Beleuchteter Reichstag

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12.1.2012 | Von:
Rüdiger Thomas

Zwei Kultur-Profile im Selbstporträt

So konsequent und fokussiert sich der Berufsweg Hermann Glasers als Schriftsteller, als kreativer Vordenker einer neuen Kulturpolitik, als lokaler Kulturpolitiker mit überregionaler Bedeutung und Wirkung darstellt, so verschlungen und unvorhersehbar gestaltet sich im gleichen Zeitraum die Entwicklung Dietmar Kellers im kulturpolitischen Aktionsfeld der DDR. Keller schließt Anfang 1966 sein Studium mit einer Diplomarbeit zur Geschichte der Leuna-Werke in der Nachkriegszeit ab, wird anschließend Wissenschaftlicher Assistent und nach seiner Promotion im Frühjahr 1969 (Thema der Dissertation: "Die Herausbildung der sozialistischen Demokratie im Bereich der materiellen Produktion der volkseigenen Industrie von Mitte 1948 bis Mitte 1952") Wissenschaftlicher Oberassistent. Das Thema seiner Dissertation lässt zwar eine enge Verbindung zur Politik erkennen, doch strebt Keller weiterhin eine wissenschaftliche Karriere an. Ein Habilitationsplan soll der Geschichte der Leipziger Universität nach 1945 gewidmet sein. (Die Habilitation erfolgt schließlich in seiner neuen kulturpolitischen Funktion im Spätsommer 1977 unter dem Titel "Karl-Marx-Universität 1945 bis 1976. Ein historischer Abriss".)

Die letzten Jahre im Wissenschaftsmilieu der Leipziger Universität zeigen Keller als eine Persönlichkeit, die sich in heiklen politischen Fragen vorsichtig zurückhält. Ambivalent ist seine Haltung zur Sprengung der Leipziger Universitätskirche ("ich hatte schon begriffen, für jede politische Entscheidung gibt es Fürsprache und Widerspruch"), aber auch zum Ende des Prager Frühlings: "Auf der einen Seite sympathisierte ich mit den Reformern in Prag, (...) auf der anderen Seite war ich zu feige, den Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages zu verurteilen. Ich schwankte, wie viele Hochschullehrer, die viel älter und lebenserfahrener als ich waren (...) Wenn ich in diesen Jahren am Verlauf unseres Weges zweifelte, geschah das meist auf kleiner Flamme und zu Hause im Gespräch mit den besten Freunden. Es war mir schon in Fleisch und Blut übergegangen: Zweifeln und Schwanken nur mit der Partei und nicht gegen sie." (43)

So konnte sich im November 1970 eine schicksalhafte Karrierewende im Leben Kellers ereignen, er wurde vom hoffnungsvollen Wissenschaftskader zum Akteur in der SED-Kulturpolitik. Das hatte er nach eigenem Bekunden zwar nicht angestrebt, doch seine kulturellen Interessen, die ihn schon während seiner Studienzeit mit dem Leipziger Studentenkabarett "academixer" und der renommierten und experimentierfreudigen Studentenbühne (die zwischen 1956 und 1968 zahlreiche Gastspiele in westdeutschen Städten absolvieren konnte) in Verbindung gebracht hatten, ermutigten Keller, im November 1970 das Amt des Sekretärs für Wissenschaft und Kultur der SED-Kreisleitung an der Karl-Marx-Universität zu übernehmen.

Dieser neuen Aufgabe verschrieb er sich mit Elan und einer doppelten Erkenntnis. Sein Gestaltungsspielraum richtete sich vor allem auf die Kultur, während dieser in der Wissenschaft deutlich eingeschränkt blieb. Die Professoren waren selbstbewusst genug, um sich politischen Einflussnahmen entgegenzustellen. Keller bekundet aber auch diesbezüglich seinen Veränderungswillen, wenn er ausführt, er habe in seiner Habilitation Thesen formuliert, die unter anderem "die konsequente Durchsetzung des Leistungsprinzips in Forschung und Lehre, die Entbürokratisierung der wissenschaftlichen Arbeit, die Abkehr von der Berufung der Hochschullehrer auf Lebenszeit, die Ausarbeitung von Bewertungskriterien für die wissenschaftliche Einstufung der Wissenschaftler und für ihre Berufung" postulierten (63) und ihm politischen Argwohn eingetragen hätten. Als irritierend vermerkt er den Zwiespalt zwischen den sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in der DDR und den intellektuellen Restriktionen des Studiums: "Die SED hatte die Schulen und Universitäten den Kindern des ganzen Volkes geöffnet, aber gleichzeitig verhinderte sie ihre umfassende Bildung, denn sie war blind gegenüber bürgerlichen Bildungselementen (...) Wir wurden nie ernsthaft geschult in Toleranz, Demokratie und alternativem Denken." (50)

Gestaltungsspielräume ergaben sich insbesondere im Bereich der experimentierfreudigen Kabarettisten und Theaterleute, die Keller wie Jürgen Hart oder Volker Braun und Christoph Hein teilweise schon während seiner Studienzeit kennen und schätzen gelernt hatte. 1974 gelingt es ihm, Gisela Oechelhaeuser, die später seine zweite Ehefrau werden sollte, zur (staatlichen) Hauptabteilungsleiterin Kultur (dem Rektor der Universität unterstellt), zu lancieren: "Sie war nicht Genossin, christlicher Herkunft, die Mutter Pastorin, der verstorbene Vater ehemals Funktionär der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft, ihre Brüder waren in den Westen gegangen." (56) Was die später prominent gewordene "Distel"-Prinzipalin veranlasste, bald darauf SED-Mitglied zu werden und sich auf die Stasi einzulassen, bleibt Keller verborgen.

Bemerkenswert sind zwei Ereignisse, die Keller ausführlich schildert. Eine Lissabon-Reise 1972 entwickelt sich als tragikomische Ost-West-Groteske mit Fehlleistungen auf allen Seiten, bevor Keller auf einer Irrfahrt wieder in die DDR zurückkehren kann. Im Kontext der Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns organisiert Keller gegen Bedenken der Berliner Zentrale und der Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit an der Universität eine Informationsveranstaltung, die in einem überfüllten Hörsaal mehrere hundert Studenten erreicht. In einer einstündigen Rede, deren Inhalt Keller leider nur fragmentarisch skizziert, übt er sich in der Kunst des Unmöglichen, allen Seiten gerecht zu werden: "Ich muss wahnsinnig gewesen sein, als ich die Idee für die Veranstaltung hatte, und war überrascht, dass ich mit meiner offenen, aber zugleich suchenden Rede mein Publikum überzeugt hatte (...) Wenn ich heute meine handschriftlichen Notizen lese, wundere ich mich schon über manchen Unsinn, den ich gesagt habe. (...) ich sprach über die Verschärfung des ideologischen Kampfes zwischen beiden deutschen Staaten, über die Biographie Biermanns, insbesondere über die Jahre nach seiner Übersiedlung 1953 in die DDR, über seine literarischen Texte, über seine Sozialismusauffassungen und seinen Individualismus. Da ich die Übertragung des Konzertes durch die ARD gesehen hatte, sprach ich auch über die vertane Chance Biermanns, mit seinem Auftritt in Köln auszugleichen statt zuzuspitzen und die Lage in Berlin zu beruhigen (...)" (61) Hatte die SED-Führung eine solche Chance nicht zu allererst vertan, als sie ihn zwangsausbürgerte? Eine symptomatische Textpassage, die zeigt, wie Keller die unüberbrückbare Kluft zwischen seinem politischen Loyalitätsempfinden und seinen intellektuellen Einsichten zu überbrücken suchte und damit objektiv als zwar nicht immer zuverlässig kontrollierbare Person (die durch Parteistrafen, von denen er berichtet, gelegentlich diszipliniert werden sollte), zugleich aber als wertvoller Akteur gegen Missbehagen und Kritik an der SED-Kulturpolitik betrachtet werden konnte, wie ihm der Erste Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung Horst Schumann wenig später attestieren sollte, "immer tolerant und trotzdem prinzipienfest" (64).

Nicht zuletzt diesen Eigenschaften verdankt Keller seine Berufung zum SED-Bezirkssekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur im Dezember 1977. Und es dauert nur wenige Monate, bis er mit zwei Konflikten konfrontiert wird, die ihm seine begrenzten Einflussmöglichkeiten deutlich bewusst machen. Werner Heiduczeks Roman "Tod am Meer" und Erich Loests "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" (beide 1978 in einmaliger DDR-Auflage erschienen) werden mit Zensurforderungen und Publikationsverboten belegt. Bei Kurt Hager vermag Keller dagegen nichts auszurichten, der ihn mit der Verpflichtung auf das "Großeganze" schroff zurückweist. "Letztlich begriff ich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, dass ich machen konnte, was ich wollte, die Entscheidungen waren schon immer an anderen Schreibtischen gefallen." (73) Stattdessen wird ihm die Aufgabe zuteil, den Schaden solch rigoroser Maßnahmen durch persönliche Betreuung der sanktionierten Leipziger Schriftsteller bei der Erfüllung privater Wünsche zu kalmieren, um unliebsame politische Reaktionen zu vermeiden. Keller versteht nicht, dass diese Verhaltensweise die Verbitterung von Heiduczek und Loest nicht auflösen konnte, die ihm nach der "Wende" heftige, zumindest im Fall Loests auch ungerechtfertigte und maßlose Vorwürfe eingetragen hat. Die Aufzählung diverser Dienstleistungen für Heiduczek liest man in diesem Zusammenhang nicht ohne peinliches Empfinden, weil sie deutlich werden lässt, dass sich zwischen der Gewährung von Privilegien, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sind, und dem künstlerischen Anspruch auf Gestaltungsfreiheit keine Brücke bauen lässt. Denn die Erfahrung von Zensur lässt sich nicht kompensieren.

Keller wehrt sich allerdings mit Recht gegen eine Sicht, welche die Beurteilung seiner Tätigkeit als SED-Bezirkssekretär auf solche Konflikte reduziert. Leipzig bildet als Buchstadt mit prominenten Verlegern wie Hans Marquardt, Roland Links und Elmar Faber, als Ort des Gewandhausorchesters und des Thomanerchors, als Sitz wichtiger künstlerischer Hochschulen und auch als west-offene Messestadt ein erstrangiges kulturelles Aktionsfeld, in dem es um Sicherung durchsetzbarer Freiräume künstlerischer Gestaltung ebenso wie um materielle Ressourcensicherung ging. Darüber berichtet Keller instruktiv, mit vielen Einzelheiten, wobei weder der Besuch des italienischen Avantgarde-Komponisten Luigi Nono vergessen wird, noch interessante Außenseiter wie Wolfgang Krause Zwieback (mit seinem DADA-inspirierten "Abasurden Kabrett") und schließlich auch der "Eigen+Art"-Galerist Judy Lybke fehlen. Natürlich werden auch die Begegnungen mit dem Leipziger Malertriumvirat Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke nicht vergessen. Besonders lesenswert ist die Passage über den 1980 begonnenen Bau des Neuen Gewandhauses und seine künstlerische Ausgestaltung.

Eine prägende Erfahrung wird für Keller sein einjähriges Studium an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften der KPdSU, das er im September 1982 aufnimmt, wobei die Motive zunächst im Dunkeln bleiben, welche die SED-Führung zu dieser Entscheidung veranlasst haben. Keller zitiert Briefauszüge, die seinen Enthusiasmus über die Eindrücke dieses weithin freiheitsbestimmten Lebensabschnitts lebendig ausdrücken. Dabei schildert er auch, dass er bei einem "Vortrag vor sowjetischen Parteisekretären über die Lage in der DDR" den Rektor der Akademie Wadim A. Medwedjew, später enger Berater Gorbatschows als sowjetischer Parteichef, derart beeindruckt habe, dass dieser ihn zu einem Kontakt mit dem Politbüromitglied Michail S. Gorbatschow zusammenführte, nach dem ihm auferlegt worden sei, ein solches Gespräch habe "nie stattgefunden" (115f).

Wenige Monate nach seiner Rückkehr aus Moskau wird Keller vom ZK-Sekretariat der SED zum 1. April 1984 zu einem der Stellvertreter des Ministers für Kultur berufen. Sein Aufgabenbereich sind "in erster Linie die künstlerischen Hoch- und Fachschulen des Landes" (118), zu seinen Vorsätzen zählt, die Entscheidungsautonomie der Hochschulen zu stärken und die Immatrikulation nicht von der sozialen Herkunft, sondern vom künstlerischen Talent abhängig zu machen. Bemerkenswert ist seine Initiative, "das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium an den künstlerischen Hoch- und Fachschulen zu ergänzen durch Geistes- und Religionsgeschichte, durch Kunst- und Kulturgeschichte, durch Ethik, Moral und Ästhetik" (120), dem freilich kein Erfolg beschieden sein sollte.

Nach Abschluss des deutsch-deutschen Kulturabkommens im Mai 1986 ist Keller an der Planung verschiedener großer Ausstellungen beteiligt, wobei er einen wichtigen Anteil am Zustandekommen der ersten Beuys-Ausstellung in Ost-Berlin und Leipzig (Dezember 1987 bis April 1988) hat. Diese konnte gegen den erklärten Willen Willi Sittes durchgesetzt werden, indem Keller die Akademie der Künste als Organisator gewann (153f). Was er allerdings über eine Begegnung mit Johannes Rau "nach dem Besuch von Honecker in Bonn 1987" berichtet, weckt irritierten Zweifel. Dieser habe ihm gegenüber gemeint: "Herr Keller, wunderbar, was Sie gesagt haben, ich stimme dem ohne Einschränkung völlig zu, aber ich bitte Sie in meiner staatspolitischen Verantwortung, gefährden Sie durch Ihre wunderbare Offenheit nicht die bescheidenen Anfänge der deutsch-deutschen Verhandlungen. Wir können uns zu diesem Zeitpunkt keine innere Opposition in der SED leisten." (149) Bei solchen Berichten, die immer wieder in Kellers Autobiografie auftauchen, denkt man an den Rat des Leipziger Mediävisten Ernst Werner, den Keller aus seiner Leipziger Studienzeit zitiert: "Freue dich (...) über jede neu gefundene Quelle, (...) allerdings ist sie nichts wert, du kannst sie getrost vergessen, wenn du nicht eine zweite und noch besser, eine dritte Quelle findest, die die erste Quelle bestätigt." (42) Überhaupt stören manche Unterstellungen, die unglaubwürdig klingen, mitunter nachweislich falsch sind. So wird Gabriele Muschter, mit Klaus Werner und Barbara Barsch eine der mutigen Rebellen im Verband Bildender Künstler, 1990 Staatsekretärin in der de Maizière-Regierung, jahrelang stasiüberwacht, als eine Person bezeichnet, "die zu DDR-Zeiten mitunter der Staatskunst der DDR sehr nahe stand" (198). Solche Einlassungen zwischen Sensationslust und unverständlichen Invektiven machen die Lektüre des Buches zuweilen zu einem Ärgernis. Dass Kellers Erinnerungsvermögen mit einiger Vorsicht betrachtet werden muss, zeigen zahllose Falschschreibungen (die mehr als eine Seite füllen würden) auch dort, wo man diese nur mit größter Verwunderung konstatieren kann. Wenn er denn ein Förderer von Judy Lybke gewesen sein will – wie ist es dann zu erklären, dass er dessen Namen durchgängig falsch mit "Lübke" wiedergibt?

Im Herbst 1988 wird Keller zum Staatssekretär mit erweiterten Kompetenzen ernannt, er ist seitdem auch für die Museen und nationalen Jubiläen zuständig. Im November 1989 wird er in der Modrow-Regierung für knappe fünf Monate Minister für Kultur – eine Zeit, die er rückblickend als "Glanz und Elend eines Ministers" empfindet. Während zu den glanzvollen Ereignissen die Begegnungen mit Jack Lang in der DDR und in Paris gehören, wo er auch die Beziehungen zur UNESCO vertieft, wird sein diplomatisches Geschick im Umgang mit Walter Janka und Wolf Biermann herausgefordert, und in der Bundesrepublik muss er sehr schnell erkennen, dass die Repräsentanten einer nicht durch Wahlen legitimierten Übergangsregierung auf massive Vorbehalte stoßen. Rückblickend muss es realitätsfern erscheinen, wenn Keller in einem Gespräch mit Wolfgang Schäuble im Februar 1990 versucht, große Politik zu machen, indem er diesem vorschlägt, "eine gemeinsame Expertenkommission zu bilden, um im Interesse beider Seiten akzeptable Möglichkeiten zur Eindämmung der Auswanderungswelle zu überprüfen" (174). Im Stimmungstief eines absehbaren Endes äußert sich bei Keller pathosbeladenes Selbstmitleid. Er fühlt sich "Allein gegen alle". Im Rahmen einer Heisig-Retrospektive nimmt er im gleichen Monat an einer von Fritz Pleitgen moderierten WDR-Fernsehdiskussion zum Thema "Kulturnation Deutschland – Brücke in eine gemeinsame Zukunft", unter anderem mit Marion Gräfin Dönhoff, Rita Süssmuth und Bernhard Heisig teil: " Ich schien persönlich verantwortlich zu sein für Lenin und Stalin, für Ulbricht und Honecker, für die Pioniere, die FDJ und die Zensur, für den sozialistischen Realismus und alles andere." (175)

Kaum zu glauben, dass Keller seinerzeit so empfunden hat, denn die letzten Kapitel seines Buches, die Jahre seit 1990 betreffend, zeigen ihn nach diesem Realitätsschock als eine Persönlichkeit, die Standfestigkeit (auch Verbitterung in der Abwehr unlauterer Verdächtigungen) zeigt, Mut zur kritischen Selbstreflexion und zum eigenen Urteil aufbringt und konsequent in seinen politischen Entscheidungen handelt.
Dietmar Keller auf einem PDS-Wahlplakat 1990.Dietmar Keller auf einem PDS-Wahlplakat 1990. (© Bundesarchiv, Plak 008-004-046, Grafiker: o.A.)
Nach der ersten gesamtdeutschen Wahl wird Keller Mitglied der PDS-Bundestagsgruppe. In einer Kampfabstimmung gegen Uwe-Jens Heuer wird er von der PDS als Mitglied der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" benannt. Die Gauck-Behörde befindet im Rahmen der vorgeschriebenen Überprüfung, wie Keller schreibt: "1963, 1965, 1967 und 1974 waren Ermittlungen gegen mich geführt worden, am 19. April 1989 eine Operative Personenkontrolle wegen Gefahr des Landesverrates eingeleitet worden" (219), außer den Kontrollblättern waren die Akten aber nicht mehr auffindbar. Bald schon kam es zu Meinungsverschiedenheiten in der PDS-Gruppe, die mit der Rolle des Stalinismus zusammenhingen: "Was in der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus 1956 mit Halbheiten begonnen hatte, wurde 1989 mit Halbheiten fortgesetzt. Honeckers Abwahl und die Entmachtung seines Politbüros waren zwar Anlass für Spurensuche, zugleich aber auch willkommen für Nebelkerzen, die eine klare und schmerzende Sicht auf die Schuld der SED und die Schuld aller ihrer Mitglieder verhinderte." (221). Mit seiner rückhaltlosen Analyse "Die Machthierarchie in der SED", die Keller auf eigene Initiative im Januar 1993 der Enquete-Kommission vortrug, rief er heftige Proteste der orthodoxen Kommunistengruppierung hervor, die in der PDS gewichtige Befürworter hatte. "Neues Deutschland" veröffentlichte den Text am 1. März, die Kritik an Kelller nahm zu, er fühlte sich in der Fraktion zunehmend ausgegrenzt. Im Juli erklärte er vor seiner Bundestagsgruppe unter anderem: "Ich schäme mich, dass ich nicht das, was in der Verfassung und im Parteistatut gestanden hat, unerbittlich eingehalten habe. Ich schäme mich, dass ich nicht den Mut gehabt habe, auch unter Aufgabe meiner sozialen Sicherheit und meiner beruflichen Existenz dagegen vorzugehen. Ich schäme mich vor denen, die es gemacht haben, wo ich mich nur weggeduckt habe, auch mein persönliches Versagen hat dazu beigetragen, dass unsere Idee gescheitert ist" (226). Und Keller erklärt in seiner letzten Rede vor dem Bundestag: "Ich betrachte es (...) als meine moralische Pflicht und Verantwortung, mich bei den Opfern der SED-Diktatur zu entschuldigen." (227)

Keller scheidet aus dem Bundestag aus, verzichtet auf eine neue Kandidatur, gründet einen Buchverlag (der, von seinem Freund und Geschäftsführer Matthias Kirchner geleitet, nach acht Jahren endgültig scheitert), wird vier Monate nach der Wahl für acht Jahre bis 2002 persönlicher Mitarbeiter Gregor Gysis, dessen Büroleiterin Marlies Deneke er im Dezember 1996 heiratet (während seine ehemalige zweite Frau , die langjährige "Distel"-Chefin Gisela Oechelhaeuser Mitte 1999 als Stasi-IM enttarnt wird; 235). Er ist Redenschreiber für Gysi, erarbeitet Analysen, die in der Fraktion oft auf Widerstand stoßen, genießt aber den Respekt seines arbeitsversessenen Chefs. "Es war für mich eine wunderbare Zeit, wahrscheinlich die schönste Zeit meines beruflichen Lebens." (233) Schließlich entschließt sich das Ehepaar Keller im Mai 2002, Ende des Jahres das Arbeitsverhältnis mit Gysi zu lösen, nachdem Keller die Anfeindungen insbesondere der Kommunistischen Plattform – zumal nach einem kritischen "Spiegel"-Interview (16/2000) – nicht mehr ertragen mochte. Noch im gleichen Jahr verlässt er die PDS auch als Mitglied mit einem kleinen Paukenschlag, der weitgehend ungehört verhallt, und zieht sich – nachdem er das lesenswerte, kontrastreich-respektvolle gemeinsame Buch mit Rainer Eppelmann "Zwei Ansichten" publiziert hat – in die Einsamkeit des Landlebens nicht ohne Groll zurück: "Ich ging in die Arbeitslosigkeit und danach in die Strafrente für SED-Funktionäre." (244)


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