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„Wir sitzen alle im gleichen Boot“

Deutschland Archiv Neu im DA Schwerpunkte Zeitenwende? Der Ukrainekrieg und die Folgen. 45 Analysen & Essays. Was riskieren wir? Ein Sommer der Unentschlossenheit Zehn Monate Krieg Die Waffen nieder? Ungleiche Fluchten? Schwerter allein sind zu wenig „Russland wird sich nach Putin ändern“ Die be(un)ruhigende Alltäglichkeit des Totalitären Vergessene Bomben aus Deutschland Putins Mimikry Schon einmal Vernichtungskrieg Verhandeln, aber wie? Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer Was lief schief seit dem Ende des Kalten Krieges? „Sie haben die Zukunft zerbrochen“ Vertreibung ist auch eine Waffe "Wie ich Putin traf und er mich das Fürchten lehrte" "Wir bewundern sie und sie verschwinden" Mehr Willkommensklassen! Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Deutschlands Chinapolitik – schwach angefangen und stark nachgelassen "Ein Dämon, der nicht weichen will" Transformation und Deutsche Einheit Die sozialpsychologische Seite der Zukunft Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt Die andere Geschichte der Umbruchjahre – alternative Ideen und Projekte 30 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Wiedervereinigt auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen? Film ohne Auftrag - Perspektiven, die ausgegrenzt und unterschlagen wurden Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. 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Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? 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„Wir sitzen alle im gleichen Boot“ Ein Interview von Sharon Adler mit Solange Rosenberg, der Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Karlsruhe e.V.

Solange Rosenberg Sharon Adler

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Am 5. November 2022 wurde Solange Rosenberg für ihr vielfaches Engagement mit dem Ludwig-Marum-Preis ausgezeichnet. Ihr Preisgeld hat sie dem Jüdischen Wohlfahrtsverband in Karlsruhe gespendet. Sharon Adler sprach mit ihr über ihre Ämter und über ihr persönliches Credo für eine gemeinsame Zukunft von jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Deutschland.

Solange Rosenberg: „Dass Juden sich gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit engagieren, ist wohl selbstverständlich. Ich bin jedoch der Meinung, dass es eben nicht genügt, dass Juden und Jüdinnen sich engagieren. Die ganze Gesellschaft muss sich engagieren. Wir sitzen alle im gleichen Boot.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2022)

Sharon Adler: Sie wurden am 5. November 2022 in Karlsruhe mit dem Ludwig-Marum-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird von der SPD in Baden jedes Jahr an Personen vergeben, die sich besonders für die Allgemeinheit engagiert haben. Das Kuratorium hat Sie unter anderem wegen Ihres jahrelangen Einsatzes bei der Gestaltung des Gedenktages zum 9. November 1938, wegen Ihres Engagements gegen Intoleranz und für Menschlichkeit und als „eine vorbildliche Brückenbauerin“ ausgewählt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Solange Rosenberg: Genau genommen hätte eine andere Person diesen Preis bekommen sollen. Und zwar eine nicht-jüdische Person. Eine Person, die sich gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit engagiert, ohne dass sie direkt betroffen ist. Dass Juden sich gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit engagieren, ist wohl selbstverständlich. Ich bin jedoch der Meinung, dass es eben nicht genügt, dass Juden und Jüdinnen sich engagieren. Die ganze Gesellschaft muss sich engagieren. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Alles, was passiert, geht uns alle etwas an. Dafür werbe ich. Nicht immer erfolgreich. Aber eben manchmal doch. Wahrscheinlich bin ich deshalb als „Brückenbauerin“ bezeichnet worden.

Verleihung des Ludwig-Marum-Preises an Solange Rosenberg am 5. November 2022 im Generallandesarchiv Karlsruhe im Kreise ihrer Familie und von Vertreter*innen der Stadt. Die Laudatio hielt der Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe Dr. Frank Mentrup (1.v.l.). Die Begrüßung und Verleihung erfolgte durch Parsa Marvi, MdB, Vorsitzender der SPD Karlsruhe (3.v.l.). © Sharon Adler/PIXELMEER, 2022)

Sharon Adler: In Ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Preises sagten Sie: „Mein persönliches Credo lautet: Nach vorne schauen, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Gedenken dient unserer gemeinsamen Zukunft. Und genau diese muss zusammen gestaltet werden. Nur so hat die Zukunft eine Zukunft!“ Warum, denken Sie, ist vor allem das gemeinsame Erinnern der Nachfahren von Opfer- und Täterfamilien so wichtig?

Solange Rosenberg: Um etwas gemeinsam zu schaffen. Die Nachkommen von Tätern und von Opfern müssen sich gemeinsam erinnern. Nicht nur die Nachkommen der Täter müssen die Hand reichen. Die Nachkommen der Opfer müssen es auch tun. Nur dann hat die Zukunft eine Chance. Hier geht es nicht um verzeihen oder so etwas. Hier geht es um den Willen, es in Zukunft besser zu machen. Wie schwer das für beide Seiten ist, müssen wir nicht näher erläutern.

Sharon Adler: Wie kann das Gedenken an den 9. November zukünftig gelingen, wenn immer weniger Zeitzeugen und Zeitzeuginnen selbst berichten können? Welche Verantwortung tragen die heutigen und nachfolgenden Generationen?

Solange Rosenberg: Das ist natürlich eine Tragik. Doch so ist das Leben. Die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen werden diese Welt verlassen. Die Erinnerung an das Verbrechen an den Juden im „Dritten Reich" wird jedoch immer bleiben. Das muss den nachkommenden Generationen nach und nach vermittelt werden. Es muss gelehrt werden, dass nichts so bleiben kann, wie es ist, wenn man sich nicht darum bemüht. Die Freiheit und die Unversehrtheit des Lebens müssen jeden Tag aufs Neue erkämpft und verteidigt werden.

Sharon Adler: Wie, denken Sie, können auch Menschen erreicht werden, die bisher noch keine oder kaum Kenntnisse haben von den Geschehnissen um den 9. November 1938? Wie kann es gelingen, auch junge Menschen zu erreichen?

Solange Rosenberg: Zunächst sei gesagt, dass kein einziges Kind als Antisemit oder Menschenfeind auf die Welt kommt. Hier spielt die Erziehung eine enorm wichtige Rolle. Einem Kind muss frühzeitig beigebracht werden, dass Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit niemandem nutzt und es niemandem dient, jemanden wegen seiner Herkunft oder Religion abzulehnen und zu verfolgen. Wenn also Eltern kaum oder sogar gar keine Kenntnisse über die Geschehnisse haben, die am 9. November 1938 ihren Anfang genommen haben, sind die Schule und damit auch die Politik gefordert.

In ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ludwig-Marum-Preises am 5. November 2022 sagte Solange Rosenberg „Mein persönliches Credo lautet: Nach vorne schauen, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Gedenken dient unserer gemeinsamen Zukunft.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2022)

Wir als Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit tragen das Unsere dazu bei, indem wir Aufklärungsarbeit leisten, zum Beispiel mit verschiedenen Veranstaltungen im Laufe des Jahres und in der alljährlichen Woche der Brüderlichkeit. Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vergibt seit 1968 jährlich die Buber-Rosenzweig-Medaille an verdiente Personen, Institutionen oder Initiativen und gibt das jährliche Motto für die Woche der Brüderlichkeit vor. Es gibt zum Glück immer weniger Leute, die behaupten: „Das haben wir alles nicht gewusst.“ Durch sehr viel Arbeit ist es heute selbstverständlich geworden, dass in den meisten Städten Deutschlands am 9. November Gedenkveranstaltungen stattfinden.

Sharon Adler: Ihr Preisgeld haben Sie dem Jüdischen Wohlfahrtsverband in Karlsruhe gespendet. Warum ist Ihnen die Unterstützung dieser Organisation besonders wichtig? Was zeichnet die Arbeit der jüdischen Organisation aus, wofür setzt sie sich ein?

Solange Rosenberg: Der Jüdische Wohlfahrtsverband hat sich ganz besonders seit dem 24. Februar 2022 bei der Aufnahme und Betreuung von ukrainischen Flüchtlingen verdient gemacht. Dafür werden auch in der Zukunft noch viele Mittel gebraucht. Denn wie wir wissen, ist in diesem schrecklichen Krieg immer noch kein Ende abzusehen. Es war mir auch ein Anliegen, den Verband bei so einer öffentlichen Gelegenheit zu erwähnen. Sehr wenige Menschen in Baden wissen, dass es diesen Verband überhaupt gibt.

Sharon Adler: Können Sie bitte die umfangreiche Arbeit der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe vorstellen und Ihren Aufgabenbereich als Vorsitzende skizzieren? Was sind die Hauptfelder Ihrer Tätigkeit?

Das Gemeindehaus der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe. Anfang der 1980er Jahre hatte die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe circa 350 Mitglieder; im Jahr 2021 waren es 852. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2022)

Solange Rosenberg: Die primäre Aufgabe einer oder eines Vorsitzenden ist es, alle Fäden zusammenzuhalten. Die verschiedenen Arbeitsgebiete sind in Ressorts aufgeteilt und werden jeweils von einem der sieben Vorstandsmitglieder übernommen. Die Ressorts sind: Kultus, Personal, Finanzen, Liegenschaften, Soziales, Jugendarbeit, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit. Ein wichtiges Ressort ist in letzter Zeit verstärkt hinzugekommen, und zwar „Sicherheit“. Während ich in meinen ersten Jahren als Vorsitzende „den Laden“ sozusagen praktisch mit einer (sehr tüchtigen) Sekretärin allein bewältigt habe, geht das nun leider so nicht mehr.

Zu Beginn meiner Amtszeit hatten wir rund 360 Mitglieder; jetzt, im Jahr 2022, haben wir rund 900 Mitglieder. Seit einigen Jahren haben wir einen sehr fähigen Geschäftsführer, der bei den vielfältigen Aufgaben die Übersicht behält. Das ist auch sehr wichtig, denn wir platzen in unserem Gebäude aus allen Nähten und planen daher einen Anbau auf unserem Grundstück. Da kommt noch einiges an Arbeit auf uns zu.

Sharon Adler: Welche Aktivitäten in der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe möchten Sie besonders hervorheben?

Solange Rosenberg: Wie in jeder anderen Gemeinde feiern wir unsere Feste, so wie es die Tradition will. Natürlich kommt auch die Kultur nicht zu kurz. Wir veranstalten Konzerte, organisieren Vorträge und Lesungen. Einmal im Jahr findet der „Europäische Tag der Jüdischen Kultur“ statt. Zu diesem „Tag der offenen Tür“ laden wir alle Bürgerinnen und Bürger aus Karlsruhe und Umgebung zu uns ein. Es gibt Vorträge, Synagogenführungen, Bewirtung und am Ende des Tages ein Konzert. Auf die Frage, was ich gerne hervorheben möchte, will ich drei Dinge nennen:

Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde im Januar 2001 auf dem jüdischen Friedhof ein Gedenkstein enthüllt, auf dem die Namen der in der NS-Zeit umgekommenen Karlsruher Juden und Jüdinnen eingraviert sind. (© Stadt Karlsruhe, Kulturamt, Stadtarchiv & Historische Museen)

Erstens: Da Gedenken mir sehr am Herzen liegt, lag es auf der Hand, mich darum zu kümmern, dass ein adäquates Denkmal für die ermordeten Karlsruher Juden und Jüdinnen aufgestellt wird. Auf dem hiesigen Jüdischen Friedhof steht seit 2001 ein riesiger Externer Link: Granitstein, auf dem die Namen der eintausend Juden und Jüdinnen eingraviert sind. Parallel dazu ist im Stadtarchiv Karlsruhe ein Gedenkbuch eingerichtet worden, in dem Bürger, aber vor allem Schüler, kontinuierlich Biografien über die deportierten Juden erstellen können. Das Externer Link: Gedenkbuch wird von Historikern gepflegt und kann digital abgerufen werden.

Zweitens ist es mir gelungen, ein passendes Areal für die Erweiterung unseres Friedhofs zu erwerben. Bei der allgemein bekannten Grundstückknappheit bin ich stolz darauf, das geschafft zu haben.

Und drittens schließlich: Auf unserem historischen Friedhof ist der gelehrte Oberrabbiner Netanel Weil (1687-1769) beerdigt, der durch sein Werk, den sogenannten „Externer Link: Korban Netanel" bekannt ist. Sein Grab ist zu einer Art Pilgerstätte geworden. Einmal im Jahr, an seinem Todestag, kommen fromme Menschen dorthin, um zu beten. Nach jahrelangen Verhandlungen mit den Behörden der Stadt Karlsruhe habe ich erreicht, dass eine Straße in Karlsruhe nach ihm benannt wurde.

Der alte jüdische Friedhof in Karlsruhe (Aufn. I., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0 de). (Ikarus/Michael Kauffmann) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Es ist mir ein großes Anliegen, dass unsere Gemeinde alle Anforderungen des Kultus erfüllen kann und dass wir ein gutes Klima in unserem sozialen Leben haben. Sehr wichtig ist für mich auch die Zusammenarbeit mit allen Institutionen in unserer Stadt. In den meisten Fällen stimmt auch das Verhältnis mit den politischen Institutionen, was eine große Erleichterung ist und mich sehr freut.

Sharon Adler: Wie begegnete die Jüdische Gemeinde Karlsruhe seit den 1980er Jahren den Herausforderungen der Aufnahme und Inklusion der Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion? Wie hat sich die Struktur der Gemeinde, auch die Altersstruktur, seitdem verändert?

Solange Rosenberg: Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe hat, wie jede andere Jüdische Gemeinde in Deutschland, eine Mammutaufgabe zu erfüllen. Einerseits sind wir für den Zuwachs durch Juden und Jüdinnen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion dankbar. Ohne diesen Zuwachs würde heute möglicherweise nicht viel von unserer Jüdischen Gemeinde übrig sein. Durch diese Menschen lebt unsere Gemeinde weiter. Was wirklich als Hemmschuh zu sehen ist, ist das Sprachproblem. Viele Mitglieder würden sich sehr gerne im Gemeindeleben einbringen, trauen sich aber nicht, weil sie nicht genug Deutsch sprechen. Besonders das soziale Leben macht den Alteingesessenen zu schaffen, weil das meiste auf Russisch geschieht. Dies zu ändern ist immer noch eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Sharon Adler: Was sind heute die größten Herausforderungen bei der Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge? Welche Hilfsaktionen konnten von der Jüdischen Gemeinde umgesetzt werden?

Solange Rosenberg: Seit Beginn des Krieges in der Ukraine haben wir mehr als 1.700 Menschen auf unterschiedlichen Gebieten helfen können. Dadurch, dass in unserem Haus viel Russisch gesprochen wird, haben viele Flüchtlinge gleich bei ihrer Ankunft in Karlsruhe den Weg zu uns gefunden und um Hilfe gebeten. Unsere Sozialarbeiterin war mit diesem Menschenandrang zunächst völlig überfordert. Darum hat uns die Stadt sehr schnell mit eineinhalb zusätzlichen Sozialarbeiterstellen unterstützt.

Solange Rosenberg in der Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe: „Es ist mir ein großes Anliegen, dass unsere Gemeinde alle Anforderungen des Kultus erfüllen kann und dass wir ein gutes Klima in unserem sozialen Leben haben.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2022)

Wir haben zunächst fast drei Monate lang eine Suppenküche eingerichtet. Bei diesem Mittagstisch bekamen die Flüchtlinge, von denen die meisten im Hotel oder privat untergebracht waren, einmal am Tag eine warme Mahlzeit. Es wurde eine Kinderbetreuung eingerichtet, die es den Eltern ermöglicht hat, Notwendiges zu erledigen, und wir haben sofort mit dem Deutschunterricht für die unterschiedlichen Altersstufen begonnen. In den ersten Tagen haben wir gleich eine Kleider-Spendenaktion organisiert. Unser Sozialbüro war intensiv mit der Beschaffung von Wohnunterkünften und der Besorgung von Mitteln zum Leben beschäftigt. Es haben sich spontan viele freiwillige Helfer gemeldet, zum Beispiel als Begleitung bei Arztbesuchen und Behördengängen.

Sharon Adler: Sie sind nicht nur die jüdische Vorsitzende bei der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, sondern auch deren Geschäftsführerin. Wie kamen Sie zu diesen beiden Ämtern, und was möchten Sie über die Aktivitäten der GCJZ Karlsruhe berichten?

Solange Rosenberg: Die GCJZ wird paritätisch von je einem katholischen, evangelischen und jüdischen Vorsitzenden geführt: Zurzeit sind dies der katholische stellvertretende Dekan Pfarrer Erhard Bechtold, der evangelische Pfarrer Ulrich Schadt und ich als jüdische Vorsitzende. 1998 wurde ich vom Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde als Vertreterin der Gemeinde in den Vorstand der GCJZ, zuerst als Mitglied des Beirats, delegiert. Einige Jahre später wurde ich von der Mitgliederversammlung der GCJZ als jüdische Vorsitzende gewählt.

Vor 12 Jahren hatte sich der damalige Geschäftsführer der Gesellschaft zurückgezogen und ich bin als Interim eingesprungen. Wenn wir mal ganz ehrlich sind: Es wurde danach nicht mehr nach einem anderen Geschäftsführer gesucht. Die Arbeit in der Gesellschaft liegt mir sehr am Herzen, da ich einiges bewegen kann. Es gibt zwei Schwerpunkte, für die ich mich besonders einsetze. Das ist die alljährliche „Externer Link: Woche der Brüderlichkeit" und die Veranstaltungen zum Gedenken an den 9. November 1938. Auf Anfrage gehe ich in Schulklassen, die sich für jüdisches Leben interessieren. Dort erzähle ich etwas über Jüdischkeit und Antisemitismus.

Sharon Adler: Die GCJZ wurde in Karlsruhe 1951 als eine der zehn ersten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland gegründet, mittlerweile sind es über 80. Wie entstand die Initiative, und was ist heute das Hauptanliegen der GCJZ?

Solange Rosenberg: Die Initiative dazu wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch bereits bestehende Einrichtungen für christlich-jüdische Zusammenarbeit in den USA, in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz angeregt. Die amerikanische Besatzungsmacht war am Aufbau der ersten Gesellschaften in Deutschland beteiligt und sah es als Teil ihres Bestrebens, die Deutschen zu demokratischem Denken zu erziehen. Bis heute müssen wir uns noch immer für die Verwirklichung der Rechte aller Menschen auf Leben und Freiheit ohne Unterschied des Glaubens, der Herkunft oder des Geschlechts einsetzen, wie es auch in unserer Satzung heißt. Richtig zufrieden wäre ich, wenn diese Arbeit nicht mehr notwendig wäre.

Sharon Adler: Sie vertreten im SWR-Rundfunkrat die Interessen der Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg. Wie kamen Sie zu diesem Amt und wie füllen Sie es aus?

Solange Rosenberg: Als Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe wurde ich zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden delegiert, um meine Gemeinde zu vertreten. Das Gremium der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden hat mich dann als Vertreterin für Baden und Württemberg zum SWR-Rundfunkrat gewählt und entsandt. Im Rundfunkrat des SWR wird erwartet, dass man sich in verschiedenen Ausschüssen einbringt. Da man wählen darf, in welchem Ausschuss man mitarbeiten will, habe ich mich für die Programmausschüsse „Information“ und „Recht und Technik“ entschieden. Eine sehr wichtige Aufgabe im Rundfunkrat ist es, auf die Wahrung “ diskriminierungsfreier Darstellungen und Berichterstattung bei den Programmen zu achten, Programmbeschwerden zu bearbeiten und anhand von Programmbeobachtungen auf Dinge hinzuweisen, die, sagen wir mal, verbesserungswürdig sind.

Sharon Adler: Eine persönliche Frage zu Ihrem familienbiographischen Hintergrund: Sie wurden 1945 als Tochter von Emigrant*innen aus Berlin und Luxemburg in Brüssel geboren. Wie hat Ihre Familie überlebt? Wie haben Sie Ihre Kindheit und Jugend in Belgien und Deutschland in einem nichtjüdischen Umfeld erlebt?

Solange Rosenberg: Meine Mutter stammte aus Luxemburg und hatte sich schon vor dem Krieg in Brüssel etabliert. Sie führte ein kleines Modegeschäft in einer der Hauptgeschäftsstraßen von Brüssel und hatte ein Atelier, wo auf Maß gearbeitet wurde. Mein Vater stammte aus Berlin und stand bis 1940 unter dem Schutz der sogenannten Mischehe. Als dieser Schutz aufgehoben wurde, floh er nach Brüssel, wohin bereits drei seiner Brüder geflüchtet waren. Er war von Beruf Tuchhändler. Und so kam es, dass er rein zufällig in das Geschäft meiner Mutter kam, um etwas, das er bei seiner Flucht mitgenommen hatte, zu verkaufen. Meine Mutter nahm ihn auf und sorgte für ihn. Leider wurde er schon am 8. Mai 1940 von der Gestapo verhaftet und verbrachte fast zwei Jahre in verschiedenen KZs in Südfrankreich (Gurs, St. Cyprien, Les Miles). Aus dem letzten Lager gelang es ihm, zu fliehen und zurück nach Brüssel zu gelangen. Trotz der damit verbundenen Gefahren nahm meine Mutter ihn wieder auf. Dort lebte er bis Ende des Krieges meist im Untergrund. Ich bin am 11. Juni 1945 geboren. Mein Vater hatte wegen mangelnder Sprachkenntnisse in Brüssel keine beruflichen Chancen, und er entschloss sich, wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Finanziell ging es uns nicht gut. 1955 trennten sich meine Eltern endgültig. Mein Vater gründete in Frankfurt am Main eine neue Familie. Meine Kindheit und Jugend in Brüssel waren von großer Armut geprägt. Außerdem bekam ich oft zu spüren, dass ich ein „Judenkind“ („fille de juif“) bin. Auch in der Schule. In einer Klasse wurde sogar von einem Tag auf den anderen meine Schulbank von den anderen Schulbänken getrennt, und ich musste alleine und abseits von den anderen Kindern sitzen. Ich habe meine Schulen oft wechseln müssen. Deshalb beschlossen meine Eltern 1960, dass ich zu meinem Vater nach Frankfurt ziehen soll.

Sharon Adler: Wie lautet Ihr Appell an die Mehrheitsgesellschaft, wenn es darum geht, Antisemitismus entgegenzutreten?

Solange Rosenberg: Wachsam sein und wenn möglich gleich reagieren, wenn einem Antisemitismus begegnet. Auf keinen Fall die Augen davor verschließen in der Hoffnung, dass der Antisemitismus schon irgendwie vorbeigehen wird. Denn das wird er nicht! Bleibt Unrecht unwidersprochen, frisst es sich immer tiefer in das Bewusstsein hinein.

Interner Link: Zur Vita von Solange Rosenberg >>

Zitierweise: „Wir sitzen alle im gleichen Boot“, ein Interview von Sharon Adler mit Solange Rosenberg. In: Deutschland Archiv, 20.01.2023, Link: www.bpb.de/516924

Ergänzend:

Zu über 40 weiteren Portraits im Rahmen der Serie Externer Link: "Jüdinnen in Deutschland nach 1945"

Fussnoten

Fußnoten

  1. Ludwig Marum wurde 1882 in Frankenthal geboren. Er trat 1904 in die SPD ein und zog 1909 nach Karlsruhe, wo er sich in der Partei engagierte. Ab 1914 war er Landtagsabgeordneter, dann badischer Justizminister und ab 1928 Karlsruher Abgeordneter im Reichstag in Berlin. Neben seiner politischen Tätigkeit arbeitete er als Anwalt. Als Sozialdemokrat und Nazi-Gegner und wegen seiner jüdischen Herkunft war Marum bei den Nationalsozialisten verhasst. 1933 wurde er verhaftet, in einer Schaufahrt mit sechs weiteren Sozialdemokraten durch die Kaiserstraße gekarrt und im KZ Kislau bei Bruchsal in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1934 ermordet. Er hatte im Vertrauen auf einen Rest von Rechtsstaatlichkeit Möglichkeiten zur Flucht ausgeschlagen. Seit 1988 vergibt die SPD Karlsruhe den Ludwig-Marum-Preis zu seinem Gedenken. Verliehen wird die Auszeichnung immer zu seinem Geburtstag am 5. November. Der Preis möchte Zeichen setzen für ein verantwortliches Verhältnis zur deutschen Geschichte, für Wachsamkeit gegen jede Form der Intoleranz. https://www.spd-karlsruhe.de/meldungen/ludwig-marum-preis-2022-fuer-solange-rosenberg/, zuletzt aufgerufen am 13.01.2023.

  2. https://www.deutscher-koordinierungsrat.de/node/1039, zuletzt aufgerufen am 27.12.2022.

  3. Die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe ist eine Körperschaft des Öffentlichen Rechts. Sie ist eine der zehn Jüdischen Gemeinden in Baden, die durch die Israelitische Religionsgemeinschaft nach außen vertreten wird. Der Oberrat, der jetzt „Israelitische Religionsgemeinschaft Baden“ genannt wird, wurde im Jahr 1809 gegründet und ist damit der älteste Verband dieser Art in Deutschland. https://www.jg-karlsruhe.de/index.php/de/about/gemeindevertretung und https://irg-baden.de/de/oberrat, zuletzt aufgerufen am 13.12.2022.

  4. https://jewisheritage.org/, zuletzt aufgerufen am 17.1.2023.

  5. Anfang der 1980er Jahre hatte die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe circa 350 Mitglieder; im Jahr 2021 waren es 852. https://www.zentralratderjuden.de/vor-ort/landesverbaende/key//juedische-kultusgemeinde-karlsruhe-kdoer/ und https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/k-l/1030-karlsruhe-baden-wuerttemberg, zuletzt aufgerufen am 14.12.2022.

  6. http://www.christlich-juedische-gesellschaft-karlsruhe.de, zuletzt aufgerufen am 13.12.2022.

  7. https://www.deutscher-koordinierungsrat.de/dkr-Wer-wir-sind-info, zuletzt aufgerufen am 13.12.2022.

  8. https://www.swr.de/unternehmen/organisation/gremien/rundfunkrat/artikel-rundfunkrat-solange-rosenberg-100.html, zuletzt aufgerufen am 13.12.2022.

  9. https://irg-baden.de/de/, zuletzt aufgerufen am 27.12.2022.

Weitere Inhalte

Solange Rosenberg wurde als Kind eines Emigranten aus Berlin und einer Emigrantin aus Luxemburg 1945 in Brüssel/Belgien geboren.

Nach der Schulausbildung 1961 Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland nach Frankfurt/Main. 1964-1979 Mitarbeit im Dolmetscher- und Übersetzungsbüro des Ehemannes. Neben den Berufstätigkeiten im Uniklinikum Frankfurt/Main und später im St. Vincentius Krankenhaus Karlsruhe engagiert sie sich seit 1998 in verschiedenen Ehrenämtern, darunter im Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, dessen Vorsitzende sie, mit einer Unterbrechung, insgesamt 11 Jahre ist. Seit über 16 Jahren ist sie außerdem als Delegierte beim Oberrat, der jetzt „Israelitische Religionsgemeinschaft Baden“ genannt wird, tätig. Ebenfalls seit 1998 ist sie Mitglied im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Karlsruhe e.V., dessen jüdische Vorsitzende sie seit 15 Jahren ist. Seit 12 Jahren ist sie auch die Geschäftsführerin der Gesellschaft. Sie vertritt im SWR-Rundfunkrat die Interessen der Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden und Württemberg.

Am 5. November 2022 wurde sie für ihr Engagement mit dem Ludwig-Marum-Preis ausgezeichnet. Solange Rosenberg hat zwei Töchter und drei Enkelkinder.

geboren 1962 in West-Berlin, ist Journalistin, Moderatorin und Fotografin. Im Jahr 2000 gründete sie das Online-Magazin und Informationsportal für Frauen AVIVA-Berlin, das sie noch heute herausgibt. Das Magazin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und über jüdisches Leben zu berichten. Sharon Adler hat verschiedenste Projekte zu jüdischem Leben in Deutschland für unterschiedliche Auftraggeber/-innen umgesetzt und auch selbst Projekte initiiert wie "Schalom Aleikum“, das sie zur besseren Verständigung von Jüdinnen und Muslima entwickelte. Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 initiierte sie das Interview- und Fotoprojekt "Jetzt erst recht. Stop Antisemitismus". Hier berichten Jüdinnen und Juden in Interviews über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland. Seit 2013 engagiert sie sich ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzende der Stiftung ZURÜCKGEBEN. Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft. Für das Deutschland Archiv der bpb betreut sie die Reihe "Jüdinnen in Deutschland nach 1945"