. Denn seit den blutigen Stalinschen Säuberungen 1936–1938 in Moskau waren kommunistische Abweichler als Verbrecher einzuschätzen, es konnte also gar keine "marxistischen" Abweichungen geben. Der KPD-Verlag Neuer Weg in Berlin gab schon 1945 den "Kurzen Lehrgang" der Geschichte der KPdSU heraus. In diesem Stalin zugeschriebenen Lügengebilde wurden Trotzkisten und andere Abweichler als "Scheusale", als eine "Bande von Volksfeinden", sogar als "Lakaien der Faschisten" diffamiert.[6]

Bis zum Zusammenbruch der DDR blieb die SED bei ihrer stalinistischen Grundthese, dass jeder Abweichler als Parteifeind zu bekämpfen war. Auch wenn sich ihre Methoden der "Bekämpfung" änderten, gehörte diese stalinistische Aussage zum Kern der Ideologie, war Bestandteil des Freund-Feind-Denkens, des Terrors. 1948 wurde dann neben dem Trotzkismus noch der "Titoismus" als feindliche Abweichung erfunden.

Fußnoten

1.
Vgl. Andreas Malycha, Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1953, Paderborn 2000, neuerdings Andreas Malycha/Peter Jochen Winters, Die SED. Geschichte einer deutschen Partei, München 2009, S. 52ff; bereits früher Hermann Weber, Geschichte der SED, in: Ilse Spittmann (Hg.), Die SED in Geschichte und Gegenwart, Köln 1987, S. 17ff; Ulrich Mählert, Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED, in: Hermann Weber/ders. (Hg.), Terror, Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998.
2.
Zu "Abweichungen" vgl. auch den Beitrag d. Vf. zum Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (JHK) 2012 (i. Vorber.).
3.
Werner Krauss, in: Einheit 2 (1947) 3, S. 253ff, u. 2 (1947) 4, S. 356ff.
4.
Vgl. Hermann Weber, Damals, als ich Wunderlich hieß. Die SED-Parteihochschule "Karl Marx" bis 1949, Berlin 2002, S. 73ff.
5.
Einheit 2 (1947) 11, S. 1064f.
6.
Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Hg. KPdSU, Berlin 1945, S. 419f.

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