Es gab eine Zeit, und sie ist noch gar nicht so lange her, da genoss ein Prager Gemüsehändler mitunter auch im Westen Deutschlands eine gewisse Popularität – zumindest, wenn es um den Osten ging. Kaum ein Redner, historisch einigermaßen beschlagener Journalist oder eine gut vorbereitete Moderatorin, in deren Beiträgen jener namenlos bleibende Mann fehlte, der seine Ladenfenster-Auslage mit einer Plakat-Losung drapiert hatte. Und da jene Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ lautete und es in der Auslage grau und mau aussah, ohne jegliche leuchtende Früchte des Südens, musste sich folglich das Geschehen in einer Vergangenheit abgespielt haben, die mit einem „glücklicherweise längst vergangen“ abgehakt werden konnte.
Abgeklärt-milde wurde darüber informiert, dass die Entscheidung des Mannes, das offensichtlich absurde Parteiplakat aufzustellen, keineswegs läppisch gewesen war, sondern als verinnerlichtes Unterordnungs-Ritual für die Fortdauer eines totalitären oder spät-totalitären Regimes geradezu unverzichtbar – eines Regimes indessen, das seit 1989 in Ostmitteleuropa längst Geschichte sei, weshalb nun auch „neue Herausforderungen auf uns warten“.
Immerhin: In der kursorischen Nachzeichnung einer Jahrhunderterfahrung wurde auch des Autors dieser Beschreibung gedacht – Václav Havel. Mitunter fand sogar Erwähnung, dass die Szene aus einem Buch mit dem Titel „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ stammte, welches Havel bereits 1978 geschrieben hatte - nach beziehungsweise vor den zahlreichen Gefängnisstrafen, zu denen ihn das Prager KP-Regime regelmäßig verurteilt hatte.
Kaum ein Wort hingegen zur Tatsache, dass einst bei Erscheinen der deutschen Übersetzung dieses Essays im Hamburger Rowohlt Verlag sich nur ganz wenige im Westen für eine solche Diktatur-Offenlegung interessiert hatten, dass die präzise Analyse von Alltag und Repression, Macht und Manipulation, von willfähriger oder erzwungener Massen-Kollaboration eben keinen Eingang in Universitätsseminare gefunden hatte, in denen sie für zukünftige Lehrende und damit Multiplikatoren doch so immens wichtig gewesen wäre – als notwendige Ergänzung zu den Texten der Frankfurter Schule, zu den erhellenden Studien über den (rechts-)autoritären Charakter.
Der tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel winkt vor einer jubelnden Menge in Prag. (© AP)
Der tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel winkt vor einer jubelnden Menge in Prag. (© AP)
Aber nun gut, Havel also hieß der Mann, nach der friedlichen Revolution von 1989 war er sogar Präsident geworden - und nach seinem Tod 2011 zu einer Art National-Label, abgebildet auf Kalendern/T-Shirts/Kaffeetassen in den inzwischen prall gefüllten Fenster-Auslagen Prager Touristenshops, zusammen mit Franz Kafka, dem braven Soldaten Schwejk und dem stets machtnahen Säuselsänger Karel Gott. Ein vorgebliches Erinnern gibt es, das sich erschöpft in possierlich handzahmer Anekdoten-Erzählerei, in einem halb-schlauen All-Erklärer-Duktus und einem Resümee, wie es banaler nicht sein könnte: Gestern ist gestern, heute ist heute – mit, dies nicht zu vergessen, „gänzlich neuen Herausforderungen“.
Freilich hat solches Plappern auch häufig einen Stich ins Infame: Ostmitteleuropäische Dissidenten-Erfahrungen – gut und schön, aber sind die Zeiten nicht längst darüber hinweggegangen?
Noch immer unbekannt: Herbert Belter
Der am 9. November 2022 verstorbene DDR-Bürgerrechtler und Europaparlamentarier
Oder sie wurden in Moskau erschossen, und Werner Schulz kannte ihre Namen und nannte sie: Herbert Belter, Heinz Eisfeld, Gerhard Rybka und Axel Schroeder. Nannte ihre Namen und bedauerte, dass diese im kollektiven Gedächtnis des Landes noch immer keinen Platz gefunden hatten – so wie sie auch vor ´89 noch nicht einmal den jungen DDR-Oppositionellen der siebziger und achtziger Jahre bekannt gewesen seien. Auch später, als Grünen-Abgeordneter des Europaparlaments, wurde Werner Schulz nicht müde, mutige Einzelne wie Anna Politkowskaja, Boris Nemzow und Pussy Riot, aber auch zahlreiche andere, weniger Prominente in den Fokus zu rücken und schon frühzeitig und hellsichtig zu analysieren, was in Russland geschah – einst und jetzt.
Dieses „Wir wissen, wie´s läuft“
Das Insistieren, dass auch vom Schicksal dieser Menschen der Frieden und die Stabilität in Europa abhängen, wurde nachsichtig belächelt – und längst sehen wir, wohin uns dieses „Wir wissen, wie´s läuft“ der Herren der Hinterzimmer, der „alten Fahrensleute der Diplomatie“, wohin uns diese Phalanx aus Lobbyisten, Kollaborateuren, Schönrednern und Sandkastenstrategen gebracht hat. Kein Grund also, sich von ihnen und deren medialen Lautsprechern auch nur in irgendeiner Weise einschüchtern und in die argumentative Defensive drängen zu lassen. Das Beharren auf Menschenrechten ist Realpolitik, Punkt.
Und „feministische Außenpolitik“, wie auch immer gegenwärtig darüber gehöhnt werden mag, ist ebenfalls ultra-realistisch: Wer Frauen unterdrückt, unterdrückt ganze Gesellschaften und setzt dann geradezu zwangsläufig grenzüberschreitende Aggression in Gang: Stichwort Iran und dessen machistisch-faschistoide Proxies Hamas und Hisbollah. Oder siehe Russland, wo nicht zufällig jenem von der Duma eilfertig abgesegneten Gesetz zur weitgehenden Dekriminalisierung häuslicher Gewalt nur wenig später, am 24. Februar 2022, die Vollinvasion in die Ukraine folgte.
Und was das Erinnern und Aufarbeiten betrifft, auf dessen politische Relevanz Werner Schulz immer wieder hingewiesen hat: Die Handschellen, mit denen die Moskauer Miliz im Oktober 2021 die Türen zum Büro von
So wie es in seinem Buch „Die Rückseite des Krieges“ der 1987 geborene ukrainische Schriftsteller Andriy Lyubka tut, in welchem er unter anderem an den Dichter Wolodymyr Wakulenko erinnert, der sein Tagebuch und seine Gedichte unter einem Kirschbaum in seinem Garten vergraben hatte - kurz vor seiner Ermordung im März 2022 durch die russländischen Besatzer. Nach der Befreiung des Gebietes durch die ukrainische Armee wurden die Texte von der Schriftstellerin Victoria Amelina aufgefunden und als Buch herausgegeben. Victoria Amelina, die dann im Sommer 2023 einem russischen Raketenangriff zum Opfer fiel. Und Andriy Lyubka, der uns all dies in seinem Buch mitteilt, sammelt seit Jahren Spenden für Jeeps, die hinter den Frontlinien Material und Soldaten transportieren. Er sammelt Spenden und fährt die Wagen dann in Eigenregie von seinem Wohnort in den Karpaten über tausend Kilometer hinüber in den umkämpften Osten des Landes.
Von "Dekoder" bis "Monitor Luftkrieg"
Wie viele Möglichkeiten es gibt! Vereine, Initiativen und immer wieder Einzelne, die nicht vereinzelt bleiben. Zum Beispiel Ina Rumiantseva, die Preisträgerin vom letzten Jahr, die bis heute nicht nachlässt, an die Namen derer zu erinnern, die nach wie vor in Diktator Lukaschenkas Kerkern und Straflagern leiden. Wie Ingo Petz und die Internetplattform Dekoder, die alles versuchen, damit die Zustände in Belarus nicht in Vergessenheit geraten. Oder wie Katharina Raabe und Kateryna Mishchenko im Suhrkamp Verlag den Stimmen aus der Ukraine Gehör verschaffen. Wie die Kleinverlage Mauke in Weimar und edition.fotoTAPETA in Berlin gegen alle Widrigkeiten des Marktes relevante Bücher aus Osteuropa zu uns bringen. Wie mein Schulfreund Marcus Welsch im „Monitor Luftkrieg“ detailliert recherchiert, auf welche Weise tagtäglich Russland angreift und welche Verteidigungssysteme die Ukraine jetzt benötigt. Oder Christoph Brumme, der detailliert aus Poltawa berichtet und ebenfalls unermüdlich lebensrettende Spenden sammelt. Oder Friederike Freier, die in Ostdeutschland ein Netz aufbaut, um den Freiheitskampf in der Ukraine mit der hiesigen Verteidigung gegen die hiesigen Menschenverächter zu verknüpfen.
Dazu so viele, die hier Geflüchteten aus Ost und Süd beistehen und bei Angriffen aus Reihen der AfD und Neonazi-Trupps nicht klein beigeben – etwas, das besonders in der Provinz mit großem persönlichen Risiko verbunden ist. Nicht wenige von ihnen sind übrigens „89er“, hinzu kommen nun ihre Kinder, mitunter sogar schon die Enkel – auch das ist Kontinuität. Vergessen wir dies also nicht, sondern schöpfen Kraft daraus, ganz im Sinne Hannah Arendts, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihrem alten Lehrer Karl Jaspers schrieb, dass wir „der Verführung zur Verzweiflung oder Menschenverachtung nicht nachgeben“ dürfen, schließlich gebe es noch „verhältnismäßig viele Noahs, die auf den Weltmeeren herumschwimmen und versuchen, ihre Archen so nah wie möglich aneinander heranzusteuern“.
„Tja, kannste halt nüscht machen“
Die Anerkenntnis dessen kann überdies auch vor jenem sich selbst paralysierenden Gerede bewahren, das angesichts der von Tätern und Mitläufern verbreiteten Schrecken gewöhnlich mit einem unangemessen naiven „Wer hätte das gedacht?“ beginnt, mit einem ahistorischen „So schlimm war es noch nie“ fortfährt und im schlimmsten Fall endet bei einem defätistischen „Tja, kannste halt nüscht machen“. In diesem Falle bliebe dann tatsächlich nichts anderes, als beim ewigen Gemüsehändler vorstellig zu werden, um die faden Früchte des Defätismus einzusacken.
Doch Moment: War nicht nach ´89 erzählt worden, Havels reale Gleichnisfigur habe sich ob „anderer Herausforderungen“ für immer aus der Geschichte verabschiedet? Können sich nicht viele, angesichts der alles andere als harmonisch verlaufenen ostmitteleuropäischen Transformationsprozesse, angesichts auch der blutigen Jugoslawienkriege, bis heute gar nicht einkriegen vor Gratis-Spott über Francis Fukuyamas in der Tat unsinnige These vom „Ende der Geschichte“? Haben uns diese selbsterklärten Hyperrealisten nicht wortreich erklärt, was stattdessen den „Lauf der Welt“ präge, über den offenbar sie derart clever Bescheid wissen? Neoliberalismus, zunehmende Abwesenheit des Staates, Überproduktion von Konsumgütern.
Ganz gleich, ob nun affirmativ oder im Gegenteil warnend und durchaus plausibel die sozialen und nicht zuletzt klimapolitischen Folgeschäden voraussagend - eines verbindet diese selbstgewiss monothematischen „Deuter der Geschichte“, die auch als Anti- oder Postmarxisten noch immer in der Matrix eines mechanisch priorisierenden „Hauptwiderspruch versus Nebenwiderspruch“ festzuhängen scheinen, dann doch lagerübergreifend: Die Gewissensentscheidung des Einzelnen spielte und spielt in ihren Diskursen kaum je eine Rolle.
Zwar ist da stets allerlei Treffendes zu hören - ob nun über „Strukturen und Prozesse“, über Algorithmen, KI und zunehmend anonymere Steuerungs- und Manipulationsmethoden - doch taucht fast nirgendwo die Frage auf, die Václav Havel damals stellte: Mit welchen uns durchaus möglichen Entscheidungen – oder auch Nicht-Entscheidungen – machen wir die Welt entweder besser oder schlechter? Dabei hatte er doch bereits Ende der siebziger Jahre die ostmitteleuropäische Erfahrung des Spät-Stalinismus als ein Menetekel auch für den Westen beschrieben, dessen Gesellschaften ja ebenfalls nicht gefeit sind vor jenem toxischen Mix aus Zynismus und Resignation.
Das schulterzuckende Behaupten von Nicht-Zuständigkeit
Das Negieren oder für Obsolet-Erklären individueller Verantwortlichkeit ist freilich gewiss nicht rein neueren Datums. Im Gegenteil – das auftrumpfende oder auch schulterzuckende Behaupten von Nicht-Zuständigkeit scheint uns von Anbeginn an zu begleiten. „Kain, wo ist Dein Bruder Abel?“ Und die kaltschnäuzige Antwort, über die Jahrtausende hinweg und nun in unserer Zeit entweder national-kollektivistisch, autoritär-libertär oder schlicht konsumistisch ignorant grundiert: „Bin ich meines Bruders Hüter?“
Das fordernde „Ja“ auf diese Frage aber ist ebenso alt wie die Menschheit – auch daran zu erinnern, setzt Energie-Reservoirs frei. Ein anderer tschechischer Intellektueller, der Husserl-Schüler und „Charta 77“-Mitbegründer Jan Patocka, hatte für diese Ethik des Nicht-Wegschauens den schönen Begriff von der „Solidarität der Erschütterten“ gefunden. Patocka, der 1977 nach einem mehrstündigen Verhör durch den kommunistischen Geheimdienst starb, meinte mit einer solchen „Solidarität der Erschütterten“ nicht irgendein folgenloses Händeringen und Barmen im Stuhlkreis. Im Gegenteil. Es ging sogar noch über einen lediglich politisch-oppositionellen Aufruf zum gemeinsamen Engagement hinaus.
„Erschüttert“ im philosophischen Sinn waren für Jan Patocka jene, die aus der Erfahrung ihrer eigenen Endlichkeit heraus gemeinsam aufstanden gegen diejenigen, die unsere ohnehin schon elend kurze Zeit auf Erden zusätzlich verkürzen mit Angriffskriegen und Massenmord und uns malträtieren mit Repression und der demütigenden Lüge, all das geschehe zum „Wohle des Volkes“. Doch noch einmal: Sind die friedlichen Revolutionen von 1989, die so erfolgreich von diesen Gedanken getragen waren, nicht längst nur noch Stoff für Geschichtsbücher (falls sie denn darin vorkommen) oder gar fragwürdig erbauliche Anekdoten, die man sich auch dann noch erzählt, wenn rings um einen erneut alles zusammenbricht?
"Aufgeben ist keine Option": Wie und wohin geht die Geschichte weiter?
Gemach, denn die Geschichte geht ja weiter – und nicht allein nur in einer Weise, die verzweifeln macht. Die Prager Demonstranten jedenfalls, die 2020 gegen das korrupte Regiment von Premier Babis demonstriert hatten und sodann ab 2022 immer wieder zu Abertausenden auf die Straße gingen, um ihre Unterstützung der Ukraine kundzutun, betrieben alles andere als wirkungslose Symbolpolitik: Es ist nicht zuletzt der fortgesetzten Präsenz dieser Menschen zu verdanken, dass Babis, inzwischen zurückgekehrt an die Macht, entgegen vorheriger Ankündigungen nun doch die Koordination der bitter notwendigen multinationalen Munitionsinitiative für die angegriffene Ukraine nicht blockieren wird.
Als parlamentarische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag kandidierte Werner Schulz 1998 für das Amt des Oberbürgermeisters in Leipzig. Auf einem Forum am 21.3.1998 im Schauspielhaus der Messestadt stellte er sich Wählerfragen. Schulz trat vergeblich am 5. April gegen sechs weitere Kandidaten an. (© picture-alliance, ZB | Wolfgang Kluge)
Als parlamentarische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag kandidierte Werner Schulz 1998 für das Amt des Oberbürgermeisters in Leipzig. Auf einem Forum am 21.3.1998 im Schauspielhaus der Messestadt stellte er sich Wählerfragen. Schulz trat vergeblich am 5. April gegen sechs weitere Kandidaten an. (© picture-alliance, ZB | Wolfgang Kluge)
Werner Schulz hätte diese aktuelle Entwicklung wohl mit seinem berühmten melancholischen Lächeln quittiert: Seht Ihr, Aufgeben ist keine Option, Öffentlichkeit herstellen zahlt sich aus, aber zur gerechtfertigten moralischen Empörung muss sich immer auch das strategische Denken gesellen, dürfen wir dieses um Himmels Willen nicht allein den Plänen der Täter überlassen.
Als er 1993 eine Bewaffnung des multi-ethnischen Bosniens gefordert hatte, das von mörderischen serbisch-kroatischen Angriffen überzogen wurde, war die Unterstützung in der von ihm mitbegründeten Partei, den Bündnisgrünen, noch denkbar schwach, von der gesamtdeutschen Gesellschaft ganz zu schweigen. Dabei hätte eine bosnische Verteidigungsfähigkeit wohl nicht nur das genozidale Massaker von Srebrenica verhindert, auch die unzähligen Dahingemordeten in Sarajewo und in der Provinz wären noch am Leben. Kraft für seine Minderheitenposition – nicht die erste, nicht die letzte in seinem Leben – fand er dabei in Gesprächen mit Überlebenden des Warschauer Ghettoaufstandes, die ebenso vernehmlich diese Wahrheit aussprachen: Europa scheitert moralisch, aber auch politisch, wenn wir Bosnien allein lassen.
Genauso warnte Werner Schulz bereits lange vor 2014 und der Annektion der Krim vor dem, was sich da angekündigte in jener seit Putins Machtantritt sukzessiv verstärkenden Gewalttätigkeit nach innen, die dann logischerweise auch über Russlands Grenzen dringen würde. Heute nun benötigt die gesamte Ukraine effektivere Verteidigungswaffen, doch anstatt das zigste Indiz für die These hervorkramen, dass eine in sich zerstrittene EU zur Schwäche verdammt sei, sollten eher die vorhandenen Optionen wertgeschätzt und klug eingesetzt werden. Denn noch regieren in wichtigen Hauptstädten Merz, Macron und Starmer, doch laufen sich hinter ihnen bereits Weidel, Le Pen/Bardella und Nigel Farange warm.
Auch dem unkalkulierbaren Trump könnte irgendwann der clevere Vance folgen, um damit den illiberalen Tech-Oligarchen den endgültigen Durchmarsch zu ermöglichen. Dann wäre es mit der ohnehin nicht ausreichenden Unterstützung der Ukraine wohl gänzlich vorbei, gleichzeitig käme auch in unseren Gesellschaften Entscheidendes ins Wanken. Es kann, welch himmelstürzende Erkenntnis, also immer noch schlimmer kommen. Die Beispiele USA, Ungarn, Slowakei und Georgien, das Schwanken oder gar Zusammenbrechen der macht-ausbalancierenden Institutionen, der fliegende oder auch stille, verdruckste Fahnenwechsel von so vielen zeigen jedenfalls, dass der willfährige Prager Gemüsehändler unzählige Nachfolger bekommen hat, die im Unterschied zu ihm freilich noch ungleich mehr Schaden anrichten können.
Verbreitete Kremlpropaganda
"Seien Sie Kassandra, lesen Sie uns die Leviten". Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung zum Schriftsteller Marko Martin, dem Preisträger des Werner-Schulz-Preises 2026. (© bpb / HolgerKulick )
"Seien Sie Kassandra, lesen Sie uns die Leviten". Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung zum Schriftsteller Marko Martin, dem Preisträger des Werner-Schulz-Preises 2026. (© bpb / HolgerKulick )
Und hier, in Deutschland? AfD und BSW, in Teilen auch die Linke verbreiten Kreml-Propaganda, zu der übrigens auch die Vernebelungs-Behauptung gehört, es gäbe eigentlich gar keine Propaganda, da ohnehin jegliches nur eine Frage der Interpretation sei. Als publizistisches Sturmgeschütz solcher Querfronten empfiehlt sich dabei jene Zeitung, die man als das erste Oligarchen-Blatt des Landes bezeichnen könnte – oder, wie es der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk tut, kurz und bündig als „Berlinskaja Prawda“.
Nicht allein, dass dort der strafrechtlich verurteilte Politkriminelle
„Ein Kampf, der nun beginnt“
Petitessen? Wohl eher der erste Aufschein dessen, was bald flächendeckend durchgezogen werden könnte, sobald der zum Verleger gewordene Tech-Millionär Holger Friedrich sein Projekt einer „Ostdeutschen Allgemeinen“ umgesetzt hat. Nicht zufällig spricht er, ganz ähnlich wie die russischen Staatsmedien oder wie Elon Musk, andauernd von einem „Kampf“, der nun beginne. Welche Schützenhilfe für welche Parteien im Osten da geleistet wird, kann man sich unschwer denken. Auch hier aber wird es nicht reichen, lediglich die Fakten aufzuzählen. Wenn es, wie Anne Applebaum in ihrem jüngsten Buch en détail beschreibt, eine „Achse der Autokraten“ gibt und dazu eine Internationale von deren Propagandisten – wie reagieren wir darauf? Wenn es die Ukraine mitten im blutigen russländischen Angriffskrieg vermocht hat, sich in atemberaubender Geschwindigkeit zu digitalisieren und auch dadurch widerständig zu bleiben, weshalb verharren wir im Westen dann weiterhin in einer Art Schockstarre? Ist es etwa ein Naturgesetz, dass anscheinend nur die Fake News der Lügner, die infamen Umdeutungen der Hetzer massenhaft „Klicks“ gerieren? Was ist mit der wichtigsten Botschaft unserer Zeit, dass die Ukraine ein Menetekel nicht nur für uns ist, sondern für die ganze Welt? Wenn Russland durchkommen sollte, wären auch bald die Tage der demokratischen Inselrepublik Taiwan gezählt. Und würden hier, in Ost- wie in Westdeutschland, die EU-feindlichen Populisten-Parteien weiter an Zuspruch gewinnen, ginge es eben nicht allein mit dem Rechtsstaat und der Humanität, sondern auch mit der Wirtschaft endgültig bergab, würde die Unterstützung der Ukraine noch poröser – mit allen Folgen wiederum auch hier, inklusive Millionen von Geflüchteten.
Frage: Wäre es für Jüngere, Digital-Affine mit den entsprechenden Skills, nicht geradezu die Aufgabe ihrer Generation, ein solches Zusammenhänge-Offenlegen im Netz zu verstärken? Noch einmal: Wo steht geschrieben, dass der Witz und die Algorithmen, die Schnelligkeit und die Influencer-Präsenz auf immer im Missbrauchs-Areal der anderen festgezurrt sein müssen?
"Europäische Öffentlichkeiten schaffen"
Währenddessen könnten wir Älteren ja auch das eine oder andere beitragen an quasi analoger Erfahrung, ein jeder an seinem Ort. So wie etwa die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri, die in ihrem eindringlichen Buch „Kalte Füße“ über ihren Vater schreibt, der einst unter dem Befehl Mussolinis am „Russland-Winterfeldzug“ teilgenommen hatte, jedoch Besatzer in der Ukraine gewesen war, wie seine Tochter späterhin herausfindet - und diese Erkenntnis zu einer großen Selbstbefragung werden lässt über blinde Flecke Italiens, auf der Linken ebenso wie auf der Rechten.
Versuchen wir also europäische Öffentlichkeiten zu schaffen auch jenseits von Organisationen, Tagungen und Festreden. Versuchen wir, auch im Alltagsleben, Verbindungen herzustellen zwischen unseren Freunden und Freundinnen in Osteuropa und im Baltikum und jenen im Süden, deren Eltern und Großeltern einst doch so erfolgreich Salazar und Franco hinter sich gebracht hatten. Versuchen wir sie zu überzeugen, dass der Widerstand der Ukraine doch auch ihre ureigenste Angelegenheit sein müsste, unsere gemeinsame finest hour. Wann, wenn nicht jetzt?
Als Werner Schulz 2009 oben erwähnte Rede in einem Leipzig hielt, das auf seine 89er-Revolutionsvergangenheit zu Recht stolz ist, ging es jedoch um verweigerte Einsichten. Der Schriftsteller Erich Loest (dem inzwischen ein Literaturpreis gewidmet ist, mit dem in diesen Tagen der wunderbare Durs Grünbein ausgezeichnet wird) hatte in jenem Jahr ein Bild in Auftrag gegeben, das an die in der DDR von der Universität Vertriebenen erinnerte.
Reinhard Minkewitz´ Gemälde zeigte unter anderem Ernst Bloch, zeigte Hans Mayer, zeigte den in Moskau erschossenen Herbert Belter. Die Universität aber wollte es damals nicht haben, die Offiziellen blockten und wandten sich, und selbst die von Werner Schulz ad hoc befragten Studenten und Studentinnen wussten nicht das geringste mit Leben und Tod von Herbert Belter anzufangen. Und heute? Seit 2015 hängt das Bild nun doch in der Universität, und Werner Schulz hatte dazu erneut eine seiner Klartext-Reden von geradezu kristalliner Stringenz gehalten.
Ignorierte Staatsgewalt gestern und heute
Der gegenwärtigen Studierendenschaft dürfte jedoch weiterhin unbekannt sein, was sich damals in den fünfziger Jahren hier abgespielt hatte. Aber was heißt schon „damals“? Sind die jungen Leute, nun im Angesicht der gegenwärtigen russländischen Massenmorde, wacher geworden, suchen sie das Gespräch mit ihren Eltern, von denen doch gewiss nicht wenige ein „Was geht uns das an, sind wir etwa der Ukraine Hüter?“ murmeln oder posten?
Inzwischen hat ja der aktivistische Teil der Studierenden seine vermeintlich pro-palästinensischen Kufiyas wieder eingepackt – auf Polnisch heißen diese übrigens sinnigerweise „Arafatka“ - und macht offenbar auch keine Anstalten, diese wieder auszupacken, zum Beispiel zum Unterstützungs-Protest für die jungen Menschen im Iran, die dort auf den Straßen niedergemäht werden. Da ließe sich doch durchaus mal fragen, wie man/frau es denn mit der Ukraine hält. Nicht paternalistisch-vorwurfsvoll, jedoch auch nicht in falscher, sich anschleimender „Achtsamkeit“. Einer wie Werner Schulz, da bin ich mir sicher, hätte jedenfalls den richtigen Ton gefunden.
Im Wissen, wie viele andere diesen Preis, der nach Werner Schulz benannt ist, ebenso – ja gewiss noch mehr - verdient hätten, nehme ich ihn voller Dankbarkeit und Demut an, vor allem als Herausforderung. Um “zu sagen, was ist“. Und selbstverständlich ist auch dies ein Wort eines jener Anderen, dem ich, dem wir so unendlich viel verdanken – in diesem Fall