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20.12.2021 | Von:
Charlotte Misselwitz

Jeanette Wolff – Kämpferin für Gerechtigkeit und gegen das Vergessen

Shoah-Überlebende, Politikerin, und Frauenrechtlerin

Jeanette Wolff setzte sich in der Nachkriegszeit für die Opfer des Holocausts ein, sie beteiligte sich am Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde in Berlin, an der Wiedergründung der Jüdischen Frauengruppe, war neben weiteren Engagements Vorsitzende der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Co-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Abgeordnete im Deutschen Bundestag.

Das Foto zeigt die SPD-Politikerin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, Jeanette Wolff, wurde am 22. Juni 1973, ihrem 85. Geburtstag, im jüdischen Gemeindehaus in Berlin-Charlottenburg mit der Ernst-Reuter-Plakette in Silber geehrt. In der Mitte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz. Jeanette Wolff wurde am 22. Juni 1888 in Bocholt (Westfalen) geboren und verstarb am 19. Mai 1976 in Berlin.Die SPD-Politikerin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, Jeanette Wolff, wurde am 22. Juni 1973, ihrem 85. Geburtstag, im jüdischen Gemeindehaus in Berlin-Charlottenburg mit der Ernst-Reuter-Plakette in Silber geehrt. In der Mitte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz. Jeanette Wolff wurde am 22. Juni 1888 in Bocholt (Westfalen) geboren und verstarb am 19. Mai 1976 in Berlin. (© picture-alliance/dpa, Chris Hoffmann)

„Ihr Lebensweg ist eine Ermunterung“, heißt es in der Einleitung zu der im Dezember 2020 erschienenen Broschüre[1] des Abgeordnetenhauses von Berlin über Jeanette Wolff und ihr Schaffen. Ihre Kämpfe haben sie weit gebracht. Sie war nach 1945 Zeugin bei der Überführung von Nazi-Tätern in mindestens drei Prozessen, 1948, 1954 und 1970. Sie setzte sich für „Entschädigungszahlungen“ der Opfer des Nationalsozialismus ein und kämpfte gegen den Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik. Sie sprach als Zeitzeugin bis ins hohe Alter in Schulen, um durch ihre Berichte die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis und die Namen der Opfer wachzuhalten. Auch die Bekämpfung von Armut war Jeanette Wolff stets ein zentrales Anliegen.

Jeanette Wolff hatte jedoch früh zu kämpfen gelernt: 1904 trat sie, noch während ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin in Brüssel, als 17-Jährige in die SPD ein. Sie war eine der ersten Frauen, die in der Partei für Gleichberechtigung stritten und dies mit scharfer Zunge. „Die meisten hängen, wenn sie abends nach Hause zur Frau und zur Familie kommen, ihre sozialdemokratische Gesinnung zusammen mit ihrer Mütze an der Garderobe auf.“[2] Seit 1920 gehörte sie dem Vorstand der SPD Westliches Westfalen an. Sie setzte sich für das Frauenwahlrecht ein und war im Jüdischen Frauenbund sowie im Vorstand des Landesverbands des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „zur Bekämpfung des Antisemitismus von Rheinland-Westfalen“ aktiv.

Jeanette Wolff erinnert sich: „Ich entstamme einem sozialistischen Elternhaus. Mein Vater war religiöser Jude, und er war Sozialdemokrat seit 1875. […] Wir wohnten im sogenannten ´übrigen Viertel´. Hier wohnten nur Arbeiter, Spinner, Färber und Bleicher.“[3] Sie wurde am 22. Juni 1888 in Bocholt als Tochter von Dina Cohen (geb. 1859 Südlohn/Kreis Ahaus – gest. 1938 Bocholt) und Isaac Cohen (geb. 1855 Hofgeismar/Kreis Burgsteinfurt – gest. 1929 Bocholt) geboren. Sie hatte fünf Geschwister. Und sie hat zweimal im Leben Mann und Kinder verloren. Das erste Mal, 1908, starb ihre kaum einjährige Tochter, als sie selbst erst 20 Jahre alt war. Zwei Wochen später erlag ihr Mann, Phillip Fuldauer, einer Tuberkuloseerkrankung.

Ein Jahr später, 1909 in Brüssel, bestand Jeanette Wolff ihr Abitur mit „gut“. Sie stürzte sich in die Parteiarbeit und engagierte sich für Themen wie das Frauenwahlrecht, die Wohlfahrtspflege oder Verhütung und Gesundheit. Sie schrieb in der sozialistischen Zeitung „Le Peuple“ und gehörte zu den ersten Frauen, die aktiv in der SPD mitwirkten. Dann traf sie Hermann Wolff, einen Juden aus Bocholt, genauso alt wie sie, der eine kleine Textilfabrik besaß, die er mit seinem Bruder Leo leitete. Am Abend vor der Hochzeit im Jahr 1911 trat er ebenfalls in die SPD ein, „aus Liebe zu ihr“, wie es heißt. Das Paar ging nach Bocholt und bekam drei Töchter, die nach freiheitlichen Prinzipien erzogen wurden. Neben ihrer politischen Arbeit erledigte sie die Büroarbeit in der Fabrik. Dort führte sie als eine der ersten den Achtstundentag für die Fabrikarbeiter*innen ein. Und sie machte „gute Erfahrungen“[4] damit. Mit ihr zog 1919 erstmals eine Jüdin in den Stadtrat von Bocholt ein, dem sie bis 1932 angehörte. Zudem war sie Gründungsmitglied der örtlichen Arbeiterwohlfahrt. Über den Verein betrieb sie die Gruppe „Kinderfreunde“, weshalb viele Arbeiterkinder in ihrem Haus ein und ausgingen. Sie begründete die Notwendigkeit des Vereins im Gegensatz zur schon bestehenden Caritas damit, dass arme Menschen nicht nach „Würde“ angesehen werden sollten, sondern nach „Bedürftigkeit“: „… diejenigen, die vor Hunger nicht mehr Danke und Bitte sagen können.“[5]
Die SPD-Politikerin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, Jeanette Wolff, in einer zeitgenössischen Aufnahme. Sie wurde am 22. Juni 1888 in Bocholt (Westfalen) geboren und verstarb am 19. Mai 1976 in Berlin.Die SPD-Politikerin und Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, Jeanette Wolff, in einer zeitgenössischen Aufnahme. Sie wurde am 22. Juni 1888 in Bocholt (Westfalen) geboren und verstarb am 19. Mai 1976 in Berlin. (© picture-alliance/dpa)
Bereits kurz nach der Machtergreifung der NSDAP wurde Jeanette Wolff wegen ihres politischen Engagements in „Schutzhaft“ genommen. Als sie nach zweijähriger Haft 1935 entlassen wurde, betrieb sie eine Pension für Juden[6] in Dortmund. Kurz nach dem Pogrom im November 1938 wurde Hermann Wolff im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Jeanette Wolff selbst wurde bis 1945 in verschiedene Ghettos und Konzentrationslager deportiert. 1942 wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden älteren Töchtern ins Ghetto Riga verschleppt und musste, im KZ Riga-Kaiserwald Zwangsarbeit leisten. Von dort wurde sie 1944 in das Konzentrationslager Stutthof verschleppt. Dort sah sie ihren Mann das letzte Mal. Bei der Befreiung durch die Rote Armee am 9. Mai 1945[7] lebten nur noch Jeanette Wolff und ihre Tochter Edith. Ihre jüngste Tochter Käthe wurde 1944 in Ravensbrück erschossen. Ihre älteste Tochter Juliane[8] wurde 1944 im KZ Kaiserwald ermordet. Hermann Wolff wurde 1944 von Stutthof nach Buchenwald verlegt, von dort wurden er und hunderte weitere Menschen im April 1945 auf einen „Todesmarsch“ in das KZ Flossenbürg gezwungen. Am 22. oder 23. April 1945, mutmaßlich, wurde er von der SS in Wetterfeld/Oberpfalz erschossen.[9]Nach dem Krieg hatte Jeanette Wolff zweimal im Leben Mann und Kinder verloren.

Schriftliche Erinnerungen an den NS-Terror

Bald nach ihrer Ankunft in Berlin, 1946, schrieb Jeanette Wolff ihre persönlichen Erinnerungen an die Zeit in den Ghettos und Konzentrationslagern sowie deren Außenkommandos nieder, um „das deutsche Volk“ über die Verbrechen der Nazis aufzuklären. Ihre Aufzeichnungen erschienen 1947 unter dem Titel „Sadismus oder Wahnsinn. Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten“ im Sachsenverlag Dresden im Vertrieb von Greiz in Thüringen als Broschüre. Darin beschrieb sie detailliert die Grausamkeiten der SS, deren Menschenverachtung, deren bestialische Sprache und Taten, die unmenschlichen Zustände in den Lagern, das Leid, das Morden, den verzweifelten Kampf der Menschen ums Überleben und auch die Solidarität der Häftlinge untereinander. In den 1970er-Jahren stellte Jeanette Wolff diese um ihre Biographie vor 1942 ergänzten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1947 unter dem Titel „Autobiographische Skizzen“[10] zusammen.

Aussagen gegen NS-Verbrecher*innen und Engagement für die Opfer

Schon bei ihrer Ankunft in Berlin 1946 reaktivierte Jeanette Wolff ihre Kontakte zur SPD. Von 1946 bis 1951 wurde sie Stadtverordnete der SPD in (West-)Berlin und von 1952 bis 1961 Bundestagsabgeordnete. Unter anderem auf Anregung des Sozialdemokraten Paul Löbe wurde sie als Mitglied einer Spruchkammer zur Entnazifizierung[11] [12] im Entschädigungsamt des Berliner Bezirks Neukölln tätig. Sie hörte ähnliche Leidensgeschichten wie die ihre, und sie sah den Tätern ins Gesicht. „(…) Weil man dort nur die Kleinen hatte und die Großen laufen ließ“[13] gab sie diesen Posten nach Angaben ihrer Tochter Edith auf. 1948 sagte sie im sogenannten „Wilhelmstraßenprozess" gegen 21 NS-Minister, Gauleiter und SS-Leute aus, darunter einige, denen Jeanette Wolff in den Konzentrationslagern selbst begegnet war. Die Urteile mit maximal fünf Jahren Haft fielen aus Sicht der Überlebenden viel zu milde aus.[14] Sie schrieb später: „Ich habe mehrere Prozesse selbst erlebt, wo jüdische Zeugen, die die Konzentrationslager überlebt hatten, von den Verteidigern der Mörder behandelt wurden, als seien sie Verbrecher, ohne dass das Gericht ihnen Einhalt gebot.“[15] Trotz heftiger Konflikte mit der neuen Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) aus dem Ostsektor Berlins, die 1946 aus der Zwangsvereinigung von SPD und KPD hervorgegangen war, gründete sie mit dem SED-Mitglied Walter Bartel 1948 die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN).[16] Und auch wenn das Bündnis nicht lange währte, zeigte es, dass sich „jüdische Verbandspolitiker von den demokratischen Parteien zeitweise im Stich gelassen fühlten und deshalb bei politischen Kontrahenten auf Anerkennung und Unterstützung hofften“.[17] Acht Jahre später, im Oktober 1953, stimmte sie im Bundestag dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) zu, wenn auch unzufrieden mit der Umsetzung.[18] Ihr schien zudem der Terminus „Wiedergutmachung“ defizitär, man könne nur „entschädigen am Lebenden, um es ihm zu ermöglichen, (…) nicht zu verzweifeln“.[19] Die Zahlungen seien ihrer Meinung nach unzureichend gewesen, die Bürokratie zu kompliziert und die Forderungen nach schriftlichen Belegen durch die bundesdeutsche Verwaltung stellten erneute Demütigungen der Überlebenden dar. So sollten ehemalige Häftlinge für jeden einzelnen Tag im Lager Belege vorlegen, damit man ihnen „Entschädigungszahlungen“ zuerkannte. In vielen Fällen erhielten die jüdischen Verfolgten erst durch ihre persönliche Intervention als Bundestagsabgeordnete diesen Status.

Wie werden wir hier leben?

1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und ihrer Rückkehr, ist sie eine der ersten, die die Jüdische Gemeinde in Berlin aufbauen will. Für viele andere ist Berlin nur eine Zwischenstation während des Wartens auf Visa nach Amerika, Australien, Kanada oder Israel. Die meisten sind sich zu dem Zeitpunkt nicht sicher, ob sie in Deutschland bleiben wollen. Jeanette Wolff lehnte 1946 eine Stelle in New York ab, die ihr von Dorothy Thomsen von der Illustrierten „Life“ angeboten wurde. Sie entgegnete – wie ihre Tochter – in Berlin gebraucht zu werden.[20] Eine, die Jeanette Wolff als Kind Ende der 1960er-Jahre persönlich gut kannte, war Marguerite Marcus, deren Mutter Inge Marcus[21] 1951 aus dem Exil in England nach Berlin zurückgekommen war.

Inge Marcus engagierte sich wie Wolff in der Frauengruppe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und im Jüdischen Frauenbund, den beide Frauen mit anderen 1953 wieder ins Leben gerufen hatten. Marguerite Marcus, die heute als Familientherapeutin zu Traumata von Shoah-Überlebendenarbeitet, erinnert ihre Eindrücke von Jeanette Wolff als Kind im Vergleich zu ihrem Blick auf sie als Erwachsene. Die Verluste, die Angst, die Niederlagen hätten laut ihrer Erinnerung an die Freundin ihrer Mutter kaum auf Jeanette Wolff abgefärbt. Sie erinnert sich an sie als „gepflegt, mit Hütchen, aber die Schuhe ohne hohe Absätze.“ Sie ergänzt: „Es gab nur wenige, die es nach dem Holocaust geschafft hatten, sich schick zu machen.“ Die meisten hätten sich kaum untereinander getroffen. Es sei zu deprimierend gewesen, Erinnerungen auszutauschen. Jeder und jede habe mit persönlichen und materiellen Verlusten zu kämpfen gehabt, die das Leben grundsätzlich veränderten. Einige, die versteckt gelebt hatten, seien nie wieder aus ihrem Versteck herausgekommen.

„Und doch war da die Frage, wie werden wir hier leben?“, gibt Marguerite Marcus die Situation ihrer Eltern und der Generation von Überlebenden wieder. „Jeanette Wolff war eine große Hilfe. Sie hatte eine Tochter im Alter meiner Mutter. Und sie wusste, hier müssen wir uns ein Standing schaffen im Bereich der Jüdischen Gemeinde und der Sozialdemokratie.“ Marguerite Marcus, damals noch klein, erinnert unter den Frauen des Jüdischen Frauenbundes auch andere im Alter von Jeanette Wolff. „Und die freuten sich immer, wenn ein kleines fröhliches Kind kam. Aber Jeanette Wolff, die ja selber Kinder hatte, interessierte sich nicht dafür. Sie gehörte nicht zu den Strickomas.“
Das Foto die Feier des 10jährigen Bestehens des Zentralrats der Juden in Deutschland am 27.11.1960 im Festsaal des Gemeindehauses der Jüdischen Gemeinde in Berlin. (Von Rechts nach links) Der Präsident des Zentralrates der Juden, Heinz Galinski, die SPD-Politikerin und stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats, Jeanette Wolff, der Generalsekretär Dr. H.G. van Dam und seine Gattin, der Berliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD), und der Kommandant des französischen Sektors, General Jean Lacomme.Der Zentralrat der Juden in Deutschland feiert am 27.11.1960 im Festsaal des Gemeindehauses der Jüdischen Gemeinde in Berlin sein zehnjähriges Bestehen. (R-l) Der Präsident des Zentralrates der Juden, Heinz Galinski, die SPD-Politikerin und stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats, Jeanette Wolff, der Generalsekretär Dr. H.G. van Dam und seine Gattin, der Berliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD), und der Kommandant des französischen Sektors, General Jean Lacomme. (© picture-alliance/dpa)


Weiterkämpfen um zu überleben in Berlin

Seit 1948 führte Jeanette Wolff an der Seite von Heinz Galinski und Inge Marcus die Repräsentanten-Versammlung der Gemeinde an, setzte ihre kämpferischen Fähigkeiten in weiteren Ämtern ein. Von 1952 bis 1961 war sie Vorsitzende der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und von 1965 bis 1975 stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, als einzige Frau bis dato. Auch in der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft hatte sie als engagierte Streiterin bald einen Namen. Sie war Mitglied des Landesverbandes und Berliner Delegierte im Hauptvorstand und war für die Trennung von SPD und Gewerkschaft, „ohne die politischen Gemeinsamkeiten zu leugnen“.[22] Auf einer Rede vom DAG-Bundeskongress 1960 kritisierte sie, dass nur ein Prozent Frauen in den oberen Posten vertreten seien und den Männern, die dort auf ihren Posten harren, nur die „Zimmerlinde, und ein Papagei und ein Sessel wertvoller sind“.[23] Aussagen wie diese brachten ihr den Spitznamen „die Trompete“ ein.[24]

Gegen alle Widerstände – bis zuletzt

Wolffs Kampf gegen den Rechtsradikalismus war nach dem Krieg, im Deutschen Bundestag, noch engagierter als vor 1933. Immer wieder kritisierte sie die fehlende Strafverfolgung von NS-Verbrecher*innen, oder dass ehemalige Nationalsozialisten sich nach wie vor im bundesdeutschen Staatsdienst befanden: „Der Herr Kollege von der Deutschen Partei sagte, wir sollen nicht mit Kanonen nach Spatzen schießen. So habe ich das auch im Jahr 1924 gehört. Man sagte, da schießen die Sozialdemokraten nach Spatzen. Vielleicht wäre es besser, ein Mittel zu erfinden, nach den Spatzenhirnen zu schießen … .“[25] Die vielen Enttäuschungen, wenn ihr Kampf oder ihre Aussagen gegen ehemalige Nationalsozialisten nicht fruchteten, haben sie nicht aufgeben lassen. 1957 hatte sie vor dem Untersuchungsrichter gegen den Lagerkommandanten des KZ Stutthof, Paul Werner Hoppe, ausgesagt. Er war an Tausenden von Morden beteiligt gewesen. Aber ihre Aussage wurde vor dem Gericht in Bochum ignoriert. Mehr noch, Hoppe befand sich schon 1964 wieder in „guter Stellung“.[26]

Jeanette Wolff kämpfte trotz zahlreicher Widerstände zeitlebens - im Kaiserreich, der Weimarer Republik, während des NS-Terrors, im geteilten Berlin und in der Bundesrepublik für Gerechtigkeit. Für eine bessere Verständigung zwischen den Religionen gründete sie schon 1949 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit, die sie als eine „Gesellschaft zur allgemeinen, menschlichen Verständigung“ ansah. Bis 1970 war sie deren stellvertretende jüdische Vorsitzende und von 1970 bis 1976 die jüdische Vorsitzende.1975 wurde Jeanette Wolff mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgezeichnet.[27] Am 19. Mai 1976 starb Jeanette Wolff im Jüdischen Krankenhaus in Westberlin. In Dortmund und Dinslaken sind Straßen und Schulen nach ihr benannt und das Senior*innenzentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin trägt ihren Namen: Haus Jeanette Wolff.[28]

Zitierweise: Charlotte Misselwitz, "Jeanette Wolff – Kämpferin für Gerechtigkeit und gegen das Vergessen“, in: Deutschland Archiv, 20.12.2021, Link: www.bpb.de/345047

Fußnoten

1.
Klaus Bästlein/Isabel Fritz/Andreas Stirn/Maren Wegener, Jeanette Wolff. 1888-1976: Jüdin, sozialdemokratische Politikerin und Holocaust-Überlebende, Abgeordnetenhaus Berlin (Hg.), Berlin 2020, S. 7.
2.
Gunter Lange, Jeanette Wolff 1888-1976, Eine Biografie. Bonn 1988, S. 22.
3.
Klaus Bästlein/Isabel Fritz/Andreas Stirn/Maren Wegener, Jeanette Wolff. 1888-1976: Jüdin, sozialdemokratische Politikerin und Holocaust-Überlebende (Anm. 1), S. 8.
4.
Hans Lamm (Hg.), Jeanette Wolff. Mit Bibel und Bebel, Bonn 1980, S. 13.
5.
Gunter Lange, Jeanette Wolff 1888-1976 (Anm. 2), S. 28.
6.
Die Familie Wolff richtete in ihrem Wohnhaus Münsterstraße 40 1/2 (heute Nr. 46) einen Mittags- und Abendtisch für jüdische Gäste ein, denn das Betreten von öffentlichen Lokalen war Juden inzwischen verboten. Außerdem war es ihr und ihren GenossInnen hier möglich, ihre nun illegale politische Arbeit im Geheimen fortzusetzen. Siehe https://www.juedische-pflegegeschichte.de/das-hospital-der-georgine-sara-von-rothschildschen-stiftung-1870-1941-teil-5/ und https://www.dinslaken.de/c12573a70061a420/files/jeanette_wolff_-_es_gehoert_mehr_mut_zur_liebe_als_zum_hass.pdf/$file/jeanette_wolff_-_es_gehoert_mehr_mut_zur_liebe_als_zum_hass.pdf?openelement
7.
Siehe https://arolsen-archives.org/stories/stolenmemory-stutthof/
8.
Das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (1870–1941) Teil 5: Juliane Wolff („Schwester Anne“), leitende Stationsschwester. https://www.juedische-pflegegeschichte.de/das-hospital-der-georgine-sara-von-rothschildschen-stiftung-1870-1941-teil-5/, zuletzt abgerufen am 23.11.2021.
9.
Dies sind die neueren Angaben vom Portal Jüdische Pflegegeschichte (siehe Anm. 7).
10.
Hans Lamm (Hg.), Jeanette Wolff. Mit Bibel und Bebel, (Anm. 4), S. 9-70.
11.
Gunter Lange, Jeanette Wolff 1888 – 1976, (Anm. 2), S. 67.
12.
https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39605/entnazifizierung-und-erziehung
13.
Ebd., S. 78.
14.
Gunter Lange, Jeanette Wolff 1888-1976 (Anm. 2), S. 118.
15.
Bästlein/Fritz/Stirn/Wegener, Jeanette Wolff 1888-1976 (Anm.1), S. 55.
16.
Berliner Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN), https://berlin.vvn-bda.de/unsere-geschichte/, zuletzt aufgerufen am 17.10.2021.
17.
Birgit Seemann, Jeanette Wolff, Politikerin und engagierte Demokratin (1888-1976). Frankfurt/M. 2000, S. 79.
18.
Hier muss angemerkt werden: Bis 1989 wurden Mitglieder des Bundestags aus Westberlin nicht direkt in den Bundestag gewählt, sondern von den Parteien in Westberlin dorthin entsandt. Man konnte also als WählerIn in Westberlin nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen. Wolffs Reden im Bundestag können im Bundestagsarchiv eingesehen werden: https://www.bundestag.de/services/suche?suchbegriff=jeanette+wolff., zuletzt aufgerufen 17.12.2021.
19.
Ulrike Schneider, Biographien jüdischer Frauen: Jeanette Wolff (1888-1976) – Jüdin, Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin, in: Medaon 11 (2017), 20, S.3, www.medaon.de/pdf/Medaon_20_Schneider.pdf.
20.
Gunter Lange, Jeanette Wolff (Anm. 2), S. 67.
21.
https://lchaim.berlin/inge-marcus/ und www.juedische-allgemeine.de/gemeinden/grande-dame-der-gemeinde/, zuletzt aufgerufen am 22.11.2021.
22.
Birgit Seemann, Jeanette Wolff: Politikerin und engagierte Demokratin (Anm. 15), S. 91.
23.
Gunter Lange, Jeanette Wolff 1888-1976. (Anm. 9), S. 110.
24.
Jael Geis, "Jeanette Wolff "Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia. 31 December 1999. Jewish Women's Archive. https://jwa.org/encyclopedia/article/wolff-jeanette, 28.09.2021.
25.
Dr. Hans Lamm (Hg.), Jeanette Wolff. Mit Bibel und Bebel (Anm. 4), S. 95.
26.
Bästlein/Fritz/Stirn/Wegener, Jeanette Wolff (Anm. 1), S. 54.
27.
Seit 1957 verleiht der Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis. Er ehrt damit Menschen, die sich zum einen in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt haben und denen es zum anderen gelungen ist, aus den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte Lehren für die Zukunft zu ziehen. https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/alle-bisherigen-traeger-des-leo-baeck-preises-auf-einen-blick/, zuletzt aufgerufen am 19.12.2021.
28.
Haus Jeanette Wolff: Senior*innenzentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, www.jg-berlin.org/institutionen/seniorenzentrum/haus-jeanette-wolff.html, zuletzt aufgerufen am 22.11.2021.
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