Beleuchteter Reichstag

4.2.2011 | Von:
Manfred Wilke

"Arbeiten Sie einen Plan zur Grenzordnung zwischen beiden Teilen Berlins aus!"

Interview mit Generaloberst Anatolij Grigorjewitsch Mereschko

Generaloberst Anatolij Grigorjewitsch Mereschko war 1961 beauftragt, "einen Plan zur Grenzordnung zwischen beiden Teilen Berlins" auszuarbeiten. Im Gespräch erläutert er den Zusammenhang von politischer und militärischer Entscheidung Nikita S. Chruschtschows, der SED die Schließung der Sektorengrenzen zu erlauben.

Einführung



Generaloberst Anatolij Grigorjewitsch MereschkoGeneraloberst Anatolij Grigorjewitsch Mereschko (© wwii-soldat.narod.ru)
"Deutsche und Russen: der Zweite Weltkrieg und 65 Jahre danach" hieß die Veranstaltung der Moskauer Dependance der Konrad-Adenauer-Stiftung, die vom 7. bis 10. September 2010 in Wolgograd stattfand. Auf dieser Tagung begegneten Alexander J. Vatlin und ich einem Veteranen der Stalingrader Schlacht, dem 89-jährigen PDF-Icon Generaloberst Anatolij G. Mereschko, der als Zeitzeuge geladen war. Für die deutschen Teilnehmer war es emotional nicht einfach, an diesem Ort über den Krieg und seine Folgen für unsere Völker zu sprechen. So besuchten wir auch die beiden Soldatenfriedhöfe vor der Stadt; auf dem deutschen liegt auch mein Onkel Fritz Wilke in einem Massengrab. An diesem Ort begann für Mereschko 1942 sein Einsatz um Stalingrad.

Im Gespräch mit dem Gründungsrektor der Wolgograder Universität, ebenfalls ein – 84-jähriger – Veteran dieser Schlacht, erfuhr Mereschko, dass ich an einem Buch über die Berliner Mauer arbeite[1]. Er wurde neugierig und bot Vatlin und mir ein Gespräch über das Thema an, denn er war nicht nur Zeitzeuge, sondern als Oberst und stellvertretender Leiter der Operationsabteilung der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) aktiv an der Schließung der Sektorengrenze in Berlin beteiligt. Mereschko war zu einem Interview bereit, um uns seine Erlebnisse im Zusammenhang mit dem 13. August 1961 zu schildern. Das fand am Abend des 9. September im Hotel Wolgograd statt, 200 Meter vom letzten Befehlsstand Generalfeldmarschall Friedrich Paulus' entfernt, wo er kapituliert hatte und wo sich heute eine Gedenkstätte an diese Zäsur des Krieges befindet.

Die Forschung hatte bislang geklärt, dass Nikita S. Chruschtschow am 20. Juli die politische Entscheidung traf, Walter Ulbricht zu erlauben, die Sektorengrenze in Berlin zu schließen. Diese Entscheidung wurde Ulbricht nach dem 20. Juli durch den sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin, Michail G. Perwuchin übermittelt; dieser war es auch, der Armeegeneral Iwan I. Jakubowskij Chruschtschows Befehl überbrachte, dass die GSSD den Plan für die Schließung der Sektorengrenze ausarbeiten sollte. Durch das vorliegende Interview wissen wir nun, dass Chruschtschow zwei Entscheidungen traf, eine politische und eine über die Durchführung der Grenzschließung. Er beauftragte den Oberkommandierenden der GSSD mit der Ausarbeitung des Plans, und der wiederum beauftragte Mereschko mit dieser Arbeit. Ebenso wie Perwuchin überrascht war, wie gut Ulbricht auf die Teilung Berlins vorbereitet war, erging es Mereschko, als er mit den drei von Ulbricht beauftragten Ministern die Arbeit begann: Sie konnten auf Anhieb alle Fragen im Zusammenhang mit der Grenzschließung beantworten. Die politische und die militärische Entscheidung Chruschtschows sicherten die sowjetische Konfliktkontrolle in der Durchführung der Operation Grenzschließung. Ulbricht musste seine Schritte über Perwuchin mit Chruschtschow abstimmen, und die militärische Kontrolle lag beim Oberbefehlshaber der GSSD, Marschall der Sowjetunion Iwan S. Konew, dessen Amtseinführung am 10. August und seine Befehlsausgabe an die drei DDR Minister Mereschko eindrucksvoll beschreibt.

Mereschkos Erinnerungen schließen vorläufig eine Forschungslücke in der bisherigen Darstellung der Ereignisse um den 13. August 1961. Mereschko verdeutlicht den engen Zusammenhang von politischer und militärischer Entscheidung über die Teilung Berlins durch Stacheldraht. Er verweist zugleich die in Deutschland weit verbreitete Auffassung, es handele sich nur um "Ulbrichts Mauer"[2], in das Reich der Legenden. Die Sowjetunion trat in Berlin am 13. August 1961 den Rückzug aus einer politischen Offensive an, die das Ziel verfolgt hatte, die Westmächte aus West-Berlin zu vertreiben und die NATO entscheidend zu schwächen. Der Stacheldraht und die Mauer durch Berlin sicherten die Grenze ihres Imperiums und damit den SED-Staat. Richtig bleibt nach wie vor – Ulbricht hatte dies selbst gesagt –, dass der SED-Staat die Schließung des Tores zum Westen in Berlin brauchte, um die Systemkonkurrenz mit der Bundesrepublik überhaupt bestehen zu können. Die offene Grenze und die steigenden Flüchtlingszahlen waren eine Existenzfrage für die DDR geworden, und seit Januar 1961 drängte Ulbricht Chruschtschow zur Lösung des "Westberlin-Problems". Die SED selbst bereitete sich seit diesem Zeitpunkt unter dem Stichwort "Kampf gegen die Republikflucht" auf diese "Maßnahme" vor, so die Codeworte, unter denen in den SED-Dokumenten die Vorbereitung der Sperrung der Sektorengrenze umschrieben worden war. Dank dieses Vorlaufs konnte nach der Entscheidung des Kremls diese "Maßnahme" in nur drei Wochen politisch und militärisch durchgeführt werden.


Fußnoten

1.
Manfred Wilke, Der Weg zur Mauer. Stationen der Teilungsgeschichte, Berlin 2011 (ersch. Mai). – Das Buch entstand im Rahmen eines von der DFG geförderten interdisziplinären Projekts von Leo Schmidt (BTU Cottbus), Winfried Heinemann (MGFA) und dem Vf. "Die Berliner Mauer als Symbol des Kalten Krieges: Vom Instrument der SED-Innenpolitik zum Baudenkmal von internationalem Rang", dessen zeithistorischen Teil der Vf. am Institut für Zeitgeschichte München/Berlin durchgeführt hat.
2.
Vgl. u.a. Hope M. Harrison, Driving the Soviets Up the Wall. Soviet-East German Relations, 1953–1961, Princeton/Oxford 2003; rezensiert in: DA 37 (2004) 4, S. 719–721.

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