Beleuchteter Reichstag

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12.1.2012 | Von:
Helmut Müller-Enbergs

Minderjährige IM – ein Forschungsstand

Der Anteil der Minderjährigen unter den inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit beträgt im Mittel 0,8 Prozent, das sind für 1989 rund 1.300 IM. Die überwiegende Anzahl dieser minderjährigen IM war regelmäßig 17 Jahre alt, der Anteil der Jüngeren ist deutlich geringer.

Einleitung

Anzeige für Andreas Kuno Richter: "Der Verrat – Wie die Stasi Kinder und Jugendliche als Spitzel missbrauchte" (2010).
Quelle: RTL.Anzeige für Andreas Kuno Richter: "Der Verrat – Wie die Stasi Kinder und Jugendliche als Spitzel missbrauchte" (2010). (© RTL )
Über "minderjährige IM" zu forschen ist problematisch. Das beginnt schon mit dem Stasi-Unterlagen-Gesetz, das eine Auskunft über Kooperationen mit der Staatssicherheit vor dem 18. Lebensjahr ausschließt. Folglich gibt es einen Erkenntnisgewinn lediglich über entsprechend anonymisierte Unterlagen – oder eben durch einen Zufall. Einen solchen Zufall stellt der im Februar 2011 bekannt gewordene Fall des Lutz Penesch dar, der sich nach Medienberichten als 17-Jähriger 1971 schriftlich an den West-Berliner Sender RIAS gewandt haben soll und auf diese Weise ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) geraten ist. Es gab Gespräche, in deren Folge er weder eine schriftliche Verpflichtung abgegeben, noch als inoffizieller Mitarbeiter (IM) verzeichnet worden sein soll: "Er wolle doch studieren, oder? Penesch hatte damals die Hosen voll", schreibt "Der Tagesspiegel".[1] Etwas anders gelagert scheinen die Unterlagen zu Angela Marquardt zu sein, von der es im Juni 2002 im "Spiegel" heißt, sie habe als 15-Jährige eine "Schweigeverpflichtung" gegenüber dem MfS abgegeben.[2] Die Beiden hätten kein öffentliches Interesse gefunden, wenn nicht Penesch Vorsitzender des Hauptpersonalrates der Stasi-Unterlagen-Behörde und Marquardt stellvertretende Vorsitzende der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gewesen wären. – Der fade Geschmack setzt aber wesentlich dadurch ein, dass das MfS überhaupt mit nichtgeschäftsfähigen Personen operativ gearbeitet hat.

Im folgenden Beitrag wird untersucht, mit wie vielen Minderjährigen das MfS eine inoffizielle Beziehung unterhalten hat und welche Schwierigkeiten bestehen, eine valide und belastbare Antwort zu finden, und wie die "minderjährigen IM" zu definieren sind. Weiterhin interessiert das Alter, in dem sie vom MfS angesprochen wurden, zu welchem Zweck dies geschah, und schließlich, ob es bestimmte oder den bestimmten Typus des minderjährigen IM gab.


Fußnoten

1.
Vgl. Matthias Meisner, Rücktritt in Stasi-Unterlagenbehörde. Ein Brief und seine Folgen – 40 Jahre später, in: Der Tagesspiegel, 27.2.2011.
2.
Vgl. Holger Kulick, Angela Marquardt dementiert und die PDS will ihr nichts vorwerfen, in: Spiegel-Online, 11.6.2002; Simone von Stosch, Der Apparat und das Mädchen Angela Marquardt und die Stasi: Doppeltes Opfer, in: Der Tagesspiegel, 14.6.2002. Der Immunitätsausschuss des Deutschen Bundestages stellte im Sept. 2002 fest, dass eine frühere Tätigkeit der PDS-Bundestagsabgeordneten Marquardt für das MfS nicht erwiesen sei. In dem Abschlussbericht werden zwar Anhaltspunkte für eine wissentliche und willentliche Zusammenarbeit der 31-jährigen Politikerin mit dem DDR-Geheimdienst gesehen, diese reichten aber als Beweis für eine Kooperation mit dem MfS nicht aus.

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