Beleuchteter Reichstag

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12.1.2012 | Von:
Helmut Müller-Enbergs

Minderjährige IM – ein Forschungsstand

Das Bestimmungsproblem

Das MfS tat sich in der internen Bürokratie schwer mit minderjährigen IM. Es gab keine gesonderte Bestimmung, wie sie in der Buchführung – der operativen Registratur – zu verzeichnen waren. Grundsätzlich galt für alle Personen, die sich zur Kooperation mit dem MfS verpflichtet haben, dass diese auf ein Formblatt – eine Karteikarte – einzutragen waren, das in die Kartei der Abteilung XII des MfS in Ost-Berlin einzustellen war. Die Abweichungen in der Herangehensweise sind beachtlich. Manche bezeichneten diese "IM" als "Kontaktpersonen" (KP), andere als "IM-Vorlauf".[3] Sowohl das eine als auch das andere hat zur Folge, dass sie in den Statistiken nicht schlüssig als Minderjährige bzw. als "minderjährige IM" zu definieren sind. Vielfach gab es zwar einen regen Informationsfluss, aber das MfS plante eine förmliche Verpflichtung erst mit Erreichen des 18. Lebensjahres und beließ das Erfassungsverhältnis bis dahin mitunter als "IM-Vorlauf". Manch einem der Führungsoffiziere war durchaus bewusst, dass es sich bei der schriftlichen Verpflichtung eines Minderjährigen, die er der IM-Vorlauf-Akte beifügte, um keine juristisch wirksame Urkunde handelte, anderen hingegen schien die psychologische Wirkung einer Unterschrift beachtlich. Barg dies doch die Hoffnung, eine mögliche Dekonspiration gegenüber Freunden oder den Eltern zu behindern, was mitunter heftige Reaktionen ausgelöst hat. Während eine KP nicht zwingend über den Beziehungspartner MfS Kenntnis haben musste, brachte formal betrachtet ein "IM-Vorlauf" lediglich zum Ausdruck, einen Kandidaten auf Eignung für eine IM-Tätigkeit zu prüfen. So wies die MfS-Kreisdienststelle Pritzwalk in ihren internen Statistiken 1985 sieben IM-Vorläufe zu Personen unter 18 Jahren aus.[4] Ähnlich die Kreisdienststelle in Luckenwalde im Jahre 1988, die für fünf Minderjährige IM-Vorläufe angelegt hat.[5]

Die Bestimmung eines "minderjährigen IM" nach den Regelungen des MfS wird zudem dadurch erschwert, als dass eine Akte für einen IM bzw. einen IM-Vorlauf bestimmte Kriterien zu erfüllen hatte, was für KP so nicht geregelt war. Diese Bestimmungsunschärfe hat zur Folge, in einer vom MfS erstellten Statistik zwingend von Fehlstellen ausgehen zu müssen.[6] Eine rückwirkende Erstellung solcher Statistiken ist angesichts der unklaren Verzeichnungslage als aussichtslos anzusehen.

Das verwaltungstechnische Handeln des MfS bildet sich auch in der Definition dessen ab, was unter einem minderjährigen IM zu verstehen ist. Für das MfS war ein IM eine Person, die bereit war, Aufträge des MfS zu erledigen und dabei die vereinbarte Konspiration einzuhalten. Der Gesetzgeber hingegen hat im Stasi-Unterlagen-Gesetz IM als eine Person definiert, die zur Informationslieferung bereit war. Mithin wird heute eine Person als IM angesehen, die das seinerzeit nach den Richtlinien des MfS nicht war. Während das MfS bei IM keine Altersbeschränkung vorsah, beschränkt der Gesetzgeber die Anwendung des IM-Begriffs auf Volljährige.[7] Diese Konstellation erzwingt eine eigenständige Definition: Hier werden im Folgenden minderjährige Personen als IM angesehen, wenn sie gegenüber dem MfS bereit waren, Informationen zu liefern, zugleich aber noch nicht volljährig waren.


Fußnoten

3.
Vgl. Helmut Müller-Enbergs, Zur Kunst der Verweigerung. Warum Bürger nicht mit dem Ministerium für Staatssicherheit kooperieren wollten, in: Ingrid Kerz-Rühling/Tomas Plänkers (Hg.), Sozialistische Diktatur und psychische Folgen. Psychoanalytisch-psychologische Untersuchungen in Ostdeutschland und Tschechien, Freiburg i. Br. 2000, S. 165–196, hier 167f.
4.
Vgl. BStU, MfS, BV Potsdam, KD Pw Nr. 428, Bd. 2.
5.
Vgl. BStU, MfS, BV Potsdam, KD LW Nr. 557.
6.
Auf die Problematik wurde bereits 1996 hingewiesen: vgl. Helmut Müller-Enbergs, Wieviele "Jugendliche" arbeiteten für den DDR-Staatssicherheitsdienst als inoffizielle Mitarbeiter?, in: Jörn Mothes u.a., Beschädigte Seelen. DDR-Jugend und Staatssicherheit, Bremen 1996, S. 108–113, hier 113.
7.
Vgl. zur Diskussion Helmut Müller-Enbergs, Gerechtigkeit im Rechtsstaat?, in: Materialien der Enquete-Kommission zur Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit, Hg. Deutscher Bundestag, Baden-Baden 1999, Bd. 6, S. 1335–1398.

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