Beleuchteter Reichstag

8.2.2011 | Von:
Bogdan Musial

Die westdeutsche Ostpolitik und der Zerfall der Sowjetunion

Verfall der Preise und Zerfall der Sowjetunion


Der wachsende Export der strategischen Energieträger garantierte jedoch nicht gleichermaßen steigende Einnahmen, und zwar wegen der fallenden Preise ab 1980. 1985/86 verfielen die Preise für Gas und Öl in geradezu dramatischer Weise, was offenkundig auf die gezielte Energiepolitik der USA zurückzuführen war. Reagans Administration gelang es 1985, die Machthaber in Saudi Arabien, dem größten Erdölexporteur, zu überzeugen, deren Ölförderung radikal zu steigern und die Ölpreise zu senken. Daraus resultierte ein rapider Preisverfall für Energierohstoffe. Kostete im November 1985 das Barrel Rohöl noch 30 US-Dollar, so war es fünf Monate später für nur noch zwölf US-Dollar zu haben. Moskau verlor innerhalb von wenigen Monaten zehn Milliarden US-Dollar aus erwarteten Exporteinnahmen. Wegen der hohen Förderungs- und Transportkosten wurde die Ausfuhr in die westlichen Länder zu diesen Preisen gar zum Verlustgeschäft.[26]

Der US-Ökonomie und den anderen westlichen Wirtschaften brachten die billigen Energierohstoffe nur Vorteile. Für die Sowjetunion bedeute der Preisverfall aber eine Katastrophe und stürzte sie in eine Finanz- und Haushaltskrise, von der sie sich nicht mehr erholen sollte. Hinzu kamen weitere Geschehnisse, welche die finanzielle Lage der Sowjetunion

auf das Schwerste belasteten. Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl die bis heute schwerste nukleare Havarie. Die Schäden des Super-GAU werden auf mehrere Hundert Milliarden US-Dollar geschätzt.[27] Enorme Kosten verursachten des Weiteren der Krieg in Afghanistan und das schwere Erdbeben in Armenien am 7. Dezember 1988, bei dem etwa 25.000 Menschen umkamen. Milliarden Dollar kostete ebenfalls die Unterstützung der kommunistischen Regimes in Polen, auf Kuba und in anderen Ländern sowie verschiedener linker und terroristischer Gruppierungen im Westen.

Die westeuropäischen Länder bemühten sich noch, die sich im freien Fall befindende sowjetische Wirtschaft und die 1986 von Gorbatschow begonnenen Reformen zu unterstützen. Sie gewährten der Sowjetunion Milliardenkredite und Subventionen. Die sowjetische Auslandverschuldung stieg von 20 Milliarden Dollar im Jahre 1986 auf 103 Milliarden fünf Jahre später, als die Sowjetunion endgültig zerfiel.[28] Die westeuropäischen, in erster Linie westdeutschen Kredite und Subventionen waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie waren nicht im Stande, den wirtschaftlichen Niedergang und folglich den Zerfall des sowjetischen Imperiums abzuwenden. Infolgedessen erlangten die unterworfenen Völker in Ost- und Mitteleuropa endlich ihre Freiheit, darunter auch die Ostdeutschen: Der Weg für die Wiedervereinigung Deutschlands wurde frei. Die westeuropäischen Banken hatten gleichwohl keine Verluste zu verzeichnen, denn die Kredite, welche sie den kommunistischen Regimen gewährt hatten, mussten die nun demokratischen Regierungen übernehmen. So war es in Polen, so war es in Russland.

Der Zerfall der Sowjetunion und ihres Imperiums scheint also "dank" der westdeutschen Ostpolitik keineswegs unabwendbar gewesen zu sein. Die Situation des heutigen Russland, das beinahe ausschließlich vom Export seiner Energierohstoffe lebt, bestätigt dies. Die wirtschaftliche Hilfe und Subventionen der BRD und anderer westlicher Länder hätten bei höheren Preisen für Energierohstoffe die Sowjetunion und somit die osteuropäischen Regime, auch die DDR, möglicherweise vor dem Zusammenbruch bewahren können. So hat die Neue Ostpolitik von Willy Brandt und seinen Nachfolgern (Helmut Schmidt und auch Helmut Kohl) die Sowjetunion nicht vor dem Zerfall retten können, doch hat sie den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und damit letztlich auch die deutsche Wiedervereinigung um etliche Jahre hinausgezögert.

Verantwortliche, wie insbesondere Egon Bahr, haben es im Nachhinein versäumt, diese Politik kritisch zu hinterfragen. Im Gegenteil, sie behaupten, dass gerade ihre angeblich besonnene und weitsichtige Ostpolitik entscheidend zum Zusammenbruch der kommunistischen Regimes in Europa und zur deutschen Wiedervereinigung beigetragen hätte. Inzwischen ist diese Behauptung gar zum Gründungsmythos des wiedervereinigten Deutschland geworden. Blickt man auf die wirtschaftlichen Komponenten der Neuen Ostpolitik, so stellt sich dies allerdings ganz anders dar.

Fußnoten

26.
Władimir Bukowski, Moskiewski Proces [Der Moskauer Prozess]. Dysydent w archiwach Kremla, Warszawa 1998, S. 602–605; detailliert Peter Schweizer, Victory. The Regan Administrations Secret Strategy that Hastened the Collapse of the Soviet Union, New York 1994; Nadja Kampaner, Evropejskaja energobezopasnost i uroki istorii [Europäische Energiesicherheit und Lehren der Geschichte], in: Rossija v globalnoj politike, 6/2007, http://www.globalaffairs.ru/numbers/29/8831.html (14.10.2010).
27.
Anatol A. Djačenko, Opyt likvidacji posledstvij Černobylskoj katastrofy [Die Beseitigung der Folgen der Tschernobyl­Katastrophe], Moskva 2004, http://www.iss.niiit.ru/book­7/in­ dex.htm (14.10.2010).
28.
V. M. Kudrov, Ekonomika Rossii v mirovom kontekste [Russlands Wirtschaft im globalen Kontext], Sankt Peterburg 2007, S. 456.

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