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Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr des Bataillonskommandeurs der DDR-Grenztruppen Dietmar Mann

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Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. 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Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr des Bataillonskommandeurs der DDR-Grenztruppen Dietmar Mann

Michael Schneider

/ 14 Minuten zu lesen

Oberstleutnant Dietmar Mann flieht im August 1986 in die Bundesrepublik. Dort offenbart er sein ganzes Wissen über die DDR-Grenzsicherung. Trotzdem setzt die DDR-Staatssicherheit alles daran, dass der Offizier zurückkommt. Michael Schneider über eine Flucht und eine Rückkehr mit Folgen.

Angehörige der DDR-Grenztruppen beim Schießtraining, aufgenommen im Juni 1987 (© picture-alliance/dpa, Hans Wiedl)

Flucht am 31. August 1986

Dietmar Mann, Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen, steht an diesem 31. August 1986 unter gewaltigem Druck. Ihm, seit 1982 Kommandeur des II. Grenzbataillons (Bonese) im Grenzregiment 24 (Salzwedel), steht ein Disziplinarverfahren und ein Parteiverfahren bevor. Zwei erfolgreiche Fluchten hat es in dem 69,4 Kilometer langen Grenzabschnitt, den er befehligt, im Sommer 1986 gegeben. Beide blieben zunächst unentdeckt. Nun gibt es Zweifel an seiner militärischen Kompetenz. Zudem will seine Frau in wenigen Tagen die Ehescheidung beantragen – Mann hat seit längerer Zeit eine Beziehung mit einer Zivilangestellten seines Stabes. Für einen Bataillonskommandeur gilt das als schwere moralische Verfehlung, die ihn, so fürchtet er, seinen Dienstposten kosten wird. Er hält seine Lage für aussichtslos. Am Nachmittag des 31. August lässt er sich, obwohl mitten im Urlaub, beim Ort Holzhausen von seinem Fahrer an den hinteren der beiden Grenzzäune bringen. Dort will er Pilze sammeln. Der Fahrer schöpft keinen Verdacht, es ist nicht ungewöhnlich, dass der Kommandeur hier im Spätsommer, im streng geschützten Bereich zwischen dem Grenzsignalzaun und dem Metallgitterzaun, der kurz vor der Staatsgrenze zur Bundesrepublik steht, auf Pilzsuche geht. Als die beiden dort ankommen, passieren sie das erste Gittertor. Nach dem Passieren des Tors steigt der Fahrer aus, um es wieder zu schließen. Seine Maschinenpistole hat der Gefreite vorschriftswidrig auf dem Fahrersitz liegenlassen, was Dietmar Mann gelegen kommt. Er steigt nun selbst aus, zieht seine Dienstpistole und zwingt den Fahrer, ins Hinterland zu verschwinden. Bis Alarm ausgelöst wird, hat der Oberstleutnant einige Minuten Zeit. Er steuert den Kübelwagen noch selbst bis zum vorderen Zaun, den er im zweiten Anlauf überklettert. Die tödliche Grenze, die er 18 Jahre lang bewacht hat, überschreitet er nun selbst, lässt die DDR und sein bisheriges Leben hinter sich – wie er glaubt, für immer. Acht Monate später ist er zurück.

Manns erste Stunden in der Bundesrepublik

Nach seiner gelungenen Flucht marschiert Dietmar Mann in das niedersächsische Dorf Thielitz. Hier spricht er einen Landwirt an, der ihn mit ins Haus nimmt und den Bundesgrenzschutz (BGS) verständigt. Mit dem Hubschrauber wird der Oberstleutnant in eine Dienststelle des BGS nach Gifhorn geflogen. Er unterschreibt eine Erklärung, wonach er nicht bereit ist, mit offiziellen Vertretern der DDR zu sprechen; auch mit seiner Familie will der geflohene Oberstleutnant keinen Kontakt. Eine Ausnahme aber macht er: für seine Freundin Christine, die in der DDR geblieben ist. Dietmar Mann, der in einer BGS-Kaserne sitzt, hat Angst. Es existiere ein Befehl, der bei den DDR-Grenztruppen nur mündlich ausgegeben wird: Alle Militärangehörigen, die über die Grenzsperren in die Bundesrepublik fliehen, sind zu vernichten. Ob der Befehl auch noch gilt, wenn ein Offizier schon auf dem Gebiet der Bundesrepublik ist? Ob Dietmar Mann in einer Blitzaktion in die DDR zurückgeholt wird? Er ist sich sicher, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) binnen kürzester Zeit seinen Aufenthaltsort erfährt. So berichtet er den staunenden BGS-Beamten, dass es dem MfS inzwischen gelungen ist, verschlüsselte Funksprüche zu entschlüsseln, und er vermutet, dass das MfS Agenten in den BGS eingeschleust hat. Eine Vermutung, die sich später tatsächlich bestätigt. Um 22.00 Uhr wird Dietmar Mann schließlich mit einem Hubschrauber nach Pullach geflogen. Dort hat der Bundesnachrichtendienst (BND) seinen Sitz. Und der will sich nicht entgehen lassen, was ein Bataillonskommandeur der DDR-Grenztruppen alles zu berichten hat.

Ein Anrufer aus Ost-Berlin

Nicht einmal 24 Stunden ist der geflohene Oberstleutnant in der Bundesrepublik, als sich ein Anrufer aus Ost-Berlin im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen meldet. Es ist Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der von der Staatsführung der DDR immer dann eingeschaltet wird, wenn ein Militärangehöriger oder gesellschaftlich prominenter Bürger der DDR den Rücken gekehrt hat. Er bittet darum, mit Mann sprechen zu können. Der Inhalt seines Auftrags: Der Offizier soll zur freiwilligen Rückkehr bewegt werden, bevor er von westlichen Geheimdiensten abgeschöpft wird. Fünf Jahre zuvor war Vogel mit seiner Mission erfolgreich gewesen. Der hochrangigste Offizier der DDR-Grenztruppen, der jemals die Flucht gewagt hatte, Oberstleutnant Klaus-Dieter Rauschenbach, Kommandeur des Grenzregiments 3 (Dermbach), war am 4. Juni 1981 auf Vogels Intervention hin nach nur zwei Tagen freiwillig in die DDR zurückgekehrt – ohne sein Wissen zuvor beim BND offenbart zu haben. Doch ein solcher Erfolg blieb dem Ost-Berliner Rechtsanwalt diesmal versagt. Zwar übermittelten die Bonner Ministerialen dem Flüchtling Mann den Gesprächswunsch, doch der blieb seiner Linie treu: keine Gespräche mit Vertretern der DDR!

Das MfS macht einen Plan – Mann soll zurückkommen

Um Dietmar Mann zu einer Rückkehr in die DDR zu bewegen, waren also andere Mittel notwendig. Und dass der Ex-Offizier zurückkehren sollte, daran ließ die politische Führung in Ost-Berlin keinen Zweifel. Für diese Aufgabe zuständig ist fortan die Hauptabteilung I (HA I), Abteilung Äußere Abwehr, Unterabteilung 1 des Ministeriums für Staatssicherheit. Am 6. November 1986 verfasst die HA I einen umfangreichen Operativplan, auf dem in acht Punkten dargelegt wird, welche Verbindungen aus der DDR heraus zu Dietmar Mann bestehen und wie er, in den Worten des MfS, "bearbeitet" werden kann. Zwei mögliche Kontaktkanäle sind dabei Manns Ehefrau Marlies und seine Freundin Christine. Immer noch ein Rätsel für die HA I ist zu diesem Zeitpunkt, wo in der Bundesrepublik sich Dietmar Mann aufhält. Der BND bemüht sich, den Aufenthalt zu verschleiern. Ganze fünf Mal wechselt Dietmar Mann für die Befragungen seine Bleibe, selten ist er länger als drei Wochen am Stück am selben Ort.

Dietmar Mann packt aus

Bei den Befragungen offenbart Dietmar Mann alles, was er über die DDR-Grenzsicherung weiß: zur Stationierung der Sowjettruppen im Falle eines Krieges, zur laufenden Umstrukturierung der Grenztruppen, zum Abbau der Splitterminen vom Typ SM-70, zur Zusammenarbeit der Grenztruppen mit dem MfS, über den geplanten Einsatz von Frauen in der Truppe, über gelungene Fluchten im Bereich des II. Bataillons Bonese, über die Dunkelziffer gescheiterter Fluchten, über die Selbstmordrate im Offizierskorps und auch über den Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge.

Eingliederung in der Bundesrepublik

Am 14. Dezember 1986 sind die Befragungen von Dietmar Mann beim BND im Wesentlichen abgeschlossen. Auf Manns Wunsch hin mietet der BND für den Ex-Offizier ein möbliertes Apartment im Münchner Stadtteil Fürstenried, nur für das Türschild besteht der BND auf den Decknamen "Ulrich Marx". Zu dieser Zeit ist Mann viel in Deutschland unterwegs. Von den Honoraren, die er von den westlichen Geheimdiensten für seine umfangreichen Informationen erhalten hat, kauft er sich einen Ford Capri. Über die Pressestelle des BND wird eine Reihe von Vorträgen bei der Bundeswehr und verschiedenen Verfassungsschutzämtern organisiert. Thema: "Das innere Gefüge der NVA und Grenztruppen". Gemeinsam mit Peter-Joachim Lapp arbeitet er an einer Neuauflage des Buches "Frontdienst im Frieden", einem Standardwerk über die DDR-Grenzsicherung. Auch in den Printmedien taucht Mann häufiger auf, in rascher Folge werden Interviews mit Quick und der Zeitung "Die Welt" organisiert. Im März 1987 hat der BND für Dietmar Mann eine Arbeitsstelle bei einem oberbayerischen Sicherheitsunternehmen organisiert, das Objektschutz anbietet. Mann soll nun in einem Lehrgang die Grundlagen für seine neue Arbeit lernen und drückt nun dort täglich die Schulbank.

Der ZOV "Verräter"

Bei der HA I wird seit 1982 der "Zentrale Operative Vorgang" (ZOV) "Verräter" geführt. Im ZOV "Verräter" sind – neben anderen – viele Angehörige der bewaffneten Organe der DDR aufgelistet, die in den Westen geflohen sind. Ziel des ZOV "Verräter" ist es, die Abtrünnigen zu einer Rückkehr in die DDR zu bewegen, um "den fortwährenden Verrat zu unterbinden". Schwerer als der Verrat von Dienst- und Staatsgeheimnissen wog für das MfS die Tatsache der Flucht selbst. Mit der Zusicherung von Straffreiheit sollen selbst ranghöchste Offiziere wie Oberstleutnant Dietmar Mann zurück in die DDR gelockt werden. Das sollte nicht nur die westlichen Geheimdienste verunsichern, sondern auch Fluchtwillige in den bewaffneten Organen der DDR entmutigen. Die Botschaft lautete: Eine Flucht ist sinnlos, am Ende kehren die Flüchtlinge doch wieder reumütig zurück. Jede Person im ZOV „Verräter“ wurde von der HA I in einem eigenen Teilvorgang (TV) geführt, für den sich die Bearbeiter einen abwertenden Namen ausgedacht hatten. Für Dietmar Mann wurde von der HA I, Abteilung Äußere Abwehr, Unterabteilung 1, der Teilvorgang "Schabe" eröffnet, die Bezeichnung für ein Ungeziefer, die in der Hunderte von Seiten umfassenden Akte von nun an fast ausnahmslos für den Ex-Offizier verwendet wird.

Der Plan geht auf

Die Hauptrolle im "Operativplan" spielen die beiden Frauen, die Mann in der DDR zurückgelassen hat. Marlies, inzwischen von ihm geschieden, und seine Freundin Christine werden von der HA I als sogenannte Rückverbindungen eingesetzt, um den Kontakt zu halten. Dabei sind den beiden vom MfS unterschiedliche Rollen zugewiesen worden, nachdem sie zur Zusammenarbeit bereit waren.

Christine soll regelmäßigen Kontakt mit Mann halten und vorgeben, an einer gemeinsamen Zukunft interessiert zu sein. Für diese Zukunft schmiedet Dietmar Mann in seinem Münchner Apartment abenteuerliche Pläne. Er erklärt ihr in langen Telefonaten, wie er sich ihre Ausschleusung aus der DDR vorstellt. Mal soll sie über die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin in den Westen kommen, mal direkt mit einem Hubschrauber in der DDR abgeholt werden, mal während eines Bulgarien-Urlaubs in die Türkei übertreten. Wie konkret diese Pläne sind, ob mit dem BND abgestimmt und vor allem: wie realistisch, bleibt während dieser ganzen Zeit unklar. Christine denkt nicht daran, die DDR zu verlassen. Aber sie spielt mit – unter ständiger Anleitung der Mitarbeiter der HA I, die ihr Regieanweisungen für die Telefonate geben. Eine ganz andere Rolle hat Marlies zugewiesen bekommen. Sie hat nur ganz selten Kontakt mit München, ruft nur an, wenn es um die Kinder und Unterhaltsfragen geht. Dafür soll sie Dietmar Mann Angebote zu einer Rückkehr machen. Am 11. Februar 1987 überbringt sie zum ersten Mal das Angebot des Militäroberstaatsanwalts, bei einer freiwilligen Rückkehr straffrei zu bleiben. Dietmar Mann, der in München unter Einsamkeit leidet und depressive Zustände durchlebt, hört genau zu.

Die DDR hat er mit dem Überklettern des Grenzzauns hinter sich gelassen, in der Bundesrepublik ist er aber nie angekommen. Er hört genau zu, als die Anrufe häufiger werden, als sich neben das Werben um seine Rückkehr auch Drohungen mischen. Die Garantie der Straffreiheit sei nicht unbegrenzt gültig. Am Abend des 10. April klingelt in München wieder das Telefon. Nur wenn Dietmar Mann bis zum 11. April 1987 in die DDR zurückkehre, werde die DDR ihr Versprechen halten.

Mann muss sich sofort entscheiden. Der Ex-Offizier packt seine Sachen, spült noch das Geschirr, nimmt ein Bündel Unterlagen mit, das sich in seinen acht Monaten in der Bundesrepublik angesammelt hat und setzt sich dann in den Ford Capri, um Richtung innerdeutsche Grenze zu fahren.

Verwirrung im Westen

Um 12.54 Uhr am 14. April 1987 läuft eine ADN-Meldung über den Ticker. "Dietmar Mann in die DDR zurückgekehrt". Er habe sich, so die Agenturnachricht reichlich großsprecherisch, der Obhut des Bundesnachrichtendienstes entziehen können und sei mit umfangreichem Material in die DDR zurückgekehrt. Dieses geheimdienstlich relevante Material werde nun umfassend ausgewertet. Dem SED-Parteiorgan "Neues Deutschland" ist Manns Rückkehr am 15. April 1987 sogar eine Notiz auf Seite eins wert. Für den BND kommt Manns Rückkehr in die DDR vollkommen überraschend. Zwar wurde der Ex-Offizier seit Dezember 1986 nur noch lose betreut, mit Beginn seiner Arbeit bei einem oberbayerischen Sicherheitsunternehmen im März 1987 schien auch seine berufliche Eingliederung geglückt. Während sich die Bundesregierung in Schweigen hüllt, spekulieren die großen Tageszeitungen darüber, ob Mann tatsächlich freiwillig zurückgekehrt ist oder Opfer einer Entführung wurde.

Neuanfang in Schwedt/Oder

Als Dietmar Mann um 7.47 Uhr am 11. April 1987 mit seinem in München zugelassenen Ford Capri die innerdeutsche Grenze bei Salzwedel passiert, in genau dem Grenzabschnitt, den er zuletzt als Kommandeur befehligt hatte, wird er von den Mitarbeitern der HA I in Empfang genommen. In seinem zweiten Leben in der DDR lässt ihn das MfS keine Minute mehr aus den Augen. Nun sind es die Mitarbeiter der HA I, die den Rückkehrer Mann über seine sogenannten Verratshandlungen detailliert befragen. Und genauso umfassend und präzise wie der Ex-Offizier beim BND sein Wissen preisgab, diktiert er nun ins Protokoll, was er im Westen verriet. Statt Empörung herrscht bei der HA I große Zufriedenheit über die "wahrheitsgemäßen" Angaben des Dietmar Mann.

Noch während Mann in verschiedenen "konspirativen Objekten" befragt wird, erarbeitet die HA I den Fahrplan für seine Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben der DDR. Eckpfeiler sind eine neue Stelle im VEB Tabakkontor Dresden, Außenstelle Schwedt/Oder, und die "Bindung an eine weibliche Person". Die Beziehung zu Christine ist inzwischen auseinandergebrochen. Als kurz darauf eine Kontaktanzeige von Dietmar Mann in der Zeitung erscheint, kommt die HA I auf Ideen: "Suche und Auswahl eines geeigneten weiblichen IM, der auf Grundlage der Annonce von "Schabe" in den TV [Teilvorgang, MS] eingeführt werden kann". Mann findet auch ohne Zutun des MfS eine Frau, sein Betreuer ist wenige Wochen später zufrieden mit der Entwicklung: "Anfangsschwierigkeiten bei der Gestaltung der Freizeit sind gegenwärtig überwunden. M. lernte über ein Zeitungsinserat eine weibliche Person [...] kennen und prüft gegenwärtig diese Verbindung für eine perspektivische Lebensgemeinschaft." Im Juni 1987 kann Dietmar Mann eine Wohnung in der Altstadt von Schwedt/Oder beziehen, die über die dortige MfS-Kreisdienststelle organisiert wurde. Die erste Besichtigung der neuen Wohnung findet allerdings ohne den neuen Mieter, dafür mit einem Mitarbeiter der Abteilung 26 statt, um den Einsatz der Maßnahmen 26 -A-, -B- und -D- zu begutachten. Telefonüberwachung, versteckte Mikrofone und Überwachung der Wohnung mit Kameras sind vom ersten Tag an vorgesehen. Zudem aktiviert die HA I zwei Hausbewohner, die bereits früher als Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR (IM) tätig waren und jetzt Dietmar Mann im Auge behalten sollen, darunter der direkte Wohnungsnachbar.

Der neue Bewohner ahnt von alldem nichts, als er die Wohnung kurz darauf bezieht. Am 15. Juni 1987 wird auch das Ermittlungsverfahren beim Militäroberstaatsanwalt gegen ihn eingestellt. Für einen Moment verläuft das Leben von Dietmar Mann wieder in ruhigeren Bahnen. "Es kann eingeschätzt werden, daß sich M. an die ihm erteilten Auflagen weisungsgemäß hält und offen die ihn bewegenden Probleme anspricht. Verstöße diesbezüglich wurden nicht bekannt", berichtet Manns MfS-Betreuer.

Mann wird verhaftet

Doch Mitte August 1987 ändert sich urplötzlich die zufriedene Grundstimmung bei der HA I. Mann verschweigt dem Betreuer vom MfS, worüber er mit seiner neuen Freundin in großer Ausführlichkeit spricht: dass er früher Offizier der DDR-Grenztruppen war, dass er in den Westen geflohen ist. Ein klarer Bruch gegen die Abmachung mit dem MfS. Noch etwas anderes lässt alle Alarmglocken bei der HA I schrillen: Mann spekuliert laut darüber, ob es nicht besser wäre, wieder in die Bundesrepublik zu fliehen, er wisse ja, wie es geht. Nur diesmal nicht allein, seine neue Freundin soll mitkommen. Laut genug, dass die Mikrofone, die die Abteilung 26 in Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer installiert hat, alles mithören. Nun schlägt das MfS blitzschnell zu. Am 24. August 1987 wird Dietmar Mann festgenommen.

Untersuchungshaft und Strafprozess

Das Ermittlungsverfahren wegen Fahnenflucht, unerlaubtem Waffenbesitz und Spionage wird wieder aufgenommen, Dietmar Mann wird von Schwedt/Oder in die Untersuchungshaftanstalt des MfS nach Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Dreizehn Monate verbringt er dort, bevor im September 1988 die Hauptverhandlung vor dem Militärobergericht Berlin beginnt. Mann muss nach dem Strafgesetzbuch (StGB) der DDR damit rechnen, mehrere Jahre im Gefängnis zu bleiben, der Militärstaatsanwalt fordert acht Jahre Haft. Doch im Hintergrund tüftelt die HA I schon wieder an einem Plan zur Wiedereingliederung ins gesellschaftliche Leben, zum zweiten Mal. Dieselben MfS-Offiziere, die dafür gesorgt haben, dass Mann für 13 Monate in Untersuchungshaft saß, planen nun seine Zukunft; indes mit altbekannten Rezepten: Eine neue Arbeitsstelle, diesmal im VEB Fleischkombinat Eisenhüttenstadt, und eine Frau sollen ihn binden. Zunächst findet noch vom 12. bis zum 16. September 1988 die Hauptverhandlung statt. Das Urteil steht schon Wochen vorher mit Zustimmung des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, fest: vier Jahre Freiheitsentzug und eine fünfjährige Bewährungsfrist. Aufgrund der guten Perspektiven und der vorangegangenen Untersuchungshaft bestehe kein Haftgrund mehr. Für ihn überraschend wird Dietmar Mann am 23. September 1988 freigelassen, zwei Tage nach seinem 40. Geburtstag.

Neuanfang in Eisenhüttenstadt

Wie sehr das MfS ihn bei jedem Schritt in seinem Leben begleitet, ist dem Ex-Offizier nach seiner Freilassung nun vollkommen klar. Vor seinem Einzug wird auch die neue Wohnung in Eisenhüttenstadt wieder mit Mikrofonen ausgerüstet, sein Telefon wird abgehört, und bei der Auswahl seiner neuen Wohnung ist für die HA I entscheidend, wie viele Inoffizielle Mitarbeiter im Umfeld der Wohnung aktiviert werden können. Das Netz, das die Staatssicherheit um Dietmar Mann spinnt, ist nun noch dichter als vor seiner Haft. Bis 1993, so der Plan der HA I, soll er unter ständiger Beobachtung leben. Und diesmal tut Mann alles, was sein MfS-Betreuer von ihm verlangt.

Nur mit der Eingliederung in die neue Stelle bei der Wissenschaftlichen Arbeitsorganisation (WAO) im VEB Fleischkombinat läuft es nicht rund. Unentwegt beklagt sich Mann über die reine Büroarbeit und "fühlt sich benachteiligt und gegängelt, will eine neue Tätigkeit aufnehmen, da er mit dem gesamten Kollektiv der Abteilung nicht klar kommt (nur Frauen)". Für einen ehemaligen Berufssoldaten, der in einer reinen Männergesellschaft beruflich aufgewachsen ist, offenbar ein schwerer Kulturschock.

Dietmar Mann macht sich selbst auf die Suche nach einer neuen Stelle, argwöhnisch verfolgt von der HA I, die keinen Alleingang von Mann will. Er darf nur dort arbeiten, wo genug IM platziert sind, die ihn beobachten können. Eine Stelle als Kraftfahrer, wie von ihm gewünscht, scheidet aus; hier wäre er viel zu lange allein unterwegs. Als Mann eine Stelle im VEB Zementwerk findet, ist das MfS einverstanden und notiert bald darauf: "Mit den ihm auferlegten Pflichten hat er sich identifiziert und pflegt kollegiale Kontakte zum Arbeitskollektiv". Trotz allen Einsatzes von Abhörtechnik, Kollegen und Nachbarn: Am nächsten steht Dietmar Mann seine neue Freundin. Das will sich das MfS zunutze machen. Mindestens seit Oktober 1988 wird sie daher im IM-Vorlauf "Doro" von der HA I überprüft mit dem Ziel, sie später als IM zu verpflichten. Als die beiden die Hochzeit planen, hält die HA I am 8. Mai 1989 fest: "Insbesondere ist Freude beim IM-Vorlauf erkennbar, der wie mehrfach eingeschätzt und beurteilt, an geordneten und sauberen familiären Verhältnissen interessiert ist." Damit wäre die Überwachung des Dietmar Mann perfekt gewesen. Doch so weit kommt es nicht mehr.

Als am 4. Dezember 1989 der Teilvorgang "Schabe" bei der HA I archiviert wird, taumelt die DDR längst ihrem Untergang entgegen.

Zitierweise: Michael Schneider: Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr des Bataillonskommandeurs der DDR-Grenztruppen Dietmar Mann In: Deutschland Archiv, 21.9.2018, Link: www.bpb.de/276389

Fussnoten

Fußnoten

  1. BArch, B/106/373595, Bl. 16.

  2. BArch, B/106//373595, Bl. 82.

  3. Michael Schneider: 57 Stunden im Westen – Flucht und Rückkehr des DDR-Grenzkommandeurs Klaus-Dieter Rauschenbach, in: Deutschland Archiv 7/2011.

  4. BStU, MfS, HA I, AOP 3508/91, Bd. 18, Bl. 14-18.

  5. BStU, MfS, HA IX 2586, Bl. 36-37.

  6. BArch, B 106/373595 Bl. 58-69. 79-91, 123-124.

  7. BStU, MfS, HA IX 2586, Bl. 38.

  8. Stephan Wolf: Anatomie der Staatssicherheit: Geschichte, Struktur und Methoden; MfS-Handbuch, Teil III/13, Berlin 2004, S. 22.

  9. ebenda, S. 23.

  10. BStU, MfS, U 78/89, Bd. 1, Bl. 81-82.

  11. BStU, MfS, AOP 3512/91, Bd. 2, Bl. 284-286.

  12. BStU, MfS, AOP 3512/91, Bd. 5, Bl. 272.

  13. BStU, MfS, AOP 3512/91, Bd. 5, Bl. 315.

  14. BStU, MfS, AOP 3512/91, Bd. 5, Bl. 187-190.

  15. BStU, MfS, U 78/89, Bd. 1, Bl. 174.

  16. BStU, MfS, AOP 3512/91, Bd. 5, Bl. 314.

  17. BStU, MfS, U 78/89, Bd. 1, Bl. 175.

  18. BStU, MfS, U 78/89, Bd. 1, Bl. 177-180.

  19. BStU, MfS, AOP 7278/91, Bd. 1, Bl. 269.

  20. BStU, MfS, AOP 7278/91, Bd. 1, Bl. 298.

  21. BStU, MfS, AOP 7278/91, Bd. 1, Bl. 297.

  22. BStU, MfS, AOP 3512/91, Bd. 8, Bl. 370.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michael Schneider für Deutschlandarchiv/bpb.de

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M.A., Dipl.-Verwaltungswirt, Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung und Rechtspflege Hof; freier Journalist und Autor