Begleitet werden die Gespräche mit der „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht, komponiert von Hanns Eisler und gespielt auf der Gitarre und gesungen vom israelischen und in Berlin lebenden Musiker Gidi Farhi.
Audiocollage 1: „Das war ihr Land“
Alle interviewten Personen haben eine Verbindung zu den Kunstwerken ostdeutscher jüdischer Künstler/-innen in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sie gehören der jüdischen Community in Dresden oder dem Umfeld der Künstler/-innen an. Und ob künstlerisch oder familiär: Sie kennen als Nachfahren der ersten Generation jüdischer Künstler/-innen der DDR, als zweite Generation also, das Denken und Fühlen von Lea Grundig, Herbert Sandberg, Leo Haas und einigen anderen. Sie wissen um deren Erfahrungen während der NS-Zeit im Gefängnis oder im Exil (wie bei Lea Grundig) und um die Jahre im Konzentrationslager, die Herbert Sandberg etwa in Buchenwald oder Leo Haas in Theresienstadt und Auschwitz verbrachten. Sie selbst haben die „Wende“ und die deutsche Wiedervereinigung in der Mitte ihres Lebens erlebt. Ihre Stimmen geben die Identifikationen der Elterngeneration mit dem Staat wieder, die sich in großem Maß aus den unter den Nationalsozialisten erlittenen Traumata erklärt. Sie helfen einzuordnen, was bisher nur als „angepasste, systemkonforme Kunst“, als „sozialistischer Realismus“ lesbar war, durch Geschichten von Verfolgung, aber auch Widerstand und aktive, künstlerische Auseinandersetzung mit dem Erlebten in der neu gegründeten DDR. Die Kinderhymne von Brecht, vertont durch Hanns Eisler – ebenfalls ein jüdischer Remigrant und Kommunist – wird hier durch Gitarrenklänge angedeutet.
Es sprechen (in der Reihenfolge des Auftritts):
Guliko Zimmering (geb. 1954), Großnichte von Lea Grundig, Tochter von Interner Link: Max Zimmering (Schriftsteller und Cousin von Lea Grundig), lebt in Dresden.
Peter Goldhammer (geb. 1959), Großneffe von Lea Grundig, Enkel von Interner Link: Bruno Goldhammer (Cousin von Lea Grundig, der während der Slansky-Prozesse 1953 ins Gefängnis kam).
Viola Sandberg (geb. 1947), 1970-1990 Kuratorin an der „kleinen galerie pankow“, Tochter des Grafikers und Malers Interner Link: Herbert Sandberg (KZ-Überlebender Buchenwald), lebt in Berlin.
Maria Heiner (geb. 1937), Biografin und Herausgeberin des Externer Link: Werkverzeichnisses von Interner Link: Lea Grundig, war eine enge Freundin und ärztliche Betreuerin von Lea, lebt in Dresden.
Audiocollage 2: Lea-Grundig-Straße oder Hans-Dankner-Straße
Ein Summen macht nun die „Kinderhymne" von Brecht klarer erkennbar. Die Erinnerungen an die Härte, die Dogmen und auch die repressiven Tendenzen der DDR sind in den jüdischen Stimmen der zweiten Generation (Herbert Lappe, Dorit Bereach, Martin Colden) noch sehr wach. Die Entscheidung gegen die Benennung einer Lea-Grundig-Straße in Dresden durch den Stadtrat im Sommer 2024 war für alle Beteiligten ein Anlass, über die Form der Erinnerung in der deutschen Gesellschaft zu reflektieren. Dies sind auch Erinnerungen, die die Identifikationen der Elterngeneration mit dem Staat, die Dogmen, die auch mit „guter Absicht“ entstehen können, einzuordnen wissen. Die Stimmen widersprechen sich, sie zeigen einen offenen Diskurs innerhalb einer speziellen Gruppe, welche die DDR von der Nazi-Diktatur allein durch ihre eigene jüdische Herkunft zu unterscheiden weiß. So entsteht ein Gefälle im gegenwärtigen Erinnerungsdiskurs, etwa eine überzogene Härte gegenüber „roten Widerstandskämpfern“, die zeitweilig mit der Staatssicherheit kooperierten, gegenüber der Nachsicht in Bezug auf den rechten oder konservativen Widerstand gegen Hitler, der jahrelang das Nazi-System mittrug und selbst darin involviert war – und dessen Namen gleichwohl landesweit Straßen und Denkmäler zieren.
Es sprechen (in der Reihenfolge des Auftritts):
Herbert Lappe (geb. 1946 in London), seit 1987 über 20 Jahre im Vorstand der jüdischen Gemeinde Dresden, Sohn deutscher Rückkehrer aus dem englischen Exil.
Peter Goldhammer (geb. 1959), Großneffe von Lea Grundig, Enkel von Interner Link: Bruno Goldhammer (Cousin von Lea Grundig, der während der Slansky-Prozesse 1953 ins Gefängnis kam).
Dorit Bereach (geb. 1958 in Israel), 1980-1985 Studium an der Hochschule für bildende Künste Dresden, seit 1985 freischaffende Künstlerin in Berlin.
Martin Colden (geb. 1955), Maler und Zeichner mit Werken in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Sohn jüdischer Remigrant/-innen aus England. Externer Link: Lebt und arbeitet in Berlin
Maria Heiner (geb. 1937), Biografin und Herausgeberin desExterner Link: Werkverzeichnisses von Interner Link: Lea Grundig , war eine enge Freundin und ärztliche Betreuerin von Grundig, lebt in Dresden.
Guliko Zimmering (geb. 1954), Großnichte von Lea Grundig, Tochter von Interner Link: Max Zimmering, (Schriftsteller und Cousin von Lea Grundig), lebt in Dresden.
Audiocollage 3: „Und das Liebste mag’s uns scheinen“
Der Text der Kinderhymne von Brecht wird nun neben der Musik teilweise gesungen. Sie erinnert lange nach der deutschen Vereinigung an die anfänglichen Hoffnungen, begleitet die Erinnerungen an Enttäuschungen und Brüche mit dem System der DDR. Künstler-/innen wie Martin Colden oder Dorit Bereach sind mit ihren Werken in den Kunstsammlungen Dresdens nur vereinzelt. Sie waren noch jung als Kunstschaffende in der DDR, interessierten sich für andere Stile als den sozialistischen Realismus und waren auch ideologisch der Elterngeneration gegenüber kritisch. Gleichzeitig führen beide das universalistische, internationalistische Denken weiter, bis hin zu einer Skepsis gegenüber religiösen oder ethnischen Definitionen des Jüdischen, selbst in den Werken der Künstler/-innen mit jüdischem Hintergrund. Die Hymne entwickelt sogar eine neue Dimension angesichts weiterer Brüche durch die Wiedervereinigung, die Begegnung mit westdeutschen Künstler/-innen, den westdeutschen Verhältnissen, wenn dort von der Begegnung mit anderen Völkern, „nicht über und nicht unter“, die Rede ist. Sie erlaubt einen positiven Selbstbezug, auch ein Erinnern an Welten, die „uns das Liebste scheinen“, trotzdem sie viel Täuschung und Enttäuschung bargen.
Es sprechen (in der Reihenfolge des Auftritts):
Viola Sandberg (geb. 1947), 1970-1990 Kuratorin an der „kleinen galerie pankow“, Tochter des Grafikers und Malers Interner Link: Herbert Sandberg (KZ-Überlebender Buchenwald), lebt in Berlin.
Martin Colden (geb. 1955), Maler und Zeichner mit Werken in den SKD, Sohn von jüdischen RemigrantInnen aus England. Externer Link: Lebt und arbeitet in Berlin
Maria Heiner (geb. 1937), Biografin und Herausgeberin des Externer Link: Werkverzeichnisses von Interner Link: Lea Grundig, war eine enge Freundin und ärztliche Betreuerin von Grundig, lebt in Dresden.
Dorit Bereach (geb. 1958 in Israel), 1980-1985 Studium an der Hochschule für bildende Kunst Dresden, seit 1985 freischaffende Künstlerin in Berlin.
Hier finden Sie die Interner Link: Lebensläufe zu den Personen >>
Hier können Sie ein Porträt geschrieben von Esther Zimmering (Schauspielerin und Filmemacherin) über ihre Interner Link: Verwandte Lea Grundig >> lesen.