Jürgen Fuchs: "Ich feinde an, was über Leichen geht"
Marko Martin
/ 15 Minuten zu lesen
Link kopieren
In Gedenken an den DDR-Bürgerrechtler, Psychologen und Schriftsteller Jürgen Fuchs, der im Dezember 2025 75 Jahre alt geworden wäre, dokumentieren wir den Wortlaut einer Festrede, die am 16. Dezember 2025 im Thüringer Landtag gehalten wurde. Der Schriftsteller Marko Martin würdigt Fuchs darin als zeitlosen Widerstandskämpfer gegen Resignation, dem es wichtig war, auch unter Druck zu "sagen, was ist".
Als Jürgen Fuchs am 19. Dezember 1950 in Reichenbach/Vogtland geboren wurde, befanden sich gar nicht weit entfernt – in einem sowjetischen Geheimdienstgefängnis in Dresden – unter den zahlreichen dort Inhaftierten auch ein paar junge Leute, für die das Repressionssystem die Bezeichnung „staatsfeindliche Belter-Gruppe“ erfunden hatte. In Wirklichkeit handelte es sich bei diesem Freundeskreis um Studierende der Leipziger Universität, die im Oktober 1950 beim Verteilen von Flugblättern umstellt und verhaftet worden waren. Dabei war das, was sie auf friedliche Weise gefordert hatten, doch eigentlich das Normalste der Welt: freie, unabhängige Wahlen nicht nur in den Studentenausschüssen, sondern im ganzen Land – und keine Angst machende Dominanz mehr von FDJ und SED, keine „Einheitslisten“ und kein Kriminalisieren derer, die sich für demokratischen Ideenwettbewerb einsetzten.
Als Jürgen Fuchs, Anfang der siebziger Jahre Student der Sozialpsychologie an der Universität Jena, seine ersten machtkritischen Texte schrieb, die später Eingang fanden in sein Buch „Gedächtnisprotokolle“, waren die ostdeutschen Universitäten bereits seit Jahrzehnten gleichgeschaltet. Mehr noch: Die Erinnerung an die demokratisch Aufbegehrenden aus der Nachkriegsgeneration war inzwischen völlig getilgt. Nahezu allein und keine Widerstandsgeneration im Rücken, musste deshalb erneut begonnen werden, Zwang und Lüge zur Sprache zu bringen. DIESE ANGST/ Auf halber Zeile:/ Dass mein Stift/ Zerbricht/ Bevor alles gesagt/ Und/ Wer hört mich/ Wenn ich schweige.
Gewiss: Da war die christliche, ihm Mut machende Großmutter, da waren Wolf Biermann in Ostberlin und Robert Havemann in Grünheide, beide freilich schon seit Jahren mit Berufsverbot belegt. Da war im nahen Greiz der Dichter Reiner Kunze, doch auch er bereits marginalisiert und von der Staatssicherheit observiert – ebenso wie Jürgen Fuchs´ Jenenser Freundeskreis, kritische junge Menschen, die jedoch auf keinerlei maßgeblichen gesellschaftlichen Rückhalt hoffen konnten, nicht einmal unter ihren Kommilitonen, von den Lehrern und Professoren ganz zu schweigen.
Die Einsamkeit der allzu wenigen Aufbegehrenden und das Mitmachen der allzu Vielen, ihre Resignation, ihre mehr oder minder aktive Unterordnung. Und der Riss, der unter dem Druck und der Gewöhnung mitunter sogar in nächster Nähe aufbricht, etwa „an einem Montag gegen elf im Seminarraum dreiundzwanzig, wir sprachen vom `wissenschaftlichen Kommunismus´“, und jemand macht den Kotau, plappert das Geforderte ebenso willig wie unfroh nach. Und Jürgen Fuchs schreibt: „Es ist nicht die Öde der Zeitungen am Morgen, es sind nicht die leeren Losungen von Frieden und Freundschaft draußen auf den Straßen, nicht die quasselnden Redner und die komischen Staatsmänner, es sind die kleinen Lügen, die eines Tages gegen elf gelogen werden, und du sitzt im selben Raum, auf einem anderen Stuhl oder nicht.“
"Das Ende einer Feigheit"
Und nicht von einem Podest aus waren diese Sätze geschrieben, sondern im Wortsinn vom Nachbarstuhl, und der, der da beobachtete und notierte, hätte ja auch ganz einfach einer derjenigen sein können, der nur schaute und daraus die Schlussfolgerung zog, zur Problemvermeidung besser auch weiterhin zu schweigen und sich anzupassen. Tat er aber nicht. Und so sezieren dann späterhin auch seine beiden Armee-Bücher „Fassonschnitt“ und „Das Ende einer Feigheit“, 1984 und 1988 in Westberlin geschrieben, nicht nur die faschistoiden Unterordnungsriten in der NVA, sondern sondieren auf bohrende Weise auch diese fortwährende Verführbarkeit des Individuums, vielleicht ja doch mitzutun oder zumindest wegzusehen, über rassistische Spind-Witze zu lachen oder sie zu ignorieren, dem brutalen Drill durch Feldwebel und der aufputschenden Politschulung vielleicht ja doch noch „dialektisch“ irgendein höheres Ziel zu ergrübeln.
Das ist mehr als lediglich Dokumentarprosa, ist stream of consciousness und Gewissensprüfung mit Thriller-Elementen – und was für ein Versagen des inzwischen gesamtdeutschen Literaturbetriebs, dass diese zwei so eminent wichtigen Bücher längst nur noch antiquarisch erhältlich sind und eben kein Teil des kulturellen Gedächtnisses dieses Landes.
In jenen Jahren im Westen entdeckte Jürgen Fuchs auch die große und verdrängte, halbvergessene Tradition säkular-jüdischer antitotalitärer Emigranten und Intellektueller aus dem Umkreis der Zeitschrift „Der Monat“. Er schloss in Paris Freundschaft mit dem 1905 in Galizien geborenen Schriftsteller und Individualpsychologen Manés Sperber, traf in Tübingen den greisen und gleichzeitig so hellwachen New York-Heimkehrer Hans Sahl – und fand sich dann nicht nur in Sahls Romantitel „Die Wenigen und die Vielen“ gleichsam wieder, sondern zitierte, als wirksames Antidot zu jeglicher Selbstgerechtigkeit, auch immer wieder diese zwei Sperber-Sätze: Auch wer gegen den Strom schwimmt, schwimmt im Strom. Wir alle sind partiell im Unrecht.
Das Vermächtnis der Stalin-Opfer Herbert Belter und Isaak Babel
Noch einmal zurück zu jenen Leipziger Studenten, die dann in den ersten Lebensmonaten von Jürgen Fuchs der sowjetischen Militäradministration überstellt worden waren, zu je 25 Jahren Lagerhaft im arktis-nahen Workuta verurteilt und anschließend in Stalins Sowjetunion verschleppt. Herbert Belter jedoch, den die Stasi als „Kopf der Gruppe“ ausgemacht hatte, weil er von Westberlin-Besuchen häufig auch Exemplare und Dünndruckausgaben eben jener antitotalitären Zeitschrift „Der Monat“ mitgebracht wurde – Herbert Belter wurde am April 1951 in Moskau erschossen. Sein Mörder Wassili Blochin hatte bereits Jahre zuvor im Umfeld des Massakers von Katyn Hunderte polnischer Kriegsgefangener exekutiert. Und war 1940 auch der Mörder des Schriftstellers Isaak Babel. Jenes Isaak Babel, den später Jürgen Fuchs in einem seiner Gedichte geradezu verzweifelt anrufen wird als verstummte Stimme. Das ist dann schon lange nach seiner Kindheit und Jugend, nach dem als traumatisch erlebten Armeedienst, nach dem Studium in Jena, nach der aus politischen Gründen verfügten Zwangsexmatrikulation, die ihn ebenso trifft wie seine Frau Lilo. Und nach den langen Monaten der Stasihaft in Berlin-Hohenschönhausen, nach der erzwungenen Ausreise 1977 nach Westberlin.
Wie viele Jahre da bereits seit seiner Geburt vergangen waren, wie viele Hoffnungen und Enttäuschungen es gegeben hatte, Pläne und Brüche, wie viel niedergekämpfte und überwundene Ängste. Und welches Bewusstsein Jürgen Fuchs besaß für die schreckliche Kontinuität der Unrechtsregime und von Strukturen, deren einziger, über die Jahrzehnte hinweg erprobter und immer ausgefeilterer Sinn darin bestand, Menschen klein zu halten und klein zu machen und im Fall ihres Widerstehens „Zersetzungsmaßnahmen“ einzuleiten - oder sogleich schießen und totschlagen zu lassen, in Moskauer Kellern und sowjetischen Lagern, auf den Straßen von Ostberlin, in Poznan, Budapest, Prag, Gdansk und Warschau, an der Berliner Mauer oder an der innerdeutschen Grenze. Und wie dieses monströse System, das ja nicht allein Herbert Belter und Isaak Babel auf dem Gewissen hatte, sondern Millionen Menschenleben, bösartig weiter wucherte – im Osten, doch auch in so manchen Köpfen im Westen.
"Was soll ich nur tun?"
Und Jürgen Fuchs schrieb, mit einem geradezu siebten Sinn für Zusammenhänge zwischen Gestern und Heute, für Verknüpfungen und Konsequenzen: ANNA ACHMATOWA, WAS/ Soll ich tun// Wieder/ Fangen sie an/ Den Mörder zu verherrlichen/ Ihre Zeitungen drucken lange Artikel/ Sie nennen ihn einen „Staatsmann“/ Einen „führenden Funktionär“/ Gestern sah ich/ Seine herrischen Augen auf einem Plakat/ Laut/ Und belehrend/ Sprechen sie von „Frieden“ und „Sozialismus“/ Als ob nichts geschehen wäre// Ossip Mandelstam, Jewgenia Ginsburg/ Isaak Babel/ Was soll ich nur tun?
Was soll ich nur tun? Wie gegenwärtig klingt doch Jürgen Fuchs´ Frage. Angesichts des massenmörderischen russländischen Eroberungskrieges, der Gräueltaten und tagnächtlichen Angriffe auf die Ukraine. Angesichts all der Stalin-Bilder auf orchestrierten Moskauer Demonstrationen und in den auf Linie gebrachten Schul- und Ausbildungsbüchern, angesichts der Statuen, Denkmäler und Metro-Reliefs, die ganz offensiv dem Schlächter huldigen. Was soll ich nur tun – angesichts auch der dummdreisten Kaltschnäuzigkeit eines Vertreters der hiesigen Rechtsextremen, der zu bester Sendezeit ein „Mir hat Putin nichts getan“ in die TV-Kamera blafft. Oder angesichts der vergleichbar forschen Seelenkälte anderer prominenter Talkshowgäste, männlich wie weiblich, die sich „eher links“ verorten und doch - und dies nicht einmal verschämt verklausuliert - die ultranationalistischen, chauvinistischen Geschichtslügen des Kreml unters heimische Publikum bringen und dabei wieder einmal den Begriff des „Friedens“ umfälschen in die Forderung an die Opfer der Aggression, endlich klein bei zu geben und die Verteidigungswaffen aus den Händen zu legen. Genau wie es ihr Stichwortgeber im Kreml möchte, der einstige KGB-Offizier und Verbindungsmann zur Staatssicherheit in Dresden.
"Sagen, was ist"
Sagen, was ist. Ein anderer Satz von Jürgen Fuchs, quasi die selbstermutigende Entgegnung auf Was soll ich nur tun. Kein Zweifel, Jürgen Fuchs, der in seiner publizistischen Prosa der neunziger Jahre die alerten Schönredner und Relativierer von Diktaturen immer wieder persönlich angesprochen hatte - „Herr Gysi, Herr Modrow, Herr Diestel“ -, um sie damit auf denkbar zivilisierte Weise zu stellen, sie an ihren Wortdrechseleien zu messen und auf dreist verschwiegene Tatsachen hinzuweisen – Jürgen Fuchs hätte heutige demagogische Bundespolitiker diverser Parteien wie auch so manch hetzerische Abgeordnete in den Ländern gewiss ebenso konkret benannt. (Dass ich es mir hier versage, hat dagegen mit ästhetischen Gründen zu tun – ich möchte die rotbraunen Nachfahren derer, die Wolf Biermann einst spöttisch mit „Im Neuen Deutschland finde ich tagtäglich eure Fressen“ besang, jetzt nicht auch noch in einem Text herumhampeln sehen, der sich ein paar Gedanken macht über das Andenken an Jürgen Fuchs sowie, und dies vor allem, über die fortgesetzte Aktualität dieses Autors und seines Schreibens.)
Wiewohl – nur kein allzu hoher Ton. Ich bin Jürgen Fuchs zum ersten Mal im September 1989 begegnet, auf einem Schriftstellertreffen in Norddeutschland; vier Monate nach meiner Ausreise aus der DDR als Kriegsdiensttotalverweigerer. Er wurde bald zu einem Freund, zu einem stets verlässlichen Rat- und Ideengeber. War dabei nie ein abgehobener Guru, sondern einer, der ermutigte zum permanenten Prüfen des Gesagten und Geschriebenen, nicht zuletzt auch zum reflektierten Widersprechen. Diejenigen, die ebenfalls das immense Glück hatten, ihm begegnet zu sein, werden sich gewiss an die helle, klare Stimme erinnern, mit der er sprach oder aus seinen Büchern las; präzis und auch suggestiv, doch niemals manipulierend, sich nie in abstrahierender Anklage-Rhetorik verlierend, immer aufs Konkrete, aufs Humane bedacht.
Zu oft auf die Rolle eines DDR-Bürgerrechtlers reduziert
Übrigens war er auch keineswegs der stets leidende „DDR-Bürgerrechtler“, als den ihn manche bis heute reduzierend beschreiben, entweder mit Häme oder in jener seltsamen Betulichkeit, die offenbar so ganz und gar nichts wissen will von der subversiven wie sublimen Genauigkeit des Romanautors, des Dichters, Dramatikers und Essayisten. Dabei war für Jürgen Fuchs, geprägt von den Gedichten Johannes Bobrowskis und der poetischen Stringenz seiner polnischen Freunde Adam Zagajewski, Stanislaw Baranczak und Ryszard Krynicki, Sprache niemals ein Transportmittel für hehre Botschaften, sondern ein Wert an sich. Weshalb sie bewahrt und abgeklopft werden musste in ihrem ambivalenten Charakter, in ihren Möglichkeiten zu Präzision und Sanftheit ebenso wie in der stets lauernden Gefahr des wortreich nebulösen Verantwortlichkeit-Verwischens oder gar ihrer Zurichtung zum Befehle-Geben und Einschüchtern.
Dabei war ihm, dem fordernden Menschenfreund, Larmoyanz durchaus fremd. Sein ermutigendes Lachen, sein „Na komm, Mensch, die Grenzen sind offen, was wollen wir mehr...“ Natürlich aber wollte er mehr. Mithelfen, die verbliebenen Grenzen zu schleifen, die Akten-Hinterlassenschaften der Stasi öffentlich zugänglich machen, die Verwüstungen in den Seelen beschreiben, auf die Verbindungslinien zwischen hartleibiger DDR-Nostalgie und mörderischem Rechtsextremismus und Xenophobie zielen, das ganze ungute Konglomerat aus Diktatur-Rechtfertigung, Schweigen, Jammern, Herumdrucksen, Relativieren und neuer menschenfeindlicher Forschheit umkreisen und kenntlich machen, andere Menschen zu überzeugen versuchen und sie ermutigen, Brüche wahrzunehmen und auch anzunehmen.
Was für Herkulesaufgaben, denen sich Jürgen Fuchs in der ihm verbleibenden Zeit nach dem Mauerfall unterzog, trotz des ominösen Blutkrebs, der dann Ende der neunziger Jahre bei ihm ausbrach, wie auch bei anderen, die Mitte der siebziger Jahre ebenfalls in politischer Haft gesessen hatten. Indizien über Bestrahlungs-Projekte der Stasi, jedoch keine gerichtsfesten Beweise – und ohnehin: Sich selbst ernst zu nehmen und das, was einem geschah und wie man sich widersetzte, bedeutete ja gerade nicht, auf sich selbst bezogen zu bleiben, sondern alle Sinne auf Empfang zu halten.
Anhaltender Hass
Auch deshalb hätte es ihn wohl kaum überrascht, dass der Hass innerhalb der Partei seiner einstigen Peiniger, die sich nun mit beträchtlicher Anmaßung die Bezeichnung des zuvor so rabiat bekämpften „demokratischen Sozialismus“ angeeignet hatte, sogar nach seinem frühen Tod im Mai 1999 nicht erloschen war. Wie hatten sie dagegen agitiert, dass der Platz vor dem thüringischen Landtag nach Jürgen Fuchs benannt wird! Noch lange Zeit danach verwendete die damalige Fraktion in ihrem Briefkopf die alte Adresse, im geradezu wortmagischen Selbstzwang, den Aufklärer nicht einmal mit seinem Namen nennen zu müssen.
Wäre Jürgen Fuchs heute noch unter uns, er würde wahrscheinlich lachen – und etwaige inzwischen stattgefundene Erkenntnisprozesse begrüßen. Diese freilich nicht zuvorderst in eigener Sache, sondern mit Blick auf jenes individuelle Verhalten, das in die Gesellschaft hinein spiegelt, im Guten wie im Schlechten. Außerdem wären da etwa die Älteren zu fragen, ob deren seit 1990 derart wehleidig-aggressiv vorgetragenes ostdeutsches Opfernarrativ, in dem jegliche persönliche Verantwortlichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwischt wurde, nicht ebenfalls zum Siegeszug der extremen Rechten beigetragen hatte - können diese, verstärkt mit Rassismus, doch nun die Früchte solch jahrzehntelang gezüchteter Ressentiments ernten.
Und die Jüngeren, die sich ehrlich und beeindruckend aktiv gegen den braunen Extremismus stellen, sie wären zu fragen: Wie haltet ihr´s mit den Lebenslügen der einstigen Täter, die ja noch immer unter uns sind, sind euch Hammer & Sichel tatsächlich nur vermeintlich progressives Mode-Accessoire und nicht die Symbole eines Systems, das doch ebenfalls Millionen Menschenleben auf dem Gewissen hat? Und bedeutet „Antifaschismus“ tatsächlich, der von Putin tödlich angegriffenen Ukraine und deren Zivilgesellschaft ausgerechnet die Lieferung von Verteidigungswaffen zu verwehren – eine todbringende Entsolidarisierung, wie sie als Forderung ja auch von rechtsaußen erhoben wird? Verlieren wir uns mit solchen Fragen womöglich im Spekulativen? Ich glaube nicht. Denn nicht nur, dass Jürgen Fuchs zeitlebens allergisch war gegen das Weihevolle und Sterile eines Historisierens und darin auch den durchsichtigen Versuch des Auslagerns und eilfertigen Zu-den-Akten-Legens erspürte: Seine eigenen Texte zeugen doch von der frappierenden Gegenwärtigkeit seines Beobachtens und Schreibens. Jenes Ausgeliefertsein in Zellen und Verhörräumen, von denen Jürgen Fuchs in seinen nach Stasihaft und Abschiebung veröffentlichten „Vernehmungsprotokollen“ berichtet (und dessen herrische Fragen und die um Widerstehen ringenden Antworten er bereits im Gefängnis heimlich memoriert hatte, mit seinem Zeigefinger über die Tischplatte und Wände fahrend) – es ist ja nicht vergangen, sondern weiterhin Realität. In den russländischen „Filtrationslagern“ in der besetzten Ukraine. In den Miliz- und FSB-Räumen und Gerichtssälen des Riesenreichs, in denen man Kriegsgegnern Angst macht, sie verprügelt und zu langen Jahren Lagerhaft verurteilt, die nicht selten tödlich enden. In all den Kerkern, in denen weltweit Menschen geschunden werden.
"Eine Internationale der Einäugigen"
Engagiert bei der Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung und in zahlreichen Solidaritätsaktionen für Verfolgte im damaligen Ostblock, in den rechtsdiktatorisch beherrschten Ländern Lateinamerikas oder im Apartheid-Südafrika, hatte Jürgen Fuchs stets ganz konkret auf der Universalität der Menschenrechte bestanden. Mit einem Satz, den sein väterlicher Freund, der Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Ralph Giordano geprägt hatte, war Fuchs jeglicher „Ja, aber“-Relativiererei entgegengetreten: „Es gibt eine Internationale der Einäugigen, die in einem Teil der Welt das kritisiert, was sie in einem anderen Teil der Welt rechtfertigt.“ Deshalb keinerlei Rechtfertigungen für das Inhumane, schon gar nicht für jene, die sich auf vermeintlich höhere Absichten oder “geschichtliche Notwendigkeiten“ berufen: „Nie wieder sollen Menschen herabgewürdigt werden als Mittel zum Zweck. Ich feinde an, was über Leichen geht.“
Auch in solchen Sätzen ist eine existentielle Dringlichkeit, wie man sie sonst bei üblichen Intellektuellen-Statements, selbst bei denen der apokalyptisch gepolten „Mahner und Warner“, kaum je findet. Das kam daher, weil Jürgen Fuchs es nie beim lediglich Appellativen beließ. Als er 1981 auf Einladung von Heinrich Böll und Robert Jungk auf der späterhin berühmt gewordenen Bonner Hofgarten-Demonstration sprach, ließ er es folglich nicht bei einer generalisierenden Friedens- und Abrüstungsrhetorik bewenden, sondern erinnerte zuvorderst an die Opfer der Militärdiktaturen in Lateinamerika und in der Türkei, an die inhaftierten Solidarnosc-Aktivisten in General Jaruzelskis Kriegszustands-Polen, an die Militarisierung in den DDR-Schulen und an die in Thüringen, Sachsen und Ostberlin bedrängten jungen Oppositionellen.
Auch das war typisch für Jugend Fuchs: Diese Kontinuität der Aufmerksamkeit - und die wache Skepsis, sobald - in direktem Auftrag der Täter oder just aus Indifferenz - dekretiert wurde, dies oder jenes beträfe „uns“ doch gar nicht, sei viel zu weit weg, zu lange her oder angeblich „inzwischen nebensächlich geworden“. Sein lebenslanger Einspruch gegen solch aggressives Verschweigen und Wegsehen, das Insistieren auf Rede und Gegenrede – was könnte aktueller sein? Im Frühjahr 1992 schreibt er: „Die wahrhaftige Erinnerung ist milde, sie vergisst nicht den kleinen Mut, sie bemerkt noch das unwillkürliche Zucken der Augen, der Seele, wenn Unrecht geschah, das nicht verhindert wurde. Nur dieser harte, unduldsame deutsche Blick soll jetzt endlich seine Macht verlieren!“
Nachdem in Hoyerswerda ein städtischer Mob durch die Straßen gezogen war und die ortsansässigen Vietnamesen verjagt hatte – was der spätere Büchner-Preisträger Volker Braun damals in einem Gedicht als eine Art Ost-Rache für angebliche westliche Arroganz interpretierte –, da schrieb Jürgen Fuchs: „Diejenigen, die die Blauhemden auszogen in Hoyerswerda, müssen jetzt nicht braune anziehen und widerliche Sprüche klopfen. Auch ihre Militärstiefel könnten sie ausziehen. Nie wieder Gleichschritt, nie wieder militärisch-rasierte Köpfe, `nie mehr antreten auf einen Pfiff hin´.“
Auch dieses von ihm oft zitierte Wolfgang-Borchert-Wort ist beunruhigend gegenwärtig geblieben. Auch wenn die herrischen Pfiffe zum homogenen Sammeln seit 1989/90 nicht mehr staatlicherseits ertönen, sondern in privatem Rahmen, der sich freilich längst ausgeweitet hat auf Straßenumzüge, auf Bier- und Bratwurstfeste oder auf Simson-Moped-Festivals, auf denen dann auch gern westdeutsche Faschisten herumkurven, bejubelt von allerlei kurzrasiertem Jungvolk, das „Ost-Ost-Ostdeutschland!“ brüllt. Aus welchen Echokammern speist sich so etwas (auch)?
Das zerquälte Schweigen/ Am Abendbrottisch, wenn ich fragte/ Wieso nichts gewusst, heißt es in einem der Prosagedichte aus dem Band „Pappkameraden“ aus dem Jahr 1981, in dem Jürgen Fuchs in zahlreichen Gedanken-Assoziationen noch einmal zurückkehrt an seinen Geburtsort Reichenbach. Tristesse, Schimpfen über „Polacken“ als Travestie freier Rede, rote Banner und alte LTI-Sprache. Ein Sich-Abfinden auch mit den gegenwärtigen Zuständen, denn „der kleine Mann“ hat natürlich niemals Schuld. Dazu Spott über einen, der während der Nazizeit zwangssterilisiert worden war, ein oder auch mehrere Bier zum Feierabend und frühmorgens wieder raus zur Arbeit. Wo dann ein Schuljunge all diese Männer und Frauen und die in die Krippe und zum Kindergarten zu transportierenden Kleinen anschaut und fragt: Wer kam mir da entgegen auf dem Weg zum Unterricht/ Mit solchen Gesichtern/ Und solchen Augen/ Und solcher Hast?
Fragen, die auch heute wieder zu stellen wären. An Eltern und ihre Kinder, nicht zuletzt auch an die Lehrer in den Schulen. Da es dort – glücklicherweise! - doch ganz bestimmt nicht nur einen, nicht nur eine gibt, die vergleichbar ist mit Jürgen Fuchs´ einstigem Deutschlehrer Gerhard Hieke aus Zwickau. Dessen DDR-Pädagogenkarriere ein Auf und Ab war: inspirierende Literaturvermittlung, Freiräume eröffnen, Anpassen und Widerstehen, Parteisekretär und Parteiausschluss – vor allem aber nach 1989 der Wunsch, zu sprechen, sich und andere zu befragen. Und so entstand dann das wunderbar ehrliche Gesprächsbuch „Dumm geschult? Ein Schüler und sein Lehrer“. Der Schüler Fuchs aber war inzwischen nicht nur ein bekannter Schriftsteller geworden.
Zeitloser Widerstand gegen Resignation
Auch sprach er nicht lediglich über die Zeit im Gefängnis, sondern erzählte Gerhard Hieke ebenso von Westberlin, wo er und seine Frau Lilo seit Jahren in einem Sozialprojekt arbeiteten, das sich der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund widmete. Das war mehr als nur ein „Brotberuf“, stattdessen ein tagtäglicher Einspruch gegen Resignation, Rassismus und Ausgrenzung, jedoch ebenso gegen migrantische Binnengewalt, gegen jegliches Klein-Machen. Ehemaliger Lehrer und ehemaliger Schüler sprachen da also über Erfahrungen, lange bevor sie quasi gesamtdeutsch wurden. „Ich bin für eine Schule, in der eine Haltung weitergegeben wird, die es nicht fertigbringt, den Mitmenschen zu ignorieren. Oder den mit der Brille oder die mit den gekräuselten Haaren fertigzumachen.“
Als Jürgen Fuchs im Mai 1999 starb, gab es dann am Grab nicht allein die berührenden Reden von Wolf Biermann und Ralph Giordano, war da nicht nur der von Vacláv Havel aus Prag gesandte Trauerkranz. Da standen ja auch jene inzwischen zu Erwachsenen gewordenen Kids aus dem Sozialprojekt, dazu die Oppositionsfreunde aus nah und fern. Hielten einander an den Händen und kämpften ihre Tränen nieder. Ein Bild, das für immer im Gedächtnis bleibt. Weil eine solche Erinnerung ja auch eine Ermutigung für heute sein kann, eine Herausforderung und fortdauernde Aufgabe - ganz im Sinne von Manés Sperbers Satz, der für Jürgen Fuchs so immens prägend war:
„Es ist nicht so sehr der unbrechbare Wille zur Hoffnung als die kategorische Zurückweisung der Mutlosigkeit, somit ein Widerstand gegen die Resignation, der mein Schreiben bestimmt.“
Zitierweise: Marko Martin, "Jürgen Fuchs: "Ich feinde an, was über Leichen geht", in: Deutschland Archiv, 06.01.2026. Link: www.bpb.de/574196. Der Beitrag wurde in gekürzter Fassung vorgetragen als Festvortrag bei einer Feierstunde für Jürgen Fuchs im Externer Link: Landtag Thüringens am 16.12.2025. Alle Beiträge im Deutschlandarchiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte.
Der Schriftsteller Marko Martin verließ im Mai 1989 als Kriegsdiensttotalverweigerer die DDR und lebt, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. Neben literarischen Tagebüchern zu Tel Aviv, Hongkong, Kuba und Südafrika erschienen in der Anderen Bibliothek zwei Erzählbände sowie der Porträtband „Dissidentisches Denken“. Zuletzt erschienen „`Brauchen wir Ketzer?` Stimmen gegen die Macht“ (Arco Verlag Wien) sowie die Essaybände „Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober“ und „Freiheitsaufgaben“ (2025 im Berliner Tropen Verlag). Für sein literarisches Werk wurde er 2025 mit dem Reiner-Kunze-Preis und dem Ovid-Preis ausgezeichnet, im Januar 2026 mit dem Werner-Schulz-Preis.