Beleuchteter Reichstag

15.3.2011 | Von:
Sabine Moller

Diktatur und Familiengedächtnis

Anmerkungen zu Widersprüchen im Geschichtsbewusstsein von Schülern

Tradierung von DDR-Geschichte in Ost und West


Die Projektgruppe "Grenzerfahrungen" des Gymnasiums Lüchow besucht die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Das Projekt wurde 2009 mit dem Einheitspreis der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet.Die Projektgruppe "Grenzerfahrungen" des Gymnasiums Lüchow besucht die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Das Projekt wurde 2009 mit dem Einheitspreis der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet. (© Gymnasium Lüchow, Projekt "Grenzerfahrungen")
Die Interviews mit Schülern zeigen, dass Eltern und Großeltern auf ganz unterschiedlichen Ebenen eine wichtige Rolle für die Vermittlung von Geschichtsbewusstsein spielen. Es gibt Schüler in der niedersächsischen Provinz, die mehr von Berlins Denkmälern und Gedenkstätten gesehen haben als Schüler, die in Berlin leben. Geschichtsbewusstsein hat auch etwas mit Zeigen und mit konkreten Orten zu tun. In der Regel sind es Gymnasiasten, die mit ihren Eltern beim "Sightseeing" in Berlin "Zeichen der Teilung" aufsuchen und die von ihren Eltern schon bei der Fahrt nach Berlin darauf hingewiesen werden, wo früher die Grenze war.

Wenn wir hier von Geschichtskenntnissen sprechen, dann meinen wir im Wesentlichen kulturelles und soziales Kapital.[22] Dort, wo diese Formen von Kapital vorhanden sind und vermittelt werden, da können Kinder Geschichten erzählen, haben grobe Vorstellungen von einer gemeinsamen Geschichte und insgesamt relativ gute Startbedingungen für die Zukunft. Im entsprechenden westdeutschen Alltags- oder Familiendiskurs ist die DDR hier durchaus präsent: Mündlich überlieferte Alltagsgeschichten umfassen in den Interviews vor allem den Komplex "Mauer und Grenze". Es sind Geschichten, die illustrieren, wie "gruselig" es für Westdeutsche sein konnte, die innerdeutsche Grenze zu passieren. Über diese Berichte wird die DDR daher in erster Linie mit Unfreiheit und Repression in Verbindung gebracht.[23] Karl Schlögel hat an diese Erfahrungen erinnert und sie als "Empfindungskomplex" oder "Generation Marienborn" beschrieben.[24]

Bei den interviewten ostdeutschen Gymnasiasten sind familiäre Geschichtspraktiken natürlich ebenfalls vorhanden. Hier gibt es Familien, die über Dokumentationen diskutieren, die Gedenkstätten aufsuchen oder ihre Stasi-Akten sichten. Die alltagsgeschichtliche Entsprechung ist aber hier eben auch eine, die das "wahre Leben im Falschen" betont. Hier mischen sich herkunftsgeschichtliche Reminiszenzen mit Lokalpatriotismus und Diktaturverharmlosung – der Grat ist schmal. Diese Zwiespältigkeit spiegelt sich auch in den Schüleräußerungen wider. Keiner will die DDR wiederhaben, aber man will sich nicht ihrer Pauschalverurteilung anschließen. Alle diese Rückblicke unterschiedslos unter dem Schlagwort "Ostalgie" zu subsumieren ist jedoch unangemessen und macht "Ostalgie" zum Kampf- und Denunziationsbegriff.[25]


Fußnoten

22.
Im Sinne Bourdieus handelt es sich dabei um inkorporiertes kulturelles Kapital: "Auch die Primarerziehung in der Familie muss in Rechnung gestellt werden, und zwar je nach dem Abstand zu den Erfordernissen des schulischen Marktes entweder als positiver Wert, als gewonnene Zeit und Vorsprung, oder als negativer Faktor, als doppelt verlorene Zeit, weil zur Korrektur der negativen Folgen nochmals Zeit eingesetzt werden muss.": Pierre Bourdieu, Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital, in: Franzjörg Baumgart (Hg.), Theorien der Sozialisation, Bad Heilbrunn 1997, S. 217–231, hier 219.
23.
Vgl. Sabine Moller, Eine Fußnote des Geschichtsbewusstseins? Wie Schüler in Westdeutschland Sinn aus der DDR-Geschichte machen, in: Michele Barricelli/Julia Hornig (Hg.), Aufklärung, Bildung, "Histotainment"? Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute, Frankfurt a.M. 2008, S. 175–188.
24.
Karl Schlögel, Generation Marienborn, in: APuZ, 21–22/2009, S. 3–6.
25.
Zu Formen ostalgischer Erinnerung als komplexen Erinnerungspraktiken einer Transformationsphas vgl. Eva Banchelli, Ostalgie: eine vorläufige Bilanz, in: Fabrizio Cambi, Gedächtnis und Identität. Die deutsche Literatur nach der Vereinigung, Würzburg 2008, S. 57–68.

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