Beleuchteter Reichstag

9.10.2019 | Von:
Siegbert Schefke

Schlüsselmoment der Geschichte:
Der 9. Oktober 1989 in Leipzig

Wie verbreitete sich die Friedliche Revolution?

Eine wesentliche Rolle bei der Ausbreitung der Friedlichen Revolution 1989 in der DDR spielten Fernsehbilder - die beinah verhindert worden wären. Siegbert Schefke, einer der beiden Kameramänner, die damals heimlich die entscheidende Montagsdemonstration am 9. Oktober filmten, beschreibt, wie viel Mut und Angst damals mit solchen Aufnahmen verbunden waren. Und wie die Bilder trotz umfassender Überwachung ins Westfernsehen kamen. Sie wurden zum Ansporn auch andernorts in der DDR, es den Leipzigern und Leipzigerinnen nachzumachen.

Das Zeitdokument vom 9. Oktober 1989 in Leipzig. 70.000 Demonstrierende haben keine Angst mehr vor ihrem autoritären Staat. Zunächst ist es auf dem Leipziger Ring noch vergleichweise leer. Aber dann nimmt der Zustrom stark zu und immer mehr Parolen werden hörbar, zum Beispiel "Gorbi! Gorbi!", "Wir sind das Volk!" oder "Schließt Euch an". Aber noch musste das zweiköpfige Filmteam Angst haben, umgehend verhaftet zu werden. (© Aram Radomski, Siegbert Schefke sowie Roland Jahn)

21 Minuten unserer Videoaufnahmen vom 9. Oktober 1989 in Leipzig haben wir nunmehr öffentlich zugänglich auf www.bpb.de/deutschlandarchivonline gestellt und zuvor schon auf Youtube. Weil dieser Moment aus unserer Sicht der Allgemeinheit gehört. Als eine couragierte Leistung von vielen - mit weitreichenden Folgen. Ein Geschäft damit machen wir nicht, Gelder für Filmrechte geben wir als Spenden weiter. Aber wie kam unser Video überhaupt zustande? Eine Rückerinnerung:

Ich hatte damals das Gefühl: Wenn etwas in der DDR passieren würde, dann in Leipzig. Die jungen Leute dort waren anders, das spürte ich. Montag für Montag fuhren wir hin. Diese Leipziger Mutmenschen wollten mit dem, was sie bei den Montagsgebeten artikulierten, aus der Kirche raus, auf die Straße. Sie versuchten es immer wieder. Ihren Protest auf die Straße bringen, war das wichtigste Ziel.

Am Montag, den 2. Oktober, wollten wir erneut nach Leipzig. Mein Trabant war inzwischen 15 Jahre alt und nicht mehr so zuverlässig. Es gab stets einen Zwischenstopp an der einzigen Autobahnraststätte Köckern. Tanken und dann weiter.

In Leipzig angekommen, trafen wir uns mit unseren Freundinnen und Freunden, darunter der Bürgerrechtler Uwe Schwabe. Er war unruhig. Es waren viele Menschen unterwegs. Um 17 Uhr Friedensgebet in der Nikolaikirche – die Kirche war voll. Nach dem Gebet setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung, es ging auf den Innenstadtring. Alle hatten Angst. Keiner trug was in der Hand, denn wenn es knallte, wollten alle nur schnell weg rennen. Als ich Anstalten machte, meine Kamera, die ich in einer Plastiktüte verstaut hatte, auszupacken, starrten uns die Menschen um uns entsetzt und fragend an. Waren wir von der Stasi? Wer will schon auf einer verbotenen Veranstaltung gefilmt werden!

Abbruch am 2. Oktober

Wir stellten uns abseits und wollten vom Straßenrand aus filmen. Doch dort stand alles voller Stasi-Büttel. Irgendwann gaben wir entnervt auf, setzten uns in den Trabant, tankten wieder in Köckern und fuhren frustriert nach Berlin zurück. Wir hatten nun eine Woche Zeit um nachzudenken. Für uns war klar, in einer Woche würden wir wieder nach Leipzig fahren und dann nicht wieder mit leeren Händen zurückkommen. Die Ereignisse in der folgenden Woche überschlugen sich.

Am 7. Oktober wollten die Genossen den 40. Jahrestag der Republik begehen. Allen war nicht nach Feiern zumute. Das Land befand sich in einer Art Schockstarre. Zehntausende hatten das Land in diesem Jahr bereits verlassen. Die westdeutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau wurden von Ausreisewilligen besetzt. Der berühmte Satz von Hans-Dietrich Genscher, dem damaligen Bundes-Außenminister auf dem Balkon der Prager Botschaft, des Palais Lobkowicz, am 1. September befreite und befeuerte die Situation. Tausende standen dort im Garten und wollten ihre Ausreise erzwingen. Genscher rief ihnen zu: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise….". Der Rest ging im Jubel der Wartenden unter.

Die Menschen wurden mit Bussen zum Bahnhof in Prag gebracht und fuhren über das Gebiet der DDR in den Westen. An der Bahnstrecke in Sachsen standen wiederum Tausende, die mitfahren oder zumindest den Menschen im Zug zuwinken wollten. Was Polizei und Militär zu verhindern suchten. In Dresden wurde geprügelt. Wut und Ratlosigkeit in der DDR steigerten sich gewaltig.

Kameramann Siegbert Schefke bei Dreharbeiten in der DDR 1989Kameramann Siegbert Schefke bei Dreharbeiten in der DDR 1989 (© Robert-Havemann-Gesellschaft RHG / Aram Radomski)
Die Stasi erhöhte den Druck auf mich: Vor dem Haus, in dem ich wohnte in Prenzlauer Berg, lungerten jetzt immer drei bis vier Stasi-Leute rund um die Uhr herum. Ging ich zum Bäcker, kamen die Schlapphüte mit. Ging ich zur Gethsemanekirche, kamen sie im Abstand von fünf Metern hinter mir her und warteten vor der Kirchenpforte. Danach begleiteten sie mich wieder. Wohl weil sie ahnten oder wussten, dass ich eine der damals noch seltenen Videokameras in der DDR zur Verfügung hatte.

"Herr Schefke, wir können auch anders"

Die Tage um den Geburtstag der Republik waren in Berlin von Aufruhr geprägt. Die Widerstandsnester waren bei mir um die Ecke, die Gethsemanekirche und auf der Schönhauser Allee. Wasserwerfer, gepanzerte Räumfahrzeuge sowie Schneepflüge standen auf der Fahrbahn. Die Demonstranten riefen: "Keine Gewalt!. Das DDR-Fernsehen behauptete das Gegenteil. Die Dauerbewachung durch die Stasi zeigte Wirkung. Ich war total verunsichert. Die Kamera blieb zu Hause. Abends standen sie im Hauseingang, es war dunkel und einer raunte mir ins Ohr: "Herr Schefke, wir können auch anders."

Ich saß oben in meiner Wohnung, allein, ohne Telefon. Die Genossen standen im Hof. Der MfS observiert bei mir im Hinterhof. So war es auch am 7. Oktober. An diesem Tag wollte ein Freundeskreis die "Sozialdemokratische Partei in der DDR" (SDP) im Pfarrhaus in Schwante bei Berlin gründen. Aram und ich sollten das mit unserer Video-Kamera festhalten. Ich konnte mich ja nicht ohne die Genossen aus dem Haus bewegen. Also erledigte Aram diesen heiklen Dreh alleine, es entstanden nur wenige Bilder. Ibrahim Böhme verbreitete Unruhe und Hektik, und die 20 Gründungsmitglieder ließen sich davon anstecken. Aber das Material reichte aus, um zu beweisen, dass eine Partei ohne Genehmigung in der DDR gegründet werden konnte.

Entkommen über die Dächer des Prenzlauer Bergs

Montag, den 9. Oktober wollten Aram und ich wieder nach Leipzig. Die Stasi stand wie immer im Hof und glotzte hoch zu mir in den vierten Stock. Ich ging zum Bäcker, die Genossen hinterher. Ich wieder in meine Wohnung. Aber Aram und ich hatten einen Plan ausgeheckt: Ich hatte Zeitschaltuhren an der Tischlampe im Wohn- und im Schlafzimmer installiert. Licht an – Licht aus. Ein letzter Kontrollblick aus dem Fenster. Die Genossen im Hof gönnten sich im Stehen eine Bockwurst. Ich stieg über die Luke auf das Dach und lief die Hausdächer entlang der Bornholmer Straße bis zur Schönhauser Allee. Dort stieg ich wieder durch eine Dachluke ins Treppenhaus.

Aram wartete bereits auf mich. Irgendwann hatten wir das Gefühl, dass wir verfolgt würden. Wir fuhren in die Oderberger Straße und stellten dort den Trabant von Aram ab. Gingen durch den Innenhof, bekannt als "Hirschhof", und kamen über andere Höfe an der Kastanienallee wieder raus. Die Schlapphüte rannten uns hinterher. Es kam die Straßenbahn Richtung Friedrichshain, die wir mit Mühe erreichten. Die Verfolger nicht. Wir freuten uns und fuhren zu Stephan Bickhardt. Er gab uns seinen Trabant. Stephan arbeitete bei der Evangelischen Kirche und besaß einen Dienst-Trabi. (Er war dann auch zehn Jahre später der Pfarrer, der mich und Claudia traute.)

LKW-Kolonnen mit Sicherheitskräften

Nun waren wir auf der Autobahn Richtung Leipzig, tankten wie immer in Köckern, und weiter ging die wilde Fahrt mit Tempo 110. Dann vor uns eine sehr lange LKW-Kolonne. Vielleicht dreißig Fahrzeuge, auf den Ladeflächen Soldaten oder Polizisten. Aram sagte "Siggi, die fahren nicht zum Spaß nach Leipzig. Die haben da was vor." Wir schwiegen. Dann bogen wir von der Autobahn ab. Stau auf der Landstraße Richtung Leipzig. Die Volkspolizei winkte einige Autos raus. Uns ging die Muffe. Wir saßen in einem eher unauffälligen Trabant. Sie winkten uns durch. Wir liefen auf der Suche nach einem guten Ort für den Dreh durch die Stadt. In den Seitenstraßen standen Militär-Fahrzeuge. Wir wussten, heute wollten wir nicht demonstrieren, wir wollten von "oben" filmen. Das wäre heutzutage mit einer Drohne ein Kinderspiel.

Zweihundert Meter vom Leipziger Hauptbahnhof entfernt steht das höchste Wohnhaus der DDR, mit Blick auf den Innenstadtring und in Richtung Nikolaikirche. Eine ideale Position. Im zehnten Stockwerk stand eine Balkontür offen. Wir legten uns hin. Der Blick war ideal. Es war gegen 14 Uhr, bis 18 Uhr hatten wir noch sehr viel Zeit. Doch kaum hatten wir uns einigermaßen eingerichtet, öffnete sich die Balkontür. Ein bulliger, schon etwas älterer Mann im Blaumann stand vor uns. Wir guckten uns verdutzt an. Der Mann fauchte: "Ich bin hier der Hausmeister, was macht ihr denn hier?" Ich stammelte: "Wir sind Studenten, kommen von der Filmhochschule aus Potsdam-Babelsberg und haben den Auftrag, hier zu filmen." Mir fiel nichts anderes ein. Der Blaumann erwiderte: "Also nun hört mal zu. Ihr wisst, dass das Blödsinn ist. Das ganze Hochhaus ist voller Genossen der Staatssicherheit. In ein paar Minuten sind die hier, und die werden euch eure Geschichte nicht abnehmen. Was ich glaube, ist egal. Ich rate euch, haut einfach ab und filmt von wo anders für eure Hochschule."

Von wo aus ungefährdet filmen?

Wir zögerten nicht, seinen Rat zu befolgen. Nun standen wir wieder auf der Straße. Unweit der Stasi-Zentrale, Ecke Trödlinring/Goerdelerring, befand sich ein Wohnhaus, dessen Giebelfenster einen sehr guten Blick auf die zu erwartenden Demonstranten boten. Die Haustür war nicht abgeschlossen. In der dritten Etage klebten an der Tür Aufkleber: "Atomkraft Nein Danke", "Kirche von unten", "Frieden schaffen ohne Waffen". Das sollte doch Hinweis genug sein, dass hier ein Sympathisant unserer Sache wohnte. Wir klingelten, die Tür öffnete sich, wir wurden eingelassen.

Wir ersparten uns und der kleinen Familie die Legende von der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg und sagten die Wahrheit. Die Augen unseres Gastgebers leuchteten auf. Aber unsere Blicke blieben auf den kleinen Kindern hängen. Es war klar, die Stasi würde den Drehort herausfinden. Und dann stünden nicht die beiden Berliner Videodesperados vor der Tür, sondern die Stasi, und die würde den Familienvater verhaften.

Aram und ich guckten uns an und waren uns einig, dass wir diese Verantwortung nicht übernehmen konnten. Wieder standen wir auf der Straße. Es war schon halb vier. Wir trafen Uwe Schwabe und zwei, drei andere Leipziger. Darunter einen Freund, bei dem wir schon im September mal geschlafen hatten. Er schlug vor, dass wir es doch mal in der Reformierten Kirche probieren sollten. Die Straßen waren voller Menschen. Heute sollte nicht nur in der Nikolaikirche ein Friedensgebet stattfinden, sondern zeitgleich in vier anderen Kirchen. Einer der Leipziger rechnete mit hunderttausend Menschen. Ich fand das etwas zu hoch gegriffen. Ein anderer warf die Zahl fünfzigtausend in die Runde. Das war mir entschieden zu wenig. Wir einigten uns auf siebzigtausend Demonstranten, die heute Abend auf dem Innenstadtring unterwegs sein würden.

Aufnahme, versteckt vom Kirchturm aus

Uns lief die Zeit davon. Wir klingelten am Gemeindebüro der Reformierten Kirche. Pfarrer Hans-Jürgen Sievers öffnete die Tür. Wir sagten ihm, was wir vorhatten. Da standen wir nun und schwiegen. Was, wenn er NEIN sagen würde? Es dauerte zehn Sekunden. Dann sagte er: "Natürlich geht das."

Der Hausmeister führte uns über eine sehr schmale, eiserne "Hühnerleiter" nach oben und schob eine schwere Dachluke zur Seite. Wir waren auf der obersten Plattform des Kirchturms angekommen. Wir legten uns auf den Boden, was nicht so angenehm war, denn er war von Taubendreck übersät. Unten war alles noch menschenleer und dunkel. Keine Autos, keine Straßenbahn, keine leuchtende Straßenlampe und fast keine Menschen. Zuerst hörten wir sie nur. Würde geschossen werden? In den Staatszeitungen war geraten worden, dass die Bürgerinnen und Bürger zu Hause bleiben sollten. Wir warteten. Sprechchöre waren zu hören. Dann kamen sie, eine unbeschreiblich große Menschenmenge näherte sich. In wenigen Minuten bewegte sie sich direkt unter uns. Welch eine Anspannung, wir waren total aufgeregt.

"Heute wird sich die Welt verändern"

Wir hatten keinen Monitor, nur den kleinen Sucher. Später hörten wir uns auf dem Band flüstern: "Ist da überhaupt was zu erkennen?" Einfach weiter drehen, nur laufen lassen. Aram fotografierte. Unten die Sprechchöre: "Schließt Euch an!", "Wir sind das Volk", "Neues Forum zulassen", "Gorbi, Gorbi", "Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht".

Die Leipziger Montagdemonstration vom 9. Oktober 1989, heimlich vom Kirchturm der Reformierten Kirche aus gedreht.Die Leipziger Montagdemonstration vom 9. Oktober 1989, heimlich vom Kirchturm der Reformierten Kirche aus gedreht. (© Aram Radomski, Siegbert Schefke und Roland Jahn)
Die SED-Genossen hatten immer wieder behauptet, dass in Leipzig einige wenige besoffene Randalierer und Rowdys durch die Straßen ziehen und Unruhe verbreiten wollten. Darauf reagierten die Sprechchöre: "Wir sind keine Rowdys". Wir waren überwältigt und Aram raunte: "Sggi, heute wird sich die Welt verändern. Wenn die Bilder morgen im West-Fernsehen zu sehen sind, dann wird das nicht nur die DDR, nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa und die Welt verändern!".

Fünfhundert Meter von unserem Kirchturm entfernt verlief die Montagsdemonstrationen an der Runden Ecke vorbei. Das war der neuralgische Punkt. Dort befand sich die Zentrale der Leipziger Stasi. Wenn von da nicht geschossen wurde, dann wussten alle, dass es friedlich bleiben würde. Drüben auf den Dächern der Hochhäuser standen Geheimpolizisten und beobachteten, was sich unten auf der Straße abspielte. Ich dachte, wenn wir sie sehen, sehen sie uns auch. Bestimmt fangen sie uns später am Kircheneingang ab. Aber erst einmal atmeten wir auf und waren glücklich, dass kein Schuss gefallen war. 21 Minuten Material zeichnete unsere Kamera auf. Anschließend bewirteten uns Pfarrer Sievers und seine Frau mit Schnittchen. Bevor wir gingen, musste der sechzehnjährige Sohn auskundschaften, ob auffällige Personen vor der Tür ständen. Die Luft war rein, wir verabschiedeten uns.
Die Reformierte Kirche in Leipzig 30 Jahre später - angeleuchtet beim Leipziger Lichterfest zu Ehren der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 2019. Vom Kirchturm aus entstanden 1989 die VideobilderDie Reformierte Kirche in Leipzig 30 Jahre später - angeleuchtet beim Leipziger Lichterfest zu Ehren der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 2019. Vom Kirchturm aus entstanden 1989 die Videobilder (© bpb / Holger Kulick)

Video-Schmuggel via Drehtür

Wir waren mit Ulli Schwarz verabredet. Ulli war der Korrespondent des Spiegel, der sich eigentlich gar nicht in Leipzig aufhalten durfte. Reisen außerhalb der DDR-Hauptstadt mussten sich West-Journalisten vom DDR-Außenministerium genehmigen lassen. Und Reisen nach Leipzig wurden im Herbst 1989 generell nicht genehmigt. Ulli war mit seinem Mercedes nach Berlin-Schönefeld gefahren und von dort mit der Eisenbahn weiter nach Leipzig. Er war wohl an diesem Tag der einzige West-Journalist in der Stadt. Noch heute wundert er sich über seine Kollegen und deren Feigheit. In der Drehtür eines großen Hotels steckte ich ihm die Videokassette mit zirka zwanzig Minuten Drehmaterial zu. Er ließ sie unter seinem Mantel verschwinden. Wir setzten uns in die Lobby und überlegten, wie es weiter gehen sollte. Ein Zug zurück nach Berlin fuhr in dieser Nacht nicht mehr. Kurz entschlossen packten wir Ulli in unseren Wagen – irgendwie musste er ja zu seinem Benz nach Berlin-Schönefeld kommen.

Kurz vor Köckern begann der Trabant zu stottern. Er fuhr nur noch fünfzig Kilometer die Stunde. An der Autobahnraststätte riet uns der Tankwart: "Jungs, euer Trabi läuft nur noch auf einem Topp, einfach weiter fahren und beobachten." Zwei Stunden später fuhr Ulli von Schönefeld aus mit der Kassette in seinem Mercedes Richtung Westen, und ich tuckerte zur Schönhauser Allee, stieg die Treppen rauf zur Dachluke, öffnete diese, lief im Dunkeln bis zur Dachluke Gotlandstraße 4 und war schließlich in meiner Wohnung. Ich ging zum Fenster und schaute in den Hof. In einer Ecke standen die Stasileute und rauchten Zigaretten. Mein Plan war aufgegangen. Am nächsten Tag begleiteten sie mich wieder zum Bäcker. Dann zogen sie überraschend ab.

Tagesthemen schützten Filmemacher

Am Abend kam Aram. 20 Uhr-Nachrichten in der Tagesschau – keine Bilder von uns aus Leipzig. 21 Uhr in der ARD das Politmagazin Report mit Franz Alt. Ohne große Anmoderation wurden zwei Minuten lang unsere Bilder gezeigt. Dann Tagesthemen in der ARD.

Der Moderator Hanns Joachim Friedrichs begann: "Guten Abend, meine Damen und Herren, Sie werden gleich unglaubliche Bilder aus Leipzig zu sehen bekommen. Einem italienischen Kamerateam ist es gelungen, gestern Abend in Leipzig folgende Bilder zu drehen." Enttäuschung bei uns. Ja, ja, die Italiener mal wieder! Aber auch Freude, dass es bessere Bilder gab als unsere Wackelaufnahmen. Sekunden später trauten wir unseren Augen nicht. Es waren unsere Bilder, die über den Bildschirm flimmerten. Welch ein Jubel, welch eine Genugtuung! Jahre später habe ich den Moderator in Hamburg einmal besucht und gefragt, wie er auf Italiener gekommen sei. Er antwortete: "Es musste alles ganz schnell gehen. Letztendlich wollte ich euch schützen."

"Der Tag der Entscheidung"

Tina Krone, die Leiterin des Archivs der Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin, sagte am 10. Oktober 2016 in einem Interview, zu finden unter www.revolution89.de im Blog Fundstücke folgendes zu unseren Aufnahmen:

"Dieser Film vom 9. Oktober 1989 aus Leipzig, der von zwei Berlinern aufgenommen wurde, ist für mich beeindruckend, weil darin alles zusammenkommt. Er zeigt, warum die Revolution 1989 begonnen hat, und gleichzeitig wird darin auch schon das Ende der DDR sichtbar. In den Nächten vom 7. und 8. Oktober 1989 hatte die Volkspolizei in Ost-Berlin brutal auf Menschen eingeprügelt. Es gab über eintausend Festnahmen. Teilnehmer eines Gebetes in der Gethsemanekirche waren eingekesselt worden und mussten wahre Gewaltorgien erleben.

Dann kam der 9. Oktober und alle schauten nach Leipzig. Die Situation war sehr angespannt, es war klar, die Regierenden wollten ein Exempel statuieren. Trotz der Verhaftungen hatten sich immer mehr Menschen an den Montagsdemos beteiligt. Alle spürten: An diesem Montag fällt die Entscheidung. Ich habe den ganzen Tag Westradio gehört, die DDR-Sender haben natürlich nichts berichtet. Aus Leipzig erreichten uns Gerüchte, dass Blutkonserven geordert worden seien, das Eltern ihre Kinder aus den Kindergärten bis 15 Uhr abholen sollten, dass die Geschäfte in der Innenstadt schließen würden. Angeblich war die NVA schon in Alarmzustand, irgendwer hatte schon Panzer gesichtet. Es wurde Angst verbreitet, und die übertrug sich auf die ganze DDR. So wollte die Staatsmacht die Demonstration verhindern. Aber das Konzept ging nicht auf, die Leute kamen erst recht.

So war es ein Tag, an dem alle das Gefühl hatten, sich entscheiden zu müssen: für oder gegen Veränderungen. Viele sagten später, sie hätten es nicht verantworten können – weder vor sich, noch ihren Kindern gegenüber –, an diesem Montag nicht Farbe bekannt zu haben. Die Leipziger waren fast alle auf der Straße, auf der einen oder anderen Seite, wie man heute weiß. Im Film hört man nur Sprechchöre: "Wir sind das Volk" und "Schließt euch an". Man sieht keine Transparente, trotzdem sind die Bilder so machtvoll.

Zu der Geschichte gehört auch, dass der SED-Bezirkssekretär aus Leipzig beim Politbüro in Berlin anrief und um eine Entscheidung bat. Egon Krenz, der für Sicherheitsfragen zuständig war, versprach zurückzurufen. Doch der Rückruf kam zu spät. Da entschieden die Verantwortlichen vor Ort offenbar: Dieses Blutbad richten wir nicht an.

Buchcover: Der Text ist entnommen dem Buch Siegbert Schefkes: "Als die Angst die Seite wechselte - Die Macht der verbotenen Bilder",
Transit-Verlag Berlin 2019.Der Text ist entnommen dem Buch Siegbert Schefkes: "Als die Angst die Seite wechselte - Die Macht der verbotenen Bilder", Transit-Verlag Berlin 2019.
Ich war in Berlin in der Gethsemanekirche, und es war ganz anders als in den Tagen zuvor. Es war dort kein einziger uniformierter oder ziviler Polizist, kein Staatssicherheitsangestellter, keine Bereitschaftspolizei. Die waren abgezogen worden. Die gute Nachricht war in Berlin angekommen. Jemand ist auf den Kirchturm und hat die Glocken geläutet. Dazu die Kerzen in den Fenstern der Anwohner. Zeugen dieser Tage erinnern sich bis heute daran: Die Anwohner waren aus ihrer Anonymität herausgetreten, hatten ganz persönlich – unter Angabe ihrer Adresse sozusagen – Solidarität mit denen bewiesen, die verhaftet wurden. Nach den fürchterlichen Wochen davor kam jetzt ein tiefes Gefühl von Erleichterung auf. Das Gefühl von Befreiung, das überträgt sich bis heute, wenn ich diese Bilder sehe."

Christoph Links (heute Verleger, Buchautor und Herausgeber) war an jenem 9. Oktober in der Gethsemanekirche in Berlin. Auch von ihm eine kurze Erinnerung:

"Gegen 21 Uhr kam in der Kirche die Meldung, dass die Montagsdemonstration in Leipzig erfolgreich und friedlich geblieben war. Nun zogen sich auch hier die Sicherheitskräfte zurück. Wir haben Kerzen aus der Kirche auf die Kreuzung getragen und den Sieg über die gewaltige Staatsmacht gefeiert. In der Nacht ist mir bewusst geworden, dass sich die Machtfrage entschieden hat und das alte System zurückweicht. Und so kam es dann auch: die Woche drauf ist Honecker zurückgetreten, dann kam der Rücktritt der Regierung, der Rücktritt des Politbüros und schließlich die Maueröffnung".

Aber soweit war es noch nicht. Die Arbeit ging weiter.

Fortsetzung des heimlichen Filmens

Leipzig war der bedeutende Schritt auf dem Weg zu Veränderungen im Land gewesen. Aber wichtig wurde nun, der neuen politischen Bewegung ein Gesicht zu geben. Immer mehr Mutige trauten sich vor unsere Kamera: Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Marianne Birthler, Carlo Jordan, Friedrich Schorlemmer, Jens Reich, Markus Meckel, Martin Gutzeit, Ibrahim Böhme (der einzige Verräter unter den Aufgezählten, denn er stellte sich später als Stasi-Spitzel heraus), Gerd Poppe, Stephan Bickardt und viele andere. Es war Stress ohne Ende, immer wieder mussten Treffen vereinbart, neue Drehorte gefunden werden. Drehorte, die nicht nachvollziehbar für die Stasi sein sollten.

Arams Wohnung in Berlin-Mitte war zentral gelegen. Wir setzten unsere Interviewpartner vor eine weiße Wand und stellten ab und zu die einzige Grünpflanze, die wir hatten, davor. Doch die dekorative Yucca-Palme gefiel Roland Jahn in West-Berlin nicht, der unsere Aufnahmen weitergab. Also haben wir sie wieder weggeräumt – es blieb bei der weißen Rauhfasertapete. Dazu kamen Übergabetermine mit den Kurieren. Ich hatte drei Hauptkuriere, und jeder tickte anders. Alle drei waren West-Journalisten, die großes Interesse hatten an besonderen Geschichten, die ich ihnen besorgte.

Die monatlich erscheinenden Informationsblätter aus der Umweltbibliothek (UB) wurden mir quasi aus der Hand gerissen. Einmal fragte mich Ulli Schwarz, ob ich nicht jemanden kenne, der über den Mangel an Ärzten im Land zuverlässig etwas sagen könnte. Im Sommer 1989 hatte auch viel Fachpersonal aus den Krankenhäusern die DDR verlassen. Aber es gab keine konkreten Zahlen darüber. In der UB verkehrte Dr. Edgar Wallisch. Als ich noch Oberbauleiter war, hatte er mich gelegentlich krank geschrieben. Ich fragte Edgar, ob er zu dem Thema recherchieren könnte. Edgar lieferte konkrete Zahlen vom Personalschwund an der Berliner Charité und aus dem Krankenhaus Berlin-Buch. Ulli hatte seine Geschichte.

Konspirative Verabredungen

Diese Verabredungen zwischen uns waren allerdings schon abenteuerlich: Wir hatten ein ganz besonderes System entwickelt. Ich rief Ulli aus einer Telefonzelle in seinem Ost-Berliner Büro an. Er meldete sich, ich hustete drei Mal, Ulli hustete zwei Mal. Das bedeutete, dass er in drei Stunden nicht kommen konnte, aber in zwei. Da konnte ich aber nicht und so hustete ich einmal zurück und wir trafen uns eine Stunde später an einem vorher abgesprochenen Ort. Immer wieder musste man sich was Neues einfallen lassen, das war zeitaufwendig. Es war mir schon klar, dass die Stasi viel wusste, aber sie wusste eben nicht alles. Zu Übergaben ging ich in der Regel alleine. Selbst Aram war selten dabei. Das hatte nichts mit Misstrauen, eher mit Vorsicht zu tun.

Siegbert Schefke beim Einkaufen - ein Überwachungsfoto der DDR-Geheimpolizei Stasi.Siegbert Schefke (l.) beim Einkaufen - ein Überwachungsfoto der DDR-Geheimpolizei Stasi. (© BStU)
Als ich einmal ein Interview mit dem SDP-Mitgründer Ibrahim Böhme zu Ende geführt hatte, wollte ich mich von ihm verabschieden, aber er wollte partout nicht gehen, er wollte einfach mitkommen. Er war zu diesem Zeitpunkt ein guter Freund von mir, eine schon fast geachtete Persönlichkeit in unseren Reihen. Ich wurde dann beinahe unhöflich, um ihn endlich loszuwerden. Ibrahim Böhme hat es bis zum Ost-SPD-Parteivorsitzenden gebracht. Im Mai 1990 fanden sich überraschend Akten im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit. Der Spiegel deckte seine Tätigkeit als IM "Maximilian" auf. Am 26. März 1990 legte er alle Ämter nieder. Ibrahim hatte den Auftrag, herauszufinden, wie unsere Kassetten in den Westen gelangten.

Mitternachts an der Wohnungstür

Karl-Heinz Baumvon der Frankfurter Rundschau war ebenfalls Kurier. Bei Karl-Heinz lief das anders. Er klingelte gelegentlich um Mitternacht an meiner Wohnungstür. Auch wenn es mir nicht passte, manchmal war ich nicht alleine, öffnete ich. Ich ahnte, dass er es war und mir was von Roland übergeben wollte. Karl-Heinz war sehr groß, ein bisschen älter und sehr schwer. Vier Treppen musste er hochsteigen. Einmal kam er, war zufrieden, dass er mich angetroffen hatte und schlief auf meinem einzigen Sessel erst einmal ein. Um 1 Uhr wachte er verwundert auf und forderte mich auf, mitzukommen. Im Treppenhaus flüsterte er mir zu, dass ich ihm mit meinem Trabi folgen sollte. So fuhren wir mit zwei Autos durch das völlig menschenleere Ost-Berlin. Irgendwann hielt er in Berlin-Pankow, schleppte vier dicke Tüten aus dem Auto, legte sie hinter ein Gebüsch und verschwand im Dunkeln. Ich holte die Tüten und freute mich über mehrere Ausgaben der taz, der Frankfurter Rundschau und anderer Zeitschriften. Am nächsten Tag lag die ganze Ausbeute in unserer Umweltbibliothek.

Ingomar Schwelz von der Nachrichtenagentur Associated Press, AP, gebürtiger Österreicher, hatte sogar eine Wohnung in Ost-Berlin. Er war ein bisschen unbesorgter, vielleicht auch bequemer. Er fand es am besten, die Übergabe der Tüten und Pakete abzuwickeln, wenn wir nebeneinander parkten. Diese Unkompliziertheit war mir aber auch nicht ganz geheuer. Noch zu DDR-Zeiten heiratete er eine Leipzigerin. Nach dem Mauerfall wurde die Ehe geschieden. Ihren IM-Decknamen habe ich inzwischen vergessen.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Siegbert Schefke. Der Text ist seinem Buch entnommen: "Als die Angst die Seiten wechselte", Herausgeberin Maren Martell, Transit Verlag Berlin 2019.

Deutschland Archiv Multimedia:

- Das Leipziger Filmmaterial vom 9. Oktober 1989 auf YouTube.

- Weitere Filme aus der Zeit der Friedlichen Revolution1989

- 1.200 Parolen der Friedlichen Revolution1989 - gesammelt von der Stasi

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Epilog: Und heute?

Leipziger Bürgerinnen und Bürger am 9. Oktober 2019 beim Gedenken an die Friedliche Revolution - tief schockiert an diesem Tag wegen den Todesschüssen eines Neonazis im benachbarten Halle, der dort nur Stunden zuvor eine Synagoge und einen Dönerladen überfallen hatte und zwei Menschen tötete. In seiner nachfolgenden Reflexion beschäftigt sich Siegbert Schefke mit dem gesellschaftlichen Klimawandel, in dem sich solche Täter offensichtlich wohlfühlen.Leipziger Bürgerinnen und Bürger am 9. Oktober 2019 beim Gedenken an die Friedliche Revolution - tief schockiert an diesem Tag wegen den Todesschüssen eines Neonazis im benachbarten Halle, der dort nur Stunden zuvor eine Synagoge und einen Dönerladen überfallen hatte und zwei Menschen tötete. In seiner nachfolgenden Reflexion beschäftigt sich Siegbert Schefke mit dem gesellschaftlichen Klimawandel, in dem sich solche Täter offensichtlich wohlfühlen. (© bpb/ Holger Kulick)
Inzwischen bin ich Fernsehredakteur. Ganz "offiziell" unterwegs mit einem Kamerateam. Und wir filmen auf zahlreichen Demonstrationen in Sachsen. Ohne Angst vor der Stasi. Aber es sind viele Drehs dabei, zu denen uns inzwischen Personenschützer begleiten - auf Montagsdemos der Gegenwart, auf denen ein anderer Geist weht als 1989.

Ein Beispiel:

Chemnitz, Montag 27. August 2018, Karl Marx-Denkmal, auch "Nischel" genannt, war bislang der Tiefpunkt alles bisher Erlebten. An jenem Wochenende, in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, wurde ein 35-jähriger Chemnitzer durch Messerstiche ermordet. Festgenommen wurden drei Männer mit Migrationshintergrund. Am Montag kam es zu Protesten. Ich meldete mich freiwillig zu diesem Dreh. Ich ahnte, dass es ein unangenehmer Tag werden könnte. Und so kam es auch. Auf der einen Seite Studierende, Chemnitzerinnen und Chemnitzer und andere. Am "Nischel" versammelten sich rechtsextreme Gruppen. Gegendemonstranten und Demonstrantinnen, Polizisten und Polizistinnen, Journalisten und Journalistinnen wurden angeschrien und angegriffen. So etwas hatte ich zuletzt in der Zionskirche am 17. Oktober 1987 erlebt, als uns Skinheads nach einem Konzert überfallen hatten.
Chemnitz liegt strategisch günstig, um schnell viele zusammen zu bringen. Über Autobahnen kommt östlich gleich Dresden und Ostsachsen. Südlich Bayern, nördlich Brandenburg und Berlin und westlich Thüringen und Hessen. Die Polizei hatte zu wenige Einsatzkräfte vor Ort. Wasserwerfer waren da, aber kamen nicht zum Einsatz. Der Hitlergruß wurde offen gezeigt. Irgendwann flogen Flaschen und Steine. Wie sollten wir da arbeiten? Es war noch hell, ich schaute nach oben, um zu sehen, wenn etwas geflogen kam. Meine Hand hielt den Hosengürtel unseres Kameramanns Tilo, um ihn wegzuziehen, wenn es nötig wurde. Hinter uns Rainer, der Tontechniker. Tilo drehte dann. Endlich zogen wir uns zurück.
Gegen Mitternacht auf der Autobahn von Chemnitz nach Leipzig. Hinter uns Lichthupe, neben uns plötzlich ein Auto mit Glatzen, die ihr Seitenfenster herunter kurbelten und in unsere Richtung schrien. Das Gehörte möchte ich nicht wieder geben. Es war bedrohlich wie das dicht auffahrende Auto mit blinkender Lichthupe. Rainer, der Tontechniker und Fahrer, drückte auf die Tube, wir rasten davon. Jetzt benutze ich lieber ein Auto ohne MDR-Logo auf der Seitentür. Ist das normal mitten in Deutschland?


Mich beschäftigt die Frage: Haben im Osten unseres Landes zu viele die Demokratie nie gelernt oder begriffen? Klar waren nicht alle "Rechte" und auch nicht Nazis, sagten Tage später einige Chemnitzer. Aber welcher einigermaßen klar denkende Mensch steht länger als eine Sekunde neben einem, der den Arm zum Hitlergruß hebt? Und gerade bei den etwas Älteren kommt mir immer die Frage in den Sinn: Auf welcher Seite standen diese Menschen, die jetzt gegen Demokratie, Pressefreiheit und Toleranz pöbeln, eigentlich 1989, als es galt, sich zwischen Freiheit und Diktatur zu entscheiden?
Der Musiker Sebastian Krumbiegel sagte mir vor kurzem: "Ich versuche mich mit Menschen zu umgeben, die mir guttun, das entspannt und tut mir dann auch gut." So versuche ich es auch. Aber ausweichen werden weder Sebastian noch ich Menschen, die so ganz anders denken.


Am 24. November 1990 wurde in meiner Geburtsstadt Eberswalde der 28-jährige Amadeu Antonio mit Latten und Baseballschlägern erschlagen. Wenige Tage später starb er. Er war das erste Opfer rechter Gewalt aus Afrika auf dem Boden der ehemaligen DDR. Gegen zehn Schläger wurde ermittelt, die Strafen fielen niedrig aus. 1998 wurde die Amadeu Antonio-Stiftung gegründet. Warum haben sich mir die Bilder mit den Ausschreitungen von Hoyerswerda zwischen dem 17. und 23. September 1991 so eingeprägt? Es waren nicht nur Ausschreitungen, es waren rassistisch motivierte Übergriffe.

Rechtsextreme Randalierer und Schaulustige am 24. August 1992 vor dem "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen. Unter dem Beifall von bis zu 3000 Schaulustigen und vielen Fernsehkameras hatten Neonazis das von über 100 Vietnamesen bewohnte Hochhaus mit Steinen und Brandsätzen beworfen und in Brand gesetzt.Rechtsextreme Randalierer und Schaulustige am 24. August 1992 vor dem "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen. Unter dem Beifall von bis zu 3000 Schaulustigen und vielen Fernsehkameras hatten Neonazis das von über 100 Vietnamesen bewohnte Hochhaus mit Steinen und Brandsätzen beworfen und in Brand gesetzt. (© picture-alliance/dpa)
Dann kam Rostock-Lichtenhagen vom 22. bis zum 26. August 1992 dazu. Nur durch sehr viel Glück verbrannte dort kein Mensch. Getötet wurde Silvio Meier mit mehreren Messerstichen am 21. November 1992 von Neonazis auf dem U-Bahnhof Samariterstraße in Berlin-Friedrichshain. Silvio war gerade Vater geworden und wurde nur 27 Jahre jung. Oft war er in unserer UB anzutreffen. Er organisierte bei uns Konzerte und Veranstaltungen. Am Tatort wurde mehrmals eine Gedenktafel angebracht. Immer wieder wird diese gestohlen oder mit Teer beschmiert.
Am 23. November 1992 starben in Mölln/Schleswig-Holstein bei einem von Neonazis verübten Brandanschlag drei Türkinnen, darunter zwei Kinder. Am 25. Mai 2009 erhielt die Stadt den von der Bundesregierung verliehenen Titel "Ort der Vielfalt". 1993 wurden bei einem Brandanschlag im nordrhein-westfälischen Solingen fünf Menschen verbrannt. Siebzehn weitere Türken wurden dabei schwer verletzt. Die als Mordanschlag von Solingen bezeichnete Tat hat einen rechtsextremen Hintergrund.
Warum haben sich Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen besonders in unser Gedächtnis eingebrannt? Weil es ostdeutsche Städte sind und ich ein Ostdeutscher bin? Ja, so wird es sein. Ich war noch oft in Hoyerswerda und habe von dort berichtet. Viele Menschen in den genannten Städten haben versucht zu begreifen, was nicht zu begreifen ist. Es wurden Initiativen gegründet. Die Morde müssen uns in Erinnerung bleiben. Noch immer haben SIE, die ewig Gestrigen, es nicht begriffen. Das zeigt auf erschreckende Art auch die Mordtat eines 27-jährigen Neonazis am 9. Oktober 2019 in Halle.

Wie damit umgehen?

Durch das Erstarken von Nationalisten, die mittlerweile sogar in Regierungen aufrücken, wird es weitere große Probleme geben. Trump, Erdogan, Putin, Orban und andere feiern Wahlsiege. Was treibt sie alle an? Jedes Volk wählt sich seine Regierung, und alle Demokraten müssen diese Wahl ertragen. Auch ich habe Vorurteile, wir alle haben welche, aber zivilisierte Menschen sollten diese reflektieren. Doch jetzt scheint Voreingenommenheit gegenüber anderen wieder gesellschaftsfähig zu sein.
Durch die "unsozialen" Medien ist es ja so einfach, anderen die Schuld zu geben für die eigenen Probleme und seinen Hass oder seine Lügen einfach nur in die Welt zu posten. Aber es ist nicht nur DER braune oder blaue Osten. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März 2016 erhielt die AfD 15,1 Prozent, das waren genau 809.564 Wähler. Am gleichen Wochenende erreichte diese Partei in Sachsen-Anhalt 23,1 Prozent und das waren 257.208 Wähler.

Warum gehe ich so ungefähr einmal im Monat in Schulen oder Universitäten? Weil ich vermitteln will, dass es sich lohnt, eine eigene Meinung zu haben und die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Friedlich. Jede Zeit ist eine besondere, hat ihre aktuellen Herausforderungen. Nach über dreißig Jahren Unfreiheit in der DDR folgten nun über dreißig Jahre Freiheit. Mit dem Mauerfall ist die Demokratie aber noch lange nicht gesichert. Es geht also, 1989 vor Augen, immer weiter, immer weiter.


Siegbert Schefke, 2019


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
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