Beleuchteter Reichstag

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12.1.2012 | Von:
Rüdiger Thomas

Zwei Kultur-Profile im Selbstporträt

Während Dietmar Keller in Berlin die "Wende" und das Ende der DDR erlebt, ist Hermann Glaser seit 1988 bis 1993 als Honorarprofessor für Kulturvermittlung an der TU zeitweilig in Berlin präsent und "in den 1990er Jahren als Berater für Kulturpolitik in den neuen Bundesländern vielfach unterwegs" (224). Er nimmt die Begegnung der beiden deutschen Teilgesellschaften als einen Zusammenprall wahr, in dem die ostdeutsche "Kultur der Entschleunigung" (Heiner Müller hatte die DDR einst als "Hort der Langsamkeit" charakterisiert) mit der "Rasanz der Moderne" aufeinander trifft (228). 1997 erweitert er seine "Kulturgeschichte der Bundesrepublik", indem er nun in kompakter Form die "Deutsche Kultur" in einem historischen Überblick seit 1945 im gesamtdeutschen Horizont erfasst. Im Vorwort seines Buches, das 2003 in 3. Auflage erscheint, konstatiert Glaser: "Das durch die Mauer getrennte Deutschland entwickelte sich auch kulturell weit auseinander, den (...) zumindest existenzgefährdenden Versuchen im Osten, westliche Entwicklungen aufzunehmen, entsprach in der BRD kein besonderes Interesse an der DDR. Die Entwicklungen (...) liefen weit auseinander; oder das Gemeinsame wurde in der Zeit, da es relevant war, nicht wahrgenommen (...) erst nach 1989 war es möglich, die deutsch-deutsche Kulturlandschaft ganzheitlicher ins Auge zu fassen. Methodisch bedeutet dies, daß DDR-Kultur vor allem im Kapitel über die deutsche Vereinigung behandelt wird: und dies ohne die in der Zeit der Spaltung oft erkennbare herablassende Benevolenz; aber auch ohne jene Häme, mit der nach dem Zusammenschluss die DDR-Kultur als SED-Produkt abgekanzelt wurde."

Hermann Glaser am 20. Mai 2011 während einer Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio".Hermann Glaser am 20. Mai 2011 während einer Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio". (© picture-alliance, Foto: Karlheinz Schindler)
Der leidenschaftliche Schriftsteller hat sich im Jahr seines 75. Geburtstags 2003 eine "Kleine Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" selbst zum Geschenk gemacht. Im Buchtitel seiner neuen Autobiografie zitiert er den staunenden Ausruf Alkmenes, mit dem Heinrich von Kleists "Amphitryon" endet. Dies ist ein erhellender Impuls, um die beiden Autobiografien Glasers und Kellers noch einmal vergleichend in den Blick zu nehmen. Während Glaser auf ein Leben zurückblickt, das sich gleichsam organisch aus seinen jugendlichen Prägungen heraus so konsequent wie selbstverständlich entfaltet, ist Kellers Biografie einerseits vom dankbaren und stolzen Bewusstsein einer Karriere geprägt, in der Aufstieg durch Bildung ermöglicht wird, andererseits aber unter den Bedingungen politischer Loyalitätszwänge als konfliktreicher Prozess erscheint, in dem immer auch rigide Schranken der Selbstbestimmung sichtbar werden.

Wenn man sich erinnert, dass Glasers wohl wichtigster kreativer Impuls seine theoretischen und praktischen Beiträge zur "Soziokultur" sein dürften, drängt sich die Frage auf, ob diesbezüglich eine Parallele zur ostdeutschen SED-Kulturpolitik besteht, die mit der Losung "Die Kultur dem Volke" angetreten war, und ob Projekte wie der "Bitterfelder Weg", die Propagierung des "Volkskunstschaffens" und die Mobilisierung der Bevölkerung, die "Höhen der Kultur" zu stürmen, als realsozialismusspezifische Ausprägung des "Bürgerrechts Kultur" betrachtet werden könnte. Es ist bezeichnend, dass im Buch Kellers davon an keiner Stelle gehandelt wird. All dies liegt außerhalb seiner Wahrnehmung und findet allenfalls in Bezug auf die Singeclubs Erwähnung. Bei näherer Hinsicht erweist sich, dass das Projekt "Soziokultur" eher das Gegenteil einer volksverbundenen Kultur im Verständnis der SED bedeutet. Während die "Soziokultur" auf Selbstbestimmung und Eigeninitiative und damit auf einen demokratisch-emanzipatorischen Prozess der Bürgerautonomie zielt, wird die Kultur in der DDR politisch als Erziehungsfaktor instrumentalisiert.

Glasers Lebensgeschichte verläuft weitgehend konfliktfrei. Er schreibt gelassen, sozusagen "im Abendlicht", nicht ohne Stolz zurückblickend, dass er viele seiner Projekte realisieren konnte. Erkennbar ist dies auch der politischen Entwicklung im Westen Deutschlands zu verdanken, die ihm eine Durchsetzung seiner Ideen im großen Umfang ermöglicht hat. Während Glasers Buchtitel sich sinnreich auf ein Lustspiel bezieht, variiert Keller den Buchtitel eines Autors (aus Erich Loests "Mühen" werden "Mühlen"), mit dem sein Leben alptraumhaft wie durch ein Menetekel verbunden sein sollte. Von diesen mitunter traumatischen Konflikterfahrungen ist Kellers Autobiografie durchsetzt, sie zeigt ihn als eine Persönlichkeit, die sich in den Widersprüchen einer Politik zu behaupten suchte, die selbstständiges Handeln weitgehend einschränkte. So wurde die Kunst des Kompromisses zur politischen Überlebenskunst, in der sich Erfolg und Demütigung eigentümlich vermischten. Dies mag auch den Sound von Kellers Buch erklären, in dem sich Selbstbewusstsein, kritische Reflexion, Enttäuschung, Larmoyanz und Polemik wie auf einer Achterbahnfahrt abwechseln. So schwankt der Leser zwischen Vergnügen, Spannung und Ärger, doch lässt Kellers Buch nie Langeweile aufkommen. Am Ende steht ein paradoxer Eindruck: Der Kulturpolitiker aus der DDR, der die Bundesrepublik als ein fremdes Land erfährt, gewinnt erst hier seine innere Freiheit zurück. Wie hoch der Preis dafür gewesen ist, kann Dietmar Keller, der am 17. März 2012 70 Jahre alt wird, nur selbst beantworten.



Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

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