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"Eigentlich musst du jetzt dabei sein"

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Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. 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Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? 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"Eigentlich musst du jetzt dabei sein" Motivationsarten für Unternehmensgründungen in der postsozialistischen Transformation in Ostdeutschland

Jarina Kühn Anna Schwarz Anna M. Steinkamp

/ 11 Minuten zu lesen

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung brachen zunächst viele Existenzen in der ehemaligen DDR zusammen, wie hier eine ehemalige Konsum-Zweigstelle in Halberstadt, fotografiert im Februar 1991. Die Wege neue Existenzen und auch Firmen zu gründen waren vielfältig - aber auch risikoreich. (© picture-alliance/dpa, Thomas Lehmann)

Neue Ergebnisse aus einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekt zu Modernisierungsblockaden und -potenzialen in der DDR und Polen. Ein Zwischenbericht:

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen in der Transformation ab 1990 in Ostdeutschland

Die DDR hatte den industriellen privaten Mittelstand weitgehend verstaatlicht. Dennoch gab es bis Ende 1989 rund 185.000 selbstständig Erwerbstätige in meist kleineren Betrieben. Noch im Jahr 1990 nutzten 281.096 Ostdeutsche die neue Chance für eine Gewerbeanmeldung, knapp die Hälfte im Bereich Handel/Gaststätten. Davon mussten jedoch 26.694 (knapp zehn Prozent) zum Jahresende 1990 bereits wieder abgemeldet werden.

Die hohe Gründungsdynamik ebbte schon seit der zweiten Jahreshälfte 1990 spürbar ab. Durch die Währungsunion vom 1. Juli 1990 waren viele ostdeutsche Unternehmen mit Lohnzahlungen überfordert und von ihren traditionellen osteuropäischen und einheimischen Absatzmärkten abgeschnitten. Eine besondere Rolle in diesem Umbruch spielte das Wirken der Externer Link: Treuhandanstalt (TH) zwischen 1990 und 1994. Ihr oblag die Privatisierung oder Reprivatisierung der rund 8.500 volkseigenen Betriebe (VEB) sowie ihrer 45.000 einzelnen Betriebsstätten mit insgesamt etwa vier Millionen Arbeitsplätzen.

Die Treuhand splittete die früheren Kombinatsstrukturen mit ihren Zulieferketten in kleine Betriebseinheiten auf, die allein meist kaum überlebensfähig waren. Bei der Privatisierung kamen westdeutsche Unternehmen dank ihrer Finanzkraft eher zum Zuge als ostdeutsche.

Große, westdeutsche dominierte Neuansiedlungen griffen oft auf ihre etablierten westdeutschen Zulieferer zurück, sodass ostdeutsche Interessenten nur wenige Chancen hatten, mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Diese verfügten über geringere Finanzressourcen beziehungsweise Immobilienbesitz, was Kreditfinanzierungen erschwerte. Insgesamt sind bis 1996 nur 3.625 von 19.000 Anträgen auf Rückübertragungen von Unternehmen an zuvor enteignete Besitzer*innen realisiert worden. Die Betriebsschließungen in Folge der TH-Privatisierungen führten zum Verlust von rund 2,5 Millionen Industriearbeitsplätzen. Eine bis dato unbekannte Welle der Arbeitslosigkeit überschwemmte Ostdeutschland. Bis 1992 stieg sie auf 40,5 Prozent. Das Volumen der Industrieproduktion verringerte sich von zwischen 1989 zu und 1994 um 70 Prozent. Angesichts dieser Bedingungen wählten Ostdeutsche oft den Weg in eher kleinere selbstständige Existenzen, vornehmlich im Dienstleistungssektor. Hier konnten sie zugleich an neue Bedürfnisse anknüpfen. So finden sich in diesem Sektor auch zahlreiche Soloselbstständige (ohne weitere Mitarbeiter*innen), die hier aber zunächst nicht näher untersucht werden sollten.

Theoretische Konzepte zur Analyse von Motiven für Unternehmensgründungen

Joseph Schumpeter (1883–1950) hob in seiner Theorie des innovativen Unternehmertums vor allem intrinsische, (also innere) Motive für Unternehmensgründungen hervor, und zwar den „Willen, ein privates Reich“ zu gründen, „Siegerwille, das Kämpfenwollen, Erfolghabenwollen des Erfolgs als solchen wegen.“ Seit etwa Mitte der 1980er Jahre beobachtete man in der Bundesrepublik ein neues Phänomen: die Gründungen neuer, kleinerer selbstständiger Existenzen, aber ohne die klassischen Schumpeter‘schen Wachstumsziele wie nach Schumpeter, sondern eher zur privaten Existenzsicherung.

Dieter Bögenhold verortete diese auf einem Pol zwischen „Gründungen aus Not“ (vor allem aus Angst vor Arbeitslosigkeit wegen der damaligen Rationalisierungsschübe in der Industrie) und „Gründungen zur Selbstverwirklichung“ (wegen der nun verbreiteten Tendenz zur Individualisierung der Lebensführung). Zoltan Acs (2006) unterschied zwischen „neccesity-based“ (Notwendigkeits-basierten) und „opportunity-based“ (Chancen-basierten) Unternehmensgründungen.

In der wirtschaftspsychologischen Literatur wird häufig auf den Ansatz von Edward L. Deci und Richard M. Ryan mit seiner differenzierten Typologie von selbstbestimmten Handlungsmotiven zwischen intrinsischen und extrinsischen Handlungsgründen und Regulationsprozessen verwiesen.

Deci und Ryan entwickelten ein abgestuftes Konzept von fünf Typen selbstbestimmten Handelns. Ihre Grundannahme lautete, dass die konkreten Handlungsmotive nie von den wahrgenommenen Ursachen und den jeweiligen Regulationsprozessen losgelöst betrachtet werden können, wodurch diese Ursachen von den Menschen verinnerlicht und sich zu Eigen gemacht werden, um das eigene Handeln zu steuern.

Diese Typologie scheint uns besonders ausdifferenziert und gut geeignet als theoretische Basis für unsere eigenen Befunde. Zur besseren Orientierung versehen wir die Typen von Deci und Ryan mit Buchstaben: A steht für eindeutig intrinsische Regulation und intrinsische Motive, die aus dem Inneren der Person herrühren, aus Interesse, Spaß und innerer Befriedigung an der Tätigkeit selbst. Etwas weniger stark, aber dennoch intrinsisch motiviert ist Typ B, den Deci und Ryan als Typ der „integrierten Regulation“ beschreiben. Bei ihm herrscht eine Kongruenz und Synthese (Übereinstimmung und Verknüpfung) der Handlungsmotive mit dem Selbst der Person vor.

Noch schwächer, aber immer noch ein wenig intrinsisch motiviert, ist Typ C, der Typ der „identifizierten Regulation“ des Handelns. Dies bedeutet eine Bewertung des Handelns als bedeutsam für die eigene Persönlichkeit und übereinstimmend mit den eigenen Werten. Bereits näher an extrinsischen Motiven steht Typ D der „introjizierten (übernommenen) Regulation“, bei dem das Handeln zwar von Selbstkontrolle, aber vor allem von Erwartungen an interne Belohnungen oder Bestrafungen gesteuert wird. Als eindeutig extrinsisch motiviert gilt schließlich Typ E, die externe Regulation, die auf einem klar externen Handlungsgrund beruht. Hier werden Erwartungen an externe Belohnungen oder Bestrafungen besonders handlungsrelevant.

Motivationsarten für Unternehmensgründungen in der postsozialistischen Transformation ab 1990

Bisher wurden insgesamt 36 qualitative Interviews durchgeführt, darunter 20 mit ostdeutschen Unternehmer*innen aus meist mittelständischen Betrieben (mit Beschäftigtenzahlen zwischen 50 und 249 Personen). Dabei handelt es sich um Personen aus den Geburtsjahrgängen, die zwischen den 1930er und den 1970er Jahren, die in der DDR aufgewachsen sind.

In der derzeit stattfindenden qualitativen Auswertung dieser Interviews fielen uns einige offenbar für Ostdeutsche in der Transformationsphase spezifische Gründungsarten auf, die wir hier zunächst theoretisch einordnen und dann mit Zitaten aus den selbst erhobenen Leitfaden-Interviews zu Anlässen und Motiven von Unternehmensgründungen verdeutlichen.

Wir fanden insgesamt vier spezifische Motivationen bei unseren Befragten, absteigend von eher intrinsisch zu eher extrinsisch motivierten Gründungen. Dies sind:

  • Gründungen aus Gestaltungswillen (1),

  • aus Unabhängigkeitsstreben (2),

  • aus Verpflichtung (3)

  • und aus Gelegenheit (4).

Beim Typus (1) gab es Bestrebungen, gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen.

Bei (2) zeigte sich der nun verstärkte Willen nach Entscheidungsfreiheit.

In (3) spiegelte sich die weiterwirkende Stärke der sozialen Beziehungen aus der Vergangenheit oder das familiäre Verpflichtungsgefühl.

Bei (4) war das weite Gelegenheitsfenster für wirtschaftliche Selbstständigkeit, das sich nach 1990 bot, ausschlaggebend dafür, in die neue Rolle eines Unternehmers zu schlüpfen – selbst wenn dies vorab mitunter gar nicht geplant war.

Auf mühsamen Zukunftswegen: Zu einem Kunstobjekt aus dem Jahr 2007 umgebaute Simson „Schwalbe“, sie war ein beliebter Kleinroller in der DDR (ähnlich bekannt wie die „Vespa“ in Italien) und wurde auch exportiert. Produziert wurde sie zwischen 1952 und 1991 in Suhl. Dort legte die Treuhand das Herstellerkombinat zum 31.12.1991 still. Einige Mitarbeitende gründeten daraufhin die „Suhler Fahrzeugwerk GmbH“, die ging jedoch im Januar 2000 insolvent, danach folgten weitere Neugründungsversuche, auch mit neuen Investoren. Inzwischen wird die Schwalbe in München produziert - als E-Roller. (© picture-alliance/dpa, Matthias Rietschel)

Beispiele für Motivationen:

Am stärksten intrinsisch motiviert sind die Gründungen aus Gestaltungswillen (1): So bei Sebastian, der in den 1950er Jahren in Sachsen geboren wurde, dort Naturwissenschaften studierte und im Anschluss wissenschaftlich tätig war. Aufgrund von andersartigen politischen Vorstellungen stellte er einen Ausreiseantrag und wanderte Anfang der 1980er Jahre in den Westen Deutschlands aus. Dort heiratete er und arbeitete als Gruppenleiter in einem Forschungsinstitut. Als er Anfang der 1990er-Jahre wieder in seine Heimat reiste, schockierte ihn der Zustand der Gebäude: „Das sah so grau aus, so schrecklich grau, das ist, ja, das ist ja unglaublich, ne?“

Daraufhin beschloss er kurzerhand, mit seinem Bruder, einem Ingenieur, ein Unternehmen zur Fassadensanierung zu gründen. Für die Firma hat er seinen gut bezahlten Job und sein Einfamilienhaus aufgegeben und ist mit seiner Familie zurück in seine Heimat gezogen. Er kommentierte diesen Schritt mit seinen oft eigenwilligen, von der Mehrheit abweichenden Entscheidungen: „Ich glaube, dass ich manchmal persönlich zu Schritten neige, die konträr zum Mainstream sind.“

In seiner Gründungsmotivation sieht man einen klaren gesellschaftlichen Gestaltungswillen: „Eigentlich musst du jetzt dabei sein. Du musst irgendwas machen, das war so die Idee.“ Somit zeigt Sebastian primär intrinsische Motive zur Gründung und ähnelt Typ A bei Deci und Ryan.

Den Wunsch nach Unabhängigkeit als Motivation (2) erkennt man deutlich bei David. Er wurde in den 1930er Jahren in Sachsen geboren, erwarb einen Studien- und Promotionsabschluss in Chemie und arbeitete unmittelbar danach in einem pharmazeutischen Familienbetrieb, der im Jahr 1939 250 Beschäftigte zählte und in den 1960er Jahren in einen Betrieb mit staatlicher Beteiligung (BSB) umgewandelt wurde. Die vollständige Überführung in einen staatlichen Betrieb (VEB) und die Abgabe der zentralen Leitung durch David fanden im Jahr 1972 statt. David und seine Kolleg*innen „litten“ wegen der politischen Bevormundung sehr. Noch im Dezember 1989 diskutierte David mit den Kolleg*innen, dass man unbedingt aus diesem Firmenverbund herauskommen müsse. Es ging noch „gar nicht um Privat- oder Reprivatisierung, sondern dass ich sage, wir können ja erstmal abtrennen, dann werden wir eine Aktiengesellschaft. Hauptsache, wir werden erstmal selbstständig. Also das Ziel war Selbstständigkeit – selbstständig sein, eigene Konzeptionen realisieren zu können.“ 1991 gelang schließlich die Reprivatisierung dieses Betriebes. Die Motivationsart von David passt am ehesten zum Typ B bei Deci und Ryan.

Motivationsarten aus Verpflichtung oder Verantwortung (3) finden sich oft bei Personen, die Familienunternehmen übernahmen oder bei den Reprivatisierungen beziehungsweise Rückübertragungen der Treuhand aktiv wurden. Teils spürten sie selbst diese Verantwortung, teils fühlten sie sich gegenüber der Familie und deren Tradition oder ehemaligen Kolleg*innen stark verpflichtet.

Letzteres galt gerade für ehemalige Betriebsdirektor*innen, die nun versuchten, Mitarbeiter*innen ihres früheren Betriebes eine neue Perspektive zu eröffnen, indem sie ihren Betrieb von der Treuhand übernahmen. So steht Thomas für die Motivation der Verpflichtung gegenüber dem seit Ende des 19. Jahrhunderts existierenden augenoptischen Familienbetrieb in Brandenburg. Darin arbeitete er auch nach seinem Studium und fand: „Es machte Spaß, du wirst hier gebraucht, es war eine Möglichkeit, sich zu entwickeln, wieder Freiheiten zu haben. Die hat man ja als Jugendlicher auch versucht, sich in der DDR zu holen.“ Er betonte die Aufbruchsstimmung der Jugend in den 1980er Jahren und erwog damals auch die Selbstständigkeit: „Dann mache ich mich selbstständig. Ist doch nicht so schlimm. Einen Betrieb, den ich übernehme, kriege ich hin.“

So konnte Thomas mit Hilfe von Verwandten den nötigen Gründungsbetrag für eine GmbH noch unter DDR-Bedingungen zusammenbringen und übernahm Anfang 1990 diesen Familienbetrieb. In der Gründungsmotivation von Thomas verknüpfen sich das Verantwortungsgefühl gegenüber dem Familienbetrieb mit dem Streben nach Unabhängigkeit. In der Typologie von Deci und Ryan würde er zwischen B und C zu verorten sein.

Diese Motivationsart trifft auch auf Alex zu, der in den 1960er-Jahren in Brandenburg geboren wurde. Als leitender Angestellter eines Betriebes der Möbelbranche wurde er 1999 aufgefordert, seinen Betrieb abzuwickeln. Er aber reagierte darauf anders: „Und (da) habe (ich) mir dann gedacht, okay, vielleicht solltest du den nicht abwickeln, sondern übernehmen. Und das habe ich dann auch gemacht. Aber es kam nicht aus dem Impuls heraus, ich wollte jetzt unbedingt selbstständig sein. Es war sozusagen der Situation geschuldet.“ Seinen Gründungsimpuls führte Alex auf seine Jugend zurück und seine gering ausgeprägte Risikoscheu. Er ergänzte, er „fühlte (sich) damals auch eigentlich verantwortlich ein bisschen für die Mitarbeiter“. Alex liegt damit zwischen C und D.

Die Motivationsart „Gründungen aus Gelegenheit“ (4)) schließlich ergab sich meist keinesfalls aus Notwendigkeit, Angst vor Arbeitslosigkeit oder Mangel an Alternativen. Angesichts der Qualifikationen und Flexibilität hätten die Personen auch etwas ganz anderes tun können. . Eher bemerkten sie selbst eine neue Perspektive der Arbeit oder wurden von anderen darauf aufmerksam gemacht.

Für einen solchen „Gründer aus Gelegenheit“ steht Frank, der in den 1960er Jahren in einer thüringischen Kleinstadt geboren wurde und dort eine Lehre als Mechaniker abschloss. Danach nahm er auf Anregung eines Freundes eine Anstellung in der Auslandsmontage an. 1991 bot ihm ein Bekannter an, eine Tourismusagentur an seinem Heimatort zu leiten. Dies tat Frank gern und erfolgreich, zumal er vor Ort sehr gut bekannt war. Als das Firmenkonstrukt des westdeutschen Bekannten in die Insolvenz geriet, bekam er das Angebot, die Tourismusagentur aus der Konkursmasse herauszukaufen und zu übernehmen. So rutschte er auf externe Anregung hin in die Selbstständigkeit, die er „über Nacht übergestülpt bekommen, gar nicht geplant“ hatte. Andernfalls „hätte ich mich nicht mehr sehen lassen können am Ort, und eine Agentur hätte ich auch keine mehr aufmachen brauchen.“

Nach und nach gründete er schließlich einige weitere Tourismusagenturen in Thüringen und Sachsen und blickt mit Stolz darauf zurück. Mehrfach sagte Frank über seinen beruflichen Lebensweg: „Und so hat das dann seinen Lauf genommen.“ Damit reflektierte er die primär von außen kommenden Anstöße und Hinweise auf neue Chancen, auch für seine Unternehmerrolle. Während so die Ursachen für seine Unternehmensgründungen klar als extern einzuschätzen sind, scheint in seinen Regulationsprozessen durchaus ein internes Moment auf, das in seiner starken sozialen Einbindung im Heimatort und dem Verpflichtungsgefühl für diesen liegt. Insofern kann man Frank zwischen den Typen D und E bei Deci und Ryan verorten.

Neben den hier aufgezeigten Motivationsarten fanden sich in den Interviews auch Belege für eher bekannte Motivationstypen. Insbesondere gilt das für Typ E bei Deci und Ryan, der zwar immer noch selbstbestimmt handelt, indem er sich zur Selbstständigkeit entschließt, aber dessen Anlässe dafür vor allem in der externen und verinnerlichten Notwendigkeit ab 1990 liegen, „sich zu verändern“.

Fazit

Als Motivationsarten ostdeutscher Unternehmensgründer*innen nach 1989 fanden wir Gründungen aus gesellschaftlichem Gestaltungswillen, aus Unabhängigkeitsstreben, aus familiärer oder sozialer Verpflichtung und Gründungen aus Gelegenheit.

Bei unseren bisher analysierten Interviews überwogen Gründungen aus Verpflichtungen (gegenüber der Familie oder bisherigen Mitarbeiter*innen) sowie aus Gelegenheit. In der abschließenden Projektphase werden wir die weiteren bereits geführten Interviews auch im Hinblick auf die Gründungsmotivationen auswerten. Insbesondere gilt dies für polnische Gründer*innen in Polen sowie für Westdeutsche, die nach 1990 nach Ostdeutschland kamen, um ein Unternehmen aufzubauen oder zu leiten. Dadurch können wir noch deutlicher herausarbeiten, ob und inwiefern die hier formulierten Befunde gerade für ostdeutsche Gründungen spezifisch sind oder generell in der postsozialistischen Transformation auftreten.

Zitierweise: Jarina Kühn, Anna Schwarz, Anna Steinkamp, "Eigentlich musst du jetzt dabei sein - Motivationsarten für Unternehmensgründungen in der postsozialistischen Transformation in Ostdeutschland", in: Deutschland Archiv, 21.09.2022, Link: www.bpb.de/513227. Es sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Ergänzend:

Christoph Links, Externer Link: "Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte" Deutschlandarchiv, 20.9.2022

Marcus Böick, Externer Link: Zwöf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt - Die Rolle(n) und Folgen des Wirkens der Treuhand, Deutschlandarchiv, 22.9.2022

Und über die (Plan)Wirtschaft in der DDR vor 1990: Daniel Meis, "Externer Link: Alles nach Plan? Die Planwirtschaft der DDR – Konzept, Umsetzung und Scheitern", Deutschlandarchiv 23.9.2022

Abstract: In einem Projekt zu unternehmerischen Orientierungen von in der DDR aufgewachsenen Personen fanden die Autorinnen in ihren qualitativen Interviews Befunde zu spezifischen Motivationsarten der Unternehmensgründung in der Transformation sowie den äußeren Anlässen dafür. Diese werden hier theoretisch eingeordnet und mit Zitaten belegt.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Wir schließen hier an unsere frühere Publikation im Deutschland Archiv „Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen vor und nach 1990 – Kontinuität oder Wandel unternehmerischer Handlungsorientierungen von Menschen mit DDR-Biografie“ an (link: www.bpb.de/317550).

  2. Vgl. Statistisches Amt der DDR, Statistisches Jahrbuch der DDR 1990, Berlin 1991, S. 128.

  3. Vgl. Wolfgang Liebernickel/Anna Schwarz, Neue Gründerzeiten? Die beginnende Konstituierung neuer Selbstständiger in Ostdeutschland: Erste sozialökonomische Analyseergebnisse zu einer offenen soziologischen Frage, in: Michael Thomas (Hrsg.), Abbruch und Aufbruch. Sozialwissenschaften im Transformationsprozess, Akademie Verlag Berlin 1992, S. 275-291, hier S. 287 u. 291.

  4. Vgl. Max Trecker, Neue Unternehmer braucht das Land. Die Genese des ostdeutschen Mittelstandes nach der Wiedervereinigung. Studien zur Geschichte der Treuhandanstalt, Berlin 2022, S. 17 u. 211.

  5. Vgl. ebd., S. 164.

  6. Vgl. Anne Hähnig, Dilettanten am Werk, in: Die Zeit, 7. April 2022, S. 26.

  7. Vg. Max Trecker, Neue Unternehmer, (Anmerkung 2), S. 141 u. 173.

  8. Vgl. Horst Hanusch, Die treibenden Kräfte in modernen Volkswirtschaften: zum 50. Todestag von Joseph Alois Schumpeter, in: Wirtschaftsdienst, Heidelberg, Bd. 18/, 2000,, Ausgabe 1,

  9. Vgl. Dieter Bögenhold, Die Selbständigen. Zur Soziologie dezentraler Produktion, Frankfurt – New York 1985.

  10. Vg. Zoltan Acs, How is Entrepreneurship good for economic growth?, in: Innovations, Winter 2006, S. 97-109.

  11. Deci und Ryan nutzten psychologische Experimente mit Schulkindern, um herauszufinden, welche Faktoren förderlich für ein aktives, autonomes, selbstbestimmtes, erfolgreiches Lernverhalten sind – und welche Faktoren dies eher behindern. Ausdrücklich halten Deci und Ryan ihre Ergebnisse für gültig nicht nur für Eltern und Lehrer*innen, sondern auch für Manager*innen und Leitungspersonal aller Art, daher beziehen wir uns hier auf sie.

  12. Vgl. Richard M. Ryan/Edward L. Deci, Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development and Well-Being, in: American Psychologist 1, 2000), S. 68- 78.

  13. Vgl. ebd., S. 72, Abbildung 1.

  14. Unsere qualitative Forschung bietet den Vorteil einer tiefen, differenzierten, ergebnisoffenen Erkundung der genauen Umstände und Bedeutungen der Gründungsprozesse anhand von gut ausgewählten Fällen. Sie kann und will aber keine quantitativen, allgemeingültigen Aussagen zur Häufigkeit der einzelnen Motivarten im gesamten Gründungsgeschehen treffen (für ein solches Ziel wären ganz andere Methoden nötig).

  15. Die personenbezogenen Daten sind anonymisiert.

Weitere Inhalte

Jarina Kühn, M.Sc. in Wirtschaftspsychologie, promoviert in der Arbeitsgruppe zu Innovations- und Strukturökonomik an der Universität Bremen. Ihr Forschungsgebiet ist Entrepreneurship im Kontext von Transformation und strukturellem Wandel, mit besonderem Fokus auf unternehmerische Identitäten und deren Entstehungs- und Veränderungsprozesse.

Prof. em. Dr. Anna Schwarz, von Februar 1995 bis März 2019 tätig als Professorin für Vergleichende Politische Soziologie an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), mit Forschungsschwerpunkten zu Transformationsprozessen in Mittel- und Osteuropa, Herausbildung eines Unternehmertums in Ostdeutschland, Biografieforschung, Digitalisierung von Erwerbsarbeit. Derzeit ist sie weiterhin an der Europa-Universität als Senior Scholar der Kulturwissenschaftlichen Fakultät aktiv.

Dr. Anna M. Steinkamp studierte Betriebswirtschaftslehre (M.Sc.) an der Universität Łódź und European Studies (MA) an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Im Rahmen ihrer Promotion forschte sie über Internationalisierungsstrategien deutscher und polnischer Produktionsunternehmen. Aktuell arbeitet sie an der Europa-Universität Viadrina, wo sie vor allem in den Bereichen Unternehmensführung, Entrepreneurship sowie zu qualitativen Methoden der Sozialforschung lehrt und forscht.