Beleuchteter Reichstag

15.3.2011 | Von:
Sabine Moller

Diktatur und Familiengedächtnis

Anmerkungen zu Widersprüchen im Geschichtsbewusstsein von Schülern

Das Projekt Zeitgeschichte und Geschichtsbewusstsein


Grundlage der folgenden Ausführungen zum Geschichtsbewusstsein von Schülern sind Gruppendiskussionen und Einzelgespräche, die für das Projekt "Zeitgeschichte und Geschichtsbewusstsein" erhoben wurden.[4] Im Rahmen dieser Interviewstudie wurde mit mehr als 200 Schülern in den alten und in den neuen Bundesländern gesprochen. Dabei ging es nicht darum, Schülerwissen zu testen und zu messen. Hierzu liegen bereits einschlägige Studien vor bzw. sind im Entstehen.[5] Diese Studien können hilfreich sein, um Aussagen über den historischen Kenntnistand von Schülern zu treffen. Geschichtsbewusstsein geht jedoch über die Kenntnis einschlägiger Namen und Daten hinaus. Geschichtsbewusstsein setzt historische Sinnbildung voraus, das heißt, dass Zeiterfahrung durch einen Rückgriff auf vergangene Erfahrungen gedeutet wird.[6] In eben diesem Sinne vereint Geschichtsbewusstsein nach der klassischen Definition von Karl Ernst Jeismann den "Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive".[7] Jörn Rüsen hat diese abstrakte Definition in einem drastischen Bild konkretisiert: "Auch das World Trade Center in New York wurde durch eine Leidenserfahrung mit historischer, nämlich anti-westlicher Deutung, in Schutt und Asche gelegt."[8]

Geschichtsbewusstsein ist jedoch nicht allein als ein zeitliches, es ist auch als ein mediales Konglomerat zu begreifen. Es stützt sich auf unterschiedliche Formen und Medien der Aneignung von Vergangenheit, die sich auf die mündliche Überlieferung im Familienkontext bis hin zur Geschichte im Internet erstreckt. Um diese vielfältigen Quellen des Geschichtsbewusstseins geht es in dem Projekt "Zeitgeschichte und Geschichtsbewusstsein".

Worauf greifen Schüler heute zurück, wenn sie Aussagen über die Geschichte der DDR treffen? Wie komponieren junge Menschen Vorstellungen und Bilder über die Vergangenheit aus so unterschiedlichen Versatzstücken wie Geschichtsbüchern, Spielfilmen und eigener Erfahrung? Wie verhalten sich Informationen aus der eigenen Familie zu solchen aus der Schule? Wie wird Geschichte angeeignet, und auf welche Weise machen sich Schülerinnen und Schüler ein Bild von der Vergangenheit, das für sie plausibel und sinnhaft ist? Kulturwissenschaftlich gewendet lautet diese Frage auch, welche Medien der Erinnerung an die DDR-Vergangenheit sind für Schüler heute bedeutsam?[9] Dieser Ansatz stellt die rezeptionsseitige Funktionalisierung in den Vordergrund. Anders als in den Analysen, in denen etwa Geschichtsschulbücher den Ausgangspunkt bilden,[10] gilt in dieser Studie alles das als gedächtnisrelevant, was von den Schülern als Vergangenheit vermittelnd angesehen wird bzw. worauf ihre Aussagen zur DDR-Geschichte direkt oder indirekt zurückverweisen.

Für die NS-Vergangenheit hat die Forschungsgruppe "Tradierung von Geschichtsbewusstsein" einige der genannten Fragen vor einigen Jahren ausgiebig erforscht und diskutiert. Anhand von Einzelinterviews und Gruppendiskussionen, die im Kontext dieses Projekts mit ost- und westdeutschen Familien durchgeführt wurden, konnte gezeigt werden, wie die Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust von einer Generation an die nächste weitergegeben wird.[11] Das erstaunlichste Ergebnis dieser Studie betraf die Beobachtung, dass vor allem Enkelkinder dazu neigten, ihre Großeltern, die den Nationalsozialismus noch selbst erlebt hatten, in einem wesentlich positiveren Licht darzustellen, als diese sich selbst darstellten. So wurde nachvollziehbar, wie Loyalitätsbindungen an geliebte Menschen die jeweiligen Vergangenheitsrekonstruktionen und damit das Geschichtsbewusstsein beeinflussen können. In diesem Zusammenhang habe ich mich auch ausführlich mit den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden zwischen ostdeutschen und westdeutschen Familien beschäftigt.[12] Auf einige dieser Unterschiede werde ich weiter unten genauer eingehen.

Das DDR-Projekt für das ich in Ost und West mit Schülern von der ersten bis zur 12. Klasse gesprochen habe, ist in dieser Hinsicht anders gelagert. Ziel meiner Untersuchung zum DDR-Geschichtsbewusstsein ist eine genaue Beschreibung alltags- und geschichtskultureller Vermittlungsformen. Dies schließt die familiäre Überlieferung mit ein, sie ist aber nicht der Ausgangspunkt der Untersuchung. Daher habe ich keine Familien befragt, sondern Schüler in Gruppen von jeweils vier bis acht Teilnehmern aufgefordert, davon zu erzählen, was sie mit dem Kürzel "DDR" verbinden, was ihnen zu diesem Teil der deutschen Geschichte einfällt. Diese Interviews wurden an Grund- und Hauptschulen sowie an Gymnasien in einer niedersächsischen Kleinstadt sowie in Berlin durchgeführt.

Es kann hier kein umfassender Überblick über die bisherigen Ergebnisse gegeben werden, doch soll eine Sequenz aus einem Interview den Ausgangspunkt bilden, um den schon erwähnten Widerspruch zwischen privatem Familiengedächtnis und öffentlichem Diktaturgedächtnis genauer zu betrachten. Hierzu soll der eingangs zitierte Dennis noch einmal zu Wort kommen.


Fußnoten

4.
Diese Interviewstudie wurde am Institut für Geschichte der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg durchgeführt. Insgesamt wurden 46 Gruppendiskussionen und 7 Einzelinterviews in Niedersachsen sowie im Ost- und Westteil Berlins durchgeführt. Zum methodischen Vorgehen bei der Erhebung der Gruppendiskussionen vgl. Sabine Moller, Eine Fußnote des Geschichtsbewusstseins? Wie Schüler in Westdeutschland Sinn aus der DDR-Geschichte machen, in: Michele Barricelli/Julia Hornig (Hg.), Aufklärung, Bildung, "Histotainment"? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute, Frankfurt a.M. 2008, S. 175–188.
5.
Vgl. kritisch zu dieser Forschungstradition, die das Geschichtsbewusstsein von Schülern auf Faktenwissen reduziert, Sam Wineburg, Die psychologische Untersuchung des Geschichtsbewusstseins, in: Jürgen Straub (Hg.), Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte, Frankfurt a.M. 1998, S. 298–337. – Studien, die das Faktenwissen von Schülern, ihre Haltungen und Einstellungen zur DDR-Geschichte getestet haben, finden sich u.a. bei Ulrich Arnswald u.a. (Hg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse – Schülerbefragung – Modellcurriculum, Berlin 2006; Monika Deutz-Schroeder/Klaus Schroeder, Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008, sowie die Kritik beider Studien bei Bodo von Borries, Vergleichendes Gutachten zu zwei empirischen Studien über Kenntnisse und Einstellungen von Jugendlichen zur DDR-Geschichte, http://www.berlin.de/imperia/
md/content/sen-bildung/politische
_bildung/kenntnisse_ddr_geschichte.pdf, u. ders., Zwischen 'Katastrophenmeldungen' und 'Alltagsernüchterungen'? Empirische Studien und pragmatische Überlegungen zur Verarbeitung der DDR-(BRD-)Geschichte, in: DA 42 (2009) 4, S. 665–677.
6.
Jörn Rüsen, Historische Sinnbildung als geschichtsdidaktisches Problem, in: Ders., Kultur macht Sinn. Orientierung zwischen Gestern und Morgen. Köln u.a. 2006, S. 135–142.
7.
Karl Ernst Jeismann, Geschichtsbewusstsein–Theorie, in: Klaus Bergmann u.a. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 1997, S. 42–44, hier 42.
8.
Vgl. Jörn Rüsen, Historische Sinnbildung als geschichtsdidaktisches Problem, in: Ders., Kultur macht Sinn. Orientierung zwischen Gestern und Morgen. Köln u.a. 2006, S. 139.
9.
Vgl. zu diesem Ansatz in theoretischer Perspektive Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Weimar 2005, insb. S. 123–142.
10.
Vgl. Ulrich Arnswald u.a. (Hg.), DDR-Geschichte im Unterricht. Schulbuchanalyse – Schülerbefragung – Modellcurriculum, Berlin 2006, sowie Monika Deutz-Schroeder/Klaus Schroeder, Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008.
11.
Harald Welzer u.a., Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a.M. 2002.
12.
Sabine Moller, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003.

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