Beleuchteter Reichstag

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24.4.2012 | Von:
Karsten D. Voigt

Freiheit und Sicherheit

Die Entwicklung ihres Verhältnisses von den Siebzigerjahren bis heute – eine Retrospektive aus politischer Sicht

IV.

Was ist noch ein legitimes Mittel zum Zweck und wo beginnt die Kumpanei mit den Gegnern der Freiheit? Die unterschiedliche Beantwortung dieser Frage hat während des Kalten Krieges immer wieder zum Streit über den richtigen Umgang mit der DDR geführt. War es richtig, Häftlinge freizukaufen und so der DDR sogar noch einen materiellen Anreiz für die Inhaftierung von Oppositionellen zu schaffen? Haben die Gespräche zwischen der SPD und der SED zur Auflockerung des Systems der DDR und zum friedlichen Wandel beigetragen, oder hatten sie vor allem die Wirkung, ein Unrechtssystem zu legitimieren? Wer hat im Dialog zwischen Ost und West wen mehr verändert, der Osten mit seinen Geheimdiensten und seinen Unterwanderungsstrategien den Westen oder dieser durch die Attraktivität seiner freiheitlich geprägten und wirtschaftlich effizienten Gesellschaftsordnung den Osten? Nach dem Ende der DDR stellen sich heute ähnliche Fragen im Umgang mit anderen Diktaturen oder antidemokratischen Bewegungen und Ideologien. Sie stellen sich im Ausland und innerhalb der Bundesrepublik selber.

Beim Umgang mit der DDR vermischten sich Fragen der äußeren und der inneren Sicherheit. Als junger Student las ich neben der "Zeit" den "Reichsruf" – das war die Zeitung der rechtsradikalen Deutschen Reichspartei – , gelegentlich sogar die "National- und Soldatenzeitung" und "Die Andere Zeitung". Die "AZ" gab sich als unabhängige Zeitung links von der SPD aus und wurde auf damals nicht durchschaubaren Wegen von der SED finanziert. Ich hätte auch gern das "Neue Deutschland" gelesen. Doch das unterlag dem gesetzlichen Verbringungsverbot, das einen Verkauf an Kiosken ausschloss. Ich empfand diese gesetzliche Regelung als eine Einschränkung meines Rechts auf Informationsfreiheit, die auch durch eine von der DDR ausgehende ideologische Bedrohung nicht zu rechtfertigen war.

Als wir Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre im Rahmen der Entspannungspolitik zahlreiche Kontakte zu den kommunistischen Jugendorganisationen in Osteuropa aufnahmen, taten wir dies mit Unterstützung der Älteren. Gleichzeitig aber warnten sie uns aufgrund ihrer Erfahrungen zu Vorsicht. Ihre Erfahrungen stammten aus unterschiedlichen Zeiten: In Frankfurt am Main lebte damals noch Rose Frölich, die Frau des ersten Parteivorsitzenden der KPD nach deren Gründung im Jahre 1918 und eine Jugendfreundin Rosa Luxemburgs. Sie hatte sich aufgrund der Politik Lenins von der KPD abgewandt. Willy Brandt hatte im spanischen Bürgerkrieg das brutale Vorgehen Stalins gegen undogmatische Sozialisten erlebt. Herbert Wehner fürchtete als ehemaliger Kommunist kommunistische Unterwanderungsversuche. Er unterstützte meine Reisen nach Osteuropa, weil er mich für wenigstens marxistisch gebildet und deshalb für nicht so naiv wie "normale" Sozialdemokraten hielt.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie des Marxismus-Leninismus und der daraus abgeleiteten Praxis der Diktatur des Proletariats war und ist – soweit es noch Anhänger dieser Theorie gibt – im Interesse der Freiheit erforderlich. An dieser Auseinandersetzung habe ich mich in den Fünfzigern als Mitglied der evangelischen Jugend in Hamburg und in den Sechzigern und Siebzigern als Jungsozialist aktiv beteiligt. Dies war auch notwendig, denn die DDR versuchte damals direkt und indirekt, demokratische linke Gruppen im Sinne ihrer Vorstellungen zu beeinflussen.

Bereits der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hatte hierauf reagiert, indem er auf einem Bundeskongress im September 1968 eine kommunistische Fraktion aus dem Verband ausschloss. Zeitgleich zur Aufnahme von Kontakten zu den kommunistischen Jugendorganisationen in Osteuropa begann der Bundesvorstand der Jungsozialisten eine ideologische Auseinandersetzung mit den Anhängern der Theorie vom "staatsmonopolistischen Kapitalismus". Bei dieser Auseinandersetzung war ihnen durchaus bewusst, dass nur eine kleine Minderheit der Anhänger der "Stamokap"-Theorie tatsächlich überzeugte Kommunisten waren. Nachdem es aber dieser Minderheit aufgrund ihrer ideologischen und organisatorischen Disziplin gelungen war, die Mehrheit im Bundesvorstand des Sozialdemokratischen Hochschulbundes zu übernehmen, wurden auch organisatorische Gegenmaßnahmen unvermeidlich. Sie führten zur Aberkennung des Namens durch den SPD-Vorstand und mit maßgeblicher Unterstützung des Bundesvorstandes der Jungsozialisten zuerst zur Spaltung des SHB und dann zur Gründung eines neuen Studentenverbandes, den Juso-Hochschulgruppen.



Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

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Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

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60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

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Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

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Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

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Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

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Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

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Der Tag in der Geschichte

  • 22. Januar 1963
    Deutsch-französischer Freundschaftsvertrag, unterzeichnet von Adenauer und de Gaulle in Paris. Er besiegelt nach dem Scheitern der Pläne de Gaulles, eine »Europäische Politische Union« (EPU) zu gründen, die Aussöhnung zwischen beiden Staaten (»Erbfeinde«) und... Weiter
  • 22. Januar 1984
    Sechs DDR-Bürger, die in der US-Botschaft um Asyl gebeten hatten, dürfen ausreisen, am 24. 1. auch jene Bürger, die sich in der Ständigen Vertretung der BRD aufhalten. Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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