Beleuchteter Reichstag

16.2.2011 | Von:
Marcus Böick
Angela Siebold

Die Jüngste als Sorgenkind?

Plädoyer für eine jüngste Zeitgeschichte als Varianz- und Kontextgeschichte von Übergängen

Die deutsche Zeitgeschichtsforschung sollte sich ihren Blick auf die jüngste Vergangenheit nicht durch Zäsuren, Ereignisse oder Narrative verstellen lassen. Als multiperspektivische Varianz- und Kontextgeschichte langer Übergänge in Ost und West könnte sie einen Weg finden, zeitgenössische Phänomene zu historisieren.

Suche nach Orientierungspunkten


"Grünes Band" statt "Eiserner Vorhang" – Welche Impulse können von einer Historisierung der jüngsten Vergangenheit als Geschichte langer Übergänge ausgehen?"Grünes Band" statt "Eiserner Vorhang" – Welche Impulse können von einer Historisierung der jüngsten Vergangenheit als Geschichte langer Übergänge ausgehen? (© Klaus Leidorf)
Die deutsche Zeitgeschichtsforschung sucht nach Orientierungspunkten für die Zeit "nach den Katastrophen" des 20. Jahrhunderts.[1] In dieser disziplinären Erkundungsphase gerät wieder zunehmend die gegenwartsnahe Vergangenheit in den Blick.[2] Folgt man Hans Günter Hockerts, so arbeitet die akademische Zeithistorikerschaft in Deutschland an drei größeren, oft relativ lose verbundenen "Zeitgeschichten": an einer "älteren", die die Zeit vor 1945 behandelt und sich mit der Geschichte von Weimarer Republik und Nationalsozialismus befasst, sowie an zwei "jüngeren" Zeitgeschichten, die jeweils die Geschichten der beiden deutschen Staaten und Gesellschaften im Zeitalter des Kalten Krieges nachzeichnen.[3] Schließlich wird bereits seit einiger Zeit über Konturen einer "vierten" oder "jüngsten" Zeitgeschichte nachgedacht, die mit dem Ende des Kalten Krieges in Europa 1989/90 einsetzt.[4] Während sich VertreterInnen der "jüngeren" Zeitgeschichten im Falle der bundesrepublikanischen Geschichte allmählich auf ein durch den Ablauf von staatlichen Archivsperrfristen gesichertes Terrain vorwagen können bzw. dies für die DDR-Geschichte schon seit zwei Jahrzehnten möglich ist, wachsen die Bedenken, je näher man der Gegenwart historiografisch zu Leibe rückt: Kann, soll oder darf man überhaupt eine Geschichte der jüngsten Vergangenheit schreiben?

Vorbehalte gegen ein solches Unterfangen beziehen sich – erstens – auf die spezifische Quellenlage; zweitens wird ein Mangel an Distanz vermutet, der das Urteilsvermögen des Historikers eintrübe und so eine Analyse "sine ira et studio" erschwere; drittens wird die Unabgeschlossenheit vieler Entwicklungsprozesse unterstrichen, die eine historiografische Deutung und Beurteilung verhindere. Diese Vorbehalte münden in der Auffassung, derlei gegenwartsnahe Forschungen seien "gar nicht mehr als Zeitgeschichte im Engeren zu fassen".[5]

Im Folgenden wird hier angesetzt und diskutiert, welches Potenzial eine selbstkritische und multiperspektivisch ausgerichtete Zeitgeschichtsforschung zur gegenwartsnahen Vergangenheit, das heißt: der letzten 30 Jahre, haben könnte. Nach einer Diskussion der genannten Kritikpunkte im ersten Abschnitt werden verschiedene Blickwinkel der deutschen ZeithistorikerInnen auf die jüngste Vergangenheit skizziert, bevor in einem dritten Teil der Frage nachgegangen wird, welche Konturen eine jüngste Zeitgeschichtsforschung in zeitlicher, räumlicher, methodischer wie thematischer Hinsicht haben könnte. Vor dem Hintergrund einer immer häufiger diagnostizierten "Ermüdung"[6] der zeithistorischen Debatten sind die folgenden Überlegungen als bewusst offen gestalteter Beitrag zur weiteren Diskussion im Rahmen einer lebendigen "Streitgeschichte"[7] zu verstehen.


Fußnoten

1.
Ulrich Herbert, Jenseits der Katastrophen. Zum Stand der deutschen Zeitgeschichtsforschung, in: Ann-Kathrin Schröder (Hg.), Geistesgegenwart und Geisteszukunft. Aufgaben und Möglichkeiten der Geisteswissenschaften, Essen 2007, S. 26–45.
2.
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael. Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 2. Aufl., Göttingen 2010.
3.
Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: APuZ, 28/2001, S. 15–30.
4.
Hans-Peter Schwarz, Die neueste Zeitgeschichte, in: VfZ 51 (2003) 1, S. 5–28.
5.
Martin Sabrow, 1990 – eine Epochenzäsur? Einführungsvortrag zur Veranstaltungsreihe "1990 – als Epochenzäsur", Potsdam 29.4.2010, S. 8.
6.
Thomas Schubert, Von der Epoché des Zeithistorikers. Bemerkungen zur "Aufarbeitung der Aufarbeitung", in: DA 43 (2010) 5, S. 889–896, hier 891.
7.
Martin Sabrow u.a. (Hg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003.

Die Mauer. 1961 bis 2021

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