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31.3.2013 | Von:
Jeannette van Laak

Das Notaufnahmelager Gießen

Das Lager nach dem Mauerbau

Die Bundesregierung reagierte erst knapp zwei Jahre nach dem Mauerbau auf die veränderte Flüchtlingssituation: Zum 1. April 1963 wurden das Lager Uelzen-Bohldamm in Niedersachsen geschlossen und das Lager Marienfelde in den Folgejahren um ein Drittel verkleinert.[38] Gleichzeitig erhielt das Lager in Gießen den Status eines zentralen Bundesnotaufnahmelagers für alle Flüchtlinge aus der DDR. Hierfür wurden zunächst die Jugendlager in Krofdorf und das Haus Elisabeth in die Einrichtung integriert. Weil die Belegungskapazität im Notaufnahmelager Gießen noch immer zu hoch war, wurde sie schließlich halbiert. So gab es um 1965 insgesamt 132 Unterkünfte für erwachsene Flüchtlinge, 72 für jugendliche, allein reisende Männer und acht für jugendliche, allein reisende Mädchen. Weitere 100 Betten wurden für Studenten und 46 für Krankenschwestern bereitgehalten und genutzt; das Krankenhaus konnte 40 Patienten betreuen.[39] Weil die Kapazitäten für die erwachsenen Flüchtlinge nach dem Mauerbau nur selten ausgeschöpft waren, erfolgte die Unterbringung von Familien zunehmend auch in Doppelzimmern.[40]

Damit erinnerte im Grunde kaum noch etwas an die einst typischen Merkmale eines Lagers. Feste Gebäude hatten die Baracken ersetzt. Die ursprüngliche "Architektur auf Zeit", wie die Baracken einmal bezeichnet worden waren, wurde in eine Architektur der Zeit transformiert.[41] Sie waren kantig, klotzig und funktional. Die räumliche Enge einstiger Gemeinschaftsunterkünfte war in den Viermann- und Doppelzimmern zwar noch nicht vollständig aufgehoben, doch der individuelle Raum eines Flüchtlings bei weitem nicht mehr so beschränkt wie Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre; gleiches galt für die sanitären Einrichtungen. Erhalten blieb die Abgrenzung des Lagers nach außen, gut sichtbar mit einer Schranke am Pförtnerhaus und einem Zaun um das Lagergelände, sowie rudimentäre Merkmale einer Lagerordnung.[42]

Die Flüchtlingszahlen von DDR-Bewohnern gingen zwischen 1961 und 1989 stark zurück, weshalb von einer Auslastung der Lagergebäude keine Rede mehr sein konnte.[43] Deshalb gewährte das Lager in den 1960er und 1970er Jahren Gießener Institutionen so etwas wie Notaufnahme, wenn auch wiederum in einem ganz anderen Sinne. Ab etwa 1967 residierte hier die Kriminalpolizei der Stadt, bis deren Verwaltungsbau 1972 fertig gestellt und bezugsfertig war. Es gab - wie angedeutet - erfolgreiche Verhandlungen mit der Gießener Universität, die dringend Schwesternheime bzw. Lernschwesterwohnheime benötigte. Letztlich wohnten hauptsächlich ausgelernte Krankenschwestern in einem Unterkunftsgebäude des Lagers, hatte doch das hessische Kultusministerium Bedenken geäußert, die Verantwortung für die minderjährigen Lernschwestern im Lager nicht übernehmen zu können.[44] Parallel dazu wurde ein Gebäude als Studentenwohnheim genutzt. Später wurde ein Unterkunftsgebäude zu einer Schule für spätausgesiedelte Jugendliche umgebaut, die hier sowohl einen Sprachkurs absolvieren und als auch einen Schulabschluss anstreben konnten. Weitere Beispiele ließen sich anführen.[45]

Damit werden einmal mehr die flexiblen Arbeitskontinuitäten einer solchen Einrichtung deutlich, die mit verhältnismäßig geringem Aufwand immer wieder neue, andere Aufgaben übernehmen konnte. Es bleibt noch zu untersuchen, welche Strukturen hierfür die nötigen Bedingungen schufen. Die zunächst der Baracke als preiswerte Unterbringungsmöglichkeit zugeschriebene Charakteristik von begrenzter Zeitlichkeit mag zwar der Flexibilität der Lager entgegengearbeitet haben, letztere waren aber nicht auf sie angewiesen, wie die erfolgreiche Modernisierung und ihre anschließende Nutzung belegen.

Resümee

Vorliegend wurde der langjährige Prozess einer Verstetigung skizziert. Eine zunächst als Provisorium konzipierte und betriebene Einrichtung entwickelte sich über einen Zeitraum von 25 Jahren zu einer Institution. Hierfür wurden die unter der amerikanischen Besatzungsmacht geschaffenen dezentralen räumlichen Strukturen an einem neuen Standort zentralisiert, wobei man – wider Erwarten - an die Tradition der Vorkriegszeit anknüpfte.

Der Bau einer aus festen Gebäuden bestehenden Einrichtung schien den bis dahin üblichen Aufgaben zu widersprechen, die die Machthabenden bis dahin den Lagern zugeschrieben hatten - dem Insassen seine Rand-Position in der Gesellschaft aufzuzeigen und ihn damit aufzufordern, rasch Eigeninitiative zu zeigen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Zwar können die Neubauten auch als "Schaufenster des Westens" interpretiert werden, mit denen den Deutschen aus der DDR ein spezifisches Bild von Freiheit und Demokratie präsentiert werde sollte. Vor allem aber signalisierte die Modernisierung dieser Provisorien der eigenen Gesellschaft, dass die man Nachkriegszeit Anfang der 1960er Jahre nunmehr endgültig überwunden glaubte.

Zitierweise: Jeanette van Laak, Das Notaufnahmelager Gießen. In: Deutschland Archiv Online, 27.3.2013, Link: http://www.bpb.de/157195

Fußnoten

38.
Das Notaufnahmelager Uelzen schließt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.3.1963, S. 6.
39.
Vgl. HHStAW, Abt. 508, Nr. 4067a. Die Quelle erwähnt nur Studenten. Ob damit auch weibliche Studierende gemeint waren, ist ungeklärt.
40.
Notaufnahmelager Gießen an den Staatsbeauftragten für das Flüchtlingswesen am 2.1.1964: Übersicht über Aufnahmefähigkeit und Belegung des Notaufnahmelagers Gießens und des wirtschaftlich angeschlossenen Jugendlagers Krofdorf, HHStAW, Abt. 508, Nr. 4067a.
41.
Axel Dossmann/ Jan Wenzel/ Kai Wenzel, Architektur auf Zeit. Baracken, Pavillons, Container, Berlin 2006.
42.
Diese verwiesen auf die Mahlzeiten, auf die Pflicht der An- und Abmeldung sowie auf die Rückgabe der Bettwäsche und des Essbestecks. Siehe Der Leiter des Bundesnotaufnahmeverfahrens in Gießen, Belehrung, Stadtarchiv Gießen, 7/3 017; Laufzettel, Stadtarchiv Gießen 7/3 006.
43.
In den Jahren 1963 und 1964 lagen sie bei etwas mehr als 40.000, zehn Jahre später betrugen sie weniger als 20.000. So wurden 1974 etwa 13.252 DDR-Übersiedler gezählt, 1975 waren es 16.285. Hans Hermann Hertle/ Konrad H. Jarausch/ Christoph Kleßmann (Hg.), Mauerbau und Mauerfall. Ursachen – Verlauf – Auswirkungen, Berlin, 2002, S. 310-314.
44.
Minister des Inneren an Herrn Regierungspräsidenten Darmstadt am 17. Mai 1963, HStAD, H 1, Nr. 7759.
45.
Niederschrift über die gemäß Ziffer 9 der Lagerrichtlinien vom 25. Januar 1954 durchgeführte Prüfung im Monat April 1981, HStAD, H 5, Nr. 26 Bestandsprüfungen, Bl. 2.
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