Beleuchteter Reichstag

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24.4.2012 | Von:
Karsten D. Voigt

Freiheit und Sicherheit

Die Entwicklung ihres Verhältnisses von den Siebzigerjahren bis heute – eine Retrospektive aus politischer Sicht

Angela-Davis-Kongress, Frankfurt am Main, 1972.Karsten D. Voigt auf einer Demonstration im Rahmen des Angela-Davis-Kongresses in Frankfurt am Main, Juni 1972. (© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz – Abisag Tüllmann Archiv)
Oskar Negt, eine innerhalb der undogmatischen Linken weithin anerkannte intellektuelle Autorität, hielt bereits 1972 in Frankfurt am Main auf dem Angela-Davis-Kongress eine Rede gegen die Anwendung von Gewalt. Aber erst auf dem vom "Sozialistischen Büro" organisierten Frankfurter Pfingstkongress vier Jahre später distanzierten sich zahlreiche Vertreter verschiedener linker und linksradikaler Strömungen eindeutig und öffentlich von terroristischen Strategien. Im Vorfeld dieses Kongresses hat mich der damalige Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel gebeten, meine Kontakte zu linken Intellektuellen zu nutzen, um sie zu einer öffentlichen Verurteilung des Terrorismus zu bewegen. Viele von ihnen waren hierzu bereit, und zwar weil sie selbst ein Bedürfnis hatten, sich mit den antidemokratischen und menschenverachtenden Aktionen der Terroristen öffentlich auseinanderzusetzen. Diese öffentliche Auseinandersetzung mit politischen Strategien, die Gewalt als legitimen Bestandteil ihrer Aktionen ansehen, ist auch heute noch mindestens ebenso wichtig wie die polizeiliche und strafrechtliche Verfolgung oder die nachrichtendienstliche Beobachtung einzelner Gewalttäter.

Im Frankfurt Anfang der Siebzigerjahre wusste ich nicht, wer sich an Gewalttaten beteiligt hatte. Aber wenn man in bestimmte Lokale ging, wusste man, wer mit ihnen sympathisierte. Wer bei Demonstrationen den Anhängern militanter Strategien Steine aus der Hand nahm, musste damit rechnen, selber bedroht zu werden. Als ich 1977 im Bundestag dem Kontaktsperregesetz zustimmte, wurde das Haus, in dem ich wohnte, mit Parolen beschmiert und durch das Fenster meiner Wohnung Steine und Buttersäure geworfen, von anderen Belästigungen ganz zu schweigen. Meine Zustimmung zu diesem Gesetz empfinde ich heute als problematisch. Damals hielt ich sie trotz vieler Bedenken für vertretbar, um weitergehende Forderungen nach der Einschränkung von Freiheitsrechten und Rechtsstaatlichkeit abzuwehren. Unmittelbar nach terroristischen Aktionen war es damals und ist es heute schwer und trotzdem notwendig, für den Erhalt rechtsstaatlicher Prinzipien einzutreten. Diese Erfahrung machten Politiker in Bonn während des sogenannten "deutschen Herbstes" und in Washington nach dem 11. September 2001. Rechtsextremismus und Linksradikalismus haben unterschiedliche ideologische Wurzeln. Aber das Festhalten an rechtstaatlichen Prinzipien gilt angesichts von Terroristen, die sich "links" begründen, ebenso wie angesichts von Terrorismus, der sich "rechts" begründet.

Ab 1968 stellte sich mehrere Male die Frage, ob man sinnvolle Projekte oder Kontakte zu Personen abbrach, weil nicht auszuschließen war, dass man dabei mit Sympathisanten von Strategien der Gewalt in Berührung kam.

Als stellvertretender Leiter der Frankfurter Volkshochschule unterstützte ich Bildungsprojekte zur Integration arbeitsloser und straffällig gewordener Jugendlicher. Erst jetzt habe ich bei der Durchsicht meiner Akten festgestellt, dass ich 1969 als eines dieser Projekte ein Seminar finanziell unterstützt habe, das inhaltlich und personell allerdings durch Mitarbeiter des Frankfurter Jugendamtes verantwortet wurde. Eine der Referentinnen dieses Seminars war Gudrun Ensslin, unter den Teilnehmern befanden sich Astrid Proll und Peter Borsch. In der aufgeheizten Atmosphäre des "deutschen Herbstes" hätte mir niemand geglaubt, dass ich durch die Förderung eines solchen Bildungsprojektes ohne mein Wissen ein Jahr vor der Gründung der RAF in die revolutionäre Randgruppenstrategie späterer Terroristen verstrickt war.

Brigitte Heinrich, eine Bekannte von mir wurde im Herbst 1974 festgenommen und wegen Terrorismus verurteilt. Da bekannt war, dass ich diese Frau gut kannte, wurde ich mehrfach aufgefordert, mich für ihre Freilassung zu einzusetzen. Ich habe mich aber an keiner Solidaritätsaktion zugunsten meiner Bekannten beteiligt, weil sie rechtsstaatlich korrekt verurteilt worden war. Allerdings schrieb ich ihr ins Gefängnis, und ging am Tage ihrer Freilassung mit ihr und ihrer Mutter zum Abendessen in ein Restaurant. Ich hoffte damals, dass sie sich vom Terrorismus abgewandt hätte. Denn auch ehemaligen Terroristen soll man beim Einstieg in einen demokratischen Lebenswandel helfen.



Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

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Die Mauer. 1961 bis 2021

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Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

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60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

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Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

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Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

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Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

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Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

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Der Tag in der Geschichte

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    Das Wehrpflichtgesetz führt die allgemeine Wehrpflicht für männliche DDR-Bürger zwischen dem 18. und 50. Lebensjahr ein. Der Grundwehrdienst dauert 18 Monate. Im Verteidigungsfall übernimmt der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates den Oberbefehl über... Weiter
  • 24. Januar 1991
    Große Senatskoalition: Wahlsieger Eberhard Diepgen (CDU) wird zum ersten Regierenden Bürgermeister Gesamt-Berlins gewählt; er war 1984 - 1989 bereits Regierungschef im Westteil der Stadt. Gemäß der Koalitionsvereinbarung vom 23. 1. 1991 bildet Diepgen einen... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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