Derzeit spüren wir alle die große Gefahr eines Zurück in Zeiten, die wir für überwunden glaubten. Das macht es erforderlich, zusammenzukommen und sich auszutauschen, woran das liegt. Das liegt auch an jenen, die Netzwerke betreiben, die die Stimmung verändert haben, die andere Einstellungen, andere Gesetze, andere Regelungen, andere Gesellschaften verlangen. Warum sie so viel Rückenwind haben und Menschen erreichen, bei denen wir es für ausgeschlossen hielten, dass sie sich dafür begeistern ließen, das müssen wir uns fragen.
Wenn bei TikTok propagiert wird, was oder wer ein richtiger Mann sei, ein wahrer Mann – mit dem auch bestimmte Probleme wieder gelöst wären –, dann verfängt es bei Einzelnen und führt dazu, dass Parteien gewählt werden, die wieder Hierarchien wollen, nichts Gutes im Schilde führen, und für viele Menschen ihre Würde berühren. Schon durch das, was sie sagen, und erst recht durch das, was sie täten.
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die 1948 formuliert wurde, heißt es:
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“
Das war aus Erfahrungen des Ersten und des Zweiten Weltkrieges entstanden. Da hatte man in den Abgrund geguckt, und da hatte man erlebt, wie Minderheiten, wie bestimmte Gruppen erst diffamiert, dann diskreditiert und dann ermordet wurden. Man wollte daraus einfach eine grundlegende Konsequenz für die Zukunft ziehen. Es bestand Konsens nach dem Zweiten Weltkrieg, zu dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ in Artikel 1 Absatz 1 Satz 1 des Grundgesetzes zu kommen – mit all den Konsequenzen, die das nicht nur in der Theorie haben muss.
Heute sehen wir, dass der Einsatz für die gleichen Rechte queerer Menschen weiterhin ein Engagement für uns alle ist. Für Vielfalt, für Gleichheit, für Inklusion, für einen guten Alltag für alle – ohne Verstecken, ohne Scham. Aber wir sehen auch, dass das nicht mehr alle vertreten und dass das nicht mehr alle für selbstverständlich halten, sondern dass es zunehmend wieder Diskriminierung gibt und Feindbildgestaltungen mit all den Folgen, die das für die einzelnen betroffenen Menschen hat.
Und vielleicht wird uns, die wir die Demokratie und den Ausbau der Demokratie für selbstverständlich hielten, vor allem nach den Euphoriejahren 1989/90, nun klar, dass es eigentlich gar nicht so kompliziert ist für bestimmte Populisten, eine Mehrheit zur Mehrheit zu bringen, weil diese Mehrheit gegenüber den Minderheiten ja schon da ist.
Wokeness heißt Achtsamkeit
Deswegen ist es in der Demokratie notwendig, dass Menschen der Mehrheiten in der Gesellschaft es als ihre ureigenste Pflicht ansehen, sich gleichermaßen für Minderheiten und deren Rechte einzusetzen. Vielleicht ist das etwas, was wir selber aus dem Auge verloren hatten und wo wir uns selber Vorwürfe machen müssen: dass eine funktionierende, intakte Gemeinschaft überzeugt achtsam sein muss – und nicht automatisch achtsam und wach ist und zusammen gegen Unrecht auf die Straße geht und ihre Mitbürger beschützt.
Eigentlich ist Achtsamkeit – übersetzt – das Wort Wokeness. Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen sagen, sie sind „woke“. Weil prinzipiell alle Menschen achtsam sein sollten. Wenn sie es sind, dann sind viele Probleme dieser Welt gelöst – an vielerlei Stellen in der Gesellschaft. Wenn das einfach eine Selbstverständlichkeit wäre, die es aber offenkundig nicht ist.
Jetzt, im März 2026, kommt ein Buch heraus. „Come Out“ heißt es, von Thomas Sparr, der genau dieses Ereignis noch einmal ganz tiefgreifend beleuchtet und deutlich macht, was davon ausging für die Selbstbefreiung vieler Menschen. Und er zeigt, wie dieser Moment zum Wendepunkt in der gesamten Geschichte der LGBTQ-Bewegung wurde. Das Erreichte darf man nicht kleinreden. Das Errungene darf nun nicht aufgegeben werden, sondern muss fortentwickelt werden. Der gesellschaftliche Diskurs darf nicht rückwärtsgewandt geführt werden.
Neben struktureller Diskriminierung gibt es queere Identitäten, die heute wieder zum Feindbild stilisiert werden: Trans Personen und nichtbinäre Personen, die zur Zielscheibe gemacht werden. Es gibt die Bedrohung queerer Zentren, und es gibt Pride-Veranstaltungen, die offen – überall im Land – angegriffen werden. Es ist jedes Menschen Recht, eigene Interessen zu vertreten, fröhlich zu feiern, auf die Straße zu gehen, zu werben. Wenn das bestritten wird von anderen Menschen, dann ist jeder einzelne dieser Vorgänge ein Angriff auf die Würde von Menschen. Das dürfen wir nicht zulassen.
Die USA zeigen uns jetzt, was droht, wenn bestimmte Bücher in den Schulen verboten werden. Wenn Projekte mit Bezug zu den Themen Postkolonialismus, Gay, Gender und Feminismus nicht mehr gefördert werden, wenn darauf geguckt wird, ob in einem Förderantrag irgendein Wort auftaucht und dann dieser Antrag zurückgewiesen wird, weil er die veränderten Förderbedingungen nicht erfüllt. Dann ist das nicht Zufall, sondern System.
Im Weißen Haus – der Spiegel hat es jetzt beschrieben – arbeitet ein Stephen Miller, der eine Ideologie verkörpert, die an alte Ideologien anknüpft: „weiß, abgeschottet, autoritär“.
Kulturkampf gegen Mitbürgerinnen und Mitbürger
Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte hat Björn Höcke ein brutales Zitat formuliert. Es lautet: „Die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen, dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt.“ Vor dem Hintergrund der dunklen Kapitel deutscher Geschichte lässt diese Ankündigung sicher nicht nur mich erschaudern.
Veränderungen, die mit Gleichheit zu tun haben, mit Menschenrechten, mit Menschenwürde zu tun haben, als Relikte der Moderne zu bezeichnen, ist eine der erschütternden neuen Formen politischer Auseinandersetzung in unserem Land. Darunter sind gewählte Abgeordnete des Parlaments, von Menschen in Deutschland ins Parlament gewählt, die uns mit diesen Zitaten Grauen bereiten. Dieser Stephen Miller hat sehr früh auf die Wut und den Schmerz weißer Männer gesetzt, die sich in der liberalen, globalisierten Welt persönlich zurückgesetzt fühlen. Trump hat später verkündet: „Ich bin eure Stimme“ und ergänzte: „Wir werden uns unser Land zurückholen.“ Das ist ein Kulturkampf von Menschen gegen Menschen, gegen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
„Die Zeit“ hat vor einigen Wochen einen Artikel über die Biografie von J. D. Vance veröffentlicht. Daraus ergibt sich, dass er im Grunde genommen radikalisiert wurde dadurch, dass er meinte, es seien alle möglichen Themen aller möglichen Minderheiten wie Rassismus im Schulprogramm vorgekommen, aber nicht das Schicksal seines Vaters, der in der Automobilindustrie arbeitslos geworden war. Und deswegen hätte er sich politisch radikalisiert, damit sein Vater und Schicksale der Mehrheit auf die Tagesordnung der Politik kommen würden.
Daraus ist eine MAGA-Bewegung geworden von Tech-Milliardären und desillusionierten Männern, die letztlich Verachtung haben gegenüber allem Regelbasierten, gegenüber Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten. Das sind für sie Hindernisse auf dem Weg zum persönlichen Erfolg. Und es fehlt jegliche Empathie, jegliches Einfühlungsvermögen, Feingefühl, sich in die Lage eines anderen zu versetzen. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: dass dieses weltweite Netzwerk mit Verbindungen nach Russland und in die Europäische Union jeglichen Verzicht auf Empathie betreibt.
Die MAGA-Gruppe orientiert sich an Schriften von Carl Schmitt, dem "Kronjuristen" der Nazis, von dem viele unheilvolle Sätze stammen – beispielsweise hatte er die Rassengesetze von Nürnberg als „Verfassung der Freiheit“ bezeichnet. Dieser Carl Schmitt, der von der MAGA-Bewegung genutzt wird, der von den Ideologen Putins genutzt wird, der von Maximilian Krah von der AfD zitiert wird, hat 1922 gesagt: „Zur Demokratie gehört erstens Homogenität und zweitens die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen.“
Das war die Grundlegung der Judenvernichtung in Europa, und das war die Grundlegung der Verfolgung der Homosexuellen und anderer Gruppen in der Bevölkerung. Man hatte im Grunde genommen ein Bild von Demokratie, dass sie notwendigerweise Homogenität, Vereinheitlichung, eine Norm erfordere. Die radikale Tech-Elite um den PayPal-Gründer Peter Thiel stützt die Vision von Amerika als letzter vermeintlichen Bastion gegen das Böse, den Antichristen, die multikulturelle, multiethnische, multireligiöse Gesellschaft. Es basiert auf einem Freund-Feind-Schema von Carl Schmitt.
Wir fallen wieder zurück in unselige Zeiten, die wir für überwunden glaubten. Kurt Tucholsky hat gesagt: „Erfahrungen vererben sich nicht, die will jeder selber machen.“ Das erlebe ich bei meinen Kindern auch. Man sagt: Trag einen Helm beim Radfahren, mach das, mach dies – sie wollen es aber selber ausprobieren. Bei Fragen von Krieg und Frieden, bei Rassismus, beim Kampf gegen Minderheiten dürfen wir es nie wieder zulassen, dass die Leute erst wieder Erfahrungen machen, um klug zu werden. Sondern wir müssen es irgendwie schaffen, die Mehrheit in unserem Land, in den Demokratien der Welt, überzeugt zu halten, dass man nie wieder versucht, mit dieser Art von Hierarchisierung von Menschen – in bessere und schlechtere, Mehrheit und Minderheit – zu operieren.
Das ist eine Sache, in der wir derzeit nicht erfolgreich sind. In den Kreisen, die jetzt weltweit Netzwerke bilden, geht es um Profit, um Konkurrenzdenken. Es geht um ungehemmte Machtausübung. Über Schwächere wird sich lustig gemacht, die seien halt selber schuld. Minderjährige werden missbraucht. Wir haben jetzt gerade die Skandale um Epstein und sein weltweites Netzwerk weltweit, was da zeigt, wie Würde von schutzbedürftigen Menschen mit Füßen getreten wurde.
Barack Obama hat vor einigen Wochen ein Interview gegeben und gesagt, dass vermutlich achtzig Prozent aller Probleme auf dieser Welt ihren Ursprung darin haben, dass alte Männer nicht loslassen können, die an ihrer Macht und ihrem Einfluss kleben und die Angst vor dem Tod und vor der Bedeutungslosigkeit haben. Es gibt – Barack Obama und ich sind alte Männer – auch Ausnahmen. Aber prinzipiell ist das ein interessanter Gedanke.
Den Frieden haben wir dem Einfühlungsvermögen zu verdanken
Wenn Sie im Buch des Soziologen Douglas Rushkoff „Survival of the Richest“ lesen, welche Panik diese Leute haben – dass sie auf den Mars wollen, dass sie nach Neuseeland auswandern wollen, um sich dem, was sie selbst mit anrichten, zu entziehen –, dann ist das ein interessanter Gedanke. Wenn der reichste Mann dieser Erde, vielleicht demnächst der erste Billionär auf dieser Erde, Elon Musk, sagt, die größte Schwäche des Westens sei Empathie, dann ist das mehr als beunruhigend.
Denn alles das, was wir erlebt haben, dass wir jetzt achtzig Jahre lang hier in Frieden – nach innen und außen – leben, haben wir dem Einfühlungsvermögen zu verdanken. Dass wir auch die Interessen der Polen, der Franzosen, der Niederländer, der Dänen einbeziehen und nicht nur eigene nationale Interessen verfechten. Einfühlungsvermögen ist die Grundlage für das, was wir erreicht haben.
Die große Soziologin Hannah Arendt hat sich Jahrzehnte mit der Frage beschäftigt, wozu Menschen fähig sind, was sie gemacht haben, was wieder passieren könnte. Sie sagt wörtlich: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in die Barbarei verfällt.“ Dieses Zitat der großen politischen Theoretikerin Hannah Arendt sollten wir gerade jetzt wirklich ernstnehmen. Empathie bedeutet, anzuerkennen, dass jeder Mensch das Recht hat, so zu leben, wie er oder sie es für richtig hält – ohne Rechtfertigung der eigenen Identität. Das ist etwas, was in diesem Land nicht mehr ohne Weiteres gilt und mehrheitsfähig ist – wie in vielen anderen Gesellschaften auch.
Wir werden jetzt geprüft, ob wir für Empathie eintreten, ob wir für eine regelbasierte Ordnung sind, ob wir Partnerschaften pflegen, auch wenn sie Arbeit erfordern, ob wir in Diplomatie investieren – gerade in schwierigen Zeiten. Ich weiß auch nicht mehr über die Zukunft als Sie alle. Wir alle kennen sie nicht. Ich weiß nur, dass Aristoteles auf die Frage sagte: Sie wird gut, wenn sich viele für eine gute einsetzen. Sie wird eher schlecht, wenn viele das nicht oder das Gegenteil tun. Und das ist eben die entscheidende Frage: ob wir alle genug tun für eine gute Zukunft, in der wir und vor allem unsere Kinder gut und frei und friedlich leben können. Ich habe das Gefühl, wir müssen viel mehr tun. Wir müssen viel mehr sagen, dass Vielfalt ein Vorteil ist, dass die Wahrung der Menschenwürde eines jeden ein großer Gewinn ist.
Dass Europa ein lebenswerter Kontinent genau deshalb ist, weil wir das bisher hier gewährleisten – und uns damit auch von Amerika absetzen. Dann können Menschen auch nach Europa kommen, die in Amerika so derzeit nicht mehr leben können.
Wir brauchen eine positive Zukunftserzählung
Bei uns ist das Vermögen besser verteilt, Arbeitnehmer sind besser geschützt. Die EU ist das führende Reiseziel der Welt. Wir schaffen es, Wirtschaftswachstum und Emissionen zu entkoppeln. Wir haben eine höhere Lebenserwartung, die glücklichsten Menschen leben in Skandinavien, Europa kennt Zugang zu Bildung und Gesundheit für alle. Nichts von dem Erwähnten kam von alleine, vieles wurde erreicht durch aktive Maßnahmen. Und nichts von dem Erreichten ist automatisch selbstverständlich und von Dauer. Jede Generation muss für die Bedingungen aktiv eintreten, in denen sie leben will.
Wir brauchen eine eigene positive Zukunftserzählung, statt immer nur abwehrend, verteidigend zu diskutieren. Müssen wir nicht sagen, wie schön das ist, so wie wir zusammenleben, wie wir hier zusammen sind, wie erfolgreich das ist, wie mutmachend, wie viele Innovationen und Ideen daraus entstehen, statt dass wir uns immer nur in defensiver Abwehrhaltung befinden? Wir sollten die Angriffe auf Presse, auf Justiz, auf Gerichte nicht einfach hinnehmen. Wir sollten die Unterteilung in „wir“ und „die anderen“ kritisch hinterfragen.
Die AfD greift bundesweit unsere Art, zu leben, an, indem sie Qualitätsmedien als „Lügenpresse“ bezeichnet, von „Kartellen“ und „Systemparteien“ spricht und das Meinungsklima ändern will – in der Erwartung, dass keiner weiß, wohin es eigentlich führt. Solch eine Gangart hetzt und spaltet, vergiftet das politische Klima und verändert unser Land immer weiter in die falsche Richtung. Es ist mein Empfinden, dass die Parteien vor sich hergetrieben werden. Es muss umgekehrt werden, dass die demokratischen Parteien der Mitte – auch der rechten demokratischen Mitte – sich nicht treiben lassen, nicht versuchen, bestimmte Dinge aufzunehmen, um vermeintlich Radikalisierte zurückzuholen, sondern umso energischer gegen diese Richtung und das Freiheit und Wohlstand Gefährdende zu kämpfen.
Das Überhöhen von Menschen, das Denken in Gruppen, sich über andere zu stellen, Menschen zu hierarchisieren, in vermeintlich weniger und mehr werte Menschen einteilen zu wollen – das führt alles in die Irre. Im Deutschen Bundestag ist mit dem Einzug der AfD deutlich zu sehen, zu hören und zu spüren: Der Ton ist härter geworden. Es kommen bisherige Selbstverständlichkeiten ins Rutschen. Aus dem MAGA-Lager in Amerika wird strategisch auch nach Europa gewirkt. Dieses Lager hat gerade ein Bildungszentrum in Italien gekauft, um europäische Jugendliche europaweit zu schulen – gegen unsere Interessen und zur Zerstörung Europas.
Offen wird der Hass zu etwas erklärt, das diese Bewegung zusammenhält. Der unbändige Hass auf uns, die Anhänger einer offenen, liberalen, pluralen Gesellschaft – in Vielfalt vereint – ist das, was diese Bewegung zusammenhält.
Radikalisierung im Internet
Und dementsprechend müssen wir eben auch manche Unterschiede, manche Gegensätze unter uns hinterfragen, ob wir nicht eher gemeinsam eine Zukunftserzählung bauen gegen diese, die uns und unser Europa und unsere Art zu leben zerstören wollen. Der Horror des Naziregimes war ein Horror der Intoleranz, des Rassismus, der fehlenden Anerkennung von Vielfalt. Menschen, die einer angeblichen Norm einer angeblichen Volksgemeinschaft nicht entsprochen hatten, wurden ausgegrenzt, entrechtet, am Ende massenhaft ermordet. Es ist das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Es muss uns aber mahnen, solch ein Unrecht niemals wieder geschehen zu lassen, sondern jetzt den Einzelnen in seiner Würde zu schützen - für welches Leben und welche Identität er sich auch immer persönlich frei entscheidet.
Es werden 2026 wieder Menschen stigmatisiert und diskriminiert. Und insbesondere soziale Medien sind ein großer Nährboden für Hetze und Hass, für Radikalisierung. Die Mörder von Walter Lübcke sind alle im Netz aufgepeitscht und angetrieben worden. Aus all den Gerichtsakten ist das eindeutig erkennbar. Bei all den Prozessen - ob zum Weihnachtsmarktterroranschlag in Magdeburg oder in Hanau oder bei den NSU-Morden – hat es immer mit Menschenfeindlichkeit in Echokammern begonnen und dann Gewalt legitimiert und aus Worten Taten werden lassen. Wir müssen wirklich ernst nehmen, dass Europa auch mit dem Digital Services Act jetzt eine Chance aufbaut. Dass es einfacher sein muss, etwas zu melden, als Menschen online zu mobben. Dass es auch da eine Kultur der Toleranz geben muss.
Toleranz ist mehr als Dulden. Sie heißt, Vielfalt aktiv anzuerkennen. Eine Gesellschaft ist stark, wenn sie alle Menschen als gleichwertig behandelt – unabhängig von Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung. Wir wären eine arme Gesellschaft, würden wir auf diese Vielfalt und die Würde jedes Einzelnen verzichten oder sie einschränken. Das muss eigentlich von uns viel deutlicher gesagt werden.
Nutzen wir die Gelegenheit, dass wir in Schulen gehen, in Bereiche junger Menschen, die anfällig zu werden scheinen für bestimmtes Gedankengut. Denn politische Vergiftung ist das Gefährlichste für ein Gemeinwesen, für eine Demokratie. Rechtsextremismus, der grassiert, vergiftet die Demokratie schleichend. Das beginnt an vielen Stellen, auf allen Ebenen. Dem müssen wir gemeinsam viel deutlicher entgegentreten.
Freya von Moltke, die große Frau des Widerstandes, hat mir gesagt – kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag, kurz vor ihrem Tod: „Wissen Sie, die Weimarer Republik ist untergegangen, weil die Deutschen das Gefühl verloren hatten, für ihr eigenes Land selbst verantwortlich zu sein.“ Und wir sind verantwortlich für unser Land und müssen diese Verantwortung wahrnehmen. Wir werden jetzt geprüft, ob wir die auch dann, wenn es schwieriger wird, wahrnehmen – oder ob wir ein bisschen am Rande auf der Tribüne sitzen und zuschauen.
Die Aussage kommt auch von Barack Obama, der sagt: Wir wurden geprüft, als es aufwärts ging – da war es nicht so schwierig. Aber jetzt, wo es schwieriger wird, zeigt sich, ob wir wirklich zur offenen, liberalen Gesellschaft stehen oder daran glauben, dass es eine „illiberale Demokratie“ geben könnte, in der ständig Angriffe gegen Minderheiten zum Alltag gehören.
Ich möchte das nicht. Aber wir gemeinsam müssen ins Gespräch kommen, wie wir verhindern, dass es dennoch so kommt. Demokratie ist ständiges Nachdenken darüber, was uns zusammenhält. Gleichberechtigung ist eine Querschnittsaufgabe. Wir sind alle Menschen, und uns eint mehr, als uns trennt. Und das Versprechen der Menschenrechte für alle Menschen muss von uns allen eingelöst werden. Dazu brauchen wir Solidarität, Mut und viel mehr Engagement als bisher, wo die Grenzen nationaler, kultureller und religiöser Traditionen überschritten werden.
Also eine große Aufgabe, große Anstrengung. Denn wir müssen mehr werden, wir müssen erfolgreicher werden. Sonst rutscht uns das in eine Richtung, in der sich Stefan Zweig 1942 das Leben genommen hat, als er verzweifelte: Die ganze Welt kippte in Richtung dieser faschistischen Ideologien. Da sah er im Exil keinen anderen Ausweg mehr. So weit dürfen wir es niemals wieder kommen lassen. Wir haben ziemlich viel zu tun.
Zitierweise: Christian Wulff, „Wir fallen wieder zurück in unselige Zeiten", in: Deutschland Archiv vom 20.03.2026. Link: www.bpb.de/576448. Christian Wulff hat diese Rede Ende Februar 2026 beim Jahresempfang der Queerbeauftragten der Bundesregierung, Sophie Koch, in Berlin gehalten. Erstveröffentlicht im Berliner Externer Link: Tagesspiegel vom 13.3.2026 unter der Überschrift "Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen sagen, sie sind woke." Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Ergänzend:
Wolfgang Benz,
Marko Martin,