Beleuchteter Reichstag

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2.2.2012 | Von:
Manfred Wilke

Das Leben der Anderen – Wieslers Verweigerung

III. Die "Westveröffentlichung" als Akt des Widerstands

Dreymans "Spiegel"-Artikel und das DDR-Strafrecht

Der Schriftsteller Georg Dreyman gilt in der SED und im MfS als linientreu. Nach dem Freitod eines mit Berufsverbot belegten Regisseurs entschließt sich Dreyman aber, seinen Protest gegen die Umstände des Todes seines Freundes zu publizieren und die seit 1977 geheim gehaltene Statistik über den Suizid in der DDR im Hamburger "Spiegel" zu veröffentlichen. Dreyman konnte über den Abdruck mit dem in Ost-Berlin akkreditierten "Spiegel"-Korrespondenten direkt verhandeln. Er tat dies in seiner Wohnung, von der er glaubte, sie sei nicht "verwanzt". Der Korrespondent sagt ihm den Abdruck zu und versichert dem Schriftsteller, die Anonymität des Autors zu wahren.

Erneut stellt sich hier die Frage: Fiktion oder nacherzählte Geschichte? Eine erste Antwort liefert das Verfahren für eine "Westveröffentlichung", die ein DDR-Schriftsteller einhalten musste. Das Büro für Urheberrechte musste sie vermitteln, und die Texte unterlagen damit automatisch der staatlichen Kontrolle. Im Fall des Suizid-Artikels war eine solche Genehmigung von vornherein ausgeschlossen. Die Statistik war geheim, ihre Veröffentlichung verstieß gegen eine Reihe von Paragraphen des DDR-Strafgesetzbuches, die der Film behandelt, ohne sie explizit zu zitieren.

So definierte § 97 des DDR-Strafgesetzbuches den Straftatbestand der "Spionage", der mit einer Freiheitsstrafe "nicht unter 5 Jahren" geahndet wurde. Der Tatbestand war weit gefasst und betraf alle "Nachrichten oder Gegenstände", die geheim zu halten waren und deren Verrat "zum Nachteil der Interessen der Deutschen Demokratischen Republik" von einer fremden Macht oder deren Medien verwandt werden können.

Unter die "Verbrechen gegen die DDR" fiel auch die "Landesverräterische Nachrichtenübermittlung" (§ 99). Auch die nicht "der Geheimhaltung unterliegenden Nachrichten" durften nicht für ausländische Medien gesammelt und dort "zum Nachteil der Interessen der Deutschen Demokratischen Republik" publiziert werden. Wer dies trotzdem tat, dem drohte eine "Freiheitsstrafe von 2 bis zu 12 Jahren."

Ebenso strafbar war die nicht von den Staatsorganen der DDR kontrollierte Kontaktaufnahme zu westlichen Journalisten, Wissenschaftlern oder Menschenrechtsorganisationen als "Ungesetzliche Verbindungsaufnahme" (§ 219), vergleichbar – auch im Strafmaß – dem "Ungesetzlichen Grenzübertritt", wie die Flucht aus der DDR in deren Amtsdeutsch umschrieben wurde.

Die Dissidenten, die Opposition und der Widerstand gegen die Parteidiktaturen im sowjetischen Imperium waren stets ein Thema für das Hamburger Magazin "Der Spiegel". Hier erschienen die Texte sowjetischer Dissidenten, polnischer und tschechischer Bürgerrechtler wie auch Essays und Interviews aus der DDR wie die von Robert Havemann oder Jürgen Fuchs. "Der Spiegel" zählte für die SED zu den gegnerischen Presseorganen, zu denen DDR-Bürger keinen unkontrollierten Kontakt unterhalten sollten. Taten sie es doch, gab es für die Strafverfolgung den Paragraphen über die "ungesetzliche Verbindungsaufnahme".

Die historische Vorlage

"SED unter Druck": "Spiegel"-Titel 2/1978 zum "Manifest der (DDR-)Opposition"."SED unter Druck": "Spiegel"-Titel 2/1978 zum "Manifest der (DDR-)Opposition". (© Der Spiegel)
Das Manifest eines "Bundes demokratischer Kommunisten Deutschlands" aus der DDR wurde im Januar 1978 zur Titelgeschichte des "Spiegels".[10] Entstehung und Inhalt des Textes diente dem Drehbuchautor als Vorlage, um die Geschichte von Dreymans "Westveröffentlichung" zu erzählen. Als Verfasser des Manifestes nannte das Magazin "mittlere und höhere Funktionäre der SED", die aus verständlichen Gründen auf ihre Anonymität Wert legten. Hauptverantwortlicher war, wie sich nach 1989 herausstellte, Hermann von Berg. 1978 lehrte er als Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, in den 60er-Jahren hatte er im Presseamt des Ministerrats der DDR gearbeitet. Hier hatte er westdeutsche Journalisten und war im Vorfeld der neuen Ostpolitik der Bundesrepublik dort als "Reisekader" der DDR aktiv gewesen. Gleichzeitig hatte er als Inoffizieller Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS über seine Kontakte in der Bundesrepublik berichtet.[11]

Nur wenige Jahre später rechnete der Historiker mit den Zuständen in der DDR ab und vertraute das Manuskript zur Publikation dem Ost-Berliner "Spiegel"-Korrespondenten Ulrich Schwarz an. In dem Manifest wurden Stalinismus und der Nationalsozialismus, was ihre terroristischen Qualitäten anlangte, als "Zwillinge" bezeichnet. Die wirklichen Verhältnisse in der DDR wurden durch in Suggestivfragen gekleidete Feststellungen charakterisiert, darunter auch diese: "Warum ist die DDR Weltspitze bei Ehescheidungen, Selbstmordraten und Alkoholmissbrauch?"[12] Die Veröffentlichung der unterdrückten Suizid-Zahlen bildete den "Geheimnisverrat" in Dreymans "Spiegel"-Artikel im Film.

Den Hauptangriff richtete das Manifest gegen die "Clique an der Spitze", sie schade "der sozialistischen Idee in Deutschland und Europa mehr als alle sogenannte Feind-Propaganda". Seine Publikation beantwortete die "Clique" mit der Schließung des "Spiegel"-Büros in Ost-Berlin. Von Berg geriet unter Verdacht, wurde für kurze Zeit vom MfS verhaftet, konnte aber seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzen. Erst 1985 verlor er nach der nicht genehmigten Publikation von zwei Büchern in der Bundesrepublik seine Professur, trat aus der SED aus, wurde ausgebürgert und konnte 1986 in die Bundesrepublik ausreisen. Das war nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 eine zunehmende Konfliktlösung für prominente Künstler, Schriftsteller und kritische Wissenschaftler; die SED schob sie in die Bundesrepublik ab, um sich negative Schlagzeilen in der internationalen Presse über politische Gefangene in der DDR zu ersparen.

Das Drehbuch zum Film entstand 15 Jahre nach dem Untergang der DDR und um Strukturen und Mechanismen der Diktatur darstellen zu können, musste sich Henckel von Donnersmarck auf Zeugnisse des Protestes gegen die SED-Herrschaft stürzen. Nach 1990 wandelte sich die Bedeutung dieser Texte, die – als sie geschrieben wurden – Ausdruck des Protestes gegen eine allmächtige Diktatur waren und die sich nach deren Sturz als Wegmarken für den Verfall der totalitären Macht der Kommunisten erwiesen.


Fußnoten

10.
Günter Johannes/Ulrich Schwarz, DDR. Das Manifest der Opposition, München 1978.
11.
Vgl. Hubertus Knabe, Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen, Berlin 1999, S. 31–37.
12.
Johannes/Schwarz (Anm. 10), S. 24.

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