Beleuchteter Reichstag

4.4.2013 | Von:
Stephan Sprang

Hörfunkjournalismus und Musikprogramm im gesellschaftlichen Wandel

Eine Chronik von Jugendradio DT64

Ungewisse Existenz

DT64 präsentiert sich fortan als Jugendkulturradio: Das Tagesprogramm ist in mehrere, der Tageszeit entsprechende Magazinsendungen gegliedert. Themenauswahl und Präsentation entsprechen der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen. Der Anteil der Musik liegt bei 70, der Wortanteil bei 30 Prozent. Es wird nicht nur Wert gelegt auf die Unterhaltung des Hörers, sondern auch auf Informationen aus der Musikszene und auf die Anmoderation von Titeln. Die schwindenden Hörerzahlen am Abend werden ausgenutzt, um im Abendprogramm Schwerpunktsendungen anbieten zu können. Während das Programm am Tag bewusst durchhörbar gestaltet wird, sollen interessierte Hörer am Abend bestimmte Sendungen gezielt einschalten können. Dazu gehört auch die Idee vom "personality radio", in dem der Moderator nicht nur als Programmbegleiter fungiert, sondern sich selbst und seine Persönlichkeit in das Programm einbringt. Viele Sendungen auf DT64 werden gerade wegen bestimmter Moderatoren gehört, wie zum Beispiel die "Spätvorstellung" mit Marion Brasch oder das "Parocktikum" mit Lutz Schramm.

Gleichzeitig beginnt für die Redaktion von DT64 die Suche nach einem neuen Platz in der sich verändernden Radiolandschaft. Im Frühjahr 1990 legt Dietmar Ringel sein "Rationalisierungskonzept für den zukünftigen Rundfunk auf dem Gebiet der heutigen DDR" vor. Dieses sieht neben drei Länderrundfunkanstalten für Nordostdeutschland, Berlin-Brandenburg und Südostdeutschland die Einrichtung bzw. Beibehaltung zweier überregionaler Hörfunkprogramme mit Standort Berlin/Nalepastraße vor, ein Nachrichtenkanal und das Jugendradio.[10] Mitte des Jahres werden die Pläne von DT64 als überregionales, öffentlich-rechtliches Jugendprogramm von der politischen Entwicklung jäh beendet. Dietmar Ringel erklärt gegenüber der Süddeutschen Zeitung, "angesichts großer Unsicherheit und des Finanzdrucks aufseiten der DDR-Verantwortlichen habe bei ihm in den vergangenen Wochen deshalb ein Umdenken eingesetzt".[11]

Die Leitung von DT64 plant nun eine Zukunft im privaten Bereich - und zwar als erster Sender des Rundfunks der DDR. Kontakte gibt es vor allem zum niedersächsischen Privatfunkanbieter ffn.[12] Doch gibt es weder in der DDR noch in den neu konstituierten Ländern Gremien, die die Lizenz für einen privaten Radiosender vergeben könnten: Die Gesetzgebung der DDR sieht privaten Rundfunk nicht vor, und in den Ländern werden die Landesmediengesetze nicht vor dem Sommer 1991 verabschiedet werden. Die Pläne scheitern.

Der Personalbestand des Rundfunks der DDR (Hörfunk und Fernsehen) beläuft sich zu Beginn des Jahres 1990 auf mehr als 14.000 Mitarbeiter. Von diesen sind für die fünf Programme des Hörfunks etwa 3.700 Angestellte in journalistischen, administrativen, künstlerischen oder Dienstleistungsfunktionen tätig. Für den Sendeablauf notwendig sind zusätzlich noch 1.000 Studio- und Sendetechniker, die nicht beim Rundfunk der DDR, sondern bei der Deutschen Post angestellt sind. Der Rundfunk der DDR gilt damit als personell überbesetzt. Die einzelnen Hörfunkprogramme werden von jeweils mehreren hundert Mitarbeitern gestaltet. Für DT64 sind 150 Mitarbeiter tätig. Nach Maßstäben, wie sie für den Rundfunk der DDR gelten, kann DT64 also als relativ schlanke Einheit betrachtet werden.

Personalabbau

Dennoch verringerte sich die Größe der DT64-Redaktion im Rahmen des Personalabbaus der Einrichtung nach Artikel 36 des Einigungsvertrages bis zum Januar 1991 auf 95 Mitarbeiter. Intendant Dietmar Ringel fürchtete, dass der Personalabbau auch Konsequenzen für das Programm haben wird: "DT64 könnte sicherlich effizienter arbeiten, aber mit unserer jetzigen Technik können wir mit dem halben Personal unser Niveau nicht halten."[13]

Inzwischen werden auch Moderatoren aus Westdeutschland in das Team integriert, zum Beispiel die Nürnbergerin Marusha Gleiß, die seit November 1990 die samstägliche Sendung "Dance-Hall" moderiert. Die Deutsch-Griechin erlangte 1994 nationale Berühmtheit mit ihrer Techno-Version von "Somewhere over the Rainbow". Die "DT64 Dance-Hall" war eine der ersten Sendungen mit Techno-Musik im deutschen Radio überhaupt und legte den Grundstein für ihre Karriere als DJ, Moderatorin, Musikproduzentin und Schauspielerin. Lutz Bertram zeigt sich überzeugt, "daß der Personalabbau programminhaltlich keinen Schaden angerichtet hat".[14] Durch überschaubarere Sendestrukturen und bessere Organisation gelingt es DT64, mit weniger Personal gleichzeitig effizienter zu arbeiten.

Im August 1990 wird die Chefredakteurs-Position von Jugendradio DT64 ausgeschrieben, was gleichzeitig die Streichung der Stelle des Intendanten bedeutet. Am 17. August sprechen sich Redakteursrat und Belegschaft von DT64 gegen diese vom Generalintendanten Manfred Klein verfügte Ausschreibung aus: "Wir sehen in unserem Fall keinerlei Notwendigkeit für diese Ausschreibung und fürchten um den von der Belegschaft des Senders schon im November 1989 eingeleiteten Selbstreinigungsprozeß. Wir haben uns schon damals von zentralistischen Altlasten befreit und möchten daran erinnern, daß wir es waren, die sich als erste und bislang am konsequentesten von der Vergangenheit gelöst haben. [...] Unsere Leitung hat das von uns in sie damals wie heute gesetzte Vertrauen voll erfüllt, und es besteht also keinerlei Veranlassung, sie auszuwechseln."[15] Die bisherige Position des Intendanten von DT64 wird im September 1990 mit dem neuen Chefredakteur Michael Schiewack besetzt. Für den am 2. Januar 1952 in Hoyerswerda geborenen Schiewack bedeutet die Besetzung dieses Postens eine Art Rückkehr. Anfang der 1980er Jahre war er für "Hallo" tätig gewesen, das Jugendjournal auf Stimme der DDR, wo er aber den Kontrollmechanismen des SED-Regimes zum Opfer fiel. Er habe "da mehr Rockmusik gemacht als Messe der Meister von morgen". Bis 1990 lebte Schiewack in Westberlin, als er im September 1990 zu DT64 kommt, bringt er kaum Erfahrungen für eine Leitungsposition mit und hat jahrelang keine Rundfunkarbeit mehr gemacht. Schiewack begleitet den Sender auf seinem Weg zum Mitteldeutschen Rundfunk und war langjähriger Chefredakteur von MDR Sputnik.[16]

Der Rias-Putsch

Mit einem unbefristeten Hungerstreik vor dem Gebäude des Ministerrates wird gegen die kurzfristige Abschaltung landesweiter Sendefrequenzen von Jugendradio DT64 protestiert.Mit einem unbefristeten Hungerstreik vor dem Gebäude des Ministerrates wird gegen die kurzfristige Abschaltung landesweiter Sendefrequenzen von Jugendradio DT64 protestiert. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0908-015, Foto: Peer Grimm)
Am Freitag, dem 7. September 1990, Punkt 20.00 Uhr, strahlen zwölf von achtzehn DT64-Frequenzen plötzlich nicht mehr das Jugendradio aus, sondern das Kulturprogramm von Rias1. Die Mitarbeiter und auch die Hörer von DT64 haben erst kurz zuvor von der Frequenzumschaltung erfahren, das Programm ist nur noch in Berlin und Brandenburg zu empfangen. Noch in der Nacht zum Samstag formieren sich Demonstrationen und Mahnwachen im ganzen Gebiet der DDR. So blockierten zum Beispiel in Dresden etwa eintausend jugendliche Demonstranten die Ernst-Thälmann-Straße vor dem Kulturpalast. Unter dem Druck der Straße bekommt DT64 nach 24 Stunden seine Frequenzen am Samstagabend zurück - im gesamten Sendegebiet. So einfach die Fakten, so problematisch der medienpolitische Hintergrund. Seit Monaten schon hatte sich sowohl für den existenzgefährdeten Sender DT64 als auch für den Rias keine Lösung abgezeichnet. Durch den Mauerfall seiner Existenzberechtigung beraubt, sucht auch der "Rundfunk im Amerikanischen Sektor" nach neuen Aufgaben. Diese Aufgabe sehen Christoph Singelnstein, geschäftsführender Intendant des Rundfunks der DDR, und Rias-Intendant Helmut Drück in einem neuen nationalen Hörfunkprogramm für das Gebiet der DDR, in dem das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands journalistisch begleitet werden soll, öffentlich-rechtlich organisiert und werbefrei. DT64 soll bei diesem medienpolitischen Schachzug die Rolle des Bauernopfers übernehmen. Als im Spätsommer 1990 klar wird, dass eine Privatisierung im überregionalen Rahmen nicht durchsetzbar sein würde, beschließt die DT64-Leitung: "Wir waren uns bereits in den letzten vier Wochen darüber einig, daß wir jetzt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gehen müssen. Um nicht ganz abgeschaltet zu werden, sind wir bereit, über eine Privatisierung für Berlin-Brandenburg zu verhandeln."[17]

Also nutzen Drück und Singelnstein die Gelegenheit, das Programm von Rias1 zum überregionalen Kulturkanal zu machen, noch bevor diese Angelegenheit medienrechtlich geklärt werden kann. Geplant ist die Umschaltung für den 15. September, doch am 6. September (Donnerstag) lassen sich die Gerüchte nicht mehr zurückhalten. Schnell wird die Umschaltung auf Anweisung Singelnsteins auf Samstag früh um vier Uhr und dann auf Freitagabend 20 Uhr vorverlegt. [18]

Weder der Medienausschuss der Volkskammer noch das Postministerium oder der Medienkontrollrat wurden im Vorfeld unterrichtet. Auch DT64-Chefredakteur Michael Schiewack und sein Stellvertreter Roland Schneider geben an, sie seien nicht informiert gewesen. Die DT64-Redakteure erfahren am Freitag gegen 14 Uhr von den Technikern, die mit den Vorbereitungen der Umschaltung begonnen hatten, dass der Sender zwölf seiner achtzehn Frequenzen verlieren soll. Die Nachricht geht sofort über den Äther, löst im gesamten Sendegebiet Verwirrung, Wut und Unsicherheit aus. Auch die Kollegen vom Rias sind völlig überrascht, vereinzelt gibt es Solidaritätsbekundungen.

Kurz vor 20 Uhr verliest Singelnstein auf DT64 eine Erklärung: "In einer geschichtlichen Situation, in der die beiden Teile Deutschlands zusammenwachsen, eröffnen sich auch neue Perspektiven für eine Zusammenarbeit der Rundfunkanstalten. Noch vor einem Jahr standen Radio DDR und Rias in unterschiedlichen politischen Lagern. Nachdem im Zuge der Perestroika in der Sowjetunion und in den Völkern Osteuropas - und natürlich auch das ganze deutsche Volk zu einer Selbstbestimmung finden, können sich die Medien der DDR demokratisch erneuern. So öffnet sich auch der Rundfunk der DDR den ehemals als gegnerisch empfundenen Journalisten von Rias Berlin, die uns ihre Hand reichen, um beim Aufbau eines demokratischen und pluralistischen Rundfunks zu helfen. Rias, dessen Programm ab sofort auf einigen Frequenzen von Jugendradio ausgestrahlt wird, baut mit Journalisten und Redakteuren von Radio DDR Arbeitsgruppen auf, die insbesondere die spezifischen Probleme der Bevölkerung auf dem Gebiet der DDR aufarbeiten. Gleichzeitig geht Jugendradio einer neuen Perspektive entgegen."[19] Singelnstein wirkt angesichts von etwa einhundert vor den Studiofenstern ausharrenden Hörerinnen und Hörern nervös und kommt nur mühsam über den Text.

Kurz darauf führen Techniker des Rundfunks der DDR die Frequenzumschaltung in der Nalepastraße durch. Den Moderatoren bleibt kaum Zeit, sich von den Hörern zu verabschieden. Jugendradio DT64 ist nun nur noch in Berlin und Brandenburg zu hören, Rias 1 dagegen ist plötzlich mit einem flächendeckenden Sendenetz für das Gebiet der DDR ausgestattet. Nicht einmal das Medienministerium der DDR, zuständige Aufsichtsbehörde für den Rundfunk der DDR, wurde über die Umschaltungspläne informiert. Der so bei dem Frequenzcoup übergangene Medienminister Gottfried Müller ruft am Samstagvormittag unter anderem Singelnstein, Lutz Bertram von DT64, Vertreter von Redakteursrat, Personalrat und Hörfunkbeirat und den Medienexperten Konrad Weiß (Bündnis90) zu einer Krisensitzung zusammen. Jugendradio DT64, verkündet Müller auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz, werde noch am Samstag seine Frequenzen zurückbekommen.

Für das Jugendradio bedeutet der Rias-Putsch vor allem eines: Medienpräsenz - nicht nur in Berlin, auch in der Tagesschau wird über die schwierige Lage des DDR-Jugendsenders berichtet. Die Pläne der ARD, die fünf neuen Länder den schon bestehenden (westdeutschen) öffentlich-rechtlichen Anstalten zuzuordnen, geraten ins Wanken. Trotzdem bleibt ein tiefes Misstrauensverhältnis zwischen der DT64-Redaktion und dem Intendanten Singelnstein.

Unklar bleibt die Rolle, die die Leitung von DT64 bei diesem Vorgang gespielt hat. Müller berichtet später, Singelnstein hätte "zusammen mit dem Rias und leider auch mit der Leitung des DT64-Senders die Umschaltung einer größeren Zahl von Frequenzen von DT64 auf Rias veranlaßt". In der Verhandlung am Samstagmorgen, in der es, so Müller, um eine schnelle und reibungslose Zurückschaltung der Frequenzen ging, sei es die Leitung von DT64 gewesen, "die sich am längsten dagegen wehrte, daß diese an den Rias gegebenen Frequenzen wieder zurückgeschaltet wurden". Müller vermutet hinter dieser Situation "Manipulationsversuche in Richtung Privatisierung."[20]

Fußnoten

10.
Lektorat Rundfunkgeschichte im Funkhaus Berlin: Radio im Umbruch 1989/90, Berlin 1990, S. 463ff.
11.
Zitat Dietmar Ringel in: Süddeutsche Zeitung, 05.07.1990.
12.
Vgl. Jugendradio DT64, Chefredaktion: Protokoll über ein Gespräch mit Radio ffn am 16.3.1990, Berlin 19.03.1990, in: DRA Berlin, F006-01-00/DT64.
13.
Zitat in: Dietmar Ringel in: Süddeutsche Zeitung, 05.07.1990.
14.
Zitat Lutz Bertram in: Leipziger Volkszeitung, 25.01.1991.
15.
Protest der Belegschaft von Jugendradio DT64 gegen die von der Generalintendanz verfügte Ausschreibung der Chefredakteur-Position an ihrem Sender vom 17. August 1990, in: Lektorat Rundfunkgeschichte im Funkhaus Berlin: Radio im Umbruch 1989/90, Berlin 1990, S. 543f.
16.
Zitate Michael Schiewack in: Berliner Zeitung, 11.01.1992
17.
Zitat Wolfgang Martin in: Die Tageszeitung, 10.09.1990.
18.
Vgl. Ulrich und Wagner (Hg.), DT64 (Anm. 7).
19.
Zitat Christoph Singelnstein, Originalton Jugendradio DT64 am 7. September 1990.
20.
Freunde des Jugendradios DT64 e.V., Keine Funkstille für die Jugend. Rettet DT64!, Chemnitz und Dresden, 1991.
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Demonstration am 4. November 1989 in Berlin.
Deutschland Archiv 1/2011

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