Beleuchteter Reichstag

12.7.2011 | Von:
Krijn Thijs

Der Mauerfall und das verlorene West-Berlin

I. Entfernung


West-Berliner Politiker haben, anders als die in Bonn, keine eigenen Spuren in die Geschichte des Mauerfalls und der Vereinigung prägen können. Die (Teil-)Stadt samt ihrer Führung war schwach, und vor 1989 war der Eindruck weit verbreitet, dass die historische Rolle der einstigen "Frontstadt" ausgespielt war. West-Berlin sei das "Abfallprodukt einer gescheiterten Politik", schrieb Peter Bender 1987 lakonisch, "ein zweckloses Gebilde".[4] In der Tat war seit der Stabilisierung seiner einzigartigen geopolitischen Lage durch die Verträge der frühen 1970er-Jahre in West-Berlin eine zunehmende Normalisierung eingetreten, die auf Dauer die Rationalität und Zweckmäßigkeit seiner vorgeschobenen Position mitten im sozialistischen Osten radikal in Frage stellte. Sinn und Zweck des einstigen "Schaufensters des Westens" waren mit der Befestigung der Teilung seit dem 13. August 1961 fragwürdig geworden und das Selbstverständnis der Enklave mit immer mehr Fragezeichen versehen. [5]

Gerade in der vermeintlichen Vorzeigekommune schrumpften die zur Schau gestellte Zukunftsfähigkeit und Leistungskraft des westlichen Gesellschaftsmodells aufs Schmerzlichste. Politische und wirtschaftliche Skandale und Affären lädierten nachhaltig die öffentliche Kultur und den Ruf Berlins. Selbst in der von vielen als "golden" empfundenen kurzen Ära des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker (1981–1984) war die Provinzialisierung mit Händen zu greifen. Aus der Zeit gefallen wirkte in den 1980er-Jahren die Alliiertenhoheit der Franzosen, Briten und Amerikaner, die dessen ungeachtet peinlich genau gehandhabt wurde. Die ummauerte Stadt, Zentrum des geteilten Deutschlands, lag im deutschlandpolitischen Abseits.

Vieles weist darauf hin, dass für einen Großteil der West-Berliner die "Veränderungen im Osten" sich in einem separaten Paralleluniversum abspielten, das in der eigenen Erfahrungswelt, wenn überhaupt, nur wenig Bedeutung gewann. Auf der "Insel" tickten die Uhren nun einmal anders. Schon Helmut Kohls "geistig-moralische Wende" war in West-Berlin kaum durchzusetzen gewesen, wo Bürgerinitiativen die großen Museumspläne sabotierten und Identitätsdebatten eher im Bereich der Stadterneuerung geführt wurden.[6] Die Stadt atmete in den innenstädtischen Bezirken den Geist der schwer subventionierten Off-Szene. Viele Berliner lebten auf ihrer Insel leicht überheblich in einer gefühlten Äquidistanz sowohl zum weit entfernten West-Deutschland mit seinen als kleingeistig empfundenen Berlin-Besuchern und seinem provinziell wirkenden Kanzler, als auch zur unbeliebten DDR, der man hauptsächlich in Form der sächselnden Grenzbeamten und der langen Wartezeiten im gespenstischen Transitverkehr begegnete. West-Berlin war eben "etwas anderes", und nationale Identität, Wiedervereinigungsgebot und Hauptstadtaspirationen waren für weite Teile der "Generation West-Berlin" topografisch wie temporal Begriffe aus anderen Welten.[7]

Im unbewussten Anlauf zum historischen November verstärkte sich diese Isolation noch um ein Vielfaches, als in West-Berlin ausgerechnet im April 1989 ein experimenteller rot-grüner Senat antrat, der nun auch offiziell vorhatte, die überholten statusrechtlichen und an "Einheitsfantasien" orientierten Grundlagen West-Berlins endlich den scheinbar postnationalen Realitäten der Gegenwart anzupassen. Deutschlandpolitisch setzte der bundesweit zunächst eher unbekannte SPD-Politiker Walter Momper auf die Anerkennung der Teilung, und damit konnte er sich der Unterstützung weiter Teile der West-Berliner Gesellschaft sicher sein. Gerade in der einstigen "Frontstadt" waren die Einheitsideale angesichts der in Beton gegossenen Teilung erheblich verblasst. Momper hatte, wie so mancher in der SPD, seine Hoffnungen auf Reformer innerhalb der SED gesetzt und hielt auch in der finalen Krise der DDR an Kontakten zur Staatsführung fest. Das Verhältnis zu ostdeutschen Oppositionellen war schwierig und ungeklärt.

Unter der politischen Leitung dieses Senats verspielte West-Berlin zumindest aus Bonner Sicht seinen letzten Rest deutsch-deutscher Politikfähigkeit. Ohnehin sanken die Beziehungen zwischen der konservativen Regierung Kohl und dem linken Senat Momper rasch auf den Tiefpunkt. Schon bei den rot-grünen Koalitionsverhandlungen ließ FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff verlauten, dass Bonn nicht "jeden Unfug" an der Spree mitfinanzieren werde.[8] Momper und Kohl verband eine persönliche Feindschaft, die im Vorfeld der ostdeutschen Herbstrevolution eher zunahm als abebbte. Die Ironie war, dass West-Berlin ausgerechnet unter dieser einheitsskeptischen Führung den 9. November 1989 erleben und anschließend den Weg zur nationalen Einheit beschreiten sollte.

Denn als sich die Krise der DDR im Herbst verschärfte, musste sich die West-Berliner Stadtverwaltung kurzfristig auf die Folgen einer möglichen Grenzöffnung vorbereiten. Die Senatsverwaltung erwartete einen Zustrom von ostdeutschen Besuchern an jenem "Tag X", an dem die DDR ihre rigide Grenzpolitik lockern würde. Zugleich sorgte man sich um die Stabilität des sozialistischen Umlands, von dem die isolierte Metropole in jeglicher Hinsicht abhängig war: vom geregelten Zugang über die Transitstrecke und die Wasserwege über die Müllabfuhr bis hin zur Stromversorgung etwa der S-Bahn sowie von U-Bahn-Tunneln unter Ost-Berliner Territorium. Vor diesem Hintergrund erhielten auch die Differenzen mit der Bonner Regierung neue Nahrung, denn die Inselstadt erhoffte sich in diesen Umbruchszeiten zusätzliche Unterstützung. Doch "wie üblich" stieß Momper mit seinen Hilferufen in Bonn "auf taube Ohren und Unverständnis",[9] und der Chef seiner Senatskanzlei notierte später, dass "aus Westdeutschland nur ziemlich von der realen Lage abgehobene Ratschläge zu erwarten waren."[10] Der Berliner Senat beanspruchte aus seiner geografischen Nähe heraus Erfahrungswissen über die Veränderungen in der DDR und brachte gegenüber dem entfernten Bonn unter der Hand seine spezifische Lesart der "Wende" als vom Westen zu unterstützende DDR-Reform ins Spiel. Überflüssig anzumerken, dass Kohls Regierung sich darauf nicht einließ. Im Herbst 1989 spielte West-Berlin für sie keine Rolle, schon gar nicht Mompers rot-grüner Senat.

Hier dürfte ein erster Grund für den Verlust der West-Berliner Perspektive in der historischen Forschungslandschaft nach 1990 liegen. Die Inselstadt hatte politisch wie gesellschaftlich starke Eigenkulturen entwickelt, die von der spezifischen Konstellation der städtischen Teilung abhängig waren. Dies führte in den entscheidenden Jahren zu einer politischen Führung, die zumindest aus bundesdeutscher Sicht im Abseits stand. Mompers im Rückblick wenig einflussreiche deutschlandpolitische Position trug wenig zum gesamten Gang der Entwicklungen bei – hin zur Deutschen Einheit. Auf das teleologische Element in dieser Begründung wird noch zurückzukommen sein.


Fußnoten

4.
Peter Bender, Wenn es West-Berlin nicht gäbe, Berlin 1987, S. 15.
5.
Diese Erosion wird meisterhaft erzählt von Wilfried Rott, Die Insel. Geschichte West-Berlins 1948–1990, München 2009.
6.
Zum West-Berliner Geschichtsdiskurs: Krijn Thijs, Drei Geschichten, eine Stadt. Berlin und die Stadtjubiläen von 1937 und 1987, Köln u.a. 2008.
7.
Kerstin Schilling, Insel der Glücklichen. Generation West-Berlin, Berlin 2005.
8.
Zit.: »Revolutionäre Geduld«, Der Spiegel, 12/1989, S. 27.
9.
Walter Momper, Grenzfall. Berlin im Brennpunkt deutscher Geschichte, München 1991, S. 22.
10.
Dieter Schröder, Von Politik und dummen Fragen. Beobachtungen in Deutschland, Rostock 2002, S. 144.

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