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Grenzfälle

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Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? 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FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? Geht's noch? Es gibt keine wirkliche Ostdebatte Die. Wir. Ossi. Wessi? Wie man zum Ossi wird - Nachwendekinder zwischen Klischee und Stillschweigen 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“ Blick zurück nach vorn Wem gehört die Revolution? Die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl Mythos 1989 Joseph Beuys über die DDR Der 9. Oktober 1989 in Leipzig Egon Krenz über den 9. November Die deutsche Regierung beschleunigt zu stark Projekte für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin und Leipzig Deutsch-deutsche Begegnungen. Die Städtepartnerschaften am Tag der Deutschen Einheit Mit Abstand betrachtet - Erinnerungen, Fragen, Thesen. Die frohe Botschaft des Widerstands Mauerfall mit Migrationshintergrund "Wer kann das, alltäglich ein Held sein?" "Es geht um Selbstbefreiung und Selbstdemokratisierung" Kann man den Deutschen vertrauen? Ein Rückblick nach einem Vierteljahrhundert deutscher Einheit Von der (eigenen) Geschichte eingeholt? 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Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine Recherche Todesopfer des DDR-Grenzregimes - Eine andere Sicht "Begriffliche Unklarheiten" Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR "Schicksale nicht Begriffe" Mauerbau und Machtelite Zwangseingewiesene Mädchen und Frauen in Venerologischen Einrichtungen Stasi-Razzia in der Umweltbibliothek Politisch inhaftierte Frauen in der DDR Ein widerständiges Leben: Heinz Brandt Über den Zaun und zurück – Flucht und Rückkehr von Dietmar Mann Die politische Justiz und die Anwälte in der Arä Honecker Geraubte Kindheit – Jugendhilfe in der DDR Haftarbeit im VEB Pentacon Dresden – eine Fallstudie Zwischen Kontrolle und Willkür – Der Strafvollzug in der DDR Suizide in Haftanstalten: Legenden und Fakten Die arbeitsrechtlichen Konsequenzen in der DDR bei Stellung eines Ausreiseantrages Das Scheitern der Jugendhilfe in der DDR - ein Beispiel Max Fechner – Opfer oder Täter der Justiz der Deutschen Demokratischen Republik? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Eine Audio-Zeitreise. 1. Vorboten von Umbruch und Mauerfall 2. Schabowski und die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 3. Grenzübertritt am 10. November 4. Begrüßungsgeld 100 D-Mark 5. Den Anderen anders wahrnehmen 6. Stereotypen 7. Was bedeutet uns der Fall der Mauer? 8. Emotionen 9. Sprache Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Brecht & Galilei: Ideologiezertrümmerung Die Zweite Generation jüdischer Remigranten im Gespräch Ausgaben vor 2013 Bau- und Planungsgeschichte (11+12/2012) Architektur als Medium der Vergesellschaftung Landschaftsarchitektur im Zentrum Berlins Kunst im Stadtraum als pädagogische Politik Dresden – das Scheitern der "sozialistischen Stadt" Bautyp DDR-Warenhaus? Ulrich Müthers Schalenbauten Medizinische Hochschulbauten als Prestigeobjekt der SED Transitautobahn Hamburg–Berlin Literaturjournal Aufarbeitung (10/2012) "Es geht nicht um Abrechnung ..." "Ein Ort, der zum Dialog anregt" Eckstein einer EU-Geschichtspolitik? Schwierigkeiten mit der Wahrheit Personelle Kontinuitäten in Brandenburg seit 1989 "Geschlossene Gesellschaft" Kulturelite im Blick der Stasi Experten für gesamtdeutsche Fragen – der Königsteiner Kreis Friedrich II. – Friedrich der Große Literaturjournal Deutsch-deutscher Literaturaustausch (8+9/2012) Eine gesamtdeutsche Reihe? Die Insel-Bücherei Versuche deutsch-deutscher Literaturzeitschriften Geschiedene Gemüter, zerschnittene Beziehungen Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das MfS Volker Brauns Reflexionen über die Teilung Deutschlands Die Leipziger Buchmesse, die Börsenvereine und der Mauerbau Die Publikationskontroverse um Anna Seghers' "Das siebte Kreuz" Westdeutscher linker Buchhandel und DDR Die Publikationsgeschichte von Stefan Heyms "Erzählungen" Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke Eine deutsch-deutsche Koproduktion: die "OB" Dokumentation: "Ein exemplarisches Leben – eine exemplarische Kunst" Literaturjournal Nach dem Mauerbau (7/2012) Der ewige Flüchtling Der Warenkreditwunsch der DDR von 1962 Die Entstehung der "Haftaktion" Leuna im Streik? Mit dem Rücken zur Mauer Der Honecker-Besuch in Bonn 1987 Ein Zufallsfund? Literaturjournal Politische Bildung (6/2012) Antikommunismus zwischen Wissenschaft und politischer Bildung Subjektorientierte historische Bildung Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft "Hallo?! – Hier kommt die DDR" Vergangenheit verstehen, Demokratiebewusstsein stärken Keine einfachen Wahrheiten Literaturjournal Sport (5/2012) Sportnation Bundesrepublik Deutschland? Marginalisierung der Sportgeschichte? Dopingskandale in der alten Bundesrepublik Hooliganismus in der DDR "Erfolge unserer Sportler – Erfolge der DDR" Literaturjournal Nachkrieg (4/2012) Jüdischer Humor in Deutschland Die SED und die Juden 1985–1990 "Braun" und "Rot" – Akteur in zwei deutschen Welten Kriegsverbrecherverfolgung in SBZ und früher DDR Die "Hungerdemonstration" in Olbernhau Eklat beim Ersten Deutschen Schriftstellerkongress Workuta – die "zweite Universität" Dokumentation: Die Rehabilitierung der Emmy Goldacker Kaliningrader Identitäten "Osten sind immer die Anderen!" 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Grenzfälle Ein Interview mit Andreas Weiß

Dirk Jungnickel

/ 25 Minuten zu lesen

Ein Interview über den Dienst und die politische Indoktrination an der Grenze, über Fluchtgedanken und Fluchtversuche und über Widerstände im Alltag von Grenzsoldaten.

Andreas Weiß wurde 1949 in Cunewalde (Oberlausitz) als Sohn eines Schlossers und einer Säuglingsschwester geboren. Nach dem Abitur studierte er ab September 1968 vier Jahre Metallkunde an der Bergakademie Freiberg und erwarb dort 1972 sein Diplom. Im August 1983 wurde er auf dem Gebiet der Gefügebildung in Stählen promoviert. Dr. Weiß arbeite nach wie vor an der Bergakademie Freiberg, heute als Dozent.

Jungnickel: Du wurdest mit knapp 24 Jahren zur NVA eingezogen. Wie war dein Ausbildungsstand?

Andreas Weiß, Foto von 1973.

(© Foto: privat, Andreas Weiß)

Weiß: Ich hatte im Herbst 1972 mein Studium "Metallische Werkstoffe" an der Bergakademie Freiberg abgeschlossen, dort eine Assistentenstelle angetreten und wurde im Mai 1973 für eineinhalb Jahre als Wehrpflichtiger zu den Grenztruppen der DDR eingezogen. Erstes Halbjahr: Ausbildung in Johanngeorgenstadt, zweites und drittes Halbjahr: Einsatz als Grenzsoldat an der [...] Grenze in Erbenhausen (Rhön), das liegt zwischen Meiningen und Bad Salzungen.

Warum Grenztruppen?

Als normaler Wehrpflichtiger hatte man keine Wahl, weder was die Waffengattung noch was den Standort betraf. – Allerdings: Zu den Grenztruppen wurden nur Söhne eingezogen, deren Eltern keine Westverwandtschaft hatten bzw. in der Partei waren. Meine Eltern hatten keine Westverwandten, und mein Vater war in der Partei.

Aber an die Westgrenze wurde doch nur derjenige beordert, der den Schießbefehl akzeptierte?

Ja, das stimmt. In Johanngeorgenstadt wurde unsere ganze Kompanie im Rahmen eines Appells befragt, ob wir den Schießbefehl ausführen würden. Dazu wurde die Antwort vorgegeben: "Ja, das geloben wir.", oder so ähnlich. Da hat natürlich keiner die Courage gehabt, vorzutreten und nein zu sagen. Einige haben sich sicher gedacht, dass sie im Ernstfall ihrem Gewissen folgen würden. Ideologisch Verblendete gab es aber auch. Sie sahen es als Ehre an, einen Flüchtigen mit allen Mitteln zu stellen.

Man hätte sich dem Grenzdienst ja auch schon bei der Musterung verweigern können, indem man sagte, auf Menschen würde man nicht schießen. Das hätte doch weniger Mut erfordert, oder?

Zur Musterung wurde man nicht zum Schießbefehl befragt. Die Vergatterung zum Schießen erfolgte quasi erst, als die Sache gelaufen war. Nach der Musterung bekam man lediglich den Bescheid, dass man für die Grenztruppen eingeteilt war.

Das erste Halbjahr galt ja als ziemlich hart.

Es bestand einmal aus Wehrertüchtigung, oftmals bis an die Schmerz- und Leistungsgrenze, und zum anderen war Politunterricht das Tagesgeschäft. Im Politunterricht wurden wir ideologisch ausgerichtet: Der Sozialismus muss gegenüber den verbrecherischen, imperialistischen Staaten bzw. der Nato verteidigt werden. Die Errungenschaften des Sozialismus gilt es, gemeinsam mit den Bruderländern und ganz besonders mit der ruhmreichen Sowjetarmee zu verteidigen. Dazu hatten wir die Grenze zu schützen.

Ich entsinne mich, dass ich in meiner ersten Politstunde, von einem Oberstleutnant gefragt wurde, weshalb wir Grenzdienst tun. Ich hatte geantwortet, dass wir den Grenzübertritt von DDR-Flüchtlingen notfalls mit der Schusswaffe verhindern sollen. Diese Antwort war total falsch und hat mir eine Note 5 im Politunterricht eingebracht. Die richtige Antwort wäre gewesen: Wir hätten Grenzdurchbrüche von West nach Ost und andere Sabotage-Akte seitens der westdeutschen Reaktionäre zu verhindern. DDR-Flüchtlinge seien Verbrecher. Sie würden von der Polizei oder den Grenzhelfern im Hinterland gestellt.

Wie muss ich mir als militärischer Laie die Struktur der Truppe vorstellen?

Unsere Kompanie bestand aus vier Zügen. Zu jedem Zug gehörten zehn Soldaten und ein Zugführer im Rang eines niederen Offiziergrades oder eines Berufssoldaten. Die Zugführer hatten den schlechtesten Stand. Sie wurden von oben getreten und mussten sich ständig mit der Renitenz der Soldaten herumschlagen. An der Grenze habe ich selbst erlebt, wie ein Zugführer unserer Kompanie sich mit der Kalaschnikow erschossen hat. Es war ein Unteroffizier, der den psychischen Druck nicht mehr ausgehalten hatte.

Wie wurde mit einem solchen tragischen Zwischenfall umgegangen?

Die Sache wurde verschwiegen. Wo das nicht zu vermeiden war, wurde vergattert. Man bekam enorme Schwierigkeiten, wenn man den Vorfall beim Ausgang, zum Beispiel in der Kneipe, den Rhönis erzählt hätte. Man hatte große Angst, dass der Westen davon erfährt.

Wie nun muss man sich den Grenzdienst vorstellen?

Das erste Halbjahr an der Grenze war für alle Soldaten frustrierend. Da war einmal das sogenannte Diensthabende System in drei Schichten. Man hatte acht Stunden Grenzdienst, dann acht Stunden Bereitschaft und dann acht Stunden Schlaf. Und die Witterungsverhältnisse im Herbst und Winter waren oft ziemlich strapaziös.

Für den Grenzdienst gab es strenge Regeln, deren Nichteinhaltung betraft wurde. Solche Regeln waren: Rauch- und Sprechverbot, die Schusswaffe musste immer griffbereit und geladen sein, Postentrennung war verboten, des Weiteren Meldung jeglicher Vorkommnisse, keine Kontaktaufnahme mit Westdeutschen, die man ja teilweise hinter der Grenze sehen konnte. So waren jegliche Zeichen nach drüben oder Erwidern von Winken strengstens untersagt. Man musste sich immer versteckt halten, damit man nicht von der "Feindseite" aus gesehen wird. Und es war Meldung zu machen, wann und wie viele Personen eine Kontaktaufnahme von drüben provozieren wollten ...

Wie muss man sich die Einteilung für den unmittelbaren Grenzdienst vorstellen?

Im ersten halben Dienstjahr war ich Posten und Soldat. Damit war ich einem Postenführer, in der Regel einem Gefreiten, unterstellt. Der Gefreite hatte Befehlsgewalt über mich.

Meine Postenführer waren fast alle Abiturienten. Denen hatte man Angst eingejagt und angedroht, dass bei Vorkommnissen, wie zum Beispiel Grenzdurchbrüchen, ein Studium nach der Armeezeit passé sei. Die Mehrheit dieser Abiturienten versuchte deshalb aus Angst vor Konsequenzen, den Grenzdienst nach Vorschrift zu machen. Das war ziemlich gemein für unsereinen. Darunter litten auch die persönlichen Beziehungen zwischen Soldaten und Gefreiten, was auch beabsichtigt war.

Einige Abiturienten, selbst solche, die ihr Abitur mit "Sehr gut" gemacht hatten, wunderten sich beim Blick in den Westen, dass die Leute dort große Autos fuhren und freundlich waren sowie die Häuser bestens in Ordnung, im Gegensatz zu den Häusern im Grenzgebiet der DDR. Diese Abiturienten waren ein Produkt sozialistischer Erziehung in Familie und Schule. Westfernsehen und Westrundfunk waren für sie tabu.

Kommen wir nochmals zum Schießbefehl, der ja sicher das große Thema war.

Blick von Westen auf den Grenzabschnitt bei Hünfeld (Rhön), 1973. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00019705, Foto: Lothar Schaack)

Wir wurden jeden Tag vor Grenzdienst bei einem Appell vergattert. Dabei wurde stets der Schießbefehl erteilt. Etwa so: "Posten mit Postenführer eingesetzt dort und dort mit der Aufgabe, Grenzverletzer aufzuspüren und zu vernichten." Das hieß, Grenzdurchbrüche sind mit allen Mitteln, notfalls mit der Schusswaffe zu verhindern. Und: Wer auf eine Parole nicht entsprechend reagierte, ist ein Grenzverletzer und festzunehmen oder an der Flucht zu hindern. Als erstes ist ein Warnschuss als zweites ein gezielter Schuss abzugeben. Pervers dabei, dass bereits der Warnschuss ein Treffer sein konnte.

Wieso?

Es galt: Besser einen gezielten Schuss abgeben als einen Warnschuss oder Fehlschüsse. Man musste einen Grenzverletzer mit aller Gewalt am Durchbruch hindern. Ein Hauptgrund dafür, dass jeweils ein Postenpaar Grenzdienst hatte, war der, dass im Falle einer Grenzverletzung ein Zeuge da war, der über den Sachverhalt und das Verhalten des Anderen Aussagen machen konnte.

Gib doch mal ein Beispiel für eine Parole.

Die Parole, die wurde immer abverlangt, wenn nachts jemand kam. Auch wenn der Kontrolleur kam. Die war dann zum Beispiel: "Welt-?", und dann musste der andere "-frieden" darauf sagen. Und wenn das nicht kam, durfte geschossen werden. Nicht durfte, musste.

Sollte man dann einfach in die Nacht schießen? Im Winter sieht man ja was, wenn Schnee liegt, aber doch nicht bei Nebel zum Beispiel?

Stimmt. Das ist auch interessant: Der Nebel trägt den Schall unheimlich weit, bei Nebel oder Schnee, das glaubt man nicht, da hörst du einen in ein paar Hundert Metern Entfernung.

Wie wurden die Posten kontrolliert?

Das kam auf die Tageszeit an. In der Frühschicht gab es im Gegensatz zum Nachtdienst wenige Kontrollen seitens der Vorgesetzten. Das wussten alle Grenzer, deshalb sind früh am Morgen die meisten Dienstverletzungen passiert.

So auch zwei, wo ich Postenführer war. Einmal haben mein Soldat und ich uns ein Spiel ausgedacht, um die Langeweile zu verkürzen. Wir haben vierblättrige Kleeblätter auf einer großen Wiese in Melpers am Abtsberg direkt an der Grenze gesucht. Gewonnen hatte, wer die meisten Kleeblätter in einer Stunde gefunden hat. Da uns die Waffen bei der Suche hinderlich waren, haben wir sie weggelegt. Und dann haben wir auf allen Vieren robbend auf der Wiese angefangen zu suchen. Allerdings, zu unserem Leidwesen, haben wir nicht bemerkt, dass wir zu diesem Zeitpunkt kontrolliert wurden. Jedenfalls nach circa 20 Minuten intensiven Suchens mit Zwischenrufen wie: "Ich habe eins!", wurden wir ohne Waffen gestellt. Ich musste als Postenführer Meldung machen. Als ich mein Sprüchlein aufsagte: "Gefreiter Weiß meldet sich zur Stelle, keine Vorkommnisse.", rastete der Offizier völlig aus und prophezeite uns Konsequenzen. Es wurde dann ein Appell angesetzt, wir mussten vortreten, bekamen einen strengen Verweis mit der Ansage von Ausgangs- und Urlaubssperre.

Hatte das auf die Anderen eine abschreckende Wirkung, oder amüsierte die das lediglich?

Es amüsierte die meisten Soldaten, und man wurde in deren Ansehen richtig aufgewertet. Bei fast allen Grenzern – außer den politisch total Verblendeten – wurden solche Grenzvergehen nicht als Vergehen angesehen, ganz im Gegenteil. Ich hatte dadurch sehr viele Sympathien, war ziemlich angesehen unter meinen "Mitgefangenen", zumal ich ja relativ alt war und eine Hochschulbildung hatte.

Gab es während des Grenzdienstes Kontakte mit Bewohnern des Grenzgebietes?

Ja. Dazu fällt mir eine Episode ein, die sich auf derselben Wiese im Sommer abspielte: Es war gerade die Zeit des Heumachens. Beim Heuwenden war uns ein sehr hübsches Mädchen, sommerlich leicht bekleidet, aufgefallen. Bei ihrem Anblick spielten plötzlich die Hormone meines Postens verrückt. Er traute sich aber nicht, das Mädchen anzubaggern. So bat er mich, ihr auf der Stelle einen Liebesbrief zu schreiben. Er war Abgänger der 8. Klasse, und das Schreiben war offensichtlich seine Sache nicht. So kam ich der Bitte nach, mit viel Schmalz und Fantasie. Da er zu feige war, den Brief selbst zu übergeben, hab ich das vor Ort gemacht. Das Mädchen war darüber sehr erfreut, dachte allerdings, dass ich derjenige sei, der da so verliebt ist. Beim nächsten Ausgang musste ich sie aufklären und leider enttäuschen. Von meinem Soldaten wollte sie nichts wissen, denn sie hatte ziemlich viele Verehrer. Aber wir haben uns daraufhin sehr gut verstanden. Ich fragte sie deshalb, ob sie uns nicht an einem bestimmten Busch ein paar Biere verstecken könnte, natürlich gegen Bezahlung. Das hat sie dann des Öfteren gemacht, wodurch ihr Ansehen unter den Soldaten noch wuchs. Das Versteck ist dann allerdings verraten worden, aber es konnte niemand zur Verantwortung gezogen werden.

Wie oft gab es Ausgang, und was trieb man da?

Aller sechs Wochen wurde uns ein Ausgang gewährt. Der führte uns in eine ganz schäbige Kneipe in Erbenhausen, die von einer [...] Wirtin bewirtschaftet wurde. Das war eine ganz liebe Frau [...]. Sie hatte jedenfalls ein großes Herz und Verständnis für die Soldaten. Dort zechten wir jedes Mal bis zum Umfallen, nur um unseren Frust zu ertränken. [...]

Wir kommen noch einmal zum Politikunterricht. Es wurde ja wohl erzählt, die Flüchtlinge seien alle Verbrecher.

Ja.

Und die Geschichte mit der schwangeren Frau?

Ja ... Im Politunterricht bekamen wir die Frage gestellt, ob wir auf eine schwangere Frau schießen würden, und da waren sich fast alle Soldaten einig, dass wir in dem Fall nicht schießen würden. Und da wurde dann gesagt, dass man schießen müsste, weil ... es kann ja auch eine Täuschung vorliegen, eine Frau könnte sich ja auch ein Kissen untergelegt haben und die Schwangerschaft vorgetäuscht haben und deshalb müsse auch in diesem Fall geschossen werden. Da waren viele entsetzt, denn das ist ja nun überhaupt nicht mit dem menschlichen Gewissen zu vereinbaren.

Ähnlich mit Kindern, mal hatte man wohl auch angeordnet, auf Kinder nicht zu schießen; aber in Berlin sind jedenfalls Kinder an der Grenze erschossen worden.

Kinder waren bei uns kein Thema.

Aber es ist eindeutig eine Vergatterung gewesen zum Schießen, und es ging eindeutig gegen welche, die aus dem Osten kamen.

Ja.

Wie sah denn die Ausrüstung aus? Dann, wenn ihr an vorderster Front standet?

Wir hatten Stiefel ... unser Käppi.

Keinen Stahlhelm?

Keinen Stahlhelm, das Käppi, die Uniform, dann ein Messer ..., 'ne Bluse. Am Gürtel hatten wir unsere Patronen, scharfe. In der Kalaschnikow hatten wir das Magazin. Das war auch voll mit scharfer Munition. Da gab's Einzelschuss und Dauerschuss. Und dann hatte man extra noch eine Tasche mit Patronen, falls das Magazin nicht ausreicht. Die Kalaschnikow wurde mit dem Lauf nach oben getragen, auf dem Rücken. Die Waffe war quasi Heiligtum, und man musste sie exakt säubern. Und – es hatte oft geregnet – da durfte man sich nicht erwischen lassen, wenn man die Waffe unter dem Regencape trug. Die Waffe musste immer außen getragen werden. Da wurde sie nass, und man hatte sie dann wieder zu pflegen. Und wenn man sie unter dem Cape trug, war das ein Verstoß gegen die Waffenordnung.

Das war ein Regencape mit Kapuze?

Ja. Das war imprägniert; und da ging die Feuchtigkeit nicht durch.

Und was ist die "Oma"?

"Oma" ist sozusagen ein Strumpf, ein Wollstrumpf, den du dir übern Kopf ziehst. Im Winter brauchtest du das unbedingt. Um die Ohren zu schützen.

Da die Grenze ja beleuchtet war ...

Nein, bei uns nicht, da war alles dunkel. Nein, da war nichts beleuchtet.

Ich dachte, da waren Peitschenmasten. Und da war alles taghell, nein?

Es war alles dunkel. Ganz dunkel. Wir hatten lediglich eine Taschenlampe. Das war ganz schlimm! Es war nämlich beabsichtigt, dass man den Soldaten Angst macht und damit die Wachsamkeit erhöht. Man wollte, dass die Soldaten ganz schnell reagieren, sonst wäre man selbst gefährdet. Und am Anfang, jedes Rascheln einer Maus oder wenn da ein Vogel war, da ist man sofort aufgeschreckt. Die erfahrenen Grenzer, die haben sich da amüsiert, aber die Neuankömmlinge, die haben vor Angst geschwitzt ...

... und manchmal auch losgeballert?

Ja. Das kam vor. – Und dann gespielt oder herumgefuchtelt mit der Waffe. Das ist kreuzgefährlich, weil sich immer mal ein Schuss lösen kann. Da bin ich immer verrückt geworden, hab gesagt, lass das sein. Es gab richtige Angsthasen – die meinten, wenn jemand kommt, so haben sie das gleich im Griff. Ich sagte dann, hier kommt niemand, ich bin ja verantwortlich, ich bin der Postenführer. –

Noch zur Ausrüstung. Teilweise kriegten wir Feuerwerkskörper mit, um Signale abzugeben. Also, wenn du nachts irgendwas Verdächtiges hörtest und du kamst nicht ran, dann musstest du drei Sterne hochschicken. Ein Stern war ... weiß ich jetzt nicht mehr; drei Sterne war, glaube ich, Grenzdurchbruch; einer war, Gefangenen gemacht, oder irgend so was ... Das waren solche langen Plastikstäbe, mit einer Zugvorrichtung, die musstest du abziehen, da war diese Rakete drin mit der Sprengladung, und dann schoss die hoch.

Das heißt, das war zu deiner Zeit so primitiv, dass ihr nicht mal ein Funkgerät hattet, ein Funkgerät wäre doch das Normale gewesen?

Nein, gab's nicht.

Nur diese lächerlichen Raketen?

Und das sogenannte Grenzmeldenetz, wo du dich immer melden musstest, aller zwei Stunden. Du hattest so 'ne Sprechmuschel und Hörer in einem. Du hast ja darüber deine Befehle von der Kompanie empfangen.

Hattest du das nun ständig an?

Nein, das hast du ja wieder abgezogen, das war nur 'ne Drahtverbindung, das musste man in eine Buchse am Grenzpfahl stecken. Dann warst du über den Draht oben verbunden mit dem Führungspunkt in der Kompanie, da hast du deine Meldung gemacht, aller zwei Stunden, also: Gefreiter Weiß meldet sich von XYZ, also chiffriert, und dann: "Keine besonderen Vorkommnisse."

[...] Da war auch kein Verstärker dran? Man steckte das direkt in die Buchse am Pfahl?

Ja, und wenn man das wieder herausgezogen hat, war man abgeschnitten.

Und wenn man sich nach zwei Stunden nicht gemeldet hätte?

Da bekam man richtig Ärger. Wir haben auch viel geschlafen. Nachts. Das war streng verboten. Aber ich hatte meinen Grenzschlaf. Das war super. Die haben immer gesagt, mit dem Weiß musst du gehen. Ich war ziemlich beliebt, weil ich keine Angst hatte. Ich hatte den Rhythmus raus. Immer zwei Stunden schlafen, denn dieses ständige Präsentsein im Diensthabenden System, das war nervenaufreibend. Ohne Schlaf. Das hat dich kaputt gemacht. Einmal hab ich verschlafen, um eine halbe Stunde. Hab mich nicht gemeldet. Das war kritisch. Die hatten sofort Angst, dass jemand abgehauen ist. Da wurden dann die, die Bereitschaft hatten, die wurden aus dem Bett geholt. Die kamen gerade vom Grenzdienst, waren froh, dass sie schlafen konnten, aber eben in Bereitschaft. Und die wurden rausgepfiffen. Das war gemein.

Und direkt im Grenzstreifen, wie war da die Staffelung?

Blick auf eine Hundelaufanlage im Grenzabschnitt bei Hersfeld, 1973. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00177237, Foto: Lothar Schaack)

In der Schutzzone, da waren noch Signaldrähte, das waren Stolperdrähte. Da waren Raketen an den Seiten oder Karabinerschlösser mit Platzpatronen bestückt. Die sind auch hochgegangen, wenn du drangekommen bist. Und dann kam in Richtung Westen die Hundestaffel. Die Köter waren total fertig. Mit denen konnte man nicht viel anfangen. Aber gebellt haben die trotzdem, wenn jemand kam. Aber wenn ein Hase oder ein Reh in die Drähte gelaufen ist, gingen die Raketen natürlich auch hoch.

Du sagtest, dass du geschlafen hast. An der Grenze, beim Wacheschieben. Aber da konnte ja immer auch ein Kontrolleur kommen, ein Offizier?

Genau. Der Mensch entwickelt da so einen siebten Sinn. Du schläfst nicht tief, bist halbwach, hörst trotzdem. Ich konnte das wirklich klasse. Ich war einer der Wenigen, die keine gesundheitlichen Schäden davongetragen hatten. Ich habe mich im Winter richtig warm angezogen. Manche haben ja geklappert und gefroren. An die Füße – was denkst du, was ich an die Füße gezogen habe. Mehrfach die Socken übereinander ...

Was wäre denn passiert, wenn man dich beim Schlafen erwischt hätte?

Das bedeutete auf alle Fälle Urlaubssperre, Ausgangssperre und mit großer Wahrscheinlichkeit auch einen Tag Bau. Schlafen war ein schlimmes Vergehen.

Also, da verdonnerte euch der Kompaniechef?

Ja, und das war vor allem als Abschreckung gedacht.

Es heißt ja immer, man wusste nicht genau, mit wem man zum Grenzdienst eingeteilt wird. Aber wenn es immer nur innerhalb eines Zuges war, dann kannte man doch seine Kumpels.

Also, das stimmt. Man war im Prinzip ein halbes Jahr mit neun Personen zusammen. Und die neun kannte man schon ziemlich gut.

Aber wie groß war denn das Misstrauen? Konnte man sich sicher sein, dass nun einer ein Kumpel war, oder war das nie hundertprozentig sicher?

Also das hat viel Menschenkenntnis erfordert. Man war acht, manchmal auch neun bis zehn Stunden im Grenzdienst. Und da musste man sich austauschen. Man konnte bei einiger Intelligenz gewisse Fragen stellen. Ganz wichtig war: Ist der überzeugt, macht der von der Schusswaffe Gebrauch oder nicht. Wie steht der überhaupt zu dem ganzen Grenzdienst. Und zur Armee, und vor allem, eine ganz wichtige Frage war, was war sein Vater. Gefährlich war es immer, wenn der Offizier war, weil das immer die Möglichkeit der Staatssicherheit einschloss. Vielleicht haben wir uns das eingeredet, aber wir nahmen an, in jedem Zug war einer, der berichtet hat, was in der Kneipe erzählt wird und wie die Haltung zum Grenzdienst war.

Es heißt ja, in jeder Stube gab es einen – und den zu identifizieren war wahrscheinlich gar nicht so einfach?

Das war gar nicht einfach.

Die nahmen ja bestimmt auch keinen, der sich gleich verplapperte.

Ja, aber die Leute, die mit der Stasi kooperierten, die haben auch den Grenzdienst nach Vorschrift gemacht. Das war auch ein Kriterium. Also mit denen ist man ja auch nicht gern rausgegangen. Man konnte das allerdings nicht verhindern. Die Zusammenstellung machte immer der Kompaniechef, jeden Tag neu. Und es wurde immer vermieden, dass Leute, die sich gut verstehen, dass die wieder zusammenkommen. Deshalb musste man vorbeugen, sagen, das ist ein Rindvieh oder so.

Von wegen zu sagen, mit dem kann ich nicht, mit dem möchte ich, das ging nicht?

Nein, da hatte man gar keinen Einfluss. Man hatte eben immer die Angst, dass man sich abspricht, wenn man sich gut versteht; in Sachen Republikflucht, dass man sich hilft.

Das wurde aber so nicht gesagt? Das war also immer die Angst. Dann wäre wahrscheinlich auch der Kompaniechef dran gewesen.

Genau. – Es gab ja den sozialistischen Wettbewerb. Auch die Offiziere, die sind dann zur Verantwortung gezogen worden.

Hast du einen sogenannten Grenzdurchbruch erlebt ?

Also Ostern, Karfreitag war ein Grenzdurchbruch bei uns [...]. In Wohlmuthhausen ist ein Bauer in die Kneipe gegangen, hat sich dort volllaufen lassen. Auf der anderen Seite, Richtung Bayern, Weimarschmieden, waren ausgebaute Grenzanlagen mit Minenfeld. Der ist also aus der Kneipe, stockbesoffen durchs Minenfeld gelaufen und ist zum Glück durchgekommen, rübergekommen ... Es hatte leicht geschneit, man konnte die Fußspuren verfolgen

Glück gehabt.

Ein Riesenschwein gehabt! Wir konnten dann abends zufällig in die Kneipe. Mit den Leuten, mit denen man sich gut verstanden hat, da haben wir uns erst mal zugeprostet und haben gesagt: Klasse! – Aber, bedenke, das war Grenze. Stell dir vor, wenn da einer von den Fünfen, die da am Biertisch saßen, das meldet ... – Also zu den Fünfen hattest du Vertrauen. Es gab Vieles, woran du gemerkt hast, mit dem kannst du und mit dem kannst du nicht.

Nun hattest du ja selbst die Überlegung abzuhauen? Hast du auf eine Gelegenheit gewartet oder war das nicht konkret?

Also, sagen wir mal, es hat mich ganz schwer beschäftigt. In dem Jahr, wo ich an der Grenze war, da habe ich mindestens 20-mal den Gedenken gehabt, also heute hau ich ab. Da habe ich auch schon alles aus meinem Spind vernichtet, vor allem Briefe, aber ich hatte ja kaum Verfängliches ... konnte man sich auch gar nicht erlauben. Ich wollte dem psychischen Druck ausweichen.

Also der Angst, schießen zu müssen?

Ja, genau. Ich habe diesen Verbrecherstaat erst so richtig an der Grenze kennengelernt. Und dann geht's dir durch den Kopf: Du hast im Westen keine Verwandtschaft, Bekannte schon, die dir geholfen hätten. Und dann der Vater in der Partei, na ja, Sippenhaftung. Es war ja immer so, war jemand in den Westen abgehauen, dann hatten die Zurückgebliebenen drunter zu leiden. Und mein Vater war ja auch überzeugt, zu der Zeit jedenfalls. Und das belastet eben schon. Du lebst immer in dem Zwiespalt, du müsstest das machen, aber eigentlich kannst du's deiner Familie nicht antun. Und dann kannst du nie mehr zurück, nie mehr zu deinen Freunden, du gehst in eine völlig neue Welt ... – Ich war paarmal entschlossen, heute machst du's.

Und dann kam eben die Situation, dass mein Postenführer mir das angeboten hat: Ich weiß, dass du abhauen willst, so fing er an ...

Woher wusste er das?

Na ja, wir mochten uns. Wir waren schon vorher paarmal zusammen im Grenzdienst [...]. Und er hat mich dann gefragt ...

Warst du oft mit dem eingeteilt?

Nein, nicht oft. Aber mit ihm war's an der Grenze am interessantesten. Da konnte man sich eben so richtig austauschen, Vertrauen entwickeln ... Der war ein bissel ein Romantiker, also überhaupt nicht materiell eingestellt, ein Idealist und eben ein sehr sympathischer Mensch, vollkommen fehl am Platze dort. – Ach so, das war ganz interessant, der hat nicht versucht abzuhauen, der hat versucht auf Macke, auf Durchgedreht zu machen. Der hat dann mutwillig, über einen längeren Zeitraum, irre gesprochen. Hat sich verstellt.

Um wegzukommen?

Der sagte, ich hau nicht ab, aber ich will hier weg ...

Und der größte Druck war, dass es eben zu einer Entscheidung kommen könnte: Schießen oder nicht? Das war die enorme psychische Belastung.

Blick auf die innerdeutsche Grenze bei Eschwege (Werra) 1973. In der Bildmitte sind ein Patrouillenwagen und ein Bunker der DDR-Grenztruppen zu erkennen. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00178049, Foto: Lothar Schaack)

Also: Ich bin mal in die Situation gekommen, da war ich schon Postenführer, und da war Nebel, und wir liegen unmittelbar an der Grenze, das waren noch 50 Meter bis zur Grenze. Und dann hören wir von der Grenze her Stimmen. Und da musst du eigentlich reagieren. Und du siehst aber niemanden. Und Postentrennung – wie gesagt, du musstest immer zusammen gehen. Der andere konnte dich ja belasten, nach Schwedt [in das berüchtigte Militärgefängnis] bringen. – Also, mein Posten hört das, ich hör' das, das war Herbst, Nebel, kalt, dämmrig, und jetzt kommen richtig Stimmen, direkt von der Grenze. Was machst du nun? Direkt am Zaun? Da war für mich immer klar: Abhauen. Mit abhauen, geht gar nicht anders. Ehe du schießt, mit abhauen. War ich vielleicht auch die Ausnahme, muss ich sagen. Und da habe ich Postentrennung gemacht. Da hatte ich Schwein, der Posten war erst ganz frisch von der Ausbildung gekommen. Ich sagte, du bewegst dich nicht, du legst dich hier in den Dreck und wartest, bis ich wieder komme. Und dann bin ich vor, und da habe ich gesehen, das war der Bundesgrenzschutz. Die haben sich auf ihrer Seite über die Bundesliga unterhalten. Da konntest du jedes Wort verstehen. Da war ich natürlich froh, bin ich wieder zurück. Hab' gesagt, o.k., da war nichts, machen wir auch keine Meldung. Und fertig.

Und mit denen Kontakt aufzunehmen ...

... war streng verboten. Ganz klar.

Und dein "Fluchtversuch" ?

Da war ich Posten, und er war mein Postenführer. Wir waren bei Wohlmuthhausen, das war der letzte Posten unseres Grenzabschnittes, dort hatten wir Nachtschicht. Da wurde gerade der neue Zaun, der Streckmetallzaun, gebaut. Die alten Grenzanlagen mit Stacheldraht, die wurden weggenommen, dort wurden dann Betonpfähle eingegraben und der Streckmetallzaun befestigt. Und da war dann kurzfristig nichts, da war alles frei, da konntest du rübergehen. Dort waren auch keine Minen.

Das wusstest du?

Ja, da konntest du richtig rüber. Und der Thomas sagte zu mir, ich weiß, dass du abhauen willst. In dem Moment – ich sagte, ja, das stimmt. Ich hatte auch absolutes Vertrauen, und da sagte er, na, dann hau ab. Und ich sagte zu ihm, ja, da kommst du aber nach Schwedt. Klar. Und er meinte, es gibt nur eine Lösung, wie man nicht nach Schwedt kommt: Wenn du mir meine Kalaschnikow wegnimmst und du mir damit eine über den Schädel haust. Also, los, mach das. Da hat er mir seine Kalaschnikow gegeben, ich hab sie ihm nicht weggenommen. Da hat er sie mir gegeben [...] und hat seinen Kopf hingehalten und gesagt, schlag zu. Ich hab die Kalaschnikow auch hoch gehabt ... und hab dann gesagt, Thomas [...], ich kann nicht [...], ich kann nicht. Und er immer: Hau zu, hau zu. Ich sag, nee nee, es geht nicht ... – Und nach einer Weile haben wir dann abgebrochen, und da hat er dann gesagt, na ja, da kann ich's auch nicht ändern. Musst du halt wieder zurück mit mir in die Kompanie – so ungefähr ...

Es war ganz nahe dran, sozusagen. Hast du dir in dem Moment die Folgen für dich im Westen ausgemalt? Für ihn waren sie ja nicht so heikel, er hätte das ausgesagt, was ihr ausgemacht habt.

Nein, muss ich ehrlich sagen, hab' ich mir nicht überlegt. Also, ich wusste, dass ich im Westen wahrscheinlich straffrei davon kommen würde, aber dass ich Schwierigkeiten haben könnte ...

Du hättest ja nicht sagen können, es war ein abgekartetes Spiel, dann hättest du ihn ja belastet.

Das hätte ich niemals sagen können. [...] Und es war damals auch nicht bekannt, dass im Westen zum Beispiel auch der Bundesgrenzschutz von Stasileuten unterwandert war. Vielleicht nicht extrem viele ...

Das gab es sicher. – Aber das war ja nachts?

Das war um Mitternacht.

Also, beobachtet worden seid ihr sicher nicht, es war duster. Aber er hätte natürlich aussagen müssen, er wäre niedergeschlagen worden. Er hätte zwangsläufig gegen dich aussagen müssen, um sich zu retten. Was ja abgesprochen war.

Ja, genau. Also, wir beide sind dann ganz dicke Kumpel geworden. Wir waren zwar vorher schon befreundet, aber das hat natürlich fürs Leben verbunden. [...]

Und war dann für dich die Sache erledigt? Oder hast du noch weiter darüber nachgedacht?

Also, ich glaube, das war das letzte Mal. Ich habe mir eben gesagt, es sollte nicht sein, das war sozusagen die letzte Chance. Ich hab's dann aufgegeben.

Und die Sache mit den Dioden?

Das war so, dass ich im Urlaub war, und zwar zu Hause in Cunewalde. Da hab ich einen alten Grenzer getroffen, einen alten Bekannten. Der hat mich gefragt, ob wir noch dieses Grenzmeldenetz anzapfen über die Sprechgeräte. Da sagte er mir, die hätten früher diese Muschel aufgeschraubt [...], sie hätten damals in dieses Grenzmeldenetz eine Diode parallel geschaltet und hat mir das genau aufgezeichnet. Da habe ich mir dann [...] in Cunewalde 20 kleine Dioden gekauft. Die kosteten fast nichts. Die hab ich dann ausprobiert, als erster ...

Die musste man doch löten.

Da waren doch kleine Drähte dran, die konntest du drumwickeln um den Kontakt. Dann haben wir das reingesteckt, da waren wir ganz happy, da hatten wir dann unsere Unterhaltung, da haben wir dann die Nachrichten gehört, hauptsächlich kam, je nach Meldepunkt, dann der Deutschlandfunk. Es gab auch Punkte, wo wir DDR-Sender gehört haben. Das gab eben Abwechslung für den stupiden Dienst. Aber der Knaller war, der Führungspunkt hörte immer den jeweiligen Sender mit, verstehst du?

... aber wusste nicht, woher das kam.

Genau. Es waren zig Meldepunkte. Auf den 20 Kilometern gab es ja 50 oder 60. Und nur an einem hatten wir uns eingeklinkt.

Also die mussten ja wissen, das konnte nur von jemanden kommen ...

... nur von jemanden, der draußen ist.

Da müssten sie ja auch mal einen Spezialisten rangeholt haben, der das ortet?

Nein, das haben die nicht. Na ja, wer mit mir draußen war, die sagten dann, du bist unser Anführer. Nein, sagte ich, ich bin kein Anführer. Mir geht's hier ganz schlecht, wenn das rauskommt. Haltet bloß die Schnauze. Die hab ich alle vergattert. Na, wir hatten auch Schwein ... – Habe die Dioden ja an einige verteilt.

Hat also niemand verraten? [...] – Die Sprechgeräte brauchte man nicht abzugeben?

Die musste man abgeben.

Da musste man die Dioden immer wieder rausnehmen?

Richtig. Es kam aber vor, wenn wir eingerückt sind, da haben die gesagt: "Antreten!" Da wussten die alten Grenzer schon, da ist wieder einer mit 'ner Diode.

Demnach kannten die das Prinzip?

Ja, die alten kannten das, aber es war irgendwie in Vergessenheit geraten. Da mussten wir antreten, und alle Postenführer mussten ihre Muschel herausnehmen und aufschrauben. Nur, wir hatten die Dioden schon rausgenommen. Das sind ganz kleine Dinger, die hatte ich in einer Seitentasche. Später haben wir sie dann immer am Fuß eines Pfahls – da musste man ein wenig kratzen – versteckt. Da haben wir sie dann nicht mehr mit hereingenommen. Und das Pikante war, die im Führungsbunker, die mussten dann immer um Mitternacht das Deutschlandlied mithören. [...] Das war der Höhepunkt.

Das ist natürlich ein herrlicher Gag. [...]

Jetzt kommt noch eine schöne Geschichte, eine wahre Begebenheit mit großen Konsequenzen. Es war 1974 im Februar, das war mein letzter Ausgang. Die Geschichte spielt in Erbenhausen, in der Gaststätte. Unser Zug hatte Ausgang, wie immer feucht-fröhlich bis zur Oberkante mit Alkohol abgefüllt. [...] Die Soldaten saßen an einem Tisch und die Gefreiten am anderen. Wir waren Gefreite und hatten eben diesen Spaß. Da war ein Soldat, das war so ein Stasifritze. Die Soldaten kriegten untereinander Streit wegen banaler Sachen. Und da haben die den gemobbt, diesen Stasitypen, der war immer Außenseiter. Und der ist dann aus der Kneipe in die Kompanie gelaufen. Das war ein knapper Kilometer. Das war eigentlich untersagt. Man durfte eigentlich nicht allein gehen im Grenzgebiet. Da ist der in die Kompanie, und dort haben die gefragt, du hast doch Ausgang, warum kommst du allein. [...] Da hat der gesagt, wir hatten Streit, die mobben mich, und wenn das so weiter geht, dann hau' ich ab, oder so ähnlich. Das war das Schlimmste, was jemand androhen konnte. Daraufhin ist der Zug, der Bereitschaft hatte, mit dem Bereitschaftssoffizier zu uns in die Kneipe. – Wir waren alle happy. Und neben mir saß 'ne urige Type. Ein bissel einfältig, naiv, aber ganz ehrlich. Was wir über den gelacht haben. Ich glaube, der hat zum ersten Mal eine Freundin gehabt. Die saß bei dem auf dem Schoß, und die haben geknutscht. Der war im siebenten Himmel. Da kommt der Oberleutnant [...] rein und sagt: Musik aus, Ausgang gestrichen.

Vor den Anderen?

Ja, und die Rhönis: Was ist hier los? Und wir auch: Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen. Wir wussten ja nicht, dass die Streit hatten. Wir hatten das ja nicht mitgekriegt. Da ist der hochgegangen. Und der [Gefreite], der ließ sich nicht stören, der knutschte weiter. Und lallte herum. Das war dem Oberleutnant zu viel. Der ging zu dem [...], packte den an der Uniform, zog ihn hoch und schüttelte ihn durch. Und da bin ich dazwischen, [...] hab' ich den Oberleutnant [...] genauso angepackt an der Uniform und durchgeschüttelt. Der durfte niemanden anfassen, und ich durfte den gleich gar nicht anfassen. Hast du auf der Offiziersschule nicht gelernt, was sich gehört? Dass du keinen Soldaten anzufassen hast? Hast du's oder hast du's nicht? Der japste irgendwas, und dann hab ich dem einen Schubs gegeben, dass der stolpert und unter den Tisch fliegt. – Und die Rhönis: Freibier!!! Da gab's 'ne Runde Freibier. Der [Oberleutnant] stand auf, war vollkommen verdattert. Das hatte der überhaupt noch nicht erlebt. [...]

Das hätte ja böse ausgehen können!

Ja, ein schweres Vorkommnis. Der geht natürlich in die Kompanie, erzählt das. – Und wir alle Freibier, eine Runde nach der anderen. Nach 'ner halben oder einer Stunde kommt der Kompaniechef. Den haben sie aus dem Schlaf geholt. Der war stinksauer: Ausgang gestrichen! Und wir: Wir gehen nicht! Da haben wir uns alle hingesetzt, wie bei einer Sitzblockade. Da haben die uns – das waren Gleichgesinnte –, die haben uns auf'n Ello [einen Armeelastwagen des Typs LO] schmeißen müssen.

Da saßen wir alle auf dem Ello. Da haben wir nur gelacht, wir waren ja so besoffen. Der Offizier hat herumgebrüllt. Und dann auf einmal, ich weiß nicht, wer angefangen hat, einer sagte jedenfalls, los, wir ziehen jetzt die Uniformen aus. Es war Winter. Und dann Koppel ab, hinten rausgeschmissen. Dann Jacken, Hosen, alles hinten raus. Da sind wir in langen Unterhosen in der Kaserne angekommen. Und die: Was ist denn jetzt los? Die Uniformen, die Stiefel alles weg. Das lag alles auf dem Weg von der Kneipe im Schnee. Die armen Schweine, die uns geholt hatten, die mussten das alles wieder aufsammeln. Wir waren ja besoffen, wir konnten ja nicht. Und das war natürlich ein Verstoß ersten Ranges.

Am nächsten Tag durften wir nicht in den Grenzdienst, die hatten kein Vertrauen mehr. Sie hatten ja ständig Angst, dass jemand abhaut. Das hätte ja sein können. Wir mussten also Strafarbeit machen. Gleich frühmorgens Wecken, und wir dachten, es passiert irgendwas. Da war aber erst mal nichts. Das ging jedenfalls ganz nach oben. Nachts auch noch den Regimentskommandeur geweckt! – Also, wir mussten Strafarbeit machen, keinen Grenzdienst. Da mussten dann welche doppelten Grenzdienst machen. Das war natürlich Scheiße, auch für die Anderen. Das hatten wir nicht überlegt.

[...] Nachmittag war dann Appell: Der ganze Zug vortreten. Es werden strafversetzt, der, der und der. Und ich dachte natürlich, jetzt bin ich auch dran. Der [Gefreite] wurde versetzt, und ein anderer, der hatte ein Verhältnis mit einer hübschen Offiziersfrau, ausgerechnet mit der vom Politoffizier. Der ging immer zu ihr – das war ein hübscher Kerl, [...] ein feiner Kerl, der so ein bisschen über den Dingen stand. Die Frau war total frustriert. Die hat er mal angequatscht, einfach so ... Der war jedenfalls oft bei ihr, und das ist rausgekommen. Und den haben sie bei der Gelegenheit gleich mit entsorgt. Mir haben sie meine Jahresendprämien gestrichen, die Bergakademie informiert, aber ich durfte bleiben. Also, ich wurde nicht strafversetzt. Es wurden nur drei Mann strafversetzt.

Wie beurteilst du deine Armeezeit im Nachhinein? Was hat sie dir gegeben, was genommen?

Nun ja, die Armeezeit war die dunkelste Zeit in meinem Leben. Aber im Nachhinein möchte ich sie wiederum nicht missen, weil ich wertvolle Erfahrungen gemacht habe: zum einem, was das menschenfeindliche kommunistische System betrifft, zum anderen, was das Verhalten der Menschen in diesem System angeht. Es gab die Bornierten, die an die Überlegenheit des Sozialismus Glaubenden, die der kommunistischen Agitation aufgesessen waren. Dann die Mitläufer und die wenigen, die dem System mit Distanz gegenüberstanden. Die Zahl wuchs natürlich, wenn man den Widerspruch zwischen Idee und Praxis erlebte. Mir hat die Armeezeit die Augen über das kommunistische System geöffnet, vor allem weil Macht missbraucht wurde gegen Andersdenkende, die wie Verbrecher behandelt wurden.

Fussnoten

Freiberuflicher Regisseur und Autor, Berlin.